KuKuK-Textwerkstatt 2021

 



6. Dezember 2021: Johannes Eucker - Zauber der Erinnerung: Flüchtlinge, Vertriebene, Ausgebombte und Evakuierte

 

Kaum waren die Amis als Besatzungsmacht aus dem Dorf verschwunden, gab es Grund zu erneuter Beunruhigung. Die ersten Flüchtlinge trafen ein. Ich erlebte, dass plötzlich die große Essküche im Bauernhaus bei meinem Onkel auf dem Hof voller fremder Leute war, die dort zu essen bekamen. Sie waren von irgendwoher angekommen, schien mir und wussten noch nicht, wo sie unterkommen sollten. 

 

Als ich mit andern Kindern auf den Hof vor der Gastwirtschaft lief, weil die Menschen dort abgesetzt worden waren, traf ich auf viele schwarz gekleidete Menschen, vor allem Frauen in einer dunklen Tracht, die von der unsrigen so gänzlich verschieden war. Auf dem Hof standen eine Menge Kisten, Truhen und Körbe und andere Gepäckstücke herum, auch manche kleinen Möbel.

Die Flüchtlinge kamen in mehreren Schüben und füllten bald die unbenutzten Zimmer in den Bauernhäusern, sofern diese noch nicht von Ausgebombten und rechtzeitig Evakuierten besetzt waren. An zwei Flüchtlingsschübe kann ich mich erinnern, einmal an eine Gruppe aus dem heutigen Tschechien, aus Teplitz Schönau und Karlsbad und an eine andere Gruppe, die als Ungarndeutsche bezeichnet wurden.

 

In unserem Haus wurde von der Gemeinde das Zimmer beschlagnahmt, in dem ich schlief. Es war ein Durchgangszimmer und ich musste in das dahinter liegende Zimmer umziehen. Vorne wurde ein junges Ehepaar einquartiert. Sie bekamen von uns Tisch und zwei Stühle und ein Bett. Selbst besaßen sie nichts. Andere Flüchtlinge brachten einige wenige Dinge mit. Er hatte ein steifes Bein aufgrund einer Kriegsverletzung. 

 

Die Bevölkerung verteilte ihre Gunst sehr ungleich auf die beiden Gruppen. 

Dafür gab es nahe liegende Gründe. Die Ungarndeutschen waren Bauern, die Deutschen aus dem heutigen Tschechien waren Städter. Diese unterschiedliche Herkunft reaktivierte bei den Einheimischen Vorurteile, die aber durch das Verhalten der Flüchtlinge verstärkt wurden. Die Ungarndeutschen boten sofort ihre Arbeitskraft an und konnten natürlich auf den Bauernhöfen auch ad hoc nutzbringend angestellt werden, weil sie ja diese Arbeit zu Hause ausgeübt hatten und aus dem Effeff kannten. Sie galten deshalb als fleißig, was sie in der Beliebtheitsskala an die Spitze aller Neuen hob. Die Städter dagegen wussten nicht so recht, was sie hätten tun können, verstanden es nicht sich überzeugend einzubringen und galten deshalb eher als Faulenzer. Diese Urteile und Vorurteile bezogen sich zunächst überwiegend auf Frauen, denn die Männer der Flüchtlingsfamilien waren zum großen Teil noch in Gefangenschaft oder im Krieg geblieben. Wie sollte aber eine ungeübte Städterin mit der Mistgabel erfolgreich hantieren, wenn sie so ein Ding noch nie in der Hand gehabt hatte? 

 

Trotzdem gelang es einigen Familien sowohl der Ausgebombten als auch der Flüchtlinge sich besonders vorteilhaft zu profilieren. Eine dieser Familien war in Kassel ausgebombt worden. Es handelte sich um ein älteres Ehepaar, das bei meinem Onkel in der ersten Etage eingezogen war. In das Zimmer neben ihnen zog dann ein Vertriebenen - Ehepaar aus Teplitz Schönau, ein asthmatischer oder in anderer Weise lungenkranker Mann mit einer jüngeren Frau und einem Adoptivtöchterchen, das ein Jahr jünger war als ich. 

 

Die Kasseler waren bald sehr beliebt, denn der Mann hatte in Kassel am Theater als Theaterschneider gearbeitet und konnte seine Fähigkeiten nun günstig einsetzen um aus Alt Neu zu machen. 

 

Zwei verwandte Familien aus dem Erzgebirge fielen durch ihre Frömmigkeit auf, weil sie so bald als möglich jeden Sonntag gemeinsam die fünf Kilometer bis zum nächsten katholischen Gottesdienst in Wetter marschierten. Außerdem fanden die beiden Familienväter ganz schnell Arbeit in einer Eisengießerei in Goßfelden. Eine ungesunde Arbeit wartete dort auf sie. Die sieben bis acht Kilometer Weg zur Arbeitsstelle legten sie in aller Herrgottsfrühe oder abends, je nach Schichteinteilung, zu Fuß zurück.

 

 

Die Gemeinde stellte kleine Ackerflächen in Dorfnähe als Kleingärten zur Verfügung und auch hier zeigte sich bald der unterschiedliche Erfolg der Flüchtlinge und der Ausgebombten, je nach vorher ausgeübter Tätigkeit. Während bei den „Städtern“ schon die ungeschickte Handhabung der Gartengeräte den vorüberkommenden Einheimischen auffiel und ihnen die seltene Gelegenheit vermittelte sich überlegen zu fühlen, bemerkte man  bei den Flüchtlingen bzw. Vertriebenen, die selbst vom Dorf kamen, bald ihren Erfolg beim Gärtnern und wusste ihr Geschick als landwirtschaftliche Tagelöhner zu schätzen.

 

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29. November 2021: Hartmut Dörr - Gedicht "Regen"

 

Draußen spielt ein frecher Regen

Mit der müden Stadt Verstecken,

Pfützen spiegeln, was sich tut.

An die Scheiben klopfend, necken

Tropfen den, der ihretwegen

Drinnen blieb und drinnen ruht.

Würd' ich in den Regen gehen,

Zöge ich von meinen vielen

Regenkleidern keines an.

Bloß, mit jenen Tropfen spielen

Würd' ich, mich im Kreise drehen,

Nackend tanzen, singen dann.

 

Später, wenn die Sonnenstrahlen

Wieder blau vom Himmel scheinen,

Geh’ich durch die rege Stadt,

Wohlgeborgen, ganz in meinen

Regenkleidern, und die schalen

Menschenblicke tropfen matt

Wie der Regen von der Glätte

Meiner Regenkleider, hätte

Sie der Regen je berührt.

 

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22. November 2021: Christine Zickmann – Gedicht - "Der Man im Mond" mit Zeichnung

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

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15. November 2021: Johannes Eucker - "Tell"

 

Tell war ein merkwürdiger Hund. Sein Vater war der weiße Schäferhund meines Urgroßvaters. Der Schofepedder war der Schäfer des Dorfes, Tell  hatte sich als Hütehund bewährt. Zugleich aber war er umgänglich und zutraulich gegenüber Menschen. Davon hatte Tell nichts geerbt. Als Wachhund zeigte er sich aufmerksam, im Umgang mit Menschen aber problematisch. Obwohl ich ihn von klein auf jeden Tag sah und mit ihm spielte, flößte er mir Angst ein, als er ausgewachsen war. Sobald er an die Kette gelegt war, veränderte er sein Wesen. Wenn ich mich ihm näherte, kam er schwanzwedelnd auf mich zu bis sich die Kette spannte. Dann blieb er mit gesenktem Kopf stehen. Streichelte man ihn dann am Kopf, so dauerte es nicht  lange und er schnappte nach der Hand. Nur weil ich damit rechnete, erwischte er mich dann nicht. 

 

Der Tell war, je älter er wurde, umso mürrischer. Bald traute ich mich nicht mehr ihn zu streicheln. Mein Vater warnte mich auch davor. Wie groß war mein Schrecken, als ich eines Tages meine kleine Schwester, sie mag drei Jahre alt gewesen sein, ich also sechs, in Tells Hundehütte schlafend fand. Als ich mich der Hütte näherte, wurde ich gleich von Tell bellend zurückgewiesen. Meine kleine Schwester wehrlos in der Macht dieses bösartigen Hundes! Ich holte meinen Onkel, den Besitzer des Hundes. Der schaute auch bedenklich drein und meinte es sei wohl nicht günstig von vorne an die Hütte heranzugehen.  Nun war diese Hütte eine besondere Konstruktion, sie war nämlich mit ihrem hinteren Teil als Bretterverschlag in einen Maschinenschuppen hinein gebaut. Wenn man sich ihr also von hinten näherte, sah es der Hund vorne nicht. Meine umsichtige Cousine reichte nun dem Hund vorne draußen vor der Hütte etwas zu fressen und lenkte ihn damit ab. Der Onkel löste inzwischen von hinten im Gebäude ein Brett aus der Rückwand der Hundehütte, so dass er meine schlafende Schwester herausnehmen konnte. Diese hatte von allem nichts bemerkt.

 

Trotz solcher Erlebnisse mit Tell nahm ich ihn eines Tages zusammen mit einem Freund, zu einem Sparziergang auf den damaligen Sportplatz mit. Schon auf dem Weg dorthin warfen wir mit Steinen und Tell versuchte sie zu finden. Apportieren hatte er nicht gelernt. Er kam aber gleich wieder mit großem Tempo auf uns zu gerannt und machte sofort kehrt, wenn wir einen neuen Stein warfen. Dieses Spiel ging so lange gut, bis wir auf dem Sportplatz ankamen. Dort fanden wir nicht genügend Steine, um den heranbrausenden Tell wieder zur Umkehr zu veranlassen. Das Spiel war hektisch geworden und ich ahnte, dass Tell aggressiv war, wenn er auf uns zu raste. Als mein Freund Willi nun ohne Stein dastand, sprang ihn Tell mit voller Wucht an, biss ihn in die Schulter und warf ihn um. Ich schrie den Hund an und er ließ von seinem Opfer ab. Wir rasten dann so schnell wir konnten vom Sportplatz in den Wald, der den Sportplatz säumte und es gelang uns auf eine Kiefer zu klettern, die bis unten hin Äste angesetzt hatte und sie zu besteigen. Irgendwie schafften wir es rechtzeitig so viel an Höhe zu gewinnen, dass der wütend bellende Hund am Stamm hochspringend uns nicht mehr  erreichen konnte. Oder war er gar nicht wütend?

 

Da saßen wir nun auf dem Baum. Tell hatte sich unten neben den Stamm gelegt. Bewachte er uns oder wartete er, um seinen Angriff fortzusetzen oder wollte er nur weiter spielen? Wir fürchteten ihn und blieben im Baum hocken. Bald dauerte es uns zu lange, denn der Abend nahte. Willi hatte ein Taschenmesser dabei und schnitt von der Kiefer, in der wir saßen, Aststücke ab, um damit nach Tell zu werfen, in der Hoffnung ihn zu vertreiben. Dieser verstand das wohl eher als eine Neueröffnung des Wirf- und - Suchspiels, als dass er sich hätte vertreiben lassen. Sobald wir versuchten den Stamm hinunter zu steigen, sprang er von unten am Stamm hoch. Wir hatten keine andere Wahl als einfach zu warten, bis er sich  nach Hause trollen würde, weil er Hunger hatte oder so. Tatsächlich verzog sich Tell und nach einer uns angemessen erscheinenden Frist stiegen wir vom Baum ab. Nun tat Willi doch seine Bisswunde weh. Wir besannen uns darauf, dass im evangelischen Gemeindehaus ja noch eine alte Diakonisse wohnte, die auch für Krankenpflege zuständig war. Diese suchten wir zu später Stunde auf. Sie beschaute sich Willis Schulter, wo ein Hundezahn ein kleines rundes Loch hinterlassen hatte. Unsere - wahre - Geschichte nahm sie kommentarlos hin. Sie erinnerte sich bestimmt an unseren letzten Besuch, bei dem ich ein Loch im Kopf hatte, das durch einen unglücklichen Steinwurf entstanden war. Willi hatte einen Stein nach Maikäfern geworfen, die in einer  Buche saßen. Der Stein war aber durch die Buche hindurch gesaust und unglücklich auf meiner Stirn gelandet. Dort erzeugte er eine Beule in Maikäfergröße, die zudem leicht blutete. Damals hatten wir eine Geschichte erfunden, denn Willi wollte nicht gern als Verursacher dastehen. Die kluge alte Frau glaubte es offensichtlich nicht, half uns aber wortlos.

 

Die Diakonisse verarztete mich damals wie jetzt den Willi, indem sie ein Pflaster aufklebte und meinte, wir müssten doch eigentlich längst zu Hause sein.

 

Rückblickend bin ich selbst darüber erstaunt, welche Freiheiten wir als Kinder hatten uns um die Häuser und aus dem Dorf hinaus zu bewegen und wie wenig wir beaufsichtigt waren. Es gab keinen motorisierten Verkehr auf den Dorfstraßen und kaum Maschinen auf den Gehöften, kaum Gefahrenquellen dieser Art. Und wenn man das sonnige Gemüt meiner kleinen Schwester hatte, merkte man auch andere Gefahren nicht. 

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1. November 2021: Hartmut Dörr - Gedicht "November"

 

Gehüllt in seine weiten Nebelbahnen,

Schreitet durchs Land der bleiche Herr der Stille.

Sein Schritt ist würdeschwer, und was sein Wille,

Verraten all die starren Wetterfahnen.

Die stummen Krähen lassen Manches ahnen.

Die Bäume, ihren Rest von alter Fülle,

Den streift er nur mit seiner kühlen Hülle.

Und fällt ein Blatt, so ist es wie ein Mahnen.

Es ist nicht Menschentod, was er verbreitet.

Er kommt als Freund, er lässt uns innehalten.

Als ob jedoch sein Gang uns Angst bereitet,

Sucht unser Lebenssinn sich die Gewalten,

Von deren hellem Spotte laut begleitet,
Sich alle Mühen eine Welt gestalten.

 


 

25. Oktober 2021: Christine Zickmann – "Das Ahornblatt" - Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

 

 

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18. Oktober 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Pommernland ist abgebrannt (1945)"

 

Elisabeth und ich packten die letzten Taschen auf die Treckwagen, die wir in den vergangenen Wochen für die Flucht vorbereitet hatten. Es waren große Ernteanhänger, auf denen normalerweise Heu oder Rüben oder Holz transportiert wurden. Der Stellmacher unseres Gutes hatte Dachgestelle gebaut und Elisabeth Planen auf das Holz genagelt, damit wir besser vor Nässe und Kälte geschützt sein würden. Den Boden bedeckten wir mit Teppichen, zwischen die wir Familienunterlagen, Fotoalben und Schmuck steckten, in der Hoffnung, dass die russischen Soldaten, die auf dem Vormarsch waren, sie dort nicht entdecken würden. Auf die Teppiche legten wir Säcke mit Bettdecken und Wäsche, auf die wir uns dann setzen konnten.

 

An einem Morgen Anfang März 1945 setzte sich unsere Wagenkolonne in Bewegung, bestehend aus meinen Eltern, meiner Großmutter und meiner Großtante Mieke, meiner Schwester Elisabeth und mir, 40 Dorfbewohnern, 3 französischen Kriegsgefangenen und 6 polnischen Zwangsarbeitern. Wir mussten aber bald wieder anhalten, weil eine alte Frau aus dem Dorf vermisst wurde. Jemand raste zu ihrem Haus, wo sie neben ihren gepackten Taschen auf Abholung wartete. Meine Familie und ich warfen einen letzten Blick auf Mokratz, das Dorf, das große Gutshaus, Ställe und Scheunen, wo wir unsere Kindheit und Jugend verbracht hatten – ohne zu wissen, ob und wann wir alles wiedersehen würden. Aber die Angst vor der näher rückenden russischen Armee und einer ungewissen Zukunft war stärker als die Trauer.

 

Schließlich ging die Fahrt los. Von weitem war immer wieder Geschützdonner zu hören. Die Straße war vollgestopft mit anderen Fuhrwerken, Wagen und Menschen, so dass wir nur langsam vorwärts kamen. Nach zwei Stunden am Rande eines Waldes legten wir die erste Rast ein. Heiße Getränke wurden ausgeschenkt und die Pferde gefüttert. Wir stampften immer wieder mit den Stiefeln auf den schneebedeckten Boden und zogen unsere Schals und Mützen fester, um gegen die Kälte anzukämpfen. Am Abend erreichten wir den Ort Liebeseele, wo wir bei Verwandten unterkommen konnten.

 

Am Vorabend unserer Flucht waren noch mehrere Schweine und Hühner geschlachtet worden, und so konnte in einem Waschkessel das Essen gekocht werden.

 

Am nächsten Tag fuhr unser Mokratzer Treck mit endlosen Kolonnen anderer Wagen nach Swinemünde und von dort aus über eine Pontonbrücke zur Insel Usedom. Später erfuhren wir, dass Swinemünde und die Pontonbrücke von amerikanischen Bombern angegriffen wurden und Tausende Menschen umgekommen waren. Die nächste Übernachtung fand auf einem Gut bei Wolgast statt, wo wir sogar in beheizten Zimmern schlafen konnten und von der Familie zum Essen eingeladen wurden.

 

Das nächste Ziel war Prohn  bei Stralsund. Unser Treck aus Mokratz war zehn Tage unterwegs bis wir auf dem Gut ankamen, das den Eltern von Freunden meiner Eltern gehörte und die uns angeboten hatten, dass wir bei ihnen bleiben könnten. Nach den Tagen der Kälte, dem Geruckel der Wagen und den Fußmärschen, um die Pferde weniger zu belasten, atmeten wir alle auf, endlich eine Bleibe zu haben. Meine Familie und ich schliefen in Gästezimmern, die Mokratzer Familien und die Kriegsgefangenen in einem großen Saal auf Strohbündeln. Während der Wochen, die wir auf dem Gut bleiben konnten, beteiligten sich die Mokratzer an der Frühjahrsbestellung des Gutes, die Frauen kochten in der Gutsküche. Ich kümmerte mich um eine Flüchtlingsfrau, die gerade ein Kind bekommen hatte und um ihr anderes Kind. Das war etwas, was mir schon von Mokratz her vertraut war. Wenn dort eine Gutsarbeiterfrau ein Kind bekam, blieb ich während der Geburt auf den Treppenstufen des Hauses sitzen, um dann beim ersten Schrei des Säuglings in das Zimmer zu stürzen, um den neuen Erdenbürger zu begrüßen. Während des Krieges hatte ich als 15-jährige den kleinen Sohn einer polnischen Zwangsarbeiterin betreut, und als der kleine Ludwig schwer erkrankte, darauf bestanden, dass unser Hausarzt das Kind behandelte.

 

Von vorüberziehenden Flüchtlingstrecks hörten wir schlimme Geschichten von Morden, Plünderungen und Vergewaltigungen und auch davon, dass die russischen Truppen es insbesondere auf die Gutsbesitzer, die Junker, abgesehen hatten, die oft in Straflager kamen oder umgebracht wurden, weil sie gemäß kommunistischer Doktrin als Feudalherren  und Ausbeuter angesehen wurden.

 

Eines Tages Anfang Mai stürmten russische Soldaten auf den Hof. Wir hatten uns schon mit weißen Armbinden vorbereitet. Mein Vater zog auf Geheiß meiner Mutter seinen weißen Kragen und die Krawatte ab und bekam ein grünes Halstuch umgebunden. „Zieh die Brille ab, Du siehst zu intelligent aus.“ So wurde er zum Proletarier umgewandelt. Die Soldaten liefen durch das ganze Haus und verlangten etwas zu essen. Wir packten unsere Habseligkeiten und stiegen mit allen Bewohnern des Gutes auf den Dachboden des Pferdestalles, wo wir angsterfüllt ausharrten. In der Nacht waren die Soldaten betrunken, kamen zu uns auf den Dachboden, leuchteten mit Lampen in unsere Gesichter. Einer der Soldaten versuchte meine Freundin Christel zu vergewaltigen, riss an ihrer Kleidung. Sie schrie laut nach meinem Vater : „Herr Jahn, helfen Sie mir doch.“ Zum Glück war der Soldat so betrunken, dass er auf dem Boden einschlief. Etwas später kam ein anderer Soldat auf mich zu. Er versuchte, meine Hose zu öffnen, es war die Reithose meines Vetters Hermann mit vielen Schnallen und Verschlüssen, so dass  es ihm in seinem betrunkenen Zustand nicht gelang, meine Hose zu öffnen. Mein Vater stand daneben und sagte immer wieder : „Sie ist doch noch so jung, sie ist doch erst 17.“ Schließlich stolperte der Soldat über die Beine meiner Mutter und blieb liegen. Wir alle waren starr vor Angst und Entsetzen. Ich konnte mich in dieser Nacht nicht mehr hinlegen und hockte, die Arme um meine Knie geschlungen, auf einem Strohbündel. Beim Morgengrauen verließ das Gutsbesitzerehepaar den Dachboden. Kurze Zeit später hörten wir Schüsse aus dem Garten. Sie hatten sich das Leben genommen. Auch von einem anderen Ehepaar, Bekannten meiner Eltern, hörten wir später, dass sie sich selbst und ihre Tochter beim Einmarsch der russischen Armee getötet hatten. Mein Vater war auf der Insel Usedom noch extra zu ihrem Gut gefahren, um sie zur Flucht zu überreden, was sie aber ablehnten.

 

Am Morgen stellte mein Vater fest, dass zwar ein Teil der Wagen geplündert worden war, die Pferde aber noch da standen. Die Franzosen hatten im Stall übernachtet und dafür gesorgt, dass die Pferde nicht mitgenommen wurden. Von dem russischen Kommandanten erhielten die Flüchtlinge den Befehl, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Wir mussten uns also wieder auf den Weg machen, dieses Mal Richtung Osten. Unterwegs wurden immer wieder Zettel von Flugzeugen abgeworfen mit der Aufschrift : „Alle zurück in die Heimatdörfer.“ Nach einigen Tagen trafen wir auf Gruppen von französischen Kriegsgefangenen, die zurück in ihre Heimat Frankreich wollten. Unsere Franzosen schlossen sich ihnen an. Beim Abschied kamen uns allen die Tränen. In den vielen Jahren, die sie auf Mokratz gewesen waren, hatte sich, soweit man das in diesen Kriegszeiten überhaupt so nennen konnte, ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Einer der Franzosen schenkte mir ein Stück Seife, das er aus Frankreich geschickt bekommen hatte. Ein anderer gab meinem Bruder Nachhilfeunterricht in Französisch. Mein Vater legte ihnen in ihre Unterkünfte eine Radioleitung, wo sie Radio London hören konnten, was unter den Nazis streng verboten war. Die russischen Kriegsgefangenen auf dem Nachbargut wurden wesentlich schlechter behandelt. Da kam sicher die Nazipropaganda vom „slawischen Untermenschen“ zum Tragen.

 

Während der 10 Tage, die wir unterwegs waren, achteten wir jungen Frauen darauf, uns nachts zu verstecken, sei es in Kleefeldern oder Pferdekrippen oder im Heu und Stroh. Wir versuchten uns möglichst hässlich zu machen und schmierten Erde ins Gesicht, ein Tip einer Flüchtlingsfrau, der wir unterwegs begegneten. „Frau, komm mit“ und „dawei, dawei“ war immer wieder in unseren Ohren, während die russische Armee in Richtung Westen an uns vorbeizog. Kurz vor dem Ort Lassahn, warnte uns eine Frau, die uns entgegen kam, davor, die Stadt zu betreten : „Da werden alle Männer gesucht und abtransportiert“.

 

Während der 2 Tage, die wir in einer kleinen Siedlung verbrachten, suchte wieder ein russischer Soldat eine Frau. Hanna, der Tochter einer Mokratzer Familie, war es nicht mehr gelungen sich zu verstecken. Der Soldat richtete sein Gewehr erst auf Hanna, dann auf ihren Vater : „Frau, komm mit, sonst Vater tot“. Aus unserem Versteck unter einem Strohhaufen mussten meine Freundin Christel und ich mit anhören, wie der Soldat Hanna vergewaltigte. Anschließend ging er in das Bauernhaus, in dem meine Großtante und meine Großmutter untergebracht waren, und legte sich mit seinem Gewehr zu ihnen ins Bett. Starr vor Angst verbrachten sie die Nacht neben dem Soldat, bis wir sie am nächsten Morgen befreiten.

 

Nach zwei Tagen fuhren wir doch nach Lassahn, wo wir zufällig eine Bekannte trafen, die uns dringend zuredete, im Ort zu bleiben und nicht weiterzufahren. Der Kommandant der Stadt sorge für Disziplin bei den Soldaten, so dass die Frauen einigermaßen geschützt seien. Meine Mutter beschwor meinen Vater, die Fahrt abzubrechen. Sie ging von Haus zu Haus die Straßen entlang und fragte nach einer Unterbringungsmöglichkeit. Schließlich erklärte sich eine Frau bereit, uns aufzunehmen. Die Tochter sei gerade ausgezogen. Die anderen Mokratzer Familien und auch die Polen wollten wieder zurück in ihre Heimat. Es gab einen bewegenden Abschied, bevor sie weiter fuhren. Wir hatten für 6 Personen ein Zimmer, Elisabeth und ich lagen auf dem Boden. Zum Glück hatten wir noch unsere Decken und Bettwäsche. In den nächsten Tagen durchkämmten russische Soldaten regelmäßig die Häuser, leuchteten in unsere Gesichter und verlangten unsere Pässe zu sehen.

 

Elisabeth und ich wurden aufgefordert, uns an der Feldarbeit zu beteiligen. Mit vielen anderen Frauen mussten wir Rüben verziehen und Unkraut jäten. Nach einer Woche wurden wir Frauen nach der Arbeit in einen Lastwagen verfrachtet. Auf die Frage, wohin wir denn führen, erhielten wir keine Antwort. Der Wagen fuhr nicht Richtung Lassahn und mich ergriff Panik. Meine Schwester war an diesem Tag nicht dabei. Als der Wagen in einem Waldstück auf unebener Strecke langsamer fuhr, rutschte ich von der Rampe des Wagens auf die Straße und ließ mich sofort in das Gebüsch neben der Straße rollen, wo ich blieb, bis ich vom Wagen nichts mehr hörte. Ich irrte zunächst im Wald umher, fand dann aber doch den Weg zu unserem Quartier in Lassahn. Die nächsten Tage meldete ich mich krank, bekam aber dann den Befehl, bei der Demontage der Bahnschienen mit zu arbeiten, die als Reparationszahlung nach Russland transportiert wurden. Das war eine körperlich schwere Arbeit, zumal unsere Essensrationen immer kleiner wurden, und ich eigentlich immer Hunger hatte.

 

Bei einem der nächsten Arbeitseinsätze schritt einer der Wachsoldaten auf eine der Frauen zu, zerrte an ihrer Bluse und grölte : „Frau, komm mit“. Er wurde sofort von seinem Vorgesetzten zurückgepfiffen, in ein Armeefahrzeug gesetzt und weggebracht. Ich saß zu dieser Zeit am Feldrand und trank Wasser. Nicht weit von mir stand ein junger Soldat, hatte sich auf sein Gewehr gestützt und blickte starr vor sich hin. Er war mir schon in den letzten Tagen dadurch aufgefallen, dass er etwas Deutsch sprach und ohne Kommandoton mit den Frauen redete. Ich fasste mir ein Herz und fragte ihn : „Warum macht ihr das mit den Frauen?“ Der junge Soldat zuckte mit den Schultern. Auf mein erneutes Fragen hin brach es aus ihm heraus :  „Und deutsche Soldaten? Machen alle tot. Mutter tot, Vater tot, Bruder tot. Ganze Dorf kaputt. Ganze Land kaputt. Und Juden, alle tot“. Ich sah ihn betroffen an. Er drehte sich um und wischte sich mit seinem Uniformärmel über die Augen. Schließlich schauten wir beide ratlos zu Boden. Plötzlich griff er in seine Tasche, holte ein Stück Brot heraus, brach es in 2 Teile und gab mir eins davon. Dann sagte er noch : „Jo, was ist Krieg? Andere schießen, wir schießen. Warum? Sind alle Menschen. Ich nicht verstehen“.

 

Als ich meiner Mutter von dem Gespräch erzählte, zitierte sie das Alte Testament : „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Die deutsche Wehrmacht hat den Völkern viel Leid zugefügt und jetzt schlagen die zurück. Und ihr Mädchen, die keine Schuld trifft, müsst es büßen. Hoffentlich lernen die Menschen etwas aus diesem Krieg und hören endlich auf mit der ewigen Gewalt und Rache und wieder Gewalt und wieder Rache……“ Ihre Stimme klang nicht so, als ob sie wirklich daran glauben würde.

 


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11. Oktober 2021: Johannes Eucker - "Warum" 

 

WARUM GEDANKEN NIEDERLEGEN

Ich setze die Worte hierhin und dort

Die Worte bewegen meine Gedanken fort

Ich lege meine Gedanken in Worten nieder

Sie stehen auf und bewegen sich wieder

Ich stelle die Worte hierhin und dort

 

In Worten gehen meine Gedanken fort.

 

WARUM MANCHMAL 

Manchmal der Wunsch

ohne Spur zu sein.

 

Und im Nichts 

 

keine Wünsche zu spüren.

 


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27.September  2021: Christine Zickmann – 2 Gedichte: "Das Bierauto" mit Zeichnung und "Trenndiät"

 

Ein Bierauto mit Donnerknallen

ist in den Karpfenteich gefallen.

Der Fahrer ist ganz grau,

die Karpfen alle blau

 

und können nur noch lallen.

 

 

 

 

Trenndiät

Die Lösung, sagt sie, sind Diäten

getrennt und die Pfunde die täten

dann fallen wie Blätter

in herbstlichem Wetter.

 

Nun trennt sie den Fisch von den Gräten.

 


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20. September 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Brandspuren"


1938 

Auf dem Hof unseres Hauses in Frankfurt am Main fegte ich die letzten Blätter zusammen, die der Herbst von den Bäumen geweht hatte. Durch den Gitterzaun sah ich Siegfried, den Sohn unseres Nachbarn, in Arbeitsdienstuniform zum Haus gehen, wo er von seiner Mutter begrüßt wurde. Mit einem Blick auf mich sagte sie zu ihm : „Du könntest mal bei uns die Blätter von der Wiese rechen. Der Papa hat zu viel zu tun. Er kommt nicht dazu.“ Nach einigen Minuten kam Siegfried mit Knickerbockers und Jacke bekleidet in den Garten. Seine kleine Schwester begleitete ihn und stopfte die Blätter, die Siegfried zusammenharkte, in einen Sack. Ich befand mich inzwischen hinter einer Mauer, so dass sie nicht merkten, dass ich ihre Unterhaltung mit anhören konnte.

 

„Was macht Ihr denn da so im Arbeitsdienst?“ fragte die Schwester. „Ganz unterschiedlich, mal bei einem Bauern auf dem Feld arbeiten, dann auch mal in der Küche. Wir machen viel Sport und üben, wie man in Reih und Glied marschiert.

„Und wie sind so Eure Ausbilder zu Euch?“

„Der eine ist in Ordnung, aber der andere schikaniert uns nach Strich und Faden. Besonders auf uns ehemalige Oberschüler und Abiturienten hat er es abgesehen. Abiturenten vor, schreit er, und wir müssen dann mit einer Zahnbürste die Klos saubermachen.“

„Und wann musst Du zur Wehrmacht?“

„Das wird in zwei Monaten sein.“

„Ihr lernt beim Militär ja auch schießen. Könntest Du Dir vorstellen, dass Du, falls mal Krieg ist, auf Menschen schießen müsstest und die dann tot sind? Eigentlich darf man doch andere Menschen nicht umbringen!“

„Im Krieg ist das anders. Man muss doch sein Vaterland gegen die Feinde verteidigen.“

„Und wenn Du selbst dabei erschossen wirst und stirbst?“ Siegfried wurde ungeduldig : „Du liebe Zeit, Du fragst einen ja ein Loch in den Bauch! Dann ist man eben für Führer, Volk und Vaterland gefallen und bekommt einen Ehrenplatz auf dem Friedhof.“

„Ich will aber nicht, dass Du stirbst“, meinte die Schwester.

„Mach Dir keine Sorgen, im Moment haben wir ja keinen Krieg.“

 

Siegfried und seine Schwester gingen ins Haus zurück, und ich setzte mich auf die Treppenstufen. Ich hatte Siegfried immer beneidet, dass er sein Abitur machen konnte. Ich als Jude hingegen musste meine Schule verlassen und hatte eine Tischlerlehre absolviert. Und mit dem Tischlermeister hatte ich noch viel Glück gehabt, dass er mich behalten hatte, obwohl er von der Gestapo unter Druck gesetzt wurde, mich zu entlassen. In einer Nazizeitung wurde er sogar als „Judenknecht“ beschimpft.

 

Durch das eben mit angehörte Gespräch zwischen Siegfried und seiner Schwester wurde mir klar, dass ich neben den vielen Nachteilen als Jude den Vorteil hatte, nicht zum Militärdienst zu müssen. Mein Plan war ja, nach Palästina zu gehen. Obwohl Siegfried und ich ähnlich alt waren, hatten wir schon vor Beginn meiner Lehre wenig Kontakt. Er war Mitglied der Hitlerjugend und nachher des Jungvolks. Auch das kam ja für mich nicht in Frage. Ich hörte öfters, wenn die Familie von Siegfried im Garten Kaffee trank und unsere Familie auf dem Balkon saß, dass er voll Stolz und Begeisterung von seinen abenteuerlichen Fahrten durch ganz Deutschland berichtete. Bereits in sehr jungem Alter war er für eine ganze Gruppe von Hitlerjungen verantwortlich.

 

Während ich die Gartengeräte wegräumte, rief mich meine Mutter zum Essen. Mein Vater war auch gerade aus seiner Praxis im unteren Stockwerk erschienen. Es kamen viele Patienten zu ihm, weil nichtjüdische Ärzte sich oft weigerten, jüdische Patienten zu behandeln. Ich erzählte ihnen von dem Gespräch zwischen Siegfried und seiner Schwester. Mein Vater stand auf und holte aus einer Schublade einen Umschlag, in dem sich zwei Kriegsorden befanden. „Ich war stolz darauf, dass ich Soldat bei der kaiserlichen Armee war. Aber wir haben ja den Krieg verloren, und seitdem hat sich alles zum Schlechten verändert.“

 

Meine Mutter meinte noch, dass sie den Eindruck hätte, dass Siegfried froh wäre, möglichst wenig zu Hause zu sein. „Bei den Hartmanns herrscht ja immer eine furchtbare Stimmung. Wenn sich die Frau Hartmann schon einen Geliebten hält, dann muss sie ihn nicht auch noch zu Hause empfangen! Was sollen die armen Kinder bloß denken! Die kleine Margret soll auch von dem Liebhaber sein und nicht von Herrn Hartmann. Neulich habe ich gehört, dass die Großmutter Behrends vom „Kind der Sünde“ sprach. Der Herr Hartmann ist aber sehr nett zu der Kleinen. Er sagt immer „Mein Herzchen“ zu ihr. Wie der Mann das mit diesen beiden rabiaten Frauen aushält! Die haben wirklich Haare auf den Zähnen!“

 

Mein Vater fügte noch hinzu : „Die Hartmanns haben ja ihr Haus für´n Appel und en Ei von einer jüdischen Familie abgekauft. Die sind schon 1933 nach Amerika gegangen. Dafür, dass der Herr Hartmann der SA angehört, ist er noch einigermaßen umgänglich. Dem Kollegen Grünberg - das ist der mit der Augenarztpraxis - hat er wohl neulich den Rat gegeben, möglichst schnell zu emigrieren. Die Zeiten würden für die Juden immer unsicherer. Dadurch, dass der Hartmann Vorsitzender von der Ärztekammer ist, bekommt er vermutlich noch mehr Informationen. Wir sollten auch überlegen, ob wir nicht nach England gehen wie mein Bruder. Nur - wo sollen dann alle meine Patienten hingehen?“

 

Am Ende des Abendessens wandte sich mein Vater an mich und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an : „Und wie immer, mein Sohn, was Du heute hier gehört hast, bleibt auch hier! Also, Klappe halten!“

 

Am nächsten Morgen, dem 9. November 1938, hörten wir von dem tödlichen Attentat auf einen gewissen von Rath. Als ich in Frankfurt abends mit dem Rad unterwegs war, sah ich eine große Menschenansammlung auf dem Börneplatz. Die Hauptsynagoge brannte, es war aber keine Feuerwehr zu sehen. SA-Leute hielten die Menschen davon ab, näher an die Synagoge heranzugehen. Sie standen schweigend da, einige mit entsetztem Gesichtsausdruck, andere mit einem triumphierenden Lächeln. Ich fuhr schnell nach Hause, wo meine Eltern mir von Anrufen von Verwandten und Freunden erzählten, die davon berichteten, dass in anderen Stadtteilen von Frankfurt und in anderen Orten Synagogen brannten und jüdische Geschäfte geplündert wurden.

 

Am Tag darauf, dem 10. November, fuhr ich erneut mit dem Rad durch Frankfurt. Bei jüdischen Geschäften wurden die Türen aufgebrochen und die Fensterscheiben zertrümmert, die Waren wurden weggeschleppt oder verbrannt. Aus einem Haus wurden drei Jungen herausgezerrt und verprügelt. „Juden raus“ oder “Nieder mit den Juden“ schrien die Trupps von jungen Männern. Einige der Passanten steckten sich Waren in ihre Taschen. Die meisten beteiligten sich nicht an den Plünderungen, einige gaben ihrer Abscheu Ausdruck. „Die armen Juden“ meinte eine Frau. „Das ist also unsere Kultur“ sagte ein Mann, beide wurden von SS-Leuten gepackt und in Autos verfrachtet. Männer mit Parteiplaketten an ihrem Mantelrevers winkten sich zu. Der eine rief : „Das wurde aber auch Zeit, dass die Juden in ihre Schranken gewiesen werden!“

 

Als ich nachmittags zu Hause eintraf, empfing mich meine Mutter mit den Worten : „Ja, wo warst Du denn die ganze Zeit? Du bist in großer Gefahr! Papa hat mit einem seiner Patienten gesprochen. Bei dem kannst Du heute übernachten.“ Ich packte die notwendigsten Sachen in eine Tasche und fuhr zu der Wohnung des Patienten, wo ich die Nacht verbringen konnte. Am nächsten Tag kehrte ich nach Hause zurück und erfuhr, dass mein Vater während eines Hausbesuches bei Patienten von der SS mitgenommen worden war. Alle jüdischen Männer zwischen 18 und 60 Jahren sollten verhaftet werden.  Jüdische Wohnungen wurden systematisch durchsucht. Ich verbrachte den ganzen Tag im Taunus und fuhr abends wieder zu der Wohnung des Patienten meines Vaters. In den Straßen wimmelte es von SS und Polizei. Ich wurde vermutlich nur deswegen von niemandem angehalten, weil ich nicht so aussah, wie andere sich einen Juden vorstellten. Ich hatte eine helle Haut und hellbraune Haare.

 

Die nächsten Tage konnte ich bei Schmidts bleiben. Sie erzählten mir, dass eine Bekannte meiner Eltern, Herrn Dr. Hartmann, also den Vater von Siegfried, aufgesucht und ihn gebeten habe, sich für die Freilassung der jüdischen Ärzte einzusetzen. Herr Hartmann teilte ihr mit, dass die Ärztekammer bereits einen Befehl erlassen habe, dass die jüdischen Ärzte freikommen sollten. Von Schmidts erfuhr ich auch, dass mindestens 2000 jüdische Männer aus Frankfurt verhaftet wurden und etwa 500 nichtjüdische Frankfurter, die sich in irgendeiner Form für Juden eingesetzt hatten und dabei erwischt wurden.

 

Eine Woche, nachdem die Ausschreitungen und Brandschatzungen begonnen hatten, hörten wir von Bekannten, deren Bruder bei der Gestapo war, dass es keine Verhaftungen mehr gab und Straßen- und Eisenbahnzüge nicht mehr kontrolliert wurden. Nach all den Erlebnissen der letzten Tage war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich Deutschland verlassen musste. Ich entschied mich für Holland, wo Verwandte von uns wohnten, die mir schon oft das Angebot gemacht hatten, zu ihnen zu kommen. Es fiel mir natürlich sehr schwer, meine Mutter allein zurückzulassen, die sich schon große Sorgen um meinen Vater machte. Sie und eine Bekannte brachten mich zum Bahnhof, wo ich zum Glück unbehelligt in den Zug einsteigen konnte. Wir alle mussten beim Abschied so tun, als ob es sich um eine ganz normale Zugfahrt handeln würde.

 

Unterwegs musste ich mit anhören, wie mehrere junge Leute damit prahlten, welche Wohnungen und Geschäfte sie zerstört hatten, und dass sie auch Menschen gefunden hatten, die sich das Leben genommen hatten. Einer von ihnen kam zu uns in das Abteil und setzte sich breitbeinig vor einen Mann, den man vom Aussehen her für einen Juden halten konnte, und starrte ihn eine Zeitlang unverwandt an, ehe er höhnisch grinsend das Abteil wieder verließ. In Emmerich, dem letzten größeren Ort vor der Grenze, stieg ich aus und lief immer der Bahnlinie entlang durch den Ort. Zum Glück regnete es nicht und auch die Kälte war erträglich. Auf deutscher Seite kam ich noch durch drei kleinere Dörfer. Nach dem letzten Ort fand ich einen Feldweg. Es wurde zwar dämmerig und neblig, aber ich konnte mich noch orientieren. Schließlich sah ich von weitem Grenzsoldaten an der Straße stehen. Ich ging nur noch in gebückter Haltung. Die Riemen vom Rucksack zogen an den Schultern, obwohl ich nur ganz wenig eingepackt hatte. Im nächsten Dorf, das ich erreichte, erkannte ich an dem Schild „bakkerij“ an einem Geschäft, dass ich auf holländischer Seite war. Ich entschloss mich, bis zum Bahnhof von Zevenaar weiter zu laufen, von wo ich am nächsten Tag nach Amsterdam zu meinen Verwandten fahren wollte. Am liebsten hätte ich mich in den Bahnhofswarteraum gesetzt, aber ich fürchtete, dort aufzufallen und schlimmstenfalls wieder nach Deutschland zurückgeschickt zu werden, denn ich hatte ja keine Aufenthaltsgenehmigung für Holland. Ich entdeckte an der Seite des Bahnhofsgebäudes einen Schuppen, in dem es natürlich auch kalt war, aber ich konnte mich in eine Ecke hocken und mit Säcken zudecken, die an einem Regal hingen. Am nächsten Morgen stieg ich in den Zug Richtung Amsterdam. Ich versuchte möglichst den Fahrscheinkontrollen zu entgehen, indem ich in der Toilette verschwand, wenn der Kontrolleur sich näherte.

 

In Amsterdam angekommen, tauschte ich zunächst etwas Geld und konnte von einer Telefonzelle aus meinen Onkel anrufen, der mich danach vom Bahnhof abholte. In ihrer Wohnung konnte ich das erste Mal nach langer Zeit wieder richtig aufatmen. Meine Verwandten besorgten mir eine Arbeitsstelle in einem jüdischen Werkhof bei Amsterdam, wo ich als Tischler arbeitete - und dadurch erhielt ich auch eine Aufenthaltsgenehmigung für Holland. Durch Briefe meiner Mutter erfuhr ich, dass mein Vater aus dem Konzentrationslage Buchenwald entlassen worden war und meine Eltern schließlich nach England emigrieren konnten. Als ich ihren ersten Brief aus England in den Händen hielt, war ich sehr erleichtert - nicht wissend, dass die nächsten Jahre für mich grausame Erlebnisse bereithalten sollten.

 

 

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13. September 2021: Johannes Eucker - "Schweizer Lied"

 

Nicht nur das unerhörte Motorengeheul

von jenseits des Tales über den See herüber,

da rattert ein Zug nach dem andern

und ein unnötiges Echo verlängert sein Pfeifen

ins Unerträgliche.

 

Von links versaut die Autobahntrasse auf Stelzen

unisono mit der Landstraße in der Galerie darunter 

mit verstärkten Geräuschen von Touristenfahrzeugströmen

den Sound des benachbarten Kofferradios.

Das Motortuckern eines alten Kahnes

begleitet von einer schnurrenden Yacht spielt Potpourris.

 

Nicht nur das unerträgliche Echo 

von jenseits des Tales über den See herüber,

auch der permanente Glockenklang der beiden Kühe, 

die neben dem Mietshaus die Wiese bescheißen

und kling - klang - glücklich grasen,

penetrieren das Ohr,

während zwei Düsenjäger in Formation

über die Dächer hinweg längs des Tales

die Landebahn zu treffen üben 

bis sie es können reichlich und täglich. 

 

Auch in der Bergwelt Erhabenheit und Reine

da flattern Rotorenblätter helikopterisch ums ewige Eis

und die Zahnradbahnen rangieren, 

kommen an und gehen ab - lautsprecherisch angesagt. 

 

Wie wohlvertraut und lieblich unverzagt singt dagegen an 

auf Almes Grün verstärkt aus Sony - Boxen 

vom Gasthausgiebel ein Schweizer Lied. 

Volkslied mit Halleffekt - elektronisch verstärkte Wellen 

tragen es mit den Wanderern hinauf 

in die Region der Erhabenheit und Reinheit der Berge.

 

Von dort kein Echo.

 

 

(10.8.1996)

 

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6. September 2021: Günter Wirtz - "Möwen"

 

Uns fasziniert

Der weißen Möwe Flug

Die hellen Flügel

Schweben leicht im Wind

Stolz steuert sie

Den Kopf nach rechts

Und schnell zur Linken streckend

Beständig äugend

Nach dem eig’nen und der Jungen Fraß

 

Mein Gott,

Sie darf sich glücklich preisen

Dass uns ihr weißes Fleisch

Nicht fasziniert

 

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30. August 2021: Christine Zickmann – "Der Frosch" - Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

 

Das Heft ist online bei Hugendubel und Amazon erhältlich. Hier ist ein Link mit mehr Information:

https://www.elbaol-verlag-hamburg.de/verlagsprogramm/edition-lyrik/

 

 

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23. August 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Schnapsexpreß"

 

Unser Zug fuhr langsam in die große Bahnhofshalle von Frankfurt am Main. Brigitte hatte schon ihr Gepäck auf den Sitz gestellt und schaute angespannt aus dem Fenster. Ich saß noch und wünschte, der Zug würde nie anhalten. Erst Brigittes entschlossener Blick aus den Augenwinkeln trieb mich vom Sitz. Ich tat geschäftig, holte den Koffer von der Gepäckablage, zog mir ruckartig den Mantel an, wankte beim Bremsen des Zuges und stieß mit dem Ellenbogen ans Fenster. Brigitte, die in ihrer vorausschauenden Art das Bremsen fast elegant abfederte, gab ein geringschätziges „ZZZ“ von sich und rückte mir den Mantelkragen zurecht. Ich wurde ganz starr, und noch ehe ich einen Schritt mit dem Koffer gemacht hatte, brach mir der Schweiß aus. Wir verließen den Zug, Brigitte lief vor mir her. Die kühle Luft tat mir gut. Meine Hände waren aber nach wie vor feucht, wodurch der Koffer mir zu entgleiten drohte und ich immer wieder nachfassen musste. Plötzlich drehte sich Brigitte um, wartete und ging neben mir. Trotz des Lärms auf dem Bahnhof war deutlich ein Zischen zu hören: ein Mann mit einer Schirmmütze hatte eine Getränkedose geöffnet, die er aus dem Kühlfach seines Büffetwagens entnommen hatte, er schüttete das Bier in einen Plastikbecher und reichte ihn dem Fahrgast, der ihn aus einem Zugfenster entgegennahm. Brigitte starrte geradeaus, wie, um die Begebenheit ungeschehen zu machen. „Da ist ein Fahrplan“, sagte sie. Ich stellte den Koffer vor der Anzeigentafel ab, und während sie mit dem Finger die Zeilen entlangfuhr, wagte ich noch einen Blick zurück zu dem Büffetwagen.

 

„Zum Gleis 9 müssen wir“. Am Beginn des Gleises las ich den Namen „Friedrichsdorf“. Dorthin sollte ich nun, ein halbes Jahr. Wir setzten uns auf eine Bank, der Zug war noch nicht eingetroffen. Ich begann zu frösteln, rückte unruhig hin und her, wollte etwas sagen, zögerte, dann sagte ich doch: „“Ich müsste mal ….“. „Aber komm gleich wieder!“ gab Brigitte zurück. Ich stand auf, erleichtert, dass sie es bei dieser Ermahnung beließ. Auf dem Weg zur Toilette bekam ich plötzlich Angst – dies würden meine letzten freien Schritte für ½ Jahr sein. Ich sah den Hauptausgang des Bahnhofs, wollte anfangen zu rennen und schaute mir dann doch, wie um noch einen Aufschub für meine Flucht zu haben, das nächstbeste Schaufenster an. Es war ein Buchladen, ich kaufte 2 Zeitschriften und ein Taschenbuch, um in der Klinik wenigstens etwas zum Lesen zu haben. Als ich an der Kasse bezahlte, merkte ich, dass ich mich doch mit dem Klinikaufenthalt abgefunden hatte.

 

Ich dachte an Brigitte auf der Bahnhofsbank und hastete zur Toilette. Dort fielen mir die Zeitschriften erst mal auf den glitschigen Boden. Ich stand vor dem Becken, und mein Blick fiel auf eine Miniflasche eines Kräuterschnapses auf dem Nachbarbecken, leer, wie ich gleich feststellte. Ich wusste sofort, zu welchem Kiosk ich gehen musste. Dort angelangt, verlangte ich die gleiche Schnapsmarke, die ich auf dem Becken gesehen hatte, klemmte die Zeitschriftenrolle unter den Arm, öffnete mit zittrigen Händen den Verschluss und kippte den Schnaps hinunter. Ich atmete tief durch und ging mit erhobener Haltung zum Bahnsteig zurück. Schon von weitem sah ich Brigitte stehen, mit gesenktem Kopf. Ich ging auf sie zu und blickte ihr voll in die Augen. Sie erstarrte zunächst, dann sackten ihre Schultern herab, in ihrem Gesicht sah ich Verzweiflung, ich spürte ein schlechtes Gewissen, aber der Triumph, dass ich ihr in diesem Moment ebenbürtig war, überwog bei weitem. Unser Kampf mit Blicken wurde durch das Einfahren des Zuges unterbrochen. Ich überließ ihr gönnerhaft das Aussuchen des Wagens und des Platzes, folgte ihr und ließ auch gleichmütig ihr gezieltes: “Jetzt setz Dich doch!“ über mich ergehen. Ich versuchte, den Koffer in die Gepäckablage hoch zu wuchten, um aber gleich feststellen zu müssen, dass sie zu schmal für den Koffer war. Brigittes kurz hochgezogene Augenbrauen ließen unser kurzes Machtgleichgewicht wieder umkippen. An der anderen Fensterseite saßen zwei Männer, die mich musterten und sich dann anschauten und sich etwas zuflüsterten. Mir wurde sehr unbehaglich. 

 

Der Zug fuhr durch mehrere Vororte und kleine Dörfer, und kam schließlich in Friedrichsdorf an. Brigitte und ich hatten während der ganzen Fahrt kein Wort miteinander gewechselt, zwischendurch hatte ich etwas vor mich hingedöst. Kurz vor dem Aussteigen, als ich noch bei Brigitte stand, fragte sie: „Was war denn das für ein Fusel?“

 

Auf dem Bahnsteig stand ich zunächst etwas ratlos neben meinem Koffer. Brigitte sagte gleich: „Hier geht’s lang!“ Ich hob den Koffer hoch und fragte: „Ist das weit?“ Brigitte verneinte, sie war schon einmal hier gewesen und hatte sich die Klinik angeschaut. Ich lag damals zur Entgiftung in unserem städtischen Krankenhaus. Je länger wir auf der Straße mit den kleinen Jahrhundertwendenhäusern unterwegs waren, desto stärker kam uns der Geruch von Gebackenem entgegen, der, wie ich später erfahren sollte, aus der Zwiebackfabrik kam.

 

Die Klinik lag mitten im Ort. Auf den Treppenstufen zum Eingang blieb ich erschöpft stehen und stellte schwer atmend den Koffer ab. Die Eingangstür öffnete sich und 2 Männer in Jogginganzügen kamen aufgeregt lachend heraus, was mich erstaunte – ob ich wohl jemals wieder befreit lachen konnte – und das an diesem Ort? Am Empfang wies uns ein junger Mann den Weg zum Aufzug in den 8. Stock „Da geht’s zur Aufnahme“. Die Tür zu dem Büro stand offen. Eine stark geschminkte Frau winkte uns herein. „Sie sind Herr G.?“ Auf mein Nicken setzte sie auf ihrem Terminkalender einen Haken, stand auf und ging zu ihrem Schreibmaschinentisch. Dabei wurde deutlich, dass sie schwanger war. Sie ging mit kerzengeradem Rücken und hielt ihren Bauch wie eine Trophäe vor sich her. Sie rückte ihre Frisur zurecht, strich ihre Bluse über dem Bauch glatt, nachdem sie sich hingesetzt hatte, und stellte mir einige Fragen. Während ich mechanisch antwortete, einige Male korrigierend von Brigitte unterbrochen, sah ich den Kreißsaal vor mir, in dem unser Sohn geboren wurde. Ich sah den schmerzverzerrten Mund Brigittes, den abschätzigen Blick der Hebamme, sah mich aus dem Kreißsaal laufen, als ich es einfach nicht mehr aushalten konnte, ihre Schmerzen hilflos mit ansehen zu müssen. Die Freude, die ich beim Anblick unseres Sohnes empfand, wurde durch den Gesichtsausdruck Brigittes getrübt, der besagte: „Du hast gekniffen“. Die Sekretärin griff zum Telefonhörer: „Hier Wichmann. Eine Neuaufnahme. Herr G. Welches Zimmer bekommt er? Ok … ich schicke ihn nachher runter“.

 

In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Nebenzimmer, zwei Männer kamen heraus, der eine mit weißem Kittel verabschiedete den anderen. Er begrüßte Brigitte und mich und stellte sich als Dr. Tannenberg vor. Als wir in seinem Zimmer Platz genommen hatten, fragte er mich mit gleichzeitigem Vorschnellen des Kopfes: „Na, wie geht’s? Noch einen kleinen Abschiedstrunk genommen, was?“ Ich war total verblüfft und gleichzeitig erleichtert, so dass ich unwillkürlich grinsen musste. Dr. Tannenberg hob ebenfalls einen Mundwinkel zu einem angedeutenden Lächeln und blätterte in der Akte. Schon kam die nächste Frage: „Warum sind Sie hier?“, die mich aus der Fassung brachte. Nach einem Rucken auf dem Stuhl antwortete ich: „Mein Hausarzt meint, die Leber ist nicht in Ordnung ….. „

 

„Dann sind Sie hier falsch. Wir sind hier keine Klinik für Lebererkrankungen!“ Brigitte schaltete sich ein: „Das ist doch hier eine Alkoholentzugsklinik, oder?“ Herr Dr. Tannenberg überging ihre Frage und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ja, also, was möchten Sie hier?“ wiederholte er. „Ja wegen Alkohol – so in die Richtung“ stammelte ich. 

 

Dr. Tannenberg öffnete den Mund, als ob er zu einer weiteren Frage ansetzen wollte, sagte dann aber nur: „Na ja, sehen wir erst mal weiter, wenn Sie wieder nüchtern sind“ und hielt uns dann einen Vortrag über Ausgangssperre die ersten 4 Wochen, Besuchsregelungen, Gruppentherapie, Arbeits- und Beschäftigungstherapie, Angehörigenseminare, Musik- und Bewegungstherapie. Das meiste rauschte an mir vorbei. Brigitte war während des Gesprächs sehr schweigsam gewesen. Sie war sicher beleidigt, so überhört worden zu sein. Nachdem sich Dr. Tannenberg von uns verabschiedet hatte und wir in den Aufzug zur Aufnahmestation gingen, brach es aus ihr heraus: „Der hat uns ja wie Schulkinder behandelt!“ Trotz meines zustimmendem „Mmh“ musste ich mir eingestehen, dass mir die ungeschminkte Direktheit des Arztes gutgetan hatte.

 

Auf der Station wurden wir von Schwester Martha empfangen. Wie ich später erfuhr, nannten sie die Patienten „Feldwebel“. Sie führte uns durch einen langen Gang zu Zimmer 612, in dem es unangenehm nach abgestandener Luft und Schweiß roch. Schwester Martha riss sofort die Vorhänge zurück und öffnete die Tür zum Balkon. „Sie müssen mal öfters lüften!“ fuhr sie einen auf dem Bett liegenden Mann an, den ich jetzt erst entdeckte und der mich neugierig musterte. Schwester Martha zeigte uns den Schrank und das Badezimmer und ging hinaus.

 

Während Brigitte geschäftig begann, meinen Koffer auszupacken, erhob sich mein zukünftiger Zimmernachbar, der mit Jogginghose und Unterhemd bekleidet war, und gab mir die Hand : „Ich bin der Karl-Heinz“. Er dehnte und streckte sich, wobei sein Bauch sich über der Hose wölbte, zog seinen Bademantel über und verließ mit einem Augenzwinkern das Zimmer : „Ich hol‘ mir mal einen Ersatzschoppen“. Ich setzte mich auf das mir zugewiesene Bett und ließ meine Blicke im Zimmer umherschweifen. Über dem Bett von Karl-Heinz hing ein Bild mit einem Spruch von einem …. Oettinger, der mit den Worten begann : „Gott gebe mir die Gelassenheit … “. Schwester Martha kam wieder herein und legte mir ein Schälchen mit Medikamenten auf den Tisch. Brigitte hatte den Koffer ausgepackt und stand unentschlossen im Raum.

 

Plötzlich standen ihr Tränen in den Augen : „Warum musstest Du es so weit kommen lassen?“

 

Ich wollte nur noch meine Ruhe haben. „Wir können ja telefonieren. Grüß‘ die Kinder schön“. Nach ihrem Abschied, der aus einer halbherzigen Umarmung bestand, legte ich mich auf das Bett und dachte an den Arzt, der Brigitte einfach überhört hatte, etwas, was ich bisher nie geschafft hatte – und vielleicht auch nie schaffen würde.

                  

 

 

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16. August 2021: Horst Wolcke - "Das photographische Bild anno dazumal"

 

 

                    Gepflegt  und  ausgeruht  und  gut geschlafen 

                 ging  man  „ für´s  Bild „  zum  Photographen ,

                 ein  Mann  mit  Sach- und  - Kunstverstand

                 und  einer   „ Wunderlandschaft „  an  der  Wand

                 so nahm man Platz im Atelier

                 vor  Blick  auf  Berg  und  Tal  und  See .

                 

                Doch  war  das  Lichtbild  ehedem

                mit   „ Handverschluß „   noch  unbequem

                mit  feiner  Hand  gab  er  die  Linse  frei  

                und  zählte  deutlich  drei  Sekunden

                dass jeder auch ganz ruhig sei

                dann  war  das  Bild  entschwunden -

 

                in  einem  Riesenapparat

                wo  dann  vom  Silber  das  Nitrat

                das  Licht  zum  Bild  gewandelt  hat -

                und  manche  Ruheposition

                damit  zur  Künstlerkreation

               

                Doch  aus  dem  Licht , dem „ Sonnenkind „

                -  durch  den  Verschluss  mit  Irisblende  -

               entstand  das  Bild  bald  sehr  geschwind   

               auf  leisen  Druck  der  Hände .

 

               Wenn  heute  zum  millionsten  Mal

               ein  Bild  entsteht  -  dann  digital 

               wird  aus  der  Dunkelkammerfee

               ein  Zauberer  jetzt  am  PC  -

 

               aus  tausend  fernen  Sonnenstrahlen

               durch  Optik  -  Sensor  -  Prozessoren

               wird  aus  dem  Lichte  -  dem  spektralen -

               ein  buntes  Bild  auf  Monitoren .

 

 

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9. August 2021: Johannes Eucker - "Zauber der Erinnerung - Im Kindergarten"

 

Vor der Kirche, etwa in der Verlängerung der Achse des Kirchenschiffes, stand eine alte Eiche mit dickem Stamm und einer gewaltigen Krone. Um den Stamm herum hatte man - etwa im Durchmesser der Krone - eine kreisrunde Sandfläche mit kleinen Steinen abgegrenzt. Diese Fläche blieb immer kahl und bildete die Krone der Eiche als Fläche auf dem Boden ab. Rundherum war Gras gewachsen, kein Rasen im späteren Sinne, einfach eine kurz gehaltene Wiese. Nicht weit davon entfernt befand sich ein Sandkasten. An diesen und an die Fläche unter der Eiche erinnere ich mich zuerst, wenn ich an den Kindergarten denke. Dieser war in einem kleinen Saal der Kirchengemeinde untergebracht. Zur Zeit der Nationalsozialisten wurde er betreut von der Tochter des ehemaligen Kantors und einer weiteren Frau, die nicht aus dem Dorf stammte, wohl von den Nazis geschickt war und die mir nicht angenehm in Erinnerung geblieben ist. Anderes als Unangenehmes habe ich auch insgesamt von meiner Kindergartenzeit nicht im Gedächtnis behalten. 

 

Ich muss wohl neu im Kindergarten gewesen sein, als ich eines Tages voller Angst unerklärliches Geschehen erlebte, das sich auf einem weißen Tuch abspielte, hinter dem sich die Kindergartentante und ein oder zwei Kinder befanden. Was auf dem aufgespannten Betttuch geschah, war fremd und beängstigend, ja erschreckend für mich. Da wurde Kindern, die auf einem Stuhl Platz nehmen mussten, Dinge in den Mund geschoben bis tief  in den Bauch hinein, die eigentlich gar nicht durch den Schlund passen konnten. Die Kinder schrieen zwar nicht, wenn Löffel und Messer und sogar eine große Kartoffelpresse in ihnen versanken, aber ich stellte mir vor, dass sie fürchterliche Qualen erleiden mussten.

 

Später habe ich mir diesen schrecklichen Vorgang erklären können. Es handelte sich um ein harmloses Schattenspiel. Und vermutlich wurde mir und anderen, die wohl neu in die Gruppe gekommen waren, dies als Attraktion zur Begrüßung vorgeführt. Dummerweise durchschaute ich nicht, dass es sich um ein ganz ungefährliches Spiel handelte, bei dem alles einvernehmlich geschah und niemandem ein Leid widerfuhr. – Diese Illusion durch Theater habe ich nie vergessen. Und ich erinnerte mich ihrer, als ich viel später Bertolt Brechts Theatertheorie kennen lernte.

 

Ein anderes Erlebnis aus dem Kindergarten wirkte nicht weniger nachhaltig. Es muss im Frühjahr 1942 gewesen sein, ich war fast sechs Jahre alt. Eine Zeit, in der viel marschiert und angetreten wurde. Die SA (wenige alte Männer im Dorf, die nicht zum Militär eingezogen waren), die Feuerwehr (eine winzige Gruppe mit einer alten handbetriebenen Spritze), die Schulkinder und auch die Kindergartenkinder mussten bei allen möglichen Gelegenheiten antreten. Wenn wir aus dem Gruppenraum hinausgehen wollten, geschah das in Zweierreihe, genau so, wenn wir von draußen wieder ins Haus zurückkehrten. Dabei war genau festgelegt, wer neben wem zu stehen hatte. Vorne kamen die Jungen - dem Alter nach - dahinter die Mädchen, eine selbstverständliche, natürlich erscheinende Ordnung. Man musste sich paarweise an der Hand halten. Mit der Anweisung „Händchen halten“ begann für mich das Problem, denn der Junge neben mir, zu dem ich weiter keine Beziehung hatte, als dass er nur wenige Tage jünger war als ich und deshalb neben mich zu stehen kam, hatte sehr klebrige Hände. Ich ließ ihn deshalb sofort wieder los. Diese Reaktion provozierte die Betreuerin. Sie forderte mich auf, ihm wieder die Hand zu geben. Diesem Befehl kam ich zwar momentan nach, ließ aber ebenso schnell wieder los, denn die Hand war mir allzu eklig.

 

Meine wiederholte Weigerung zog sofort entschiedene Strafmaßnahmen nach sich. Ich bekam eine Ohrfeige. Ob ich nach dieser Züchtigung gehorcht habe, weiß ich nicht mehr. Ich zog andere Konsequenzen.

 

Am nächsten Tag ließ ich mir zwar von meiner Mutter das Kindergartentäschchen um den Hals hängen und trollte mich auch auf den Weg in den Kindergarten, doch kam ich dort nicht an. Zu meinem Glück wohnte nur fünfzig Meter vom Kindergarteneingang entfernt ein Onkel meiner Mutter mit seiner Familie, überaus nette Leute. Dort kehrte ich ein und blieb einfach so lange dort, bis ich die Kinder mittags aus dem Kindergarten kommen sah. Dann machte auch ich mich auf den Heimweg. Drei Tage lang haben meine Verwandten wohl meine Eigenmächtigkeit für sich behalten, danach wusste meine Mutter Bescheid. Nachdem ich ihr die Geschichte erzählt hatte, versuchte sie mich nicht länger in den Kindergarten zu schicken. Ich durfte daheimbleiben. 

 

Ein viertel oder halbes Jahr später bereute ich jedoch meine Schwänzerei, denn zur Entlassung aus dem Kindergarten erhielten alle Kinder als Geschenk ein buntes Bildchen, eine Oblate. Ich sah natürlich in die Röhre. Das ließ mich nicht kalt, denn 1942 war das Ding auf dem Dorf eine Kostbarkeit, zumindest erschien es mir so.

 

Mit dem Antreten war es nach dem Ende des Nationalsozialismus keineswegs vorbei. Ich erlebte es noch viele Jahre in der Schule am Ende der Pausen und im Sportunterricht.

  

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2. August 2021: Günter Wirtz - "Kneipe"

 

Kleine Tische

Zwei oder vier Stühle

Art Wiener Kaffeehaus

Aschenbecher Kerzen Gläser

 

Kleine runde Tische

Zum Stützen der Arme und Hände

Die führen zum Kinn

 

Der Blick schweift ab von dem Buch

Auf die runden Tische

Zwei Stühle

Zwei Personen

Lachen im Raum

 

 

 

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19. Juli 2021: Christine Zickmann – "Tom der Ballonfahrer" - Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

Das Heft ist online bei Hugendubel und Amazon erhältlich. Hier ist ein Link mit mehr Information:

https://www.elbaol-verlag-hamburg.de/verlagsprogramm/edition-lyrik/

 

 

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12. Juli 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Shalom Berlin"

 

Bereits seit 2 Stunden lag Jossif wach in seinem Bett. Heute musste er es seinen Eltern sagen. Sie hatten ihn zum Abendessen eingeladen. Es ihnen am Sabbat mitzuteilen, das brachte er nicht über’s Herz. Oder vielleicht doch per Telefon? Dann müsste er ihre Gesichter nicht sehen. Jossif machte die Nachttischlampe an, und sein erster Blick fiel auf seinen Koffer. Sein Freund Chaim, der schon einige Zeit in Berlin wohnte, hatte ihm ein paar Tipps gegeben, was wichtig wäre für einen längeren Aufenthalt in der Stadt. Chaim hatte ihm angeboten, dass er zunächst bei ihm wohnen könne, um von dort aus eine eigene Bleibe zu suchen.

Den Tag verbrachte Jossif am Strand, den würde er natürlich in Berlin vermissen. Am Abend fuhr er zum Haus seiner Eltern. Sie begrüßten ihn wie immer mit einer herzlichen Umarmung. „Ja, Jossi, Du bist ja heute so pünktlich, das kennen wir ja gar nicht von Dir!“ Die Mutter hatte „gefilte Fisch“ gekocht. Es schmeckte ihm vorzüglich. Nach dem Essen gab sich Jossif einen Ruck : „Ich möchte Euch etwas sagen. Ich weiß, dass Ihr es nicht gut finden werdet. Aber ich versichere Euch, dass es für mich sehr wichtig ist.“

„Sag bloß“, unterbrach ihn die Mutter, „Du willst diese Lea heiraten. Ich sage Dir, diese Frau tut Dir nicht gut!“ „Nein, nein, ich habe mich von ihr getrennt“, entgegnete Jossif. „Ich möchte mal einige Zeit im Ausland verbringen. Ihr wisst, dass mir hier in Israel vieles nicht gefällt, vor allen Dingen die politische Lage finde ich unerträglich!“

„Ja, dann engagiere Dich politisch, kämpfe für Deine Ansichten. Es geht doch nicht, dass viele Leute abhauen, nur weil ihnen alles nicht passt. Der Staat Israel hat viel für uns getan. Meinen Eltern hat er das Leben gerettet, falls Du das vergessen haben solltest.“ Jossifs Vater war hellauf empört und fügte nach kurzem Schweigen argwöhnisch hinzu : „Und jetzt sag bloß noch, Du willst nach Berlin gehen?“ „Genau das!“ antwortete Jossif.

Die Mutter stand wortlos auf, nahm Geschirr mit und verschwand in der Küche. Der Vater schwieg fassungslos. „Ich habe in Berlin sehr gute Möglichkeiten, ein Aufbaustudium zu machen und mich in meinem Beruf zu spezialisieren.“ 

„Und, womit willst Du das finanzieren?“ „Arbeitskräfte werden dort händeringend gesucht, z. B. im Pflegebereich, das habe ich ja hier auch schon gemacht.“

„Sag mal, ist Dir eigentlich klar, dass Du in das Land gehst, das die Vernichtung aller Juden beschlossen hatte? Okay, jetzt lebt dort inzwischen eine andere Generation, aber glaubst Du wirklich, die Deutschen haben sich geändert? Ich garantiere Dir, das sind nach wie vor Rassisten. Sie können es vielleicht besser verstecken, aber der Antisemitismus steckt bei denen noch tief drin!“ „Als ich vor einem Jahr in Berlin war, hat mir sehr imponiert, dass sich die Deutschen ihrer Vergangenheit stellen, überall Mahnmale, Museen, ständig Demonstrationen und Aktionen gegen Rassismus. Gibt es in den USA oder England oder Frankreich Gedenkstätten an die Verbrechen der Sklaverei? Nein, das wird da alles vertuscht und schöngeredet. Natürlich gibt es auch in Deutschland unverbesserliche Idioten, aber sobald die sich zu Wort melden, kommt sofort auf breiter Ebene Widerspruch.

 

Und - hier in Israel – da sind doch die Palästinenser auch Menschen 2. Klasse, wobei ich wirklich vieles ablehne, was die machen. Aber ich persönlich leide heute noch darunter, dass ich damals, als ich bei der Armee war, einen Palästinenser erschossen habe. Ich hätte den Befehl verweigern sollen. In Deutschland ist es übrigens möglich, dass die Männer den Militärdienst aus Gewissensgründen verweigern können und stattdessen soziale Dienste absolvieren. Wenn das hier in Israel sich jemand trauen würde, der müsste doch mit starken Konsequenzen rechnen und hätte null Chancen – außer natürlich die Orthodoxen, die kriegen ja immer eine Extrawurst gebraten.“

 

Der Vater entgegnete mit schneidender Stimme: „Es gehört sich auch so, dass man seine bedrohte Heimat bis zum letzten verteidigt. Da muss eben jeder mal Opfer bringen. Und immerhin hast Du eine Psychotherapie bezahlt bekommen, weil Du Dich ja nach der Armeezeit mit Drogen zudröhnen musstest. Hat etwa der Psychoklempner Dir den Floh ins Ohr gesetzt, dass Du jetzt nach Deutschland willst? Na, das wäre ja ein tolles Ergebnis von der ganzen Prozedur. Ich bin ja jetzt schon gespannt, was Du in Deutschland, wo ja offenbar Deiner Meinung nach alles besser ist, für Erfahrungen machst. Dein Gesicht möchte ich sehen, wenn Du wegen Deiner jüdischen Herkunft angegriffen wirst und Dir dumme Sprüche anhören musst. Und übrigens, nochmal was zu den Palästinensern – die müssen eben mal hart angepackt werden. Aber deswegen die Israelis und die Nazis gleichzusetzen, das ist ja wohl das Allerletzte. Und gerade in Europa wird das immer mal wieder gerne so gesehen.“

 

In diesem Moment betrat die Mutter das Zimmer. Sie hatte ein Fotoalbum in der Hand und legte es aufgeschlagen auf den Tisch. „Schau mal, das sind die Eltern und Großeltern meines Vaters – seine Geschwister und Vettern und Cousinen. Alle ermordet von diesen Verbrechern. Wenn sie ein Grab hätten, sie würden sich in ihm drehen, wenn sie wüssten, dass ihr Nachfahre freiwillig in das Land ihrer Mörder geht. Wenn Du schon ins Ausland willst, kann es dann nicht New York sein oder London oder meinetwegen Amsterdam? Aber das mit Berlin scheint ja wie eine Sucht zu sein. Die Tochter meiner Kollegin, der Sohn von unseren Nachbarn – beide in Berlin. Und wenn sie deutsche Vorfahren haben, dann lassen sie sich auch noch den deutschen Pass ausstellen.“ „Aber das ist doch wenigstens eine Art Wiedergutmachung, wenn die Nachkommen ohne Wenn und Aber wieder die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen können“ meinte Jossif.

 

Einen Monat später flog Jossif nach Berlin, auf der einen Seite bekümmert über die ablehnende Haltung seiner Eltern, auf der anderen Seite aber voller Vorfreude auf eine aufregende Zeit. In den folgenden Monaten war er fasziniert von den Menschen aus aller Welt, die hier zusammen arbeiteten und feierten. Er lernte nette Freunde kennen, auch zwei Frauen, wobei er sich noch nicht entschieden hatte, mit welcher er eine engere Beziehung eingehen wollte. Die eine kam ebenfalls aus Israel, war von ihrer orthodoxen Familie geflohen, die ihr nicht verzieh, daß sie sich von ihrem Mann getrennt hatte und nun jeden Kontakt mit ihr ablehnte. Die andere war eine junge Deutsche, die ihm gestand, dass ihr Großvater überzeugter Nazi war. Sie selbst arbeitete neben ihrem Studium in einem jüdischen Altersheim, in dem auch Jossif tätig war. Mit seinem geplanten Studium hatte es noch nicht geklappt. Er hatte zunächst einmal Intensivkurse in deutscher Sprache belegt. Und er musste seinem Vater teilweise recht geben: Er selbst hatte zwar noch keine Erfahrungen mit antisemitischen Einstellungen gemacht. Aber er hörte von Angriffen von Seiten deutscher und arabischer Rassisten. 

 

Nach einem halben Jahr besuchten ihn sogar seine Eltern. Lockmittel war ein Klezmerkonzert eines jiddischen Chores, bei dem er Mitglied war. Bei dieser traditionellen Musik hatte Jossif in Israel immer die Augen verdreht. In Berlin hatte er den Leiter der Gruppe, der aus der Ukraine stammte, kennengelernt. Ein Musiker der Klezmerband bot ihm Klarinettenunterricht an, wofür er jetzt mit Feuereifer übte. Bei den Aufführungen erlebte er, mit welcher Begeisterung das deutsche Publikum bei der Sache war. Die Eltern waren nicht nur überrascht über sein Engagement für diese jüdische Tradition, sondern auch darüber, dass er hin und wieder in eine Synagoge ging. Es war allerdings eine liberale Gemeinde mit einer Rabbinerin. In Israel war ihm das religiöse Leben, speziell das der orthodoxen Juden, gehörig auf die Nerven gegangen.

 

Als Jossif seine Eltern nach einer ereignisreichen Woche wieder zum Flughafen brachte, war er sehr froh, dass sie nicht so reagiert hatten wie die Eltern seiner israelischen Freundin. Übrigens waren nicht nur sie von ihm überrascht, sondern auch er von ihnen. Während ihres Aufenthaltes stellte sich plötzlich heraus, dass sein Vater Deutsch sprechen konnte. Davon hatte Jossif keine Ahnung gehabt. 

 

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5. Juli 2021: Horst Wolcke - "Der Schwarzstorch"

 

Der Schwarzstorch  -   wie aus dem weissen Storch ein Schwarzstorch wurde   -  Verse  für  Groß  und  Klein

 

Ein  Storch  schaut  sich  im  Spiegel  an  -

ihn  stört  das  Schwarz  an  seinen  Schwingen

„ ich  wünsche  mir das  Weiß  vom  Schwan ! “  -

doch  wollte  er vor  allen  Dingen

 

der  Schönste  unter  Störchen  sein

mit  feinstem  Weißgefieder  -

die  Flügel  weiß  und  blütenrein

seh´ er  sich  gern  im  Spiegel  wieder .

 

Das  konnt´  den  Schwan  nicht  überzeugen  

 - er  gäb´ sein  Weiß  für  niemand  her  -

„ bleib du  wie´s  einem  Storch  zu  eigen ! - 

mit  Weiß  und  Schwarz  seit  Alters her  -

 

beklage  nicht  -  von  Neid  geplagt  -

was  andern  Störchen  stets  behagt  ,

ich  zünd´ dir  sonst  im  Kämmerlein

mit  langem  Docht  ein  Kerzelein ,

auf  dass  der  Ruß  der  Kerze

für  immer  dich  dann  schwärze “ . 

 

Der  Storch  mit  solchen  Plänen

und  seiner  Uneinsichtigkeit

ging mit  den  Wünschen  wohl  zu  weit .

Bleibt  nur  am  Ende  zu  erwähnen

dass  mit  der  Schwärze  hinterher

er  auch  kein  Babybringer  mehr  .

 

 

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28. Juni 2021: Dieter Weiß - "Mein erster N"

 

Vor ein paar Jahren hätte mit diesem Titel niemand etwas anzufangen gewusst. 

 

Würde ich den Titel so schreiben wie ich ihn im Sinn habe und irgendwo im Internet ablegen, dann würde ich mir womöglich einen Scheißsturm (pfui Teufel, das sagt man nicht!) zuziehen. 

 

Sagt man nicht, aber Gugel findet für Scheißsturm immerhin 8.280 Ergebnisse in 0,27 Sekunden. Natürlich kam mir erst der englische Ausdruck in den Sinn. Aber ich will ja nicht unnötigerweise englische Ausdrücke verwenden (Anglizismen sind out!). Allerdings wäre ich damit auf der Gewinnerseite gewesen: 2.280.000 Ergebnisse in 0,35 Sekunden.

 

Merkst du, wie ich abschweife?

 

Früher wäre mir das Abschweifen unangenehm gewesen. Aber jetzt bin ich schon lange im Ruhestand; da kann ich mir das leisten - - - und sogar Spaß daran haben. Mit dem Alter lässt das Gedächtnis etwas nach, aber in glücklichen Augenblicken finde ich auch den Weg von der Abschweifung wieder zurück.

 

Was wollte ich sagen? Ach ja, mein erster N. (schon wieder ein glücklicher Augenblick! Man muss nur ein Gespür dafür haben). Es war Nacht, und wir standen auf einem Bahnsteig zwischen zwei Gleisen. Ich war noch ziemlich klein, meine mich aber genau an die Situation zu erinnern. Nun ist es ja so mit Erinnerungen aus der frühen Kindheit, dass sie eigentlich nicht echt sind, sondern dass die Geschichten von den Eltern so oft erzählt wurden, dass man irgendwann meint, sich echt daran zu erinnern. Aber in diesem Fall ist es so, dass diese Geschichte nie mehr erzählt wurde, so dass ich eigentlich sicher bin, mich echt daran zu erinnern. Und genau genommen war es auch keine Geschichte, sondern nur die Situation, an die ich mich erinnere. 

 

Also, wir standen auf dem Bahnsteig und warteten auf unseren Zug. Damals fuhren wir viel mit der Bahn, denn ein eigenes Auto war noch in weiterer Ferne. Und zwei- bis dreimal umsteigen war auch bei einer gar nicht so weiten Reise damals nicht ungewöhnlich. Wenn ich jetzt sagen soll, welcher Bahnhof das war, dann werde ich doch ein bisschen unsicher. Wahrscheinlich war es der Bahnhof von S., denn dort mussten wir am häufigsten umsteigen, und diese Geschichte erzählt sich so auch schöner als mit irgendeinem andern Bahnhof. Und wenn das stimmt, dann warteten wir jedenfalls auf den Balkan-Express. 

 

Dieser Name war mir als Kind ganz geläufig, lange bevor ich etwas von der großen europäischen Halbinsel wusste. Und als ich kürzlich beim Aufschreiben dieser Geschichte war, habe ich spaßhalber mal den Begriff Balkan-Express gegugelt. Wikipedia sagt dazu: „Im Volksmund wurde dieser Name auch für einige Eisenbahnstrecken innerhalb Deutschlands übernommen“. Und meine bzw. unsere Bahn wird dort auch genannt und in weiterführenden Artikeln ganz genau beschrieben. Sie führte von S. nach B., wo sie abrupt vor einem steilen Berghang endete.

 

Dort standen wir also im Dunkeln und warteten auf den Zug. Aber bevor ich weiter erzähle, sollte ich noch erwähnen, dass mir Wikipedia in diesem Zusammenhang wieder etwas ganz Interessantes in Erinnerung gerufen hat. Die Bahnstrecke wurde nämlich nicht nur für den Personenverkehr gebaut, sondern auch für zwei Bergwerke. Und das Besondere: Es handelte sich nicht um Eisenerzgruben wie meistens in unserer Gegend, sondern um Tongruben. Dieser Ton hatte eine so hohe Qualität, dass es sich lohnte, ihn im Untertagebau zu gewinnen. Ich erwähne das, weil ich an eins dieser Bergwerke eine ganz besondere Erinnerung habe. An einem Sonntag kamen meine Eltern und ich auf einem Waldspaziergang zu dieser “Grube Wohlfeil“.  Mein Vater sagte: „Vielleicht können wir da ja mal rein. Ich will mal fragen“. Und tatsächlich ließ uns der einzige Bergmann, der am Sonntag dort Aufsicht führte, im Förderkorb in den Schacht hinunter fahren, wo wir ein paar Schritte in den Stollen gingen und dann wieder ans Tageslicht geholt wurden. 

 

So etwas wäre heute völlig undenkbar. Nun muss ich aber dazu sagen, dass mein Vater damals als Elektroinstallateur arbeitete und eine Zeitlang in der Grube Leitungen gelegt hatte. Er kannte also den Mann ganz gut, aber trotzdem . . .

 

Wir standen also auf dem Bahnsteig und warteten auf unseren Zug. Ob außer meinen Eltern, mir und dem großen unbekannten Mann, der mir genau gegenüber stand, noch andere Personen dabei waren, weiß ich nicht mehr. Er lächelte mich freundlich an und ich erinnere mich an seine strahlend weißen Zähne in dem pechschwarzen Gesicht. 

 

 

Und auf den Boden, genau zwischen uns, hatte er für mich eine Apfelsine gelegt.

 

 

 

 

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21. Juni 2021: Johannes Eucker - "Zauber der Erinnerung - Als Pallieter im Pflaumenbaum "

 

Als ich Jahrzehnte später das Buch Pallieter las und darin die Szene fand, in der dieser auf einen Kirschbaum stieg, die frischen Früchte genoss und seine Lebenslust singend zum Ausdruck brachte (war es wirklich so beschrieben in dem Buch?), da erinnerte ich mich an den Pflaumenbaum. Er stand nicht mitten im Garten wie jener Baum der Versuchung, aber wenn ich in ihm saß, erlebte ich Paradiesesfreuden. Ich fühlte mich eins mit mir und meiner Umwelt. Die Pflaumen (man nannte sie im Dialekt Pramme) waren in jenen Jahren nach dem Krieg und in diesem Dorf eine seltene Kostbarkeit. Sie waren früher reif als die Zwetschgen und wesentlich süßer. Der Baum hing reichlich voll und meine Verwandten ließen mich stillschweigend davon essen so viel ich wollte. Wohlschmeckendes im Überfluss! Und das in der kargen Nachkriegszeit. 

 

Ein bisschen weniger unschuldig fühlte ich mich und ein bisschen mehr auf Abwegen war ich, wenn ich in die so genannte Speisekammer stieg, eigentlich eher schlich, wenn niemand in der Nähe war und den Rahm von der Milch schöpfte, die dort in irdenen Gefäßen stand, damit sich der Rahm oben absetzte und man ihn zum Buttern gewinnen konnte. Diesen Rahm naschte ich, wohl wissend, dass dann meine Tante das heimliche Buttern würde verschieben müssen. Zwar schöpfte ich nie allen Rahm ab und meine Tante sagte auch nie ein Sterbenswörtchen darüber, aber sie hat es mit Sicherheit gemerkt und als Schöpfer, Abschöpfer, kam nur ich  infrage. 

 

Zum Luxus in der armen Zeit, als Leute aus dem Ruhrgebiet mit Zügen angereist kamen, um an den Haustüren der Bauern alle möglichen Gegenstände, die Städter bereits hatten, Bauern aber noch nicht, nun umtauschen zu wollen gegen Lebensmittel, gehörten auch die riesigen mit dicker Butter und Mus belegten Brote, die mir meine Tante schmierte. Die pallietersche Dimension dieser Brote kann heut kaum einer ermessen, denn die Schnitten stammten von jenen riesigen selbstgebackenen Bauernbroten aus Sauerteig und Roggenmehl, die über fünf Pfund wogen. Gesteigert werden konnte dieses paradiesische Gefühl des Überflusses noch durch einen zentimeterdicken Belag aus selbst gemachtem Kochkäse statt Mus.

 

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7. Juni 2021: Christine Zickmann – "Der Honigdieb" - Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

Das Heft ist online bei Hugendubel und Amazon erhältlich. Hier ist ein Link mit mehr Information:

https://www.elbaol-verlag-hamburg.de/verlagsprogramm/edition-lyrik/

 

 

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31. Mai 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Shalom Israel (2018)"

 

Noah saß in der Aula seiner Schule in Frankfurt am Main neben seinen Klassenkameraden. Der Direktor hielt gerade eine Rede und gratulierte ihnen zum bestandenen Abitur. Es war viel von Zukunft die Rede, von Erfolg, von Lebenszufriedenheit. Noah hatte sich extra eine neue Kippa schneidern lassen. Seine Abiturskippa nannte er sie insgeheim. Auf dem Weg zur Aula spürte er die Blicke der Eltern seiner Schulkameraden auf sich gerichtet. Er kannte diese Art der Blicke schon. Ein kurzes Erstarren der Gesichtszüge, ein leichtes Öffnen des Mundes, dann ein plötzliches Wegdrehen des Kopfes, gefolgt von einem Kramen in der Handtasche bei Frauen, dem Öffnen oder Schließen der Jacke bei Männern, ein Kratzen am Kopf, ein Griff in die Haare, um sie zu ordnen, danach oft ein wiederholter und verstohlener Blick zu ihm. In dem Psychologiekurs, den er an der Volkshochschule belegt hatte, nannte ihm die Kursleiterin die Bezeichnung für ein solches Verhalten : Übersprunghandlung, die dazu diente, einen Moment der Verlegenheit zu überspielen. Manchmal amüsierte ihn dieses Gebaren, dann wieder war er kurz davor, die Leute anzufahren und ihnen entgegenzuschleudern : „Hallo, noch nie jemand mit Kippa gesehen? Glotz woanders hin!“

 

Im Nachhinein nahm er seinen Eltern übel, dass sie ihn nicht in eine jüdische Schule geschickt hatten. Aber sie betonten, dass sie es für wichtig hielten, dass er mit Kindern der Mehrheitsgesellschaft aufwuchs und nicht in einem Ghetto. Und Noah musste zugeben, dass er es an seine Schule gut gehabt hatte. Mit Ausnahme von zwei türkischen Klassenkameraden, die ab und zu über Israel ablästerten, fühlte er sich von den anderen Mitschülern anerkannt. Und was die beiden über Israel sagten, war ja nicht in allem falsch. Wie die Israelis mit den Palästinensern umgingen, fand er auch nicht so gut. Einer von den beiden Klassenkollegen hatten ihn sogar schon öfters zu sich nach Hause eingeladen, die Familienatmosphäre war dort sehr herzlich. Auch die Lehrer behandelten ihn korrekt. Manchmal hatte er sogar den Eindruck, dass er sich respektlose Fragen erlauben konnte, auf die sie mit mehr Geduld und Interesse eingingen, als es bei seinen Klassenkameraden der Fall gewesen wäre.  Aber trotz allem hatte er sich manchmal gewünscht, so zu sein wie die anderen, nicht vieles erklären zu müssen, mal kein Außenseiter zu sein.

 

Nach der offiziellen Abiturfeier und vor der großen Fete mit seinen Schulkollegen gingen seine Eltern mit ihm essen. Sie waren sehr bewegt und stolz auf ihren Sohn. Leider kam die Mutter, als gerade der Nachtisch gebracht wurde, wieder auf ein leidiges Thema zu sprechen : seine berufliche Zukunft.

 

„Auch wenn Du noch nicht weißt, was genau Du beruflich machen willst, fänden wir es auf keinen Fall gut, wenn Du die Zeit jetzt nur verbummelst. Wir bitten Dich also sehr : Informiere Dich, lass Dich beraten, mache einen Berufseignungstest, was auch immer, damit Du eine Perspektive hast!“

 

Noah zog entnervt die Augenbrauen hoch. Ihm war gerade etwas nach Provokation zumute, und so warf er ins Gespräch : „Und was würdet ihr dazu sagen, wenn ich nach Israel ginge?“, wohlwissend, dass seine Eltern bei allem Respekt für Israel doch meist kein gutes Haar an dem Land ließen, angefangen von der politischen Lage und dem ihrer Meinung zu großen Einfluss der orthodoxen Juden. Zu seiner Überraschung reagierten seine Eltern nach kurzem Schweigen durchaus nicht ablehnend. Der Vater meinte : „Na gut, so eine Erfahrung, z. B. im Kibbuz, ist bestimmt nicht schlecht. Und der Onkel Arik hat einen Freund in Haifa, bei dem könntest Du vielleicht erst mal unterkommen.“ Die Mutter schloss sich an : „Bei der Situation, wie sie im Moment in Europa herrscht, kann es nur von Nutzen sein, 2 Heimatländer zu haben. Und auch hier in Deutschland passieren ja Dinge, die man bisher nicht für möglich gehalten hätte.“

Die nächsten Tage verbrachte Noah viel am Computer und ging alle Portale im Internet durch, die sich mit Erfahrungen von jungen Leuten mit Israel beschäftigten. Eines Abends rief sein Onkel Arik an und berichtete ihm, dass sein Freund und dessen Familie sich freuen würden, wenn Noah zu ihnen käme. Sie hätten ein größeres Haus, die eigenen Kinder wären schon erwachsen, es gäbe also genügend Platz für ihn.

Noah freundete sich zunehmend mit der Idee an, nach Israel zu fahren. Er holte seine Hebräisch-Lehrbücher hervor, die er von einem Sprachkurs noch hatte und befasste sich in einem Internetprogramm mit der korrekten Aussprache. Am Tag vor der Abreise gesellten sich immer wieder seine Eltern zu ihm und versahen ihn mit Ratschlägen und Hinweisen.

 

„Lass Dich ja nicht von diesen Ultraorthodoxen beeinflussen! Die Art, wie die leben, hat schon Sektencharakter. Vergiss nicht, dass Du in einem liberalen Elternhaus aufgewachsen bist.“ „Falls es einen Raketenangriff gibt, befolge die Richtlinien der Einheimischen!“

 

Auf dem Hinflug saß er neben einem Israeli, der ihm kurz vor der Landung die Hände schüttelte : „Willkommen in Deiner eigentlichen Heimat. Jetzt hast Du die Diaspora hinter Dir gelassen!“ In den ersten Tagen zeigten ihm seine Gasteltern die Stadt Haifa. Er genoss es in vollen Zügen, dass niemand ihn anstarrte, wenn er eine Kippa trug, und er kaufte sich einen besonders großen Davidsternanhänger. Er besorgte sich sogar einen großen schwarzen Hut.

 

Seine Gasteltern stellten ihn ihrer Familie und ihren Freunden vor, und er wurde überall herzlich empfangen. Als er Gast bei einer Hochzeitsfeier war und alle gemeinsam tanzten, fühlte er sich so glücklich wie schon lange nicht mehr. Es war dieses selbstverständliche Zugehörigkeitsgefühl, das er so oft in Deutschland vermisst hatte.

 

Am Strand lernte er eine Clique von jungen Leuten kennen. Eines der Mädchen fragte ihn herausfordernd, woher er denn käme. Als er antwortete : „Aus Deutschland“, entgegnete sie : „Hab ich mir doch gleich gedacht. Ein Jecke. Wie kann man denn nur als Jude in Deutschland leben!“ Ein betretenes Schweigen machte sich in der Gruppe breit. Schließlich sagte einer aus der Gruppe : „Da kann doch der Noah nichts dafür, dass seine Eltern in Deutschland leben und er dort geboren wurde.. So war es doch, oder?“ Noah nickte und erzählte lieber nicht, warum seine Großeltern aus Israel nach Deutschland kamen : Sie wollten ihren Kindern den Militärdienst in Israel ersparen. Als der Großteil der Gruppe ins Meer zum Baden ging, nahm Ephraim, so hieß der junge Mann, der ihn verteidigt hatte, ihn zur Seite und sagte : „Und nächstes Mal, wenn Du gefragt wirst, wo Du herkommst, sagst Du einfach : aus Marokko. Dann gibt es keine Schwierigkeiten.“ Obwohl diese Notlüge ihm total gegen den Strich ging, wendete er sie bei den nächsten Nachfragen an. Es ging Noah durch den Kopf, wie in Deutschland manche Leute reagierten, wenn herauskam, dass er Jude war. Aus einem eben noch lockeren und entspannten Gespräch entwickelte sich zusehends eine verkrampfte Atmosphäre. Die Gesprächspartner berichteten unaufgefordert von ihren Großeltern, die sich angeblich in der Nazizeit für Juden eingesetzt hätten. Oder ihre Stimme wurde 

mitleidsvoll : „Deine Großeltern haben bestimmt schreckliche Dinge erlebt.“ Andere schilderten, was sie besonders gut an Juden fänden, oder begannen, jüdische Witze zu erzählen. Das führte oft dazu, dass er den Kontakt abbrach und immer häufiger dazu tendierte, seine jüdische Herkunft zu verschweigen.

 

Besonders begeistert war Noah von Tel Aviv. Die Mischung aus Strand, tollen Lokalen und einer großen Musikszene hatte es ihm angetan.

 

Eines Tages fiel ihm dort eine Gruppe von Frauen auf, die Plakate hochhielten, auf denen Texte standen wie : „Schützt unsere Söhne vor der Beschneidung!“ Auf einem der Plakate war ein überdimensionales Beschneidungsmesser abgebildet, das mit einem roten Balken durchgestrichen war. Noah nahm einen der Flyer, auf denen eine Frau schilderte, wie schrecklich sie die Beschneidung ihres Sohnes erlebt hatte, vor allen Dingen, weil diese unsachgemäß ausgeführt wurde, so dass ihr Sohn immer wieder Schmerzen und Beschwerden beim Wasserlassen hatte. Eine der Frauen sprach ihn an :“Na, und wie ist es mit Dir? Fändest Du es nicht auch besser, wenn bei Dir alles komplett wäre, als so amputiert zu sein?“ „Ich kenne es nicht anders“, antwortete Noah wahrheitsgemäß. Er erinnerte sich an einen türkischen Schulkameraden aus der Parallelklasse, der als 7-jähriger in ein Krankenhaus gebracht und ihm gesagt wurde, er würde wegen seiner häufigen Halsentzündungen an den Mandeln operiert werden. Als er aus der Narkose aufwachte, hatte er schreckliche Schmerzen und einen großen Verband an einer ganz anderen Stelle seines Körpers. Auch die vielen Geschenke zu seinem Beschneidungsfest konnten dieses Trauma nicht mehr wettmachen.

 

Plötzlich kamen zwei Männer auf die Frauengruppe zu und begannen zu schimpfen : „Ihr Schlampen, geht nach Hause und kümmert Euch besser um Eure Kinder und den Haushalt als hier dumm rumzustehen und unsere Traditionen zu beleidigen.“ Daraufhin ging die couragierteste der Frauen auf die Männer zu und rief : „Wir haben nichts dagegen, wenn sich erwachsene Männer dazu entschließen, sich beschneiden zu lassen. Aber nein, den kleinen Kindern, die sich nicht wehren können, wird dieser Schmerz zugefügt. Ich will mal Euer Gesicht sehen, wenn die Rabbiner an Euren wertvollen Teilen herumschnippeln wollten. Ich wette, Ihr würdet das Weite suchen!“

 

Die Männer machten eine wegwerfende Handbewegung und entfernten sich. Eine der Frauen, die schwanger war, rief aus : „Da kann sich mein Mann auf den Kopf stellen : Wenn mein nächstes Kind ein Junge wird, der wird nicht beschnitten!“ Noah kam nicht umhin, die Frauen wegen ihres Mutes aus tiefstem Herzen zu bewundern.

Nach ein paar Wochen lernte Noah in einer Diskothek eine junge Deutsche kennen. Am nächsten Tag trafen sie sich wieder und unterhielten sich stundenlang. Sie arbeitete in ihren Schulferien in einem Altersheim in Haifa und betreute dort mehrere alte Menschen. Einmal nahm sie ihn mit und stellte ihn einer sehr alten Dame vor, die den beiden ein Album mit Familienfotos zeigte. Noah musste sich eingestehen, dass die Gespräche auf Deutsch mit Kerstin sich sehr heimatlich anfühlten. Und er spürte, dass er sich auf 2 Identitäten einstellen musste und dass das aber eine Bereicherung für sein Leben sein könnte. Ihm fiel eine Bemerkung seiner Tante Shule ein : „Auch wenn es oft kränkend und schwierig ist, ein Außenseiter zu sein, es bringt auch Vorteile. Du bist unabhängiger in Deinem Urteil. Du bist nicht so darauf angewiesen, von anderen anerkannt zu werden und kannst genau das machen, was Dir Freude bereitet und wichtig für Dich ist.“

 

 

 

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24. Mai 2021: Günter Wirtz

"Französischer Ausstausch "

 

Gestern Abend haben mich die ehemaligen Kollegen zu dem gemeinsamen Essen mit den französischen Austauschlehrern ins Gasthaus eingeladen. Ich bin der Einladung gerne gefolgt, bin ich selbst doch lange Jahre verantwortlich für den Schüleraustausch mit der südfranzösischen Partnerschule gewesen. Viele, nein, die meisten Kontakte zur ehemaligen Schule brechen ab, zuerst zu den Schülern. Im Mailadressbuch sind noch die Namen weniger Kollegen, die man vielleicht einmal im Jahr bei einer Veranstaltung wiedersieht – oder auch nicht.

 

Schüleraustausch mit Frankreich – zwei Schulen. Zehnmal oder häufiger in der Auvergne, zehnmal oder häufiger in der Provence. Zum einen diese kühle, karge Landschaft mit den gedrungenen romanischen Kirchen, mit den einsamen, schmucklosen Dörfern, dann die mistralgebeugten Hecken um den windumtosten Ventoux, beziehungsweise die Provence von Avignon, Arles und Les Baux. 

 

Beides liegt jetzt Jahre zurück.

 

Am Tisch sitzen drei französische Kollegen, zwei altbekannte, junge Männer und wie jedes Jahr eine neue weibliche Begleitperson, dann vier deutsche Lehrer, eine Neue kenne ich nicht. Es geht viel um den diesjährigen Austausch, die Projekte, die Fahrten, die Pannen, die freundlichen Schüler, die zu spät kommenden Schüler, die unzufriedenen Schüler, die Freuden und die Unzulänglichkeiten – Schüleraustausch mit 30 oder 35 Pubertierenden.

 

Mein erster Austausch, vor beinahe 40 Jahren. Ein Ort in Zentralfrankreich, irgendwo weitab jedweder Autobahn oder ‚route nationale‘, eine Fahrt ins Ungewisse, aufgeregte Schüler, 14jährige, 15jährige, 16jährige. Neuland, mit Projektarbeit, vielen Gesprächen, vielen Freundlichkeiten – vor beinahe 40 Jahren.

 

Heute sitze ich dabei, freue mich über die Einladung. Es ist alles so weit weg, die Gespräche, die Projekte. Nach dem Essen noch kurz den Platz an der langen Tafel gewechselt, bei den drei Franzosen gesessen, was machen die Kinder, endlich eine Versetzung in Aussicht, kommt ihr wieder? Dann breche ich auf, im Auto eine Brel-CD. Den kennen auch die jungen Franzosen.

 

 

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17. Mai 2021: Johannes Eucker

"WESHALB MENSCHEN NACH BERLIN REISEN "

Dieses Gedicht entstand in den frühen 1980er Jahren als die Stadt noch geteilt war.

WEIL Berlin die ehemalige Reichshauptstadt ist

weil Berlin die größte deutsche Großstadt ist

weil Berlin geteilt ist

weil Berlin ein Vorort Moskaus ist

weil Berlin so kaputt ist

AUS Solidarität mit den Berlinern!

 

AUS persönlichen Gründen

aus wirtschaftlichen Gründen

aus politischen Gründen

aus Tradition

aus innerer Notwendigkeit

WEGEN der alternativen Szene!

 

WEGEN der Gedächtniskirche

wegen Hertha BSC

wegen der Berliner Luft

wegen Nofretete

wegen der Berliner Türken

WEIL Berlin gut tut!

 

WEIL die Berlinwerbung so verlockend ist

weil die Bundesregierung es gern hat

weil der Ausflug bezuschußt wird

weil der Transitweg so aufregend ist

weil die Hausbesetzer so sympathisch sind

UM sich zu bilden!

 

UM die Berliner zu erfreuen

um billig nach Griechenland zu fliegen

um Punker life zu sehen

um die Berlinförderung zu realisieren

um einen Koffer abzuholen

WEIL sie noch nicht da waren!

 

WEIL sie den Alex sehen möchten

weil sie mit Udo nach Pankow fahren möchten

weil sie mit Drogen handeln wollen

weil sie mal Berliner waren

weil Berlin so schön weit weg ist

UM Berliner kennenzulernen!

 

UM eine Türkeireise zu sparen

um einen Trip in die deutsche Geschichte zu machen

um einmal an der Mauer gestanden zu haben

um das sowjetische Ehrenmal zu sehen

um in Erinnerung zu schwelgen

 

WEIL Berlin die Reichshauptstadt war!

 

 

 

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10. Mai 2021: Christine Zickmann - "Begegnung"

 

Sein Lächeln traf mich strahlend hell

Wie Sonnenblitzen im April,

durchdringend, wärmend, ja fast grell,

als wenn es Schwerter schmelzen will.

 

Die Zähne leuchtend weiß wie Schnee

Zwei große, runde Augen schau’n,

-mein Herz hupft staunend in die Höh‘-

Aus einem Antlitz schokobraun.

 

Der Mützenschirm nach links gestellt,

darunter kraust tiefschwarze Nacht.

Den Frohsinn sprüht er in die Welt

Und abermals hat’s Hupf gemacht.

 

Das Müllauto ruckt wieder an,

Kurz winkt mir eine Schokohand,

dass ich nun weiterfahren kann.

Die Sonne Afrikas entschwand.

 

In meinem Herzen ist geblieben

Ein schwarzes, strahlendes Gesicht. 

Aus seinem Land ward er vertrieben.

Den Mut vertrieben sie ihm nicht.

 

Mir Muffel in Konsum gebadet

Und ohne Zähne weiß wie Schnee

Befürchten wir, dass Lächeln schadet?

 

Versuchen wir’s. Es tut nicht weh.

 

 

 

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3. Mai 2021: Horst Wolcke - "Die Gerüchte-Küche"

 

              Was   regt   sich  da  mit   lautem   Ton  

              es   klopft   und   schabt  und   reibet  -

              mit   scharfem   Messer   schneidet 

              ein   Pferdefuß  den   Braten   schon .

 

              Es   zischt   aus   Wasserkochern

              die   auf   den   Öfen   stehn

              und   in   den   Suppen   stochern

              im   Dunst    die  Märchenfeen .

 

              Es   duftet   wie   nach   Pfirsich

              und   riecht   nach    Terpentin 

              und   mancher  Topf , der  schiebt  sich

              von   selbst   zur  Seite  hin

              so  wie   von   Zauberhand   und   doch  -

              in   allen   Töpfen   rührt   ein   Koch  -

 

              und   macht  ein  Duftgewedel , 

              das   durch  die  Ritzen  zieht

              rundum  ist nur noch Nebel

              dass   niemand  klar  mehr  sieht .

 

             Hier  kocht  man  die  Gerichte 

             aus   einer   Schelmenwelt

             und   fälscht   damit   Geschichte ,  

             die  man  für  Wahres   hält .

 

 

 

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26. April 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Du sollst Deine Eltern ehren, aber wenn sie Dich schlecht behandeln, sollst Du Dich wehren (1918)"

 

Margarethe ging mit zügigen Schritten zur Pferdekoppel und freute sich, als die Pferde sofort angetrabt kamen, weil sie wussten, dass sie jetzt gestreichelt wurden und ein paar Möhren bekamen, die Margarethe in der Hand hielt. Sie war froh, dass sie der niedergedrückten Stimmung im Haus einmal für kurze Zeit entrinnen konnte. Ihr Vater hing wie eine Klette an ihr und forderte ständige Aufmerksamkeit, wofür sie durchaus Verständnis hatte. Seine andere Tochter war vor einem Monat wenige Tage nach der Geburt ihres ersten Kindes gestorben, zwei seiner Söhne im Krieg gefallen, ein anderer Sohn vor vier Jahren von der Tuberkulose dahingerafft. Von seiner Frau ließ er sich nicht trösten; es war seine 2. Ehefrau, nachdem die Mutter seiner Kinder ebenfalls an Tuberkulose gestorben war, als Margarethe gerade drei Jahre alt war. Bei den Mahlzeiten saßen alle mit versteinertem Gesicht am Tisch, auch Arnold, der Schwiegersohn, der zum Witwer geworden war. Margarethe spürte als einzige überlebende Tochter eine große Verantwortung auf sich lasten. Sie versuchte, den Vater mit dem Erzählen von kleinen Begebenheiten, z. B. von der kleinen Enkeltochter, aufzumuntern.

 

Als Margarethe zum Gutshaus zurückkehrte und noch einmal nach ihrer kleinen Nichte schauen wollte, die ansonsten von einer Amme versorgt wurde, erschien der Vater in der Haustür. „Ja, Grethe, wo bist Du denn die ganze Zeit gewesen? Bitte komm‘ jetzt mal gleich ins Büro, ich muss etwas mit Dir besprechen!“ Margarethe folgte ihrem Vater mit einem unguten Gefühl, das sich noch verstärkte, als sie ihm gegenüber am Schreibtisch saß und er mit seiner Faust auf die Tischplatte trommelte.

 

„Grethe, wie Du weißt, liegen schwere Zeiten hinter uns und vielleicht noch schlimmere Zeiten vor uns. Der Krieg dauert an. Wir müssen uns jetzt Gedanken machen, wie unser Gut in Zukunft bewirtschaftet werden soll. Noch kann ich das bewerkstelligen, aber mit meiner Gesundheit steht es nicht zum Besten. Du bist jetzt 25 Jahre alt. Zu einer Heirat hast Du Dich bisher nicht entschließen können. Und da ist dann noch das kleine Hannchen als Halbwaise. Ich denke, dass es für alle das Beste ist, wenn Du Arnold heiratest, selbstverständlich nach einer angemessenen Trauerzeit. Aber Du solltest Dich jetzt schon einmal darauf vorbereiten. Es hätte viele Vorteile, Du wärst versorgt, Hannchen wäre versorgt, und das Gut bleibt in einer Hand. Du weißt ja, dass ich in einer ähnlichen Lage war, als Deine liebe Mutter starb, und ich dann einige Zeit später ihre Schwester geheiratet habe. Und das war eine Entscheidung, die ich bisher nicht bereut habe!“

 

Margarethe war starr vor Entsetzen. Aber obwohl sie den Jähzorn ihres Vaters fürchtete, entschloss sie sich doch dazu, ihm zu widersprechen: „Ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Stiefmutter glücklich ist. Sie wurde damals vermutlich genauso unter Druck gesetzt, wie Du es jetzt mit mir machst. Und Du weißt ganz genau, dass Arnold mir zuwider ist. Ich gehe ihm aus dem Weg, wo ich nur kann. Er ist arrogant und hat keine Herzenswärme.“

 

Zu Margarethes Erstaunen bekam ihr Vater keinen Wutausbruch, wie es sonst bei ähnlichen Situationen der Fall war, sondern er reagierte relativ ruhig: „Das Leben ist nun mal kein Kitschroman. Ich möchte an Dein Pflichtgefühl appellieren, speziell, was das kleine Hannchen betrifft. Ich habe Deine Stiefmutter geheiratet, damit ihr Kinder eine Mutter hattet. Und ich möchte mir ein für alle Mal verbitten, dass Du irgendwelche Kommentare zu meinem Leben oder dem Deiner Stiefmutter abgibst. Das steht Dir als Tochter nicht zu! Also, Du weißt jetzt, was ich von Dir erwarte. Du bist sehr geschickt im Umgang mit Menschen. Und so traue ich Dir auch zu, dass Du mit Arnold eine Basis findest, um mit ihm ein gemeinsames Leben aufzubauen.“ Der Vater wies mit der Hand zur Tür. „Ich habe noch zu tun. Wir sehen uns nachher beim Essen.“

 

Margarethe ging auf ihr Zimmer, setzte sich an ihren Schreibtisch und legte ihre Stirn auf ihre Arme. Wie konnte ihr Vater ihr nur so etwas antun? Sie überlegte hin und her, ob sie ihm noch etwas anderes hätte sagen sollen, was gegen eine Ehe mit Arnold sprechen würde, eine Information, die sie von ihrem Hausmädchen unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfahren hatte: dass nämlich ihre Schwester von Arnold mit Syphilis angesteckt worden war, was u. U. auch zu ihrem Tod beigetragen hatte. Aber sie konnte das Hausmädchen nicht verraten, das vermutlich vom Vater entlassen worden wäre. Margarethes Blick fiel auf einen Brief mit dem Absender: „Feldlazarett Küstrin“. Sie hatte dort ein halbes Jahr als Pflegerin gearbeitet. Der leitende Feldarzt hatte sich in der Arbeitsbescheinigung sehr positiv über Margarethe geäußert und ihr am Ende des Briefes mitgeteilt, dass sie jederzeit wieder willkommen sei. Nach kurzem Nachdenken stand ihr Entschluss fest: Sie wollte wieder in Küstrin arbeiten. Sie überlegte fieberhaft, unter welchem Vorwand sie das Haus verlassen könnte, denn sie kannte ihren Vater nur zu gut, um nicht zu wissen, dass er von seiner Forderung nicht abrücken und auch einen erneuten Diensteinsatz in Küstrin nicht gutheißen würde.

 

Margarethe ließ ein paar Tage verstreichen und teilte ihrem Vater eines Abends mit, sie wolle dem Roten Kreuz in Wollin einige Wäschespenden überreichen und müsse deswegen am nächsten Tag dorthin fahren. Am darauffolgenden Morgen ließ sie sich und ihren Koffer vom Kutscher zur nächsten Bahnstation bringen. Sie hatte zum Glück eigenes Geld aus der Erbschaft ihrer verstorbenen Mutter, um die Fahrkarte bezahlen zu können. In Wollin stieg sie nicht aus, sondern fuhr bis Küstrin weiter, wo sie als erstes zum Telegraphenamt ging, um ihrem Vater eine Depesche zu schicken.

 

Im Lazarett meldete sie sich zunächst bei der Oberschwester und dem leitenden Arzt, Dr. Rohwedder. Es war gerade eine große Menge von verwundeten Soldaten eingetroffen, die versorgt werden mussten, so dass beide nicht groß danach fragten, wieso Margarethe unangemeldet erschienen war, sondern froh waren, dass sie sich auf eine erfahrene Krankenpflegerin verlassen konnten. Ihr wurde der gleiche Krankensaal zugewiesen, in dem sie schon bei ihrem ersten Aufenthalt gearbeitet hatte. Obwohl sie mit viel Leid konfrontiert war, mit Gestank aus eiternden Wunden, mit schmerzverzerrten Gesichtern, mit dem Anblick von amputierten Beinen und Armen, so empfand sie doch die Arbeit als befriedigend, weil sie die Dankbarkeit der Soldaten spürte. Margarethe ließ es sich nicht nehmen, nach der pflegerischen Tätigkeit abends den Verwundeten vorzulesen und mit ihnen zu singen. Bereits nach wenigen Tagen nannten die Patienten sie : „Grethe, unser Engel.“

 

Vom Vater erhielt sie einen Brief voller Vorwürfe und mit der Drohung, sie zu enterben. Margarethe ließ sich nicht beirren. Erst nach 3 Monaten entschloss sie sich, nach Hause zurückzukehren, nachdem sie eine Nachricht ihrer Stiefmutter erhalten hatte, dass der Vater schwer erkrankt sei. Durch die Krankheit geschwächt und milde gestimmt, entschuldigte sich der Vater sogar bei Margarethe und nahm von seiner Forderung, dass sie Arnold heiraten sollte, Abstand. Durch Margarethes Pflege erholte er sich wieder einigermaßen. Sie wusste, dass sie zwar diesen einen Machtkampf gewonnen hatte. Als sie sich aber in den neu ernannten Inspektor des Gutes verliebte, war ihr klar, dass der nächste Kampf mit dem Vater bevorstand.

 

 

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19. April 2021: Ulrich Hain - "Die Sechs Zinnen"

 

Vor Zeiten schafften die Yámana, Tehuelche, Onas, Halakwúlup und weitere Stämme den kühnen Übergang von Asien aus nach Osten, und wurden dann allerdings von Nachdrängenden in den äußersten Süden Patagoniens gedrängt. Als sie schließlich den ihnen zugewiesenen Landstrich erreichten und in Augenschein nahmen, protestierten sie sofort bei El Supremo: Mehr als zugig von der Antarktis her! Saukalt und kahl an den Küsten und auch noch von unwirtlichen, mit Eis bepackten und zugedeckten Gebirgen durchzogen. Nicht zu fassen. Als ob die Eiszeit noch nicht vorbei wäre! Wenn wenigstens ein paar markante Bergspitzen für künftige Attraktivität sorgten, wie sie etwa den Italikern in den Dolomiten so reichlich und möglicherweise unverdient beschert worden waren! Protest, Protest!

 

 

El Supremo reagierte betroffen. Aber ehrlich gesagt, Er hatte keine große Lust, jetzt nach Feierabend noch größere Änderungen vorzunehmen oder sich gänzlich Neues einfallen zu lassen. Verdrossen baute Er in den Dolomiten kurzerhand die Sechs Zinnen ab und auf einem soliden Granitsockel als cuernos in der Paine-Gegend wieder auf. Von „Zinnen“ hatte man da natürlich noch nie gehört, kannte auch „Hörner“ nur aus vagen Erinnerungen der Urahnen, aber in Patagonien war man nun im Großen und Ganzen zufrieden und gab Ruhe. Hingegen das Geschrei der Italiker, ohrenbetäubend, wollte nicht aufhören. Gott, der gerechte! Transferierte also El Supremo einerseits drei der Zinnen wieder zurück an die alte Stelle in den Dolomiten. Da stehen sie übrigens heute noch, wie man hört! Andererseits, da Er nun doch gerade mit Nacharbeiten befasst war, zauberte er den Patagoniern hier und da noch einige zusätzliche bedeutende Gipfel hin wie den FitzRoy zum Beispiel. Damit wollte er geschickt neuen Enttäuschungen vorbeugen. Aber die Patagonier hatten zu viel mit der unwirtlichen Natur zu tun, um noch groß auf das neue Panorama zu achten. Und wurden dann Stamm für Stamm von frommen und unfrommen Ankömmlingen aus aller Welt ziemlich vollzählig in den katholischen Himmel verfrachtet, wie ein übrig gebliebener Pater zum Reporter Bednarz verlauten ließ. 

 

 

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12. April 2021: Günter Wirtz - "Totenglocken"

 

Gestern habe ich es wieder beobachten können, bei einem Spaziergang durch die nahen Felder.

 

Ein Bussard kreist majestätisch in weiten Bögen am Himmel. Da kommen wie aus dem Nichts zwei Krähen herangeflogen. Krächzend. Von dem großen Raubvogel hört man keinen Laut. Immer wieder stoßen sie auf ihn zu, weichen dann geschickt aus, oder sie fliegen über ihm, um seine Flügel mit ihrem Kot zu verkleben. Ja, die Krähen scheißen dem Bussard von oben auf die Flügel. Hast du einmal diesen ungleichen Kampf gesehen?

 

Vom Ortsrand, vom Friedhof, tönen Totenglocken, hier ist ein Meer von leeren Feldern.

 

So verjagen sie ihn. Ihren kurzen Attacken kann der Bussard nichts entgegensetzen. Man sieht das hilflose Ausweichen des grauen, großen Vogels. Die schwarzen, wendigen, nur halb so großen Krähen stürzen immerfort auf ihn zu, entkommen geschickt den kläglichen Schnabelhieben des Bussards.

 

Ging nicht auch so die spanische Armada unter?

 

Der ungleiche Kampf am blauen Himmel währt nicht lange. Die Totenglocken läuten immer noch, der Raubvogel ist schon längst verjagt.

 

Was treibt die Krähen an? Sie suchen nicht die gleiche Beute unten auf dem Feld, fressen sie doch Aas und Sämereien oder Obst. Der Bussard schaut nach Mäusen. Und warum vertreiben sie dann diesen Vogel? Er schert sich nicht um sie, er will nur ruhig gleiten, die Augen fest am Boden. Die Krähen, als wär’s aus reiner Lust am Raufen, sich sicher ihrer Überlegenheit. Mit ihren Schnäbeln können sie dem Bussard nichts anhaben. So nah trauen sie sich nicht heran, nein, ihr Angriff ist perfider. Sind die Federn dieser mächtigen Vögel von ihrem Kot verklebt, dann kann er nicht mehr kunstgerecht fliegen, und was nützt es einem gefiederten Jäger, wenn er zwar aus seiner Höhe die Mäuse erspähen, aber sich nicht richtig hinabstürzen kann?

 

 

Jetzt klingen sie nicht mehr, die Totenglocken. Die Friedhofskapelle am Dorfrand direkt neben den Feldern entlässt die schwarz gekleideten Menschen. Wortlos trauernd schreiten sie zu dem frischen Grab, in das sogleich ein brauner Sarg hinabgelassen wird.

 

 

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29. März 2021: Christine Zickmann – "Frühling" - Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

Das Heft ist online bei Hugendubel und Amazon erhältlich. Hier ist ein Link mit mehr Information:

https://www.elbaol-verlag-hamburg.de/verlagsprogramm/edition-lyrik/

 

 

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22. März 2021: Johannes Eucker - "Zauber der Erinnerung - Vaters treuer Jagdhund"

 

Seine Geschichten wiederholten sich, blieben aber immer spannend. Für mich jedenfalls. Hunde mochte ich schon immer. Mochte ich nun deshalb Vaters Hundegeschichte oder war sie die Ursache für meine Hundeliebe? Gestützt wird meine Erinnerung an einen bestimmten Hund durch ein Foto, auf dem er - wenn auch undeutlich - abgebildet ist. Es war laut Vaters Aussage ein Rottweiler, die heutigen Rottweiler sehen aber anders aus. Entweder ist das Foto so miserabel oder die Rassemerkmale haben sich geändert. Ja, oder man hat meinem Vater ein A für ein U vorgemacht.

 

Teuer war die Anschaffung. Er musste den kleinen Hund gegen ein Ferkel tauschen. Beide transportierte er in seinem Rucksack auf einer Radfahrt, die über das nächste Dorf hinaus ging, also weit weg war.

 

Mein Vater hatte als Junggeselle zusammen mit zwei anderen Männern des Dorfes die gemeindliche Jagd gepachtet. Und als Jagdhund hat er seinen Hund, den Tell, dann auch abgerichtet. Er wurde ein vorzüglicher Hühnerhund, spürte die Hühner geschickt auf, blieb rechtzeitig stehen und wartete bis er das Kommando erhielt die Tiere aufzuscheuchen. Wurde ein Rebhuhn abgeschossen, apportierte er brav, nur wollte er die Beute dann nicht loslassen. Anstatt sie abzulegen, wie es sich für seinesgleichen gehört hätte, behielt er sie störrisch in seinem Maul. Aber sonst war er ein großartiger Hund, klug, gehorsam, treu und dazu ein Wachhund, wie man ihn in unsicheren Zeiten - wie nach dem Ersten Weltkrieg - auf dem Dorf brauchte. Diese letzte Fähigkeit leuchtete mir besonders ein, denn Vater erzählte die Geschichte (immer wieder) in der „schlechten Zeit“ während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Da gab es auf jedem Hof einen Wachhund. Oft war quer über den Hof ein Draht gespannt, an dem ein Laufseil oder eine Kette hing, so dass der Hund zwar angekettete war, aber trotzdem den gesamten Hof ablaufen konnte.

 

Wir hatten an unserem Häuschen keine solche Kette anbringen können und unser Hundchen lag deshalb an einer kurzen Kette nahe seiner Hundehütte.

 

Aufgrund der nächsten Hundegeschichte kann ich heute auch datieren, wann der Tell im Besitz meines Vaters war, denn die folgende Geschichte muss sich im Jahr 1922 ereignet haben, denn damals war mein Cousin als Säugling in eine aufregende Situation verwickelt. Natürlich ohne es zu merken.

 

Es war Hochsommer und die Familie, die Knechte und Mägde, waren mit der Getreideernte befasst. Wer nicht draußen auf dem Feld beim Beladen der Leiterwagen zu tun hatte, lud in der Scheune Getreide ab und verstaute es an den dafür vorgesehenen Stellen. 

 

Das war eine schweißtreibende und staubige Arbeit. Der Dreck bleibt auf der nassen Haut kleben und ätzt in den Augen. Außerdem war Tempo angesagt, denn der Wagen, der draußen auf dem Feld beladen wurde, durfte nicht auf den Hof kommen, bevor nicht der abzuladende Wagen aus der Tenne entfernt war. Bei dieser Hektik konnte es schon mal passieren, dass der- oder diejenige, die auf dem Wagen in der Tenne stand und die Garben nach oben zu gabeln hatte, nicht aufmerksam genug den Hof beobachtete. Im Allgemeinen war das auch nicht nötig, obwohl weder die Hoftore (einfache niedrige Zäune) noch die Haustüre je geschlossen wurden. Wer zu der Zeit in der Regel auf den Hof kam, das konnte der Ortsdiener sein, vielleicht ein Nachbar, der sich was ausleihen wollte, aber eigentlich kam gar niemand. Die fliegenden Händler wussten, dass die Bauern in solchen Phasen der Ernte keinen Sinn und keine Zeit für Geschäfte hatten.

 

Gelegentlich aber erschienen „Zigeuner“, die heute Sinti oder Roma genannt werden. Sie hielten mit ihren Wagen manchmal im Dorf oder am Rande des Dorfes und suchten auf den Höfen Essbares zu gekommen. 

 

Plötzlich hörte mein Vater, der auf dem Getreidewagen stand, seinen Hund, den Tell, im Wohnzimmer des Hauses laut bellen. Nichts Gutes ahnend stieg er vom Wagen, eilte über den Hof zum Wohnhaus, stürzte in die Gute Stube und dort bot sich ihm ein Bild, das er später immer wieder mit großem Genuss erzählte.

 

Im Kinderwagen lag der Säugling. Neben dem Kinderwagen stand eine Zigeunerin, der der Hund auf den Hinterbeinen stehend seine Vorderpfoten auf die Schultern gelegt hatte. Hier brach Vaters Erzählung ab, denn mit der Schilderung dieser Szene war überzeugend belegt, wie entschieden, aber dann doch auch angemessen und ohne der Frau etwas zuleide zu tun dieser kluge Hund das Kind verteidigt hatte.

 

Die Brisanz dieser Geschichte kann man erst recht nachvollziehen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie Kindesraub oder Kinderklau in Gesprächen der Erwachsenen immer wieder thematisiert wurden, obwohl man oder gerade weil man nichts Genaues wusste. Und wer weiß, was die Zigeunerin sonst noch alles geklaut hätte, wäre der Hund nicht gewesen. So der Tenor von Vaters Erzählung.

 

Auch die treuesten und stärksten Hunde altern, so auch Tell. Er bekam Wasser in die Beine und konnte nicht mehr richtig laufen. Als Jagdhund war er nicht mehr brauchbar und es war jämmerlich ihn anzusehen. Selbst der Tierarzt wusste keinen Rat mehr. Da entschloss sich Vater schweren Herzens seinen geliebten Hund, der ihn bei der Jagd so erfolgreich begleitet hatte, zu erschießen. Und dann folgte eine rührende Passage in Vaters Geschichte: Er hob eine Grube aus, trug den Hund, der nicht mehr laufen konnte, zur Grube, stellte ihn davor auf, ging ein angemessenes Stück zurück, nahm sein Gewehr und legte auf den Hund an. Der Hund nahm diese Bewegung wahr und sofort packte ihn wieder das Jagdfieber. Er kam auf meinen Vater zugewankt, so dass dieser nicht zum Schuss kam. Nachdem sich diese Szene mehrfach wiederholte, gab mein Vater sein Vorhaben auf. Es rührte ihn zu sehr.

 

 

Der Hund ist dann in den nächsten Tagen eines natürlichen Todes gestorben.

 

 

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15. März 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Flucht aus Siebenbürgen" (1970)

 

Die Familie setzte sich an den Tisch in der Küche. Die Mutter öffnete den Backofen und stellte eine große Backform auf den Tisch. Während alle ihren Teller hinhielten und eine große Portion des Auflaufs bekamen, ging Peter der Gedanke durch den Kopf: „Vielleicht das letzte Mal Klausenburger Kraut.“

 

Auf dieses Essen freuten sich immer alle, diese Mischung aus Reis, Sauerkraut, Hackfleisch und saurer Sahne, der Stolz jeder siebenbürgischen Hausfrau. Bei jedem Bissen, den Peter zu sich nahm, ging er innerlich den Inhalt seiner Aktentasche durch. Hatte er auch an alles gedacht?

 

Nach außen hin musste es so aussehen, als ob er zur Arbeit fahren würde. Am Ende des Essens hantierten seine Mutter und seine Schwester mit dem Geschirr, der Vater goss sich einen selbstgebrannten Obstschnaps ein. Sollte er nicht doch seine Familie über sein Fluchtvorhaben aufklären, ging es Peter durch den Kopf und das schlechte Gewissen nagte an ihm, das Gefühl, sie zu hintergehen und sie im Stich zu lassen. Aber die Abmachung mit Peters Freund Michael lautete ganz eindeutig: Niemanden einweihen, damit nachher bei der eventuellen Befragung durch den Geheimdienst Securitate ihr Nichtwissen glaubwürdig klang.

 

Nach einer unruhigen Nacht ging Peter frühmorgens in die Küche und schenkte sich ein Glas Milch ein. Auf dem Weg zum Abort im Hof, einem Holzhäuschen mit dem Herzen in der Tür, im Inneren ein Brett mit zwei Löchern und statt Toilettenpapier drei abgenagte Maiskolben (denn selbst Zeitungspapier gab es nicht, weil sich die Familie keine Zeitung leisten konnte), schaute Peter noch einmal im Stall vorbei und klopfte dem massigen Büffel auf den Rücken. Im Schweinestall saugten die Ferkel schmatzend an den Zitzen der Muttersau.

 

Peters Blick ging durch das Stallfenster in den Gemüsegarten, in dem Paprika und Tomaten wuchsen und die Aprikosen und Äpfel an den Bäumen hingen. Zurück in seiner Kammer unter dem Dach zog sich Peter seine Jacke über, setzte die Schiebermütze auf und begab sich auf den Weg durch das Dorf.

 

Es hing ein Geruch von verbranntem Holz in der Luft – die Herde in den Küchen wurden angeheizt. Im Hof eines der mit Holzschnitzereien versehenen und bunt bemalten Häusern rieb eine Frau die Wäsche über ein Waschbrett in einer großen Wanne und summte vor sich hin. Sie trug die Alltagstracht, die in der Gegend üblich war, mit Kopftuch und Leinenschürze, an der sie sich die Hände abtrocknete, um den nächsten Wäschestapel zu holen. Vor dem letzten Haus im Dorf hockte ein Mann mit schwarzen Haaren und dunkler Haut, mit Hut auf dem Kopf und Pfeife im Mund, Mitglied eine Tigan-Familie, auf dem Boden und klopfte mit einem Hammer auf einen Kupferkessel, der zum Schnapsbrennen gedacht war.

 

Bis zum Bahnhof waren es noch 3 km, die Straße führte durch Felder und Wiesen, in der Ferne waren die Karpatenberge zu sehen. Auf dem Bahnhof stieg Peter in den Zug, genannt „Mocanita“, der mit einer Dampflok gezogen wurde. Der Schaffner, den er schon lange kannte, begrüßte ihn leutselig. „Wenn der wüsste, was ich vorhabe!“ dachte Peter. In Hermannstadt ging er zu der Fabrik, in der er schon seine Lehre gemacht hatte, und hämmerte, schweißte und schraubte bis zum Abend. Nach dem Dienst begab sich Peter zur Wohnung seines Freundes Michael. Sie packten seinen Rucksack und überlegten hin und her, was sie für ihre Fahrt dringend benötigten und was doch besser zu Hause bleiben sollte.

 

Der Zug von Hermannstadt nach Bukarest, genannt „Wiener Walzer“, fuhr um 24 Uhr los. Die beiden Freunde fanden 2 Plätze nebeneinander in einem Abteil – die Plätze waren sogar gepolstert. Als der Zug sich in Bewegung setzte, atmete Peter mehrmals tief ein und mit einem „Pfff“ wieder aus, worauf Michael ihm in die Seite stieß und ihm zuraunte: „Das klappt schon, Du wirst sehen.“ Um 5 Uhr morgens erreichten sie Bukarest und mussten nun die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges nach Wien am Abend, möglichst ohne aufzufallen, über die Runden bringen. Sie reihten sich vor dem Bahnhof in die die Reihen der Werktätigen ein, die zur Frühschicht in ihre Betriebe gingen.

 

Nach einer Weile entdeckten den Innenhof eines alten Hauses, an dessen Ende ein Schuppen stand, der mit Gerümpel angefüllt war. Peter und Michael hockten sich hinter einen Tisch auf den Boden und deckten sich mit der gewebten Tischdecke zu. Erst als nach 1 Stunde eine Katze auf sie zukam und sich zu ihnen auf die Decke legte, wussten sie warum es sie plötzlich überall juckte – sie hatten sich Katzenflöhe eingefangen. Erschöpft nach der Zugfahrt, blieben sie trotzdem liegen, weil sie sich in dem Versteck sicher und von niemand beobachtet fühlten.

 

Nachmittags verließen sie ihr Versteck und gingen wieder in Richtung des Bahnhofs. Unterwegs kauften sie sich in einer Bäckerei ein paar Semmeln. Der Verkäufer schien bemerkt zu haben, dass sie Siebenbürger Sachsen waren. Er warf die Tüte mit den Semmeln auf den Tisch und brummte verächtlich: „Lernt ihr Sachsen doch erst einmal richtig rumänisch!“ Mit einem Handwedeln bedeutete er ihnen, dass sie abhauen sollten. Es war ziemlich heiß geworden und sie waren froh, dass sie sich, am Bahnhof angekommen, im Schatten eines großen Propagandaschildes mit der Abbildung von Ceaucescu auf einer Bank ausruhen konnten.

 

Zur verabredeten Zeit liefen sie die Gleise entlang zu einem Abstellgleis, auf dem sich mehrere Waggons befanden. Ein Bahnarbeiter machte sich an einem der Wagen zu schaffen. Als er Peter und Michael sah, zog er kurz die Augenbrauen hoch und sagte: „Der Silviu ist schon drinnen.“ Er hielt ihnen seine geöffnete Hand entgegen, auf die Peter einen Umschlag mit Geld legte. Der Bahnarbeiter stieg zwischen 2 Waggons eine Leiter hoch und zog eine Abdeckung beiseite, die vor dem Zwischendach lag. 

 

Anschließend kletterten Peter und Michael die Leiter hoch und krochen in den Hohlraum des Zwischendecks, das einen halben Meter hoch war. Sie wurden von Silviu begrüßt, der im hinteren Teil des Decks lagerte. Der Bahnarbeiter schraubte die Abdeckung von außen wieder zu. Finsternis umgab die drei Schicksalsgenossen. „Woher kriegen wir denn Luft?“ fragte Peter auf Rumänisch, und Silviu machte sie auf zwei kleine Dachluken aufmerksam, durch die auch ein Hauch von Licht kam. 

 

Nicht lange, nachdem ihr Fluchthelfer mit dem Zuschrauben fertig war, hörten sie Stimmen aus den unteren Teilen der Waggons, Rufe und Kommandos ertönten. Offenbar wurden die Zugwagen gereinigt. Die typischen rumänischen Flüche waren zu hören. Nachdem sich die Stimmen entfernt hatten, ging ein Ruck durch die Waggons, sie setzten sich in Bewegung und wurden schließlich an den Zug nach Wien angekoppelt. Es waren Durchsagen in der Bahnhofshalle zu hören. Reisende bestiegen die Waggons, Abschiedsgrüße wurden gerufen, Türen zugeschlagen. Als schließlich das rhythmische Rucken den Zug erfasste, sackten die 3 Männer vor Erleichterung in sich zusammen und tranken erstmal einen Schluck aus ihren Wasserflaschen. 

 

Trotz der Fahrgeräusche hörten sie, wenn auch nur gedämpft, die Stimmen der Passagiere, die unter ihnen in den Abteilen saßen. „Hoffentlich hält uns die Abdeckung!“ meinte Peter. Nach einer Stunde Fahrt benutzten sie zum 1. Mal die Ersatztoilette, die sie sich aus Plastiktüten zurechtgebastelt hatten. Sie vereinbarten, dass immer einer Wache hielt und die beiden anderen schlafen konnten. Nach einigen Stunden Fahrt bremste der Zug ruckartig. Sie hörten Kommandos und Rufe auf Ungarisch, auch aus dem Abteil unter ihnen. Peter, Michael und Silviu robbten in die hinterste Ecke des Zwischendecks und verbargen ihre Gesichter und Hände mit ihren Jacken. 

 

Trotzdem bemerkten sie an dem Lichtschein, dass die Grenzbeamten durch die Dachluken in das Dachinnere leuchteten, sie aber zum Glück nicht entdeckten. Als der Zug anfuhr, blieben die drei wie gelähmt noch eine Weile liegen und konnten sich erst langsam aus ihrer Starre lösen. Das Lagern auf dem harten Boden wurde im Laufe der Fahrt unbequemer und die Männer dehnten und streckten sich immer wieder, um die Schmerzen etwas zu lindern. 

 

Bei einer dieser Streckungen, bei denen Peter mit aller Kraft die Füße gegen die Wand presste, bemerkte er plötzlich, dass seine Socken durchnässt waren. Er tastete in der Dunkelheit auf dem Fußboden umher und hielt den schlaffen Plastikbeutel in der Hand, der beim letzten Gebrauch schon recht prall war, und auch der Geruch, der sich in ihrer Nische ausbreitete, war eindeutig. Was würde passieren, wenn die Abdeckung zum Passagierraum nicht dicht war und die Flüssigkeit sich auf die Köpfe der Reisenden ergösse? 

 

Die Männer gerieten in Panik und fluchten vor sich hin, jeder in seiner Sprache, bis auf einmal Schläge gegen das Dach prasselten, erst in etwas längeren Abständen, dann immer heftiger werdend, schließlich kam noch Donner dazu. Offenbar fuhr der Zug in ein veritables Unwetter hinein, der Regen hörte überhaupt nicht mehr auf. „Das ist unsere Rettung!“ stieß Michael erleichtert hervor.

 

Erregte Stimmen drangen aus dem Passagierraum zu ihnen hoch, auf Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. „Der Waggon ist ja wohl noch aus der Vorkriegszeit, dass es hier durchregnet und stinken tut es auch bestialisch.“ Das war ein deutlicher Kommentar. Das Stimmengewirr ebbte langsam ab, offenbar hatten die Reisenden andere Abteile aufgesucht.

 

Beim nächsten Halt waren ungarische Rufe und stampfende Schritte zu hören. Wieder wurde in das Zwischendeck hineingeleuchtet und die 3 Flüchtlinge nicht entdeckt. Der Zug setzte sich in Bewegung und nach einer Weile hörten sie aus dem Abteil unter ihnen eine laute Stimme: „Grüß Gott, die Herrschaften, die Fahrkarten bitt´ schön!“

 

Die 3 Männer mussten sich schwer beherrschen, nicht in lauten Jubel auszubrechen. „Wir haben es geschafft, wir sind in Österreich!“ stieß Michael hervor und boxte den beiden anderen in die Seite. Auf der letzten Etappe wurde die Hitze unerträglich in ihrem Versteck. Nachdem der Zug am Wiener Hauptbahnhof eingelaufen war, warteten sie, bis alle Reisende ausgestiegen waren. Dann traten sie mit aller Gewalt gegen die Holzabdeckung. Michael zauberte aus seinem Rucksack einen Schraubenzieher hervor, und es gelang ihm, die Holzplatte aufzuhebeln. Silviu ließ sich als erster aus dem Zwischendeck nach unten gleiten und half den beiden anderen herunter.

 

Auf dem Bahnsteig hüpften sie vor Freude und Bewegungsdrang bis zur Haupthalle. Vor dem Bahnhof gingen sie in das erstbeste Lokal, baten um ein Glas Wasser und darum, die Toilette benutzen zu können. Anschließend durchquerten sie zu Fuß die Stadt und fragten sich zur Autobahn in Richtung Linz durch. In Linz wohnte Peters Vetter.  An der Autobahnausfahrt liefen sie zu einer Wiese und legten sich unter einen Baum, dessen Zweige bis auf die Erde fielen. Hier verbrachten sie die Nacht. Als sie am nächsten Morgen ihr Baumhotel verließen und zur Autobahn liefen, wurden sie von einem Polizisten angehalten, der ihre Ausweispapiere kontrollierte. Als sie ihm versicherten, dass sie nach Deutschland wollten, ließ er sie gehen. An einem Fluss wuschen sie sich, stellten sich an den Fahrbahnrand der Autobahnausfahrt und winkten mit den Armen.

 

Schließlich wurden sie von einem Kleinbus mitgenommen. Der Fahrer lauschte beeindruckt ihrer Fluchtgeschichte und ließ es sich nicht nehmen, die drei bis zum Haus des Vetters in Linz zu bringen. Von ihm wurden sie mit großem Hallo begrüßt und von seiner Frau bekocht und bewirtet. Sie übernachteten auf dem Sofa im Wohnzimmer, auf 3 hintereinandergestellten Sesseln und auf einer Luftmatratze.

 

Am nächsten Tag fuhr der Vetter sie bis zur deutschen Grenze nach Salzburg. Sie liefen vorbei an Wiesen auf denen Frauen das Heu wendeten. Es roch genauso wie in Siebenbürgen. Vor einem Waldstück sahen sie einen Grenzbeamten, der auf einem Stuhl zusammengesackt war und schlief. Sie umgingen ihn großräumig, und als sie aus dem Wald herauskamen, erblickten sie ein Dorf. Das gelbe Ortsschild verriet, dass sie in Deutschland angelangt waren. Der Autofahrer, der sie nach München mitnahm, gab jedem von ihnen 10 DM. Von diesem Geld genehmigten sie sich in einer Wirtschaft einen Schweinsbraten mit Knödeln und Kraut. In München verabschiedete sich Silviu von ihnen, er hatte sein Ziel erreicht.

 

Peter und Michael wollten weiter nach Frankfurt, wo der ältere Bruder von Peter wohnte. Sie meldeten sich bei einem Polizeirevier, wo ihnen zunächst ein Kaffee angeboten wurde. „Morgen müsst's Ihr erst amal nach Nürnberg zum Durchgangslager. Übernachten könnt´s Ihr heut´ hier bei uns.“ Mit den Worten: „Kommt´s amol eini“ zeigte der Beamte ihnen eine Polizeizelle, wo sie die Nacht auf den Pritschen verbrachten. Einmal wachten sie nachts auf, weil ein Betrunkener in eine der Nachbarzellen gebracht wurde und laut vor sich hin schimpfte.

 

Am nächsten Morgen wurden ihnen 2 Fahrkarten nach Nürnberg ausgehändigt. Peter und Michael stiegen aber nicht in Nürnberg aus, sondern fuhren gleich nach Frankfurt am Main weiter, wo sie von Peters Bruder in Empfang genommen wurden. Die Fahrt nach Nürnberg holten sie ein paar Tage später nach und erhielten dort ihren Flüchtlingsausweis, der später in einen deutschen Pass umgewandelt wurde.

 

 

Die ersten Worte, die Peter von Nachbarn seines Bruders hörte, die sich mit anderen Nachbarn unterhielten, waren: „Das sind Flüchtlinge aus dem Osten – vom Balkan. Na, die müssen sich aber erstmal an die anderen Zustände hier gewöhnen.“ Und die Art, mit der diese Worte ausgesprochen wurden, war nicht viel anders als die abschätzige Behandlung der Siebenbürger Sachsen durch viele Rumänen. Und Peter spürte, dass das Gefühl, ein „Fremdling“ zu sein, ihn noch lange begleiten würde.

 

 

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8. März 2021: Dieter Weiß - "Wenn ich wüsste,..."

 

 

Wenn ich wüsste, . . .

 

Wer kennt diesen Satz-Anfang und weiß, wie der Satz weitergeht?

 

. . ., dass morgen die Welt unterginge, . . .

 

Und von wem stammt der Satz?

 

Der kleine Junge kannte ihn nicht, und von Martin Luther hatte er auch noch nichts gehört. Allerdings war er da erst drei Jahre alt. Jedenfalls wollte der kleine Junge, nennen wir ihn zum Beispiel Michael, einmal sehen, was aus einem Apfelkern wird, wenn man ihn in die Erde eines Blumentöpfchens steckt und regelmäßig gießt. 

 

Klar, wissen wir alle, nichts Besonderes, aber für einen Dreijährigen eine schöne Erfahrung.

 

Der kleine Michael wurde größer, das Apfelbäumchen auch. Es bekam einen größeren Topf, und schließlich, als es so groß war wie Michael selbst, pflanzte er es auf der Wiese hinterm Haus in die Erde.

 

„Wann kann ich denn die ersten Äpfel pflücken?“ fragte er seinen Opa, der damals mit der Oma noch regelmäßig zu Besuch kam. 

 

„Das wird noch ein paar Jahre dauern. Und dann wirst du keine Freude daran haben, denn das werden kleine Wildäpfel sein, hart und sauer. Wenn du willst, kann ich dir dein Bäumchen pfropfen und wenn das gut geht, dann bekommst du in ein paar Jahren Äpfel, die genauso aussehen und schmecken wie die von unserem großen Apfelbaum zu Hause.“ 

 

Natürlich will Michael.

 

Beim nächsten Besuch bringt der Opa mehrere kleine Zweige von seinem eigenen Apfelbaum mit. Er hat sie gerade vor der Abfahrt frisch geschnitten und die Schnittstellen mit feuchtem Küchenkrepp umhüllt. Als Erstes sägt er den oberen Teil des Bäumchens ab. Das sieht brutal aus und ist es ja eigentlich auch. Dann macht er mit einem scharfen Messer drei kleine Längsschnitte in die Rinde, direkt unter der Sägestelle. An den Ecken hebt er die Rinde ein wenig von Stamm ab, schiebt die passend angespitzten Zweige darunter und umwickelt das Ganze fest mit Bast. Dann wird noch alles gut mit Baumwachs bestrichen, und jetzt heißt es einfach nur warten.

 

Die Pfropfreiser wachsen gut an, die Zeit vergeht, und irgendwann können auch die ersten Äpfel geerntet werden. Sie schmecken gut, sehen hübsch aus und lassen sich gut lagern. Jetzt wäre es ja auch mal interessant zu wissen welche Sorte das überhaupt ist. Der Opa kann leider nicht mehr befragt werden und Leute, die sich angeblich auskennen, wissen es auch nicht.

 

Wiederum Jahre später: 

 

Michaels Vater, inzwischen Rentner, ist mit einer kleinen Gruppe von Freunden auf einer Herbstwanderung in der näheren Umgebung. Bei herrlichem Sonnenschein macht man Rast an einem Waldrand. So wie alle anderen greift er in seinen Rucksack nach etwas Essbarem und findet zwei Äpfel. Spontan fragt er seinen Platznachbarn, nennen wir in Hans-Werner: „Willst‘n Appel?“ Hans-Werner, der grundsätzlich nur Platt spricht, antwortet: „Ei wannde groat aan ewwerich host . . .“

 

„Hast Du ‘ne Ahnung, was für ‘ne Sorte das ist?“

 

Hans-Werner, wie aus der sprichwörtlichen Pistole geschossen: „Doas es en Gacksappel!“

 

Gacksapfel 1) – quatsch – nie gehört.

 

„Doach, hunnert pro, doas es en Gacksappel!“

 

Und so, wie eine lang währende Ungewissheit plötzlich zu einer nachprüfbaren Tatsache werden kann, so kann sich auch eine allgemein bekannte und von vielen Prominenten erwähnte Tatsache als falsch erweisen.

 

Den oft zitierten Satz vom Apfelbäumchen 2) hat Martin Luther nie gesagt.

 

Dieter Weiß, 2021

 

1) Aus Wikipedia:

Der Landwirt und Holzhauer Ernst Gack (1843–1921) fand diese Sorte um 1870 im Wald bei Aßlar-Berghausen, ebendieser von ihm als Schössling umgesetzter Baum, konnte bis 1964 erhalten werden. Der Gacksapfel wurde als Hessische Lokalsorte des Jahres 2006 ausgewählt. 

2) „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einst gesagt haben. Dieser Satz lässt sich ihm aber nicht belegbar nachweisen. Wahrscheinlich wurde dieser Spruch dem Reformator in der schwierigen, zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankenden Situation nach dem Zweiten Weltkrieg in den Mund gelegt, vermutet Volkmar Joestel, Autor des Buches „Legenden um Martin Luther und andere Geschichten aus Wittenberg“.

 

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1. März 2021: Christine Zickmann – "Pepo, der Elefant" - Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

Das Heft ist online bei Hugendubel und Amazon erhältlich. Hier ist ein Link mit mehr Information:

https://www.elbaol-verlag-hamburg.de/verlagsprogramm/edition-lyrik/

 

 

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22. Februar 2021: Günter Wirtz - "DRAGO"

 

Der Faulpelz

So heißt er bei Prévert

Der Schüler

Der stumm vor der Tafel steht

Der nichts weiß

Erstarrt

Er kennt keine Zahl

Er kennt kein Gesetz

Aber dann

Fast ist das Gedicht schon vorbei

Ist er's 

Der die bunten Kreiden nimmt 

Und die triste Landschaft

Die Schule heißt 

Färbt

 

Drago der Knirps

So heißt er bei mir

Der Schüler

Aus einem kleinen Dorfe kommt er

Aus

Irgendwo weit im Süden im Osten

Irgendwo aus dem Land

Das viele Namen hat seit ein paar Jahren

Ist es die Kraina

Ist's Bosnien

Oder der Rest

Ich weiß es nicht

Eins weiß ich nur

Dass Bomben dort fallen

Täglich und stündlich immerfort

 

Und Drago

Mein Faulpelz

Mein Schüler hier

Erzählt nur knapp

Und sein Atem 

Der stockt bei jedem Wort

Dass er Tiere so liebe

Zwei hat er gehabt

Die Ziege die weiße

Den Hund der viel bellt

Ob sie jetzt noch leben

 

Das weiß er nicht

 

 

 

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8. Februar 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Rübergehen" 

 

(1956)

 

„Mutti, Du brauchst nicht zu weinen. Ich bleibe gerne bei Oma“ sagte das kleine Mädchen zu ihrer Mutter. Sie hatte einen grünen Mantel an, den sie von der Tante aus Frankfurt geschenkt bekommen hatte. Der Saum war bis zum letzten herausgelassen und die Ärmel waren ein wenig kurz für die 

5-jährige. Sie standen auf dem Bahnhof in Hannover, Großmutter, Mutter und Kind. Der Zug sollte Richtung Dresden gehen. Die Mutter hatte Tränen in den Augen. Ob sie ihre Tochter, ihre Mutter je wiedersehen würde, ob die Flucht gelingen würde?

 

„Wenn Ingrid zwischendurch mal Hunger hat, mach ihr einfach Haferflocken mit Milch, sie ißt eigentlich alles.“ „Schreibe gleich, wenn Du in Dresden angekommen bist“ bat die Großmutter und fragte : „Wo hast Du das Telegramm?“ Das Telegramm mit dem fingierten Text : „Bettina schwer erkrankt, komme sofort“, das der Vater aus Dresden geschickt hatte und für die Grenzbeamten an der Zonengrenze als Erklärung für die verfrühte Rückreise dienen sollte, verglichen mit dem Datum auf dem Visum. Die Mutter küßte Ingrid. „Und sei schön lieb zu der Oma und zieh das Leibchen unter den Pullover, wenn es kalt ist.“

 

Die Mutter stieg in den Zug, den braunen Pappkoffer in der Hand. Sie fand gleich einen freien Platz in einem Abteil, schob das Fenster hinunter und sah halb sorgenvoll, halb erleichtert zu ihrer Tochter, die zutraulich die Hand ihrer Großmutter ergriffen hatte und im anderen Arm ihre Puppe hielt. Erleichtert, weil Ingrid ohne weiteres bei der Großmutter blieb. Erleichtert, weil sie nun an die letzten Fluchtvorbereitungen gehen konnte, ohne von der aufgeweckten Tochter gefragt zu werden : „Warum packst Du denn so viele Pakete?“ Oder fürchten mußte, daß die Nachbarn im Haus etwas von den Fluchtabsichten mitbekämen, wenn Ingrid durch den Postschlitz der Wohnungstür in den Treppenflur des Hauses zu den Nachbarn rief : „Meine Oma hat schon wieder Geburtstag,  die kriegt noch ein Paket!“

 

Auch Martin, der 11-jährige Sohn von Verwandten, hatte ihre Angst vor Entdeckung und Verhaftung geschürt : „Ich weiß, daß Ihr rübermachen wollt, aber wenn ich eine Bockwurst kriege, verrate ich Euch nicht!“ Nach dem Erhalt seiner Lieblingsspeise hielt er sich zum Glück an sein Versprechen. Republikflucht – das hieß bei Verhaftung : Gefängnis für die Eltern, Kinderheim für die Kinder.

 

Die Mutter wollte ihren Kindern ein Leben in der Diktatur ersparen, gleichgeschaltet in der „Freien Deutschen Jugend“, die in ihren Augen eine fatale Ähnlichkeit mit der Hitlerjugend hatte. Ingrid kam mit Stalinliedern aus dem Kindergarten nach Hause : „Eine weiße Friedenstaube.“

Das hatte dann auch ihren Mann dazu bewogen, in den Westen zu gehen, obwohl er Skrupel hatte, als Arzt seine Patienten im Stich zu lassen, da die medizinische Versorgung durch ständige Flucht gerade von Ärzten immer schlechter wurde. Bei den Zwangswahlen ließ er es darauf ankommen, sich von zu Hause abholen zu lassen und rief dann in das Wahlbüro : „Wo ist denn hier die Wahlkabine? Ich möchte geheim wählen“, wohl wissend, daß die ganze Wahl sowieso eine Farce war.

 

Der Zug fuhr langsam an, Dampf machte sich auf dem Bahnsteig breit. Ingrid winkte heftig, sah die winkenden Arme ihrer Mutter immer kleiner werden. Für einen kurzen Augenblick stieg in ihr ein Gefühl der Verlassenheit hoch, gleichzeitig aber verwoben mit der Aussicht, mal eine Zeitlang ohne die Ermahnungen der Mutter zu sein. Die Großmutter schneuzte sich die Nase : „Na, mein Ingridchen, jetzt fahren wir wieder mit der Elektrischen.“ Ihre gütige Stimme klang nach Geborgenheit und Wärme, und als sie nachher in der Straßenbahn saßen und die Großmutter in Aussicht stellte, eine „Stille Liebe“ zu kochen, einen Mondaminpudding, siegte bei Ingrid Neugier und Abenteuerlust. Bereits in Greifswald als 2-jähriges Mädchen, war ihr Drang, die Welt zu erkunden, auch durch ständiges Reparieren des Gartenzauns durch ihren Vater nicht zu verhindern. Sie fand oft genug eine Möglichkeit zu entwischen, um dann von den Nachbarskindern wieder gebracht zu werden.

 

Die Großmutter wohnte unter dem Dach eines Klinkerhauses auf dem Gelände eines großen Altersheims – Bethesda in Hannover, von Diakonissen geführt. Bis zum Kriegsende hatte sie auf ihrem Gutshof in Pommern mit ihrem Mann und 4 Kindern gelebt und dann durch Vertreibung alles verloren. Nun verdiente sie ihren Lebensunterhalt mit Bügeln der Wäsche des Altersheims.

Ingrid stieg hinter der Großmutter die Treppe hoch, bei jedem Schritt knarrte das Holz. „Mußt Du mal einen kleinen Wunsch?“ fragte die Großmutter ihre Enkelin und holte einen Porzellantopf unter ihrem Bett hervor. Sie nahm einen Wasserkessel vom Ofen und füllte den Topf mit warmem Wasser. „Damit es nicht so kalt ist!“ Ingrid saß auf dem Topf und schaute sich in dem Zimmer um. In dem einen Bett hatte sie in der Nacht mit der Mutter geschlafen, die am Morgen entnervt aufgestanden war : „Du hast mir sämtliche Ellenbogen in die Seite gestoßen.“ Unter dem Bett der Großmutter lagen 2 Koffer, auf dem Stuhl neben dem Bett lag eine Unterhose aus grauer Wolle mit langen Beinen. Ingrid sah zur Großmutter hinüber, die sich vor dem Spiegel, der am kleinen Dachfenster hing, ihre grauen Haare, die zu einem Dutt hochgesteckt waren, wieder ordnete. „Wenn Du fertig bist, bringe ich den Topf runter und hole gleich frisches Wasser hoch. Die Großmutter gab Ingrid eine Schale mit in Stücke geschnittenem Zeitungspapier. „Ob das wohl färbt?“ fragte sich Ingrid, als sie sich ein Stück nahm. „Darf ich mitkommen?“ Die Großmutter ergriff eine Haarbürste und kämmte Ingrid die Haare. Anschließend nahm sie einen Kamm, steckte ihn in die Wasserkanne und zog den Scheitel nach. Das kratzte Ingrid und sie wischte sich die Wassertropfen vom Gesicht. Die Großmutter machte eine Schleife in die Kordel, die durch Ingrids Kleid gefädelt war. „Hat das auch die Mutter gestrickt? Was ist sie bloß geschickt!“

 

Die Großmutter nahm den Topf, gab Ingrid den Eimer, und die beiden gingen die Treppe hinunter. Gerade unten angekommen, hörten sie eine Stimme aus dem hinteren Flur : „Guten Tach, Frau Jahn.“ Eine Frau mit einem grauen Kittel und einer schwarzen Schürze darüber kam auf sie zu. Sie beugte sich zu Ingrid herunter und schaute sie mit ihren hervorstehenden blauen Augen an und fragte : „Und das ist die kleine Enkelin von der Frau Jahn?“ Sie lachte freundlich und Ingrid sah, daß in ihrem Mund 2 Zähne fehlten. Die kurzen blonden Haare waren alle zurückgekämmt und klebten am Kopf. „Sag der Tante Frieda mal guten Tach“ meinte die Großmutter. Ingrid nahm die zu ihr ausgestreckte Hand und machte einen Knicks. Während sich die Großmutter und Frieda unterhielten, schaute Ingrid auf die karierten Filzpantoffeln von Frieda und erinnerte sich an das gestrige Gespräch zwischen Mutter und Großmutter, in dem von einer Anstalt die Rede gewesen war. „Schon zweimal hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen.“ „Wenn es Dir mal langweilig wird, kannst Du mich besuchen“, bot Frieda Ingrid an, verabschiedete sich und ging in ihr Zimmer. Die Großmutter und Ingrid setzten ihren Weg nach unten fort, und unterwegs meinte die Großmutter : „Zu der Tante Frieda mußt Du sehr nett sein. Die ist ein armes Menschenkind!“ „Muß die wieder in eine Anstalt?“ fragte Ingrid. „Das will ich nicht hoffen“, antwortete die Großmutter.

Nachdem sie mit dem entleerten Topf und dem gefüllten Wassereimer wieder im Zimmer angekommen waren, bereitete die Großmutter das Abendbrot zu. Sie holte von dem Fensterbrett draußen eine Schale mit Brot, Butter und Wurst. Auf dem kleinen Propangaskocher erhitzte sie die Milch für die „stille Liebe.“ Während der Pudding in zwei Tellern abkühlte, bestrich sie 2 Kommisbrotscheiben mit Rügenwalder Teewurst, der Wurst aus ihrer pommerschen Heimat, die sie sich trotz ihres kargen Gehalts leistete. Ein halbes Butterbrot durfte sich Ingrid mit Zucker bestreuen. Und dann die „stille Liebe“ als Nachtisch – Ingrid lächelte glücklich und die Großmutter genoß es, ihrer Enkelin beim Essen zuzusehen.

 

Nach dem Essen öffnete die Großmutter das Fenster, Musik war aus dem unteren Stockwerk zu hören, eine Frauenstimme sang : „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern.“ Danach kam : „Wenn die Ostseewellen trecken an den Strand.“ Die Großmutter, die inzwischen in einer Emailleschüssel das Geschirr abwusch, sang den Refrain mit : „Da ist meine Heimat, da bin ick tu Huus.“

 

Ingrid saß auf ihrem Bett und schaute sich eines ihrer Bilderbücher an. Es handelte von Blumenkindern, die erst unter der Erde lebten und dann zum Frühjahr ans Tageslicht kamen. Das dämmerige Licht im Zimmer und der Gesang der Großmutter machten Ingrid schläfrig und ihr fielen kurz die Augen zu. „Na, mein Herzchen. Du hast ja ganz kleine Augen“ meinte die Großmutter und half Ingrid beim Ausziehen. Als sie ihr das Nachthemd überstreifte, sagte sie : „Heute machst Du mal Katzenwäsche“ und erzählte dann von Friedenshof, einem Pensionat in Stettin, in dem sie als junges Mädchen war und in dem sie nie Katzenwäsche machen durften, sondern immer von einer Erzieherin kontrolliert wurden, ob sie auch den ganzen Oberkörper wuschen. Dabei war das Wasser so kalt, manchmal im Winter mit einer Eisschicht bedeckt. Selbst auf der Toilette war eine Erzieherin, die überwachte, daß sie nur einmal kurz spülten.

Ingrid streckte sich in dem Bett aus und wurde von der Großmutter zugedeckt. Von allen Seiten und besonders an den Füßen steckte sie die Decke fest unter Ingrids Körper. Ingrid faltete ihre Hände und betete :

                    Müde bin ich, geh´ zur Ruh´,

                    schließe beide Augen zu.

                    Vater laß die Augen dein

                    über meinem Bette sein. Amen

Die Großmutter strich Ingrid über den Kopf : „Schlafe ganz schön. Und morgen darfst Du mit mir in die Plättstube. Da zeige ich Dir mal die Mangel.“

 

Die Großmutter knipste die Lampe neben Ingrids Bett aus und setzte sich auf den Stuhl neben das Fenster, setzte ihre Brille auf und las in einem Buch. Ingrid drehte sich zur Wand, um nicht geblendet zu werden. Die Tapete, auf die sie schaute, war mit vielen kleinen Schiffen bedruckt, die von Wellen bespült wurden. Ingrid hörte in regelmäßigen Abständen das Umblättern der Buchseiten und von ferne leise Musik aus einem anderen Zimmer. Sie legte ihre Hand auf die Puppe, die neben ihr lag, und spielte mit den Zöpfen. Das Bett war weicher, als sie es von zu Hause gewohnt war und die Matratze hing in der Mitte durch. Nach einer Weile hörte sie die Großmutter zu ihrem Bett kommen. . „Na, Du kannst wohl nicht einschlafen. Willst Du ein bißchen Zuckerwasser trinken? Das habe ich meinen Kindern früher immer gegeben.“ Ingrid nickte. Die Großmutter machte ihr das Zuckerwasser zurecht und setzte sich auf die Bettkante. Sie hatte ihre Haare gelöst und zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr über das Nachthemd hingen und sie plötzlich wie eine Indianerin aussehen ließen. „Du hast aber lange Haare“ staunte Ingrid und nippte an dem Zuckerwasser. Und die Großmutter erzählte, daß ihr Mann sehr stolz auf ihr blondes Haar gewesen sei. Sie durfte aber nichts daran ändern. Vor der Hochzeitsfeier hatte sie es etwas „ondulieren“, also in Locken legen lassen und sich die Augenbrauen nachgezogen. Der Bräutigam war so empört über dieses „unnatürliche Aussehen“, daß die Locken und die Augenbrauenfarbe wieder entfernt werden mußten.

 

Nachdem die Großmutter ihr noch einmal gute Nacht gewünscht hatte, rollte sich Ingrid zur Seite, und mit dem Zuckergeschmack im Mund glitt sie langsam in den Schlaf.

 

 

In den nächsten Tagen erkundete Ingrid das Gelände des Altenheims, besuchte täglich die Bewohner in ihren Zimmern, die sich schon auf ihr Kommen freuten und ihr oft eine kleine Süßigkeit zusteckten. Sie spielte mit dem Sohn des Hausmeisters und schaute der Großmutter beim Mangeln zu. Nach zwei Wochen hielt die Großmutter aufgeregt ein Telegramm in der Hand. „Stell Dir vor, Ingridchen, die Eltern sind gut in Frankfurt angekommen. Wenn sie eine Wohnung haben, dann darfst Du hinfahren.“ Und Ingrid freute sich auf das nächste Abenteuer, ihre Eltern und Schwester und das neue Zuhause.

 

 

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1. Februar 2021: Christine Zickmann – "Der Fuchs und die Maus" – Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

 

Das Heft ist online bei Hugendubel und Amazon erhältlich. Hier ist ein Link mit mehr Information:

https://www.elbaol-verlag-hamburg.de/verlagsprogramm/edition-lyrik/

 

 

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25. Januar 2021: Günter Wirtz, "Wie da plötzlich Onkel Einar im Zimmer stand"

 

Das war so.

Unsere Eltern, ihr kennt das schon, entschlossen sich spätnachmittags, um acht wegzugehen.

- Wir gehen zu Freunden, ins Kino, eben mal in die Linde oder in die Eckkneipe. Ihr dürft zusammen einschlafen, in einem Zimmer, der eine auf der Matratze, der andere in seinem Bett.

- Vergesst nicht, beim Rübertragen meine Kuscheltiere mitzunehmen!

- Und streitet euch nicht, sei lieb zu deinem kleinen Bruder. Wann wir zurückkommen? So gegen halb elf; macht euch keine Sorgen und lasst das Telefon ruhig klingeln.

 

Weg sind sie. Haben den Mantel übergeworfen, die Tür zugeschlagen und vorsorglich im Wohnzimmer und im Flur das Licht brennen lassen.

Alleine. Gut, mit dem kleinen Bruder; aber was kann der einem schon helfen, wenn ein Fremder kommt, ausgeliefert ist man.

- Du, Malte, ich geh' noch mal was trinken, im Badezimmer. Willst du auch noch etwas?

Natürlich will er einen Zahnputzbecher voll Wasser. Ich lasse im Bad auch besser das Licht an, soviel Licht wird sicherlich abschrecken, diesen Fremden, den man nie gesehen hat, aber den man sich so gut vorstellen kann, nicht ganz so brutal wie die Typen, die den kleinen Kästnermann entführten, eher so wie Onkel Einar. Ein Onkel, das Bekannte, das man sich so gut ausmalen kann, aber doch etwas Gesichtsloses, versteckt in einer Kleidung, die nicht die von Papa ist, eben so gekleidet wie Onkel Einar durchs Dorf läuft.

- Jetzt sei ruhig, ich will schlafen, morgen ist Schule, da muss ich früh aufstehen.

Aber zum Glück ist der kleine Bruder wirklich müde, hat noch keine Phantasie sich auszumalen, ohne Eltern im Haus einzuschlafen, rekelt sich selig mit seinen Stofftieren und hat mich bald alleingelassen  mit meinen Onkel Einars.

 

Es ist so still. Wo brennt überall Licht? Im Bad, im Flur, im Wohnzimmer. Noch in die Küche gehen? Die Neonlampe, die schreckt sicher ab, lässt ihn nicht auf den Gedanken kommen reinzukommen.

Also noch mal aufstehen, in die Küche gehen, auf die Küchenuhr schauen, fünf nach halb neun, wieder unter die Decke krabbeln, da klingelt das Telefon, einmal, zweimal, dreimal, will das denn gar nicht aufhören.

Ich gehe einfach ran. Wenn nämlich Onkel Einar vom anderen Ende der Stadt anruft, um sich zu überzeugen, dass keiner zu Hause ist, um dann ruhiger einsteigen zu können… Was hatten die Eltern nach den Sommerferien erzählt, die rufen an, die gucken in die Mülltonne, in den Briefkasten, ob sich alte Reklame stapelt, erkunden abends, ob Licht brennt, und dann kommen sie.

- Hier ist die Anne, ach du, Großmutti, die sind weg; ich weiß nicht, ja, der schläft schon lange, ich auch bald, tschüss!

Wieder allein. Unter die Decke gekrabbelt, mit den Stofftieren geschmust, ihnen den kleinen Kummer mitgeteilt, dass der Schlaf nicht kommen will; Sandmännchen, komm endlich, ich zähl dich aus ... 46, 47, 48, was ist das für ein Geräusch, eins, das ich nicht kenne, ein Klopfen, nein, ein Scharren, ein Schlurfen, Mama, Papa, warum musstet ihr gerade heute Abend weggehen? Wusstet ihr nicht, dass Onkel Einar kommen wollte? Was mach' ich nur? Unter die Decke kriechen, tiefer, noch tiefer. Wenn er mich doch nur übersieht, hier unten, auf meiner Matratze. Hat da eine Tür geschlagen? Welche Tür war es? Die Haustür, die Etagentür, die Wohnzimmertür, diese Tür? Nicht mehr auftauchen wollen. Die Bundfaltenhose, die schwarzen Lackschuhe, das Jackett, an den Ärmeln etwas abgewetzt, den olivgrünen Pullover darunter, dann das Gesicht ... Onkel Einar, die gehetzten Augen, die steile Nase, den Mund leicht geöffnet, was will er sagen, leise. gefährlich, bedrohlich. Mich mitnehmen? Warum denn? Wir sind nicht berühmt, haben keine geheimen Pläne zu Hause, nicht soviel Geld. Warum schaut er sich um? Was sucht er? Auch meinen kleinen Bruder nicht, der ist doch so lieb, so unschuldig, verziehen all die Hänseleien, die Streitereien; nein, hier gibt's nichts Außergewöhnliches. Sie können wieder gehen, raus aus dem Haus, aus der Straße, der Stadt.

Und, als hätte er meine Gedanken gespürt, meinen Verzweiflungsschrei, tief aus dem Innersten, aus den Decken und Kopfkissen. Er verließ das Zimmer, wortlos, leise, ging raus aus dem Haus. Ich hatte ihn weggeschickt; er hatte mich erhört, nein gehört, er schlich sich hinaus.

Ob er vorhat wiederzukommen?

Für heute war er weg.

Noch einmal zur Toilette, um danach ruhig einschlafen zu können. Gut, ich stieg zu meinem Brüderchen ins Bett. Da war es wärmer und wohliger, auch wenn er mich mit seinen spitzen Knochen unwillig in die Seite stieß.

Manchmal können die Eltern meinetwegen weggehen, wann, weiß ich jetzt nicht genau, bin zu müde dazu, aber nicht immer, wenn sie wollen; manchmal müssen sie zu Hause bleiben, ist beruhigend, dann kommen keine Onkel Einars.

 

 

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18. Januar 2021: Dieter Weiß, "Begegnung mit Peter"

 

Ein imposantes Gebäude. Acht Meter hohe neokorinthische Säulen, still, würdig, offen. Auf einem Notenständer findet sich ein Hinweis auf die Veranstaltung, die ich besuchen will. Erster Stock rechts, bitte Ruhe.

Eine Marmortreppe, ein Flur, eine offene Tür. Ich höre seine ruhige Stimme. Er sitzt an einem Tisch mit dem Rücken zu einem der 4 m hohen Fenster, rechtwinklig zu ihm eine junge Frau vor dem Laptop. Einige Sessel und Couches sind im Raum verteilt. Ein Mann sitzt bequem in einem der Sessel und hört zu. Ich setze mich leise in einen der Sessel, so dass ich die beiden handelnden Personen gut sehen kann. Sie nehmen mich nur ganz knapp wahr und fahren unbeirrt fort.

 

Eine ungemein beruhigende Atmosphäre. Ein live-Hörbuch in Zeitlupe und mit gesprochenen Satzzeichen. Die Schreiberin schreibt gleichmäßig, benutzt aber nicht alle zehn Finger. Sie sieht sympathisch aus, fragt nur ganz selten und leise etwas nach.

 

„fünfzig?“  - „Nein, schreiben Sie fuffzich, wie ich es gesagt habe“. 

Sie hat eine Art Pagenfrisur und ein ganz ebenmäßiges Gesicht. Grauer Pulli, rote Sandalen. 

 

Der andere Zuhörer ist inzwischen gegangen.

 

Peter erzählt von Lollar, von Buderus, der Kanonenbahn, den ersten Gastarbeitern, die damals noch Fremdarbeiter hießen.

 

Als das Kapitel beendet ist, gönnt er der Schreiberin eine Pause. Die nutzt er, um in demselben ruhigen Tonfall, mit dem er gelesen hat, eine Inhaltsangabe des Kapitels, das sie nun erwartet, auswendig zu erzählen. Auch wieder präzise, druckreife Prosa.

 

Der Text, den er liest, soll als Buch erscheinen. Er ist schon mit Schreibmaschine geschrieben, aber mit so vielen Streichungen, Korrekturen und für andere kaum lesbaren handschriftlichen Zusätzen versehen, dass der Verlag sich außerstande sah, diesen mit vertretbarem Aufwand umzusetzen. Daraus entstand die Idee, über den Rundfunk Freiwillige zu suchen, die unentgeltlich stundenweise den Text nach Diktat des Autors eintippen. Es fanden sich genügend Interessentinnen, die Termine wurden bekanntgegeben, und die Öffentlichkeit zum kostenlosen Zuhören eingeladen. 

Dann beginnt das nächste Kapitel. Meine Parkzeit läuft bis 13.25 und ich will sie auch voll ausnutzen. 

 

Das Kapitel wird nicht fertig, denn der Autor beschließt, Mittagspause zu machen. Dann spricht er mich an und fragt, was mich dazu bringt, ihm über zwei Stunden zuzuhören. Ich erkläre ihm, dass er im Grunde meine eigene Kindheit und Jugend erzählt, denn ich bin im selben Jahr geboren wie er, mit meiner Mutter aus der Wohnung vertrieben worden und auf einem kleinen Dorf aufgewachsen. „Mein Dorf“ ist von seinem nur 40 Kilometer entfernt, und die Mundart-Ausdrücke, die er in seinen Text einfließen lässt, sind mir geläufig.

Leider ist Peter Kurzeck drei Jahre nach unserer Begegnung gestorben. Vielleicht wäre es nicht die letzte gewesen.

 

 

 

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