KuKuK-Textwerkstatt 2023

 

1) Flamenco ist ...
das Zimmermädchen im Hotel
wischt Fußböden und Waschbecken,
singt mit Inbrunst und Freude:
„Deine Lippen schmecken nach Zimt.“
 
2) Flamenco ist ...
der Kellner in der Bar.
Zwischen zwei gespülten Gläsern
klatscht er mit den Händen den Compas der Buleria.
Zum Schluss zwei gestampfte Schritte.
 
3) Flamenco ist ...
die Fleischverkäuferin im Supermarkt.
Trotz vieler Kunden vor der Theke
lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen.
Schneidet Schinken, packt die Wurst ein,
singt aus vollem Halse:
„Deine Lippen auf meinen Lippen.“
 
4) Flamenco ist ...
Jung und Alt warten vor der Disco,
begehren Einlass.
Ein Wort gibt das andere.
Ein Mann baut sich auf vor einer Frau,
die rechte Hand auf dem Herzen,
die linke Hand erhoben.
Er singt sie an, beschwörend,
blickt ihr in die Augen, sie lächelt geschmeichelt.
Am Ende seines Vortrags bricht die Stimme
Vor Anstrengung.
Gelächter und Rufe der Anerkennung ringsum.
 
5) Flamenco ist ...
der Schulausflug auf der Plaza,
die Mädchen im Minirock,
die Jungen mit Baseballkappen,
die Rucksäcke fliegen auf den Boden.
Zwei Mädchen fangen an zu klatschen
den Takt der Sevillanas.
Zwei weitere stellen sich gegenüber,
zupfen das T-Shirt glatt
und beginnen zu tanzen;
trotz Turnschuhen mit einer Grazie,
als trügen sie das schönste Kleid der Welt.
 
6) Flamenco ist ...
Wenn der Sänger in der Peña sich verströmt
mit seiner Stimme, sich festsaugt an den
Augen des Gitarristen, der ihn begleitet,
ihm den Halt  und den Rahmen gibt für den Gesang.
Das Publikum lauscht andächtig,
nimmt teil an dem Geschehen,
einem Gottesdienst gleich.
Nach der Vorführung – längst ist die gebannte
Aufmerksamkeit fröhlichem Geplauder gewichen –
eine junge Frau –unscheinbar  bislang-
es bricht aus ihr heraus.
Sie schreit mehr als sie singt.
Sie schlägt mit den Händen den Takt
auf die Tischplatte, ist wie entrückt.
Der Sänger – noch eben auf der Bühne – 
tritt an ihren Tisch, antwortet ihr-
sie singt zurück – ein Dialog der Stimmen.
 
7) Flamenco ist ...
Feria in Andalusien, Fest der Farben.
In der Menschenmenge in einem der Zelte  bildet sich ein Kreis.
Rhythmisches Klatschen, eine Tänzerin in der Mitte,
sinnlich und stolz,
Armbewegungen wie Flügel.
Die Menschen im Kreis feuern sie an.
Ein Mann löst sich aus der Gruppe,
nimmt seinen Platz ein, der Frau gegenüber, 
schaut zunächst  zu Boden.
Nach den ersten sparsamen Schritten
fixiert er ihre Augen.
Sie umkreisen sich wie Raubkatzen vor dem Angriff,
geschmeidig und herausfordernd.
Die Schritte und Gesten werden heftiger.
Der Mann dreht sich blitzschnell,
tritt hinter sie, legt den Arm um ihre Schultern,
begleitet sie zum Rand
unter lautem Zurufen  der Umstehenden.
 
8) Flamenco ist ...
ein Gitano, die Haare ergraut,
setzt sich auf einen Stuhl,
nimmt seine langjährige Gefährtin,
die Gitarre,
behutsam in die Hand,
platziert sie auf seinen Knien.
Er hält Zwiesprache mit seinem Instrument,
bezaubert die Zuhörer mit wunderschönen Falsettas,
überrascht mit plötzlichen Stops
und schlägt auf die Saiten.
Nur ganz von Nahem sieht man die 
verhärteten Fingerkuppen, Folge besessenen Übens.
 
9) Immer mehr Menschen
aus dem Norden
lassen sich faszinieren vom Flamenco.
Schauen der Lehrerin auf die Füße,
die den Rhythmus vorgeben.
Der Gitarrist verlangsamt das Tempo, 
das Taconeo hallt durch den Raum.
Die Schülerinnen spüren das Feuer, 
das von der stolzen Frau ausgeht
und auch ihre Herzen erfasst.
 
10) Flamenco ...
Das heißt auch oft, sich verkaufen-
an Touristen, die an ihrer Sangria nippen.
Auf Befehl zweimal die Nacht
Dramatik und Leidenschaft zeigen-
das gelingt nicht immer,
manchmal nur mit chemischer Hilfe.
Drogen, Alkohol, Zigaretten –
oft genug die Begleiter des Flamenco.
Wenn der Flamenco nicht ausreicht,
Leid, Schmerz, Verachtung und Armut
zu lindern, entfalten die chemischen Tröster
ihre zerstörerische Kraft.  
 
11) Flamenco ist ...
Ein ausgemergelter Tänzer,
er tanzt die Farucca,
er tanzt den Tod, 
er gerät außer sich,
ein Trommelfeuer der Stiefel, 
die Arme schlingen sich 
wie Kraken um den Körper.
Das Gesicht eine Grimasse.
Nach dem Tanz sitzt er neben der Bühne,
starrt auf den Boden, hat alles gegeben.
 
12) Flamenco ist ...
Aufruhr und Labsal,
Trauer und Freude,
Angriff und Zärtlichkeit,
Sinnlichkeit und Entrücktheit-
Wen er einmal gepackt hat,
ist ihm lebenslang verfallen.