KuKuK-Textwerkstatt 2022

 

An dieser Stelle gibt es jeden Montag einen oder mehrere Textbeiträge von der schreibenden Zunft des Vereins oder von Gästen, sei es Lyrik oder Kurzgeschichte.  


16. Mai 2022: Christine Zickmann – Gedicht mit Zeichnungen - "Die diebische Elster"
aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute

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9. Mai 2022: Ingrid Wortmann-Wilk, Gedicht - "Das leere Kopfkissen"

 

Die Nachttischlampe

beleuchtet ein Bett - 

gedacht für zwei, benutzt von einem.

Das zweite Kopfkissen

beherbergt schon lange keinen Gast mehr.

 

Allein in die Decke gehüllt,

ein Buch in den Händen,

schweifen die Gedanken ab

zu den vielen Bettgenossen,

die einst das Bett belebten.

Zu den gesprächigen und den schweigsamen,

den anschmiegsamen und den spröden,

den sanften und wilden,

den nüchternen und den gefühlvollen.

 

Auch Kinder waren dabei,

die zwischen die Eltern sich drängten

mitsamt dem Schmusetier und dem Schnuller.

 

Gesprächsfetzen sind noch im Ohr.

Kichern, Lachen, Seufzen und Gemurmel,

aber auch Tränen flossen,

und eisiges Schweigen legte sich lähmend

über die Bettdecke.

 

Es gab erste Nächte, voll Begierde und Hoffnung,

 

und letzte Nächte voll Trauer und Wut.

 

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2. Mai 2022: Hilke Folkers, Gedicht - "Mit leichtem Gepäck"

 

Mit leichtem Gepäck ziehe ich meines Weges;

abgeworfen die Lasten der Vergangenheit,

abgeladen den Ballast, der mir aufgebürdet wurde

- ohne mein Wissen,

- von Menschen, die es selber nicht wussten.

 

Mit leichtem Gepäck, nur mit meinem Gepäck,

ziehe ich fröhlich meine Straße

und summe ein Lied;

ein Lied des Dankes an alle,

die mir die Augen öffneten

für die Lasten meines Lebens,

damit ich sie teilen kann,

einteilen und abladen, was nicht zu mir gehört.

 

Ich gebe alles ab,

jedem sein Päckchen.

Ich trage es nicht mehr. 

Ich ertrage es nicht mehr.

 

Ich trage Liebe im Herzen

statt Lasten auf den Schultern.

Und ich trage mich mit dem Gedanken,

neue Wege zu gehen - 

schöne und verheißungsvolle ...

 

Die bleiernen Schatten

            früherer Jahre

                        sind verweht.

Was dunkel war, ist erleuchtet.

Was schwer war, ist leicht geworden.

Was bitter war, schmeckt manchmal süß.

 

Und so gewandelt 

kann weiterwachsen,

 

was gesät war als guter Samen für mein Leben.

 

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25. April 2022: Christine Zickmann – Gedicht mit Zeichnungen - "Die Pusteblume"

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

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18. April 2022: Johannes Eucker, Zweizeiler – Unsinngedichte

 

Ist sie nicht wunderbar,

die Kuh mit Pferdehaar?

 

Wir fahren heute wieder Rad,

den Karpfen lassen wir im Bad.

 

Der Bauer schläft des Nachts im Heu,

die Kuh glaubt drum, er sei ihr treu.

 

Der Gockel sprach, das glaubst du nie,

der Kuckuck rief Kikeriki.

 

An meinem Wege fließt ein Bach,

was macht er auf dem Tonband? Krach!

 

Angelst du Fische aus der Dose,

ist dein Lebenswandel lose.

 

Der Hai in deiner Regentonne

fürchtet sich vor zu viel Sonne.

 

Das Huhn legt jeden Tag ein Ei,

den Mindestlohn gibt es ab zwei.

 

Dem Kormoran, dem Kormoran

sieht man gleich jede Sünde an.

 

Der Künstler hasst die Rezensenten,

der Fuchs frisst ungern Brot statt Enten.

 

Den Putin stützen die Orthodoxen,

die Christen sind öfter die Paradoxen. 

 

Die Täubchen turteln munter,

das Leben wird bald bunter.

 

Glaub mir, liebe Mutter,

in China macht man Reis aus Butter.

 

Das Kind geht gerne in die Schule,

der Käfer krabbelt auf der Jule.

 

Wenn ich mal die Schafe hüte,

sagt das Nilpferd, meine Güte!

 

Das Zimmer heißt auch gute Stube,

die Luft darin kommt aus der Tube.

 

Wenn du denkst, das ist das Ende,

dann war es nur die Schweinelende.

 

 

(13.4.2022)

 

 

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11. April 2022: Günter Wirtz - "Zum ersten Mal sah Mahimba das Meer"

 

Zum ersten Mal sah Mahimba das Meer, dieses endlose, tiefblaue Wasser. Ein schwacher Windhauch fächelte ihr langes, schwarzes Haar. Das Meer lag vor ihr glatt wie ein Spiegel. Von Bildern kannte sie es, kein Vergleich zur Wirklichkeit. Für einen Augenblick vergaß sie die Strapazen der letzten Wochen. Erhaben war der Anblick des Meeres. Es war das Mittelmeer.

 

Dann spürte sie die Hand ihrer Freundin, warm umfasste Malena ihre Schulter. Sie beide hatten es gewagt, gemeinsam. Die Eltern hatten ihnen Mut zugesprochen, Europa biete Chancen. Bei ihnen in Nigeria? Nie und nimmer. Mädchen vom Dorf. Die Schlächter der Boko Haram hatten erst kürzlich das Nachbardorf überfallen, die Hütten niedergebrannt, die Bewohner, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, erschlagen, die Mädchen verschleppt.

 

Ein weiter, ein endlos weiter Weg lag hinter Mahimba und Malena. Am Anfang hatten sie Glück, Beziehungen der Eltern, ja, das ist wichtig, überlebenswichtig in Afrika, zu einem Fuhrunternehmen, ein Typ mit zwei altersschwachen Lastwagen, die ständig Gefahr liefen zu verrecken. Die Summe war erträglich, und bald saßen die beiden Mädchen eingepfercht zwischen anderen Passagieren auf der Ladefläche des Lasters, der gen Norden rumpelte, bis nach Timbuktu, zwei Wochen lang. Dort saß ein Bekannter aus dem heimischen Bezirk, der nur damit beschäftigt war, die Route ans Mittelmeer zu organisieren, gegen viel Geld, gegen Dollar, keine afrikanischen Scheine, die täglich an Wert verloren. Auch dafür hatten die Eltern, die Onkel und Tanten gesorgt. Die Fahrt war beschwerlich, aber was zählte das, das Ziel Europa vor Augen.

 

Und jetzt das Meer, das endlose, tiefblaue, kalte Wasser.

 

Irgendwo drüben Italien, Spanien, die Sicherheit.

 

Langsam trat Mahimba ein paar Schritte vor, bis das Wasser ihre Füße umspielte. Ein schönes Gefühl, doch irgendwie auch beunruhigend. Um nach Europa zu gelangen, musste dieses riesige Meer überquert werden. Natürlich würde sie sich nicht abhalten lassen. Trotzdem dieses ungute Gefühl.

 

Plötzlich strömten wie aus dem Nichts von allen Seiten ihr völlig fremde Menschen entgegen. Auch Malena erschrak. Was sollte das? Dann sahen sie warum. Vor ihnen tauchte ein Boot auf, das genau auf die beiden Mädchen zuhielt. Sie waren zu überrascht, um schnell das Boot zu besteigen, so dass sie beinahe umgerempelt wurden von den Menschen, die sich an ihnen vorbei auf das schwimmende Ungetüm stürzten. Als die beiden endlich begriffen, dass es ihre letzte Chance war, Europa zu erreichen, rannten sie ebenfalls hin und konnten soeben noch die letzten Plätze ergattern, bevor die Seeleute die heranströmende Menge erbarmungslos zurückdrängte. Der kräftigste der ruppigen Seeleute drückte einem Flüchtling das Steuerruder in die Hand, zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die Weite des Meeres und trat zurück an Land. Sofort legte das Boot ab, ein riesiges Schlauchboot, auf dem sich, so zählte Mahimba, an die 200 Flüchtlinge drängten.

 

Ganz hinten, neben dem knatternden Motor, hockten die beiden Mädchen, hielten sich fest umarmt und versuchten dem eisigen Fahrtwind zu trotzen. Der Bug des Bootes hob sich über den Wellen. Plötzlich fühlte Mahimba ihre Füße frösteln. Sie schaute hinunter, ihre Füße standen im Wasser, waren nass. Langsam, aber unaufhörlich stieg der Wasserspiegel, die Knöchel wurden nass, die Knie. Das Boot hatte ein Leck.

 

Auf dem Mittelmeer ist es zu einer weiteren Katastrophe gekommen. Ein völlig überfülltes Schlauchboot ist kurz vor Lampedusa gesunken. Obwohl ein italienisches Patrouillenboot rasch zur Stelle war, konnten nur wenige Menschen gerettet werden. Überlebende berichten von weit über 100 Toten.

 

 

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4. April 2022: Ingrid Wortmann-Wilk, Gedicht - "Das Buch sinkt langsam zur Seite"

 

Das Buch sinkt langsam zur Seite,

Die Hand tastet sich schläfrig zur Lampe

und löscht das Licht.

 

Die Nacht vergeht, ohne eine Hand,

die vom Schnarchen abhalten will,

nicht gestört von leisen Schritten,

die sich nach draußen schleichen.

 

Beim Morgengrauen tastet die Hand

zum anderen Bett ins Leere,

keine Atemzüge eines vertrauten Menschen.

 

Die Vorhaben des nächsten Tages 

gehen durch den Kopf.

Niemand, dem man sagen müsste: 

„Es wird Heute später."

Niemand, dem man fragen könnte: 

,,Was hältst Du davon?"

 

 

 

Beim Anziehen, auf dem Bettrand sitzend,

kein liebender Blick von der anderen Bettseite,

kein Kuss auf die Schulter.

 

Die erste Tasse Kaffee.

Das Klingeln des Telefons.

Eine Stimme vom anderen Ende der Welt.

Ein kleiner Trost, wohl wissend,

dass in der nächsten Nacht das zweite

 

Kopfkissen wieder leer bleibt.

 

 

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28. März 2022: Horst Wolcke, Gedicht - "Bebrillt"

 

Dieses Gedicht wurde durch ein Bild aus dem Wildunger Altar (1403!) von Conrad von Soest inspiriert.

 

 

 

Ein weiser Mann in späten Jahren

Grauweiß im Bart und in den Haaren

mit Fingern wie aus Porzellan

fasst er zwei Lesegläser an

des Schreibens kundig in Latein

blickt er durch´s Glas ins Buch hinein

um so genüsslich auszuwählen

in Seiten , die gar viel erzählen

von edlen Rittern ohne Tadel

von Mägden , Knechten , hohem Adel

und rückt als Lesender zu Leibe

dem Freigeist und dem schönen Weibe .

 

Für heute und für damals gilt

im Alter liest man gut bebrillt

 

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21. März 2022: Hilke Folkers, Gedicht - "Deprem* - Erdbeben"

 

für Saadet - meine kurdische Freundin

 

Manchmal ist das Schwere zu schwer,

manchmal fasst unsere Seele nicht die Qual,

manchmal läuft das Trauergefäß über.

 

Das Leben kehrt uns den Rücken,

etwas fällt wie ein schwerer Stein,

in den Brunnen des Todes,

und unsere Fragen hallen wieder wie ein stummer Schrei.

 

Dann versickert die Freude in den Tiefen der Erde,

dann ballt die Kraft Fäuste gegen uns,

dann flattert der Mut wie ein verletzter Vogel.

 

Wer trocknet dann unsere ungeweinten Tränen ?

Wer gibt uns neuen Aufwind zum Fliegen ?

Wer reicht uns die Hand, um dann wieder aufzustehen ?

 

* Im Frühling 2003 zerstörte ein Erdbeben Teile der Stadt Bingöl (Ost-Türkei), Saadets Heimatstadt. Aber das türkische Militär zerstörte damals noch mehr: den Glauben an die Menschlichkeit. Statt zu helfen, schikanierten sie die herbeigeeilten kurdischen Helfer und verhafteten sie - denn Kurden unterliegen stets dem Generalverdacht des Separatismus“.

 

 

Hilke Folkers, Laufdorf im März 2004

 

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14. März 2022: Johannes Eucker
AUFLÖSEN UND ZERSCHLAGEN
ZERSCHLAGEN UND AUFLÖSEN

Einen schönen Abend

im Wegehen

mit wenigen Worten

auflösen.

 

Einen tobenden Streit

mittendrin

mit wenigen Gesten

zerschlagen.

 

Einen schönen Abend 

im Weggehen

mit wenigen Worten

zerschlagen.

 

Einen tobenden Streit

mittendrin

mit wenigen Gesten 

auflösen.

 

 

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7. März 2022: Christine Zickmann – Gedicht - "Wenn Tulpen sich gleich Hasenohren"

 

Wenn Tulpen sich gleich Hasenohren

durch feuchte Gartenerde bohren

und wenn Narzissen

vom Rasen grüßen,

wenn sich mit Graupel im Gefieder

der Frühling stürzt auf uns hernieder,

so wie der Habicht auf die Maus,

 

dann stellt die Gartenmöbel raus.

 

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21. Februar 2022: Johannes Eucker - Zauber der Erinnerung: "Die Blauen, Posaunenchor und CVJM" und "Samba-Menscher"

 

Die Blauen, Posaunenchor und CVJM

Das religiöse Leben in diesem abgeschieden gelegenen Dorf war dominiert von der Evangelischen Kirche. Bevor nicht die ersten Ausgebombten und Flüchtlinge ins Dorf  kamen, gab es keinen einzigen Katholiken. Allerdings so ganz monolithisch war die Gemeinde doch nicht, denn es gab eine kleine evangelische Gemeinschaft, „die Blauen„ genannt. Diese trafen sich in einer Privatwohnung und nicht in der Kirche. Es fiel mir auf, dass diese Gruppe nicht mit Wohlwollen betrachtet wurde. Über ihre einzelnen Mitglieder konnte man aber nichts Negatives sagen. Sie waren alles fleißige und freundliche Leute.

 

Ihr negatives Image rührte daher, dass sie nicht in die Kirche gingen, obwohl sie doch evangelisch waren. Das wurde ihnen als Überheblichkeit angelastet, als ob sie etwas Besseres sein wollten.

 

Ich kannte Kinder aus den Familien. Denen war aber in der Schule nichts Besonderes anzumerken.

 

Mein Kontakt wurde enger, als ich sie als Jugendliche im CVJM wieder traf, wo sie sich als besonders zuverlässige Vereinsmitglieder erwiesen und aktiv die Gestaltung der Treffen gestalteten. Mit ihnen zusammen und unter ihrer besonderen Förderung und nicht unter der des Pfarrers oder Kirchenvorstandes beschloss der CVJM Oberrosphe in den 50er Jahren die Gründung eines Posaunenchores. Als Chorleiter kam ein Diakon des Kirchenkreises zu uns ins Dorf gefahren, einmal die Woche. Er half uns beim Besorgen der ersten Instrumente und Noten und unterrichtete uns. Voller Eifer trafen wir uns reihum in den Wohnungen der Teilnehmer. Die Töne, die wir anfangs den Instrumenten entlockten, jammerten jedoch einen Hund und wir zogen deshalb sonntags in den nahen Wald, um niemanden zu belästigen und ungestört üben zu können. Das war im Frühjahr. Im Sommer hatte der Posaunenchor seinen ersten öffentlichen Auftritt bei einem „Missionsfest“.

 

In diesem Chor waren die so genannten Blauen stark vertreten, sie stellten später den Chorleiter und einer von ihnen spielte in der Kirche die Orgel. Die ursprünglich eher unfreundliche Einstellung der amtskirchlichen Evangelischen zu den freikirchlich Evangelischen hatte sich entspannt.

 

Die katholischen Neubürger des Dorfes fielen zunächst nicht auf, als aber bald nach Kriegsende ein Kind starb und katholisch beerdigt wurde, erregte die Häufigkeit der Farbe Weiß bei der Beerdigung Unverständnis.

 

Alles Abweichende wurde als unschön und unpassend angesehen und zugleich unter moralischen Verdacht gestellt und das ohne Unterschiede im religiösen oder profanen Bereich. Diese bornierte Haltung traf später auch die so genannten „Sambamenscher“, junge Mädchen, deren Schlagersingerei manchen Dörflern auch schon den nahenden Weltuntergang anzeigte.

 

Samba-Menscher

 

Ihre Namen waren allen bekannt. Es kannte ohnehin jeder jeden im Dorf, aber diese vier Mädchen waren eine auffallende Erscheinung. Sie gehörten zu einem schwachen Jahrgang in der Schule. Die Mädchen traten oft gemeinsam in Erscheinung. Am auffallendsten sonntags. Dann zogen sie eingehakt durchs Dorf, oft singend. Wie sie zu dem Namen Sambamenscher gekommen sind, ist nicht so ganz klar. Der Name Samba wurde aber nicht vom südamerikanischen Tanz übernommen, sondern von der Eismarke, Samba, Eis am Stiel. Ein Eismann kam mit Fahrrad auf die Dörfer gefahren und verkaufte aus dem Behälter den er auf dem Frontgepäckträger stehen hatte, Eis am Stiel. Für meine finanziellen Verhältnisse als Kind bzw. Jugendlicher war das Eis zu teuer. Die Sambamenscher aber, obwohl auch aus relativ armen Familien stammend, leisteten sich diesen Luxus schon mal. Woher sie ihren Elan und ihre stets gute Laune speisten, weiß ich nicht, sie waren mir aber, als ich so 13 bis 14 Jahre alt war, einen zweiten Blick wert, denn ich fand sie alle mehr oder weniger attraktiv. Sie waren ein Jahr jünger als ich. Den Erwachsenen waren sie aber wohl nicht so ganz geheuer, denn der Ton, in dem von ihnen geredet wurde, klang für meine Ohren nicht freundlich. Ihr Verhalten wurde wohl als eine Art Jugendprotest empfunden, vielleicht nicht zu Unrecht. Sie fielen auch durch ihre Kleidung auf. Ein Mädchen bzw. eine Jugendliche fand es chic, sich ganz in Schwarz zu kleiden. Schwarz aber trugen bis dahin auf dem Dorf nur Trauernde oder alte Frauen. Schwarz aus einem anderen Grund zu tragen, diese Mode wich von der Norm ab und schon hatten die Leute Grund genug sich das Maul darüber zu zerreißen. Sie verurteilten aber nicht nur die ästhetische Abweichung, sondern verbanden damit zugleich eine moralische Abwertung. Wer sich so anzieht, mit dem oder mit  der kann nicht viel los sein. Wer weiß, was die sonst noch alles machen. Dieses Mädchen hat aber im Unterschied zu anderen, die sich nicht auffallend anzogen, der Dorföffentlichkeit nicht den Gefallen getan, ein uneheliches Kind zu bekommen oder wenigstens doch heiraten zu müssen, weil sie wider Willen schwanger wurde.

 

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14. Februar 2022: Hartmut Dörr - "Februar"

 

Nun gut,

gut, beschließ', den Narrenhut zu tragen.

Das ist der Preis, dem großen Rausch zu zollen,

Der nach der guten Tradition die tollen

Von deinen Tagen macht. Wer dürft es wagen,

Den fälligen Respekt dir zu versagen.

Los, dich in geilen Zoten wälzen, vollen

Genuss des Treibens in verruchten Rollen

Willst du, wer anders sein, in diesen Tagen.

Den andern triffst du, wenn du angekommen,

Ganzen unten, morgens, in den feuchten Gossen.

Im Rausch behaust, hat er dich aufgenommen,

Du liegst in euerm Kot, urinumflossen.

Wie er dich küssen will, ahnst du verschwommen

 

Die ganze Wahrheit über Narrenpossen.

 

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7. Februar 2022: Christine Zickmann – Gedichte - "Der Spat Augustin" mit Zeichnung

 

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

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24. Januar 2022: Hartmut Dörr - "Januar"

 

Das Jahr hat sich zum neuen Kreis erhoben

Und rüstet seine Bahn in stummer Kälte.

Der Himmel steht im grauen Stahl, als gälte

Dem Neubeginn besond'rer Schutz von oben.

Wie aus dem morgenmüden Blick geschoben,

Zieht aller Rauch der Stadt ins Dunstverstellte

Hinweg und wird, wo er sich schon erhellte,

Dem unbekannten Horizont verwoben.

Von dort dringt jener Schmerz in unser Hoffen,

Der uns noch Atem lässt, doch jedes Denken

Mit einem Kranz von Angst umspannt. Betroffen

Hat schon das Zählende die Blicke senken

Und schweigen müssen. Nichts ist irgend offen,

Als wär' noch selbst dem Gott kein Schritt zu lenken.

 

 

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17. Januar 2022: Barbara Yeo-Emde - "Die Demokratie in den USA steht auf der Kippe"

 

Ich bin Demokratin, obwohl meine Eltern immer Republikaner gewählt hatten. Meistens habe ich nur die Demokraten gewählt, aber für einen Republikaner gestimmt, wenn ich von ihm überzeugt war. (Beispiel: Charlie Baker, Governor von Massachusetts in November 2020 – ein sehr guter Mann)

 

Schon seit Jahrzehnten hat sich die Spaltung in den USA weiterentwickelt. Für viele weiße Republikaner war die Obama-Wahl Vorbote, dass sie immer mehr zur Minderheit werden und sie dadurch ihrer Macht nicht sicher sind.

 

Dass Donald Trump die Wahl in 2016 dennoch gewann, lag zum Teil daran, dass nicht genügend Demokraten zur Wahl gingen, weil sie Hillary Clinton ablehnten. Die vier Jahre unter Trump haben die Krise extrem verschärft. Rassismus, Verachtung für Frauen, unverblümtes Lügen, noch mehr Gewalt und Schießereien waren und sind noch an der Tagesordnung. Der Gipfel war der Aufstand am 6. Januar 2021. Inzwischen behaupten die meisten Republikaner, dass es nicht so schlimm war. Als jemand, die dieses Ereignis live mitangeschaut hat, war ich so schockiert, dass ich kaum noch glauben kann, dass es tatsächlich passiert ist, so furchtbar und erschütternd war es.

 

Seitdem Präsident Biden im Amt ist, hat seine Administration so viele Krisen zu bewältigen, darunter der Versuch der Republikanischen Partei, das Wählen so beschwerlich bis unmöglich zu machen, wie es nur geht. Obwohl sogar mehrere republikanische Wahlvorstände das Wahlergebnis 2020 als akkurat und ordnungsgemäß bestätigten, wird von unzähligen Republikanern weiterhin behauptet, dass die Wahl „gestohlen“ wurde, dass Präsident Biden nicht der berechtigte Präsident sei. In demokratischen Kreisen wird dies „the big lie“ (die große Lüge) genannt.

 

Diese Strategie des Abbaus der Wahlrechte soll dazu dienen, dass die Republikaner bei den Wahlen im November dieses Jahres in jedem Fall gewinnen können. Präsidentschaftswahlen sind alle 4 Jahre. Alle 2 Jahre wird das ganze House of Representatives (Abgeordnetenhaus) und 1/3 des Senats neu gewählt. Wenn die Republikaner die Mehrheit in einem oder beiden Häuser bekommen, dann wird die Biden-Administration null Chancen haben, ihre Gesetzesvorhaben durchzubringen.

 

Zurzeit haben die Demokraten eine Mehrheit von 9 Personen im Abgeordnetenhaus. Im Senat haben beide Parteien 50 Personen. Falls ein Gesetz mit einer einfachen Mehrheit abgestimmt werden darf, muss, damit die Demokraten die Abstimmung gewinnen können, die Vize-Präsidentin Kamala Harris in ihrer Funktion als Präsidentin des Senats, mit Ihrer Stimme dafür sorgen.

 

Seit Monaten versuchen die demokratischen Senatoren zwei Gesetze zur Verstärkung der Wahlrechte zur Abstimmung zu bringen, den „Freedom to Vote Act“ (Wahlrechtschutzgesetz) und den „John Lewis Voting Rights Advancement Act“, ein Gesetz, um die Wahlen gerechter zu machen, genannt nach dem berühmten Bürgerrechtler. Im Abgeordnetenhaus wurden diese schon abgestimmt und müssen im Senat, dem 100 Senatoren angehören, bestätigt werden. Alle 50 republikanische Senatoren lehnen diese Gesetzentwürfe ab. 

 

Es gibt unglaublich viele Regeln und Verordnungen, wie sowohl im Senat wie im Haus gehandelt werden darf. Aber genau so oft kann man diese Regeln umgehen, wenn genügend Senatoren damit einverstanden sind. Eines der meistbenutzten Verfahrensweise ist der sogenannte „Filibuster“, eine Verzögerungstaktik. Hier geht es darum, die Abstimmung über ein Gesetz zu verhindern, indem diese so lange verzögert wurde, bis eine Abstimmung bei einer Sitzung nicht mehr möglich war. Früher musste ein Senator solange reden, bis er die anderen überzeugen konnte oder wenn er nicht mehr weiterkonnte. Heutzutage muss man gar nicht anwesend sein und kann einfach seine Ablehnung kundgeben. Danach wird abgestimmt. Bei Ablehnung muss eine neue, geänderte Gesetzesvorlage eingebracht werden. Das bedeutete, dass in den letzten Jahren über viele Gesetzesentwürfe weder debattiert noch abgestimmt wurde und Vorhaben nicht so durchgeführt werden konnten.

 

Für die „Voting Rights Acts, die momentan vorgeschlagen werden, möchten die meisten Demokraten dieses Filibuster nicht erlauben und die Gesetzesvorlagen mit einfacher Mehrheit abstimmen lassen. Weil es 50 Demokraten gibt, würde man denken, dass das sehr gut klappen würde. Aber es gibt zwei demokratische Senatoren, welche die Filibuster-Regel nicht ändern wollen aber nicht genau sagen, warum. Letztes Jahr wurde diese Regel öfter für bestimmte Gesetze abgeschafft und alle beiden haben ohne Probleme mitgemacht. Letzte Woche hatte der Mehrheitsführer Senator Schumer mit der Unterstützung Präsident Bidens mit einer selten benutzten parlamentarischen Regel eine Debatte forciert. Leider waren die beiden unwilligen Demokraten nicht umzustimmen aber sie wurden gezwungen, sich öffentlich darüber zu äußern. Es ist mit großem Risiko verbunden, weil befürchtet wird, dass die beiden Senatoren die Partei wechseln könnten.

 

Wie dem auch sei, wäre es für die amerikanische Demokratie absolut fatal, wenn diese Gesetze nicht bald in Kraft treten können. Insbesondere seit der Wahl in 2020 wird überall in den Staaten, die eine republikanischer Regierung haben, versucht, die Wahlbedingungen immer schwieriger zu gestalten. Im Moment gibt es über 400 solche Gesetzesvorlagen über die ganze USA verteilt, die von Republikanern bald durchgewunken werden sollen. Es handelt sich um verschiedene Methoden zur Wahldurchführung, wie zum Beispiel:

1) eine starke Reduzierung der Zeiten, wann man wählen darf.

2) ein drastischer Abbau sogenannten „Drop Boxes“ (Einwurfkasten für Briefwahl)

3) immer weniger Briefwahlmöglichkeiten – es wird behauptet, dass es zu viele Manipulationen gäbe - eine Behauptung, die komplett von Wahlverantwortlichen beider Parteien dementiert wurde.

4) Weniger Zeit, um sich registrieren zu lassen, insbesondere für Leute, die tagsüber in der Woche arbeiten.

5) In den USA fungiert der Führerschein als Personalausweis. Es wird in manchen Staaten auf eine extra ID-Karte beharrt, was für vielen arme Menschen zu teuer wäre. Außerdem haben nicht alle Wahlberechtigten einen Führerschein.

6) Die Anzahl an Wahllokalen werden noch stärker reduziert, so dass manche Leute nicht nur weit gehen, sondern auch teilweise stundenlang warten müssen.

7) Alle 10 Jahre werden die Wahlbezirke in den einzelnen Staaten neu aufgeteilt. Die Partei, die die Mehrheit in einem Staat hat, darf die Bezirke bestimmen. Sehr oft werden die Bezirke so zurechtgeschnitten, dass es so gut wie unmöglich ist, dass ihre Partei aufgrund des in den USA bestehenden Mehrheitswahlrechts verlieren kann. Dieses Verfahren heißt Gerrymandering und wurde in der Vergangenheit nicht nur von Republikanern verwendet. Meiner Meinung nach sollte es illegal sein, egal welche Partei die Mehrheit hat. 

8) Es wird bei Strafe verboten, Menschen, die stundenlang warten, wählen zu können, etwas zum Essen oder Trinken zu besorgen.

 

Fast ununterbrochen frage ich mich, was aus der Republikanischen Partei geworden ist. Sie ist auf keinen Fall die gleiche, die mein Vater bis kurz vor seinem Tod unterstützte. Diese Politiker sind zu allem fähig, um an der Macht zu bleiben. Sie haben keinen Anstand und kein Schamgefühl mehr, geschweige dann Rückgrat.

 

Seit eh und je werden zwei Monate nach einer Präsidentschaftswahl die Wahlergebnisse der einzelnen Staaten in einer Zeremonie in Washington D.C. gezählt. Der Angriff auf das Kapitol am 6.1.21 war geplant, um dies zu verhindern. Nicht nur wollten viele Republikaner im Kongress die rechtmäßige Wahl nicht anerkennen, sie scheinen sogar die Angreifer zumindest angefeuert zu haben. Zusätzlich gab es Versuche in mehreren Staaten, gefälschte Wahlunterlagen abzugeben. Zudem wird sehr stark vermutet, dass die Wahlfälschungen vom inneren Kreis der damaligen Trump-Administration im Weißen Hauses geplant waren.

 

Seit Monaten läuft eine Untersuchung im Repräsentantenhaus über den versuchten Staatsstreich am 6.1.21.Nur zwei Republikaner waren bereit, im Komitee mitzuarbeiten. Inzwischen werden diese Beiden von ihrer Partei geächtet. Bald sollen die Anhörungen live übertragen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Weiße Haus unter Trump am 6.1. involviert war, ist ziemlich groß. 

 

Mein Heimatland steckt in einer Krise, wie ich sie noch nie erlebt habe. Die Taktiken der Republikanischen Partei erinnern zu sehr an die der Nazizeit. Auch Ähnlichkeiten zwischen Hitler und Trump sind sehr stark. Ich kann einfach nicht kapieren, wie man diesem bösen, streitsüchtigen, gierigen, menschenverachtenden, barbarischen Egoist glauben oder ihn unterstützen kann. Ich habe riesige Angst um die Zukunft der USA.

 

Nach Heinrich Heine: Denk ich an die USA in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht, Ich kann nicht mehr die Augen schließen, Und meine heißen Tränen fließen.

 

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