KuKuK-Textwerkstatt Archiv 2

 



 

 

21. September 2020: Günter Wirtz, "Im Wellnessbereich"

 

Sie war nicht da. Sie war einfach nicht da. 

Sie hatte ihn, in seinen Augen, verlassen, einfach verlassen. Dabei hatte er sich so sehr an sie gewöhnt. Diese Gemeinsamkeit hätte er bis an sein Lebensende fortführen können.

‚Ritual‘ klingt so schnöde, so freudlos. Er hatte es genossen.

Er war, wie jeden Dienstag, wie jeden Donnerstag, um die gleiche Uhrzeit, 17.15 Uhr, da gewesen. Nur sie war nicht da. Was sollte er jetzt machen? Die Dame an der Rezeption, die er seit Langem nicht mehr wahrgenommen hatte, er brauchte sie ja auch nicht wahrzunehmen, war zuvorkommend. Hastig fragte er nach … nach wem sollte er fragen?

Er kannte ihren Namen nicht. Sie hatte auch kein Namensschildchen getragen. Er kannte sie seit Jahren, genau genommen seit sechs Jahren und fünf Monaten.

Da war er in diese Stadt gekommen. Er kannte niemanden. Seine neuen Kollegen mied er. Er hatte das Beauty- und Wellnesszentrum ganz in seiner Nähe aufgesucht und ein Ganzkörper-Meersalzpeeling, verbunden mit einer Honigpackung, das ihm die Dame an der Rezeption wegen seiner empfindlichen Haut empfohlen hatte, in Auftrag gegeben.

Es war ein Dienstag, 17.15 Uhr, vor knapp sechseinhalb Jahren. Eine junge Frau war auf ihn zugetreten, hatte sich ihm kurz vorgestellt, wobei er den Namen sofort wieder vergessen hatte, und hatte ihn dann in eine dieser funktionalen Räume geführt, in dem er sich auf eine Liege gelegt hatte. Die Folie auf der Liege fühlte sich ein wenig kühl an. Die junge Frau hatte ihm in wenigen Worten das Vorgehen erklärt und auch schon mit dem Auftragen des Salzes begonnen.

Als die Gliedmaßen, Brust und Rücken mit dem Salz bedeckt waren, hatte sie ihn für eine kurze Zeit alleine gelassen, vor allem um eine Metallschüssel zu holen, ein Viertel voll mit zähflüssigem Honig gefüllt. In der gleichen Reihenfolge wie bei der Meersalzanwendung wurden Beine, Arme, Brust und Rücken mit dem Honig eingerieben. Danach hatte die junge Frau, schwarzhaarig war sie, mittelgroß, mit dunklen Augen, die Folie über ihm zusammengefaltet, außerdem darüber eine Wolldecke ausgebreitet. Sie hatte den Raum mit dem Hinweis verlassen, jetzt könne er entspannen, sie komme zu gegebener Zeit zurück.

So war es gewesen, sechs Jahre und fünf Monate lang. An der Rezeption hatte er sich nach den Ferienzeiten der jungen Frau erkundigt. Nur nach einigem Zögern hatte man sie ihm mitgeteilt. Er hatte seinen eigenen Urlaub danach ausgerichtet, die letzten knapp sechseinhalb Jahre. Ansonsten betrat er jeden Dienstag und jeden Donnerstag um 17.15 Uhr das Beauty- und Wellnesszentrum. Wie hatte er Christi Himmelfahrt und Fronleichnam verflucht, die immer auf einen Donnerstag fielen.

Und heute – sie war nicht da, sie war einfach nicht da.

 


 

14. September 2020: Ilse-Marie Weiß, "Der Garten meiner Kindheit"

 

Für meine Enkelkinder: Sarah, Charlotte, Julius, Victoria und Johannes

 

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, sehe ich mich nur als Kind in unserem Garten. Das Grundstück war fast 1200 qm groß und lag mitten in der Stadt, nahe dem Ludwigsplatz.

 

Von drei Seiten geschützt durch die Nachbargärten war er für mich der Größte. Ja, groß war er wirklich! Wurde ich vom Wohnhaus aus gerufen, konnte mich der Ruf im hinteren Teil des Gartens nicht erreichen. Dort wuchs auch die große Himbeerhecke, 15 Meter lang und 1 Meter breit, in der ich mich gerne versteckte. Ich war überzeugt, dass niemand außer mir den Schleichweg im Inneren der Hecke kannte.

 

Jede freie Zeit habe ich in diesem Garten verbracht. Immer wieder saß ich unter dem alten Birnbaum, dessen Krone von der Druckwelle einer Bombe hinweggefegt worden war, der aber trotzdem weiterwuchs und Blüten und herrliche Früchte hervorbrachte. Auf dem höchsten Ast war der Lieblingsplatz einer Amsel, mit der ich mich täglich unterhielt, indem ich ihren Gesang pfeifend nachahmte. Ich weiß ja nicht was ich ihr entgegen pfiff, jedenfalls wurde sie nicht müde mir zu antworten. Das ging so lange, bis mich wieder etwas Neues interessierte.

 

Zwischen den großen Steinen einer langen Trockenmauer, überwuchert von Blütenpolstern, wohnten mehrere Eidechsenfamilien, mit denen ich oft lange Gespräche führte.

Der große Gemüsegarten war damals nach dem Krieg lebensnotwendig, außer Kartoffeln wurde alles angebaut, was die Familie bis zur nächsten Erntezeit brauchte. Da es damals weder einen Kühlschrank noch eine Gefriertruhe gab, wurde alles sofort verarbeitet – gedörrt, in Einmachgläser eingekocht oder als Saft in Flaschen konserviert. Im Vorratskeller wurde es immer enger mit all den Schätzen für die kalte Jahreszeit. Für mich als Kind war das bewusste Erleben und Mitarbeiten beim Säen, Pflegen, Gießen und Ernten prägend für die Entwicklung meiner Geduld und Liebe zur Gartenarbeit. 

 

Das Schönste am Garten waren die Blumen. Überall blühte und duftete es. Der Zaun zum einen Nachbargarten war eine üppig blühende Kletterrosenwand und davor blühte das Staudenbeet, bunt in den schönsten Farben. Zwischen den Stauden waren Tulpen, Osterglocken, Narzissen und Gladiolen gepflanzt. Ich kannte alle Pflanzennamen und habe dort als Sechsjährige angefangen Blumen zu malen. 

 

Ich liebte es, im Gras zu liegen und mich in den Wolken am Himmel zu verlieren, immer bedacht in den Wolkengebilden Figuren und Formen zu sehen. Mitten im Garten hatte mein Vater aus Holz eine Schaukel gebaut. Auf der einen Seite gab es eine Kletterstange und ein Kletterseil, auf der anderen Seite eine Leiter. Dazwischen wurden zwei alte Matratzen gelegt, denn mein sportliches Schaukeln an Trapez und Ringen war nicht immer gekonnt.

 

Was bedeutete der Garten damals für mich? Im Garten fühlte ich mich frei und glücklich und konnte Stunden zufrieden dort zubringen.

 

Im Haus war das anders. Auf den Grundmauern des im Krieg zerstörten Hauses meiner Großeltern neu aufgebaut, war es schön und groß. Ja, es gab darin den für mich bis dahin unbekannten Luxus eines gekachelten Bades mit eingebauter Badewanne und Waschbecken und eine Zentralheizung für die ganze Wohnung. Für mich nehmen aber dort die negativen Erinnerungen einen breiten Raum ein. Angefangen bei den Spinnen im Haus und den dunklen Ecken im Keller, an denen ich nur laut singend vorbeiging, bis zu der negativen Stimmung meiner Eltern nach den unbewältigten Schicksalsschlägen während des Krieges und den Existenzsorgen. Ich habe das damals als Kind nicht verstanden – nur gefühlt und mich entsprechend angepasst. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Als ich dreizehn Jahre alt war, sind wir von dort weggezogen. Ein letztes Mal stand ich am Fenster des Kinderzimmers mit Blick in den Garten und habe geweint. Ich wusste instinktiv, dass die schöne Kindheit vorbei war. Heute gehört das Haus der Universität Gießen. Ich bin noch mehrmals auf das Grundstück zurückgekehrt, aber der Zauber des Gartens ist verschwunden.

 


 

7. September 2020: Dieter Weiß, "Fenchel auf Holz" und andere Wortgeschichten

 

Letzten Endes besteht jede Geschichte aus Wörtern. Aber viele der Wörter haben auch eine eigene Geschichte (die natürlich auch wieder aus Wörtern besteht). Die Geschichte eines Wortes kann seine Herkunft oder seinen Bedeutungswandel im Lauf der Zeit beschreiben. Sie kann aber auch ganz individuell sein und nur für eine bestimmte Person existieren. Von solchen Wortgeschichten soll hier die Rede sein. Es sind also Geschichten, die mich ganz persönlich mit diesem oder jenem Wort verbinden. Aus diesem Grund halte ich es für ratsam, hier einfach mit dem Lesen aufzuhören!

 

Du liest also entgegen meinem Ratschlag doch weiter. Na gut.

Wir hatten einmal für kurze Zeit eine Lateinlehrerin, die hieß Teufi Valtavuo (so etwas merkt man sich). Sie kam aus Finnland, daher der für uns völlig fremd klingende Name. Von ihr wurde gesagt, sie habe über das deutsche Wort Hügel promoviert. Ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, wie man über ein einzelnes Wort eine ganze Doktorarbeit schreiben kann, und das auch noch in einer Fremdsprache, die wirklich sehr fremd ist. Das ist jetzt über 60 Jahre her. Aber immer wenn mir das Wort Hügel begegnet, fällt mir auch Teufi Valtavuo ein. Und jetzt kommts: Beim Überarbeiten dieses Textes kommt mir die Idee, spaßhalber mal Valtavuo zu googeln. Und was finde ich?

Der Wandel der Worträume in der Synonymik für "Hügel"

Autor: Toivi Valtavuo

Verlag: Helsinki : Société néophilologique, 1957.

 

Wir hatten den Vornamen wohl nur gehört und nie geschrieben gesehen.

 

Mein Interesse für die Etymologie wurde durch unseren Englischlehrer Dr. Heinrich Heidt geweckt. Er hatte neben Englisch und Französisch auch Vergleichende Sprachwissenschaft studiert und gab uns hin und wieder kleine Kostproben davon, zum Beispiel, dass das russische Wort für Stadt Gorod (город) mit unserem Wort Garten verwandt ist. Der Garten hat üblicherweise einen Zaun, der sich wiederum im englischen Wort town findet. Seitdem versuche ich immer wieder, den Ursprung von interessanten Wörtern herauszufinden, was ja heute ganz leicht geht, aber damals doch ziemlich mühsam war. Weißt du, woher das Wort Quitte kommt?

Fenchel auf Holz

Wir nannten sie Toxi. Die giftige Konnotation war uns in der Unterstufe noch nicht bekannt. Sie war klein und rund, meistens gut gelaunt. Ihr dunkler Teint und ihr krauses Haar hatten ihr den Spitznamen verschafft, denn damals war ein Film sehr populär, der sich um das kleine Mädchen Toxi drehte, dessen Vater, ein schwarzer amerikanischer Soldat, verschwunden war und Mutter und Tochter hatte sitzen lassen. Ältere Leser werden sich vielleicht noch an den Film erinnern. Der Erdkundeunterricht von Frau Bermann, wie man Toxi anständigerweise nennen sollte, war dadurch interessant, dass sie ganz viel aus eigener Anschauung erzählen konnte, denn sie machte viele weite Reisen, was für die frühen Fünfzigerjahre noch ganz außergewöhnlich war. 

 

Besonders stark eingeprägt hat sich mir ihre Erzählung von den Schlitten, in denen die Touristen in Madeiras Hauptstadt Funchal die steilen Straßen hinunter gefahren wurden. Angeblich setzte jeden Tag nachmittags um die gleiche Zeit ein Platzregen ein, und die „Carreiros“ wussten es grade so eizurichten, das sie just zu diesem Zeitpunkt vor einem Lokal anhalten konnten, in das die Gäste vor dem Regen flüchteten. Natürlich hatten die Schlittenführer ein Abkommen mit dem Lokalbesitzer, und genauso natürlich war dieser Teil der Geschichte geflunkert. Aber genau dadurch ist mir die ganze Sache wohl in Erinnerung geblieben und damit meine beiden ersten portugiesischen Wörter Funchal und Madeira, Fenchel und Holz.

 

Der Atheist

In der Oberstufe war ich häufig mit deutsch-französischen Jugendgruppen unterwegs und dabei oft als dilettantischer Dolmetscher gefragt. Einmal wollte ich etwas erzählen, ich weiß gar nicht mehr was, jedenfalls kam das Wort Atheist vor, was ich einfach mit “athéiste“ übersetzte. Ein Junge klärte mich auf: On ne dit pas  athéiste, on dit athé.  Und ein Mädchen ergänzte: Et la religion – c’est l’athéisme. Auch eine unvergessliche Wortgeschichte.

 

Zum KuKuK!

 

Anlässlich des Besuchs einer ungarischen Gruppe in Wettenberg fand ein Konzert im KuKuK statt. Auf Bitte des Vorsitzenden hatte ich als kleine Anerkennung für die Künstlerinnen und Künstler Kreisel gedrechselt und grün-weiß rot lackiert. Das ungarische Wort dafür hatte ich mir herausgesucht und mühsam eingeprägt. Bei der Übergabe der Geschenke sagte ich es mehrfach: Körforgalom. Statt eines anerkennenden, freundlichen Nickens sah ich nur verständnislos blickende Gesichter. Es stellte sich bald heraus, dass Körforgalom zwar Kreisel, aber ausschließlich im Sinne von Kreisverkehr bedeutet. Für das rotierende Spielzeug gibt es ein ganz anderes Wort. Das kommt davon, wenn man angeben will und keine Ahnung hat.

 


 

31. August 2020: Bernd Rosenbaum - "Dem Weltfrieden so nah…"

 

Wir Menschen können noch viel von unseren Tieren lernen. Wenn ich als Hobby-Ornithologe auf dem Vogelbeobachtungsstand an den Martinsweihern sitze, staune ich immer wieder, welch eine Harmonie hier bei den zahlreichen Wasservogelarten herrscht. Ob Gänse, Enten, Schwäne, Kormorane, Zwerg- und Haubentaucher, jedes einzelne Tier wird von den anderen respektvoll behandelt und genießt seinen ganz persönlichen Freiraum. Alle zusammen strahlen sie eine Friedfertigkeit aus, die man sich nicht nur im alltäglich-privaten, sondern auch im weltpolitischen Bereich wünscht, mehr Toleranz und einen rücksichtsvolleren Umgang miteinander. 

 

Deshalb möchte ich den nordkoreanischen Raketenzündler, den syrischen Menschenverachter, den russischen Gernegroß und den verrückt gewordenen Weißkopf-Seeadler aus Amerika hierherholen, damit sie sich diese intakte Lebensgemeinschaft ansehen und von ihr lernen.  

 

Wenn die Vögel dann sehen, welch explosives Quartett ihnen zuschaut, werden sie gemeinsam zu ihnen hinschwimmen und vielstimmig das Lied anstimmen: „Ein schöner Tag …“. 

 

Kim Jong-Un, Assad, Putin und Trump werden sich am Ende ergriffen die Hände reichen und mit feuchten Augen den neuen Weltfrieden verkünden.

 


 

24. August 2020: Horst Wolcke, "Das Tüchlein"

 

Ein  Tränchen  war´s ,  das  ihn  bewog
indem  er  höflich  Mitleid  mimte
mit  feiner  Hand  ein  Tüchlein  zog
wie´s  für  den  Herrn  sich  ziemte

 

Die  Geste , als  das  Tuch er  reichte

nahm  dankbar  sie  und  war  gerührt

er  hoffte , dass  ihr  Herz  erweichte

und  hätte  fast  die  Hand  berührt

 

Sie  nahm  das  Tüchlein  mit  Bedacht

und  spürte   seinen  wachen  Blick

und  ohne  Träne  gab  sie  sacht

das  Tüchlein  und  den  Blick  zurück

 


 

17. August 2020: Johannes Eucker, aus "Zauber der Erinnerung"

 

Das halbierte Foto

Ich erinnere mich selbst und außerdem erinnert mich das Foto, das ich noch besitze, an die Situation. In die Volksschule des Dorfes kam ein Fotograf. Die Kinder wurden auf den Nachmittag zum Fotografieren bestellt. Meine Cousine hatte noch Zöpfe und einen Mittelscheitel. Sie trug Tracht und putzte sich richtig heraus. Vielleicht war sie 12 oder 13, ich dann also 3 bis 4. Ich erinnere mich blass, dass ich nicht mitgehen wollte. Warum sie sich aber meine Gesellschaft so sehr wünschte, weiß ich weder heute noch wusste ich es damals. Auf dem Schulhof wurden wir beide nebeneinander aufgestellt. Weil ich noch so klein war, schob man mir einen Schemel unter, aber mein Kopf reichte immer noch nicht bis an ihre Schulter. Und dicht an meine Cousine herangerückt wurde ich auch noch. Das machte man einfach mit mir. Ich fühlte mich unwohl dabei.

An den Fotoapparat, vermutlich eine Plattenkamera mit schwarzem Tuch, unter dem die Fotografen zu verschwinden pflegten, erinnere ich mich nicht. Vielleicht verstand ich nicht einmal, was da eigentlich vor sich ging.

Später sah ich dann das Bild. Wann ich zum ersten Mal meinen Unwillen über das Bild geäußert habe, ist mir nicht gegenwärtig. Aber eines Tages hat meine Mutter das Bild halbiert, das wollte ich wohl so. Die beiden Hälften mit je einem Kind wurden aufbewahrt.

Ein ähnlich unangenehmes Fotografiererlebnis verbinde ich mit Jungbluths. Dieses nette ältere Ehepaar war in Köln ausgebombt und bei uns 1944 auf dem Dorf untergebracht worden, wohin der Bombenterror der Alliierten nie recht gereicht hat. Der Bürgermeister hatte sie in ein Zimmer unseres wegen des Kriegsbeginns nur halb fertigen Hauses eingewiesen. Mein Vater war ärgerlich darüber, denn in die großen Bauernhäuser wurden keine Ausgebombten einquartiert und in sein halb fertiges Siedlungshäuschen gleich eine der ersten Familien, die aus Köln und Kassel in unser Dorf kamen. Das lag am Nazibürgermeister, meinte er, denn er selbst war kein Nazianhänger. 

Der Sohn Franz Jungbluth kam eines Tages zu Besuch aus einem Lungensanatorium, in das ihn die Wehrmacht eingewiesen hatte, weil er die Strapazen des Krieges wohl gesundheitlich nicht verkraftet hatte. Dieser Franz war im Besitz eines Fotoapparates und ein begeisterter Fotograf. Und meine Mutter hatte aus ihrer Dienstmädchenzeit bei einem Marburger Professor von dessen Tochter gelernt, wie viel Spaß es macht, Erinnerungsfotos ansehen zu können. 

Fotos von sich machen zu lassen, das bedurfte besonderer Vorbereitung. Bei der Arbeit ließ man sich nicht fotografieren. Als Kulisse musste ein besonders schöner oder doch für einen selbst wichtiger Ort gefunden werden. Dort stellte man sich dann auf - mit Blick geradeaus in die Kamera. Natürlich zog man sich dazu den Sonntagsstaat an. Werktags war eigentlich schon allein deshalb keine Zeit zum Fotografiert werden, weil man sich in Schale werfen wollte. Mit der adretten Kleidung haperte es aber bei mir. Ich gefiel mir überhaupt nicht in Hemd mit ärmellosem Pullover darüber und einer so genannten Kurzen Hose, die erst am Knie aufhörte. Man muss dazu wissen, dass kurze Hosen in jenen Jahren – ganz anders als heutzutage - so viel Oberschenkel wie nur möglich freizugeben hatten. Pulli zu kurz, Hose zu lang, dass dieses Muster mal ein halbes Jahrhundert später in Mode kommen würde, war unvorstellbar.

Meine Mutter hatte eine schöne Stelle im Grünen außerhalb des Dorfes ausgesucht und wusste auch genau, wie sich meine kleine Schwester und ich zusammen mit ihr aufzustellen hatten. Wir sollten als Pärchen vor ihr stehen, dicht nebeneinander und dicht vor ihr. Ich links vor ihr, meine Schwester rechts. Und sie hatte vor, uns beide von hinten mit ihren Händen zu berühren. Meiner kleinen Schwester konnte sie ihre Rechte auf die Schulter legen. Ich war dafür schon zu lang. Deshalb schob sie ihre linke Hand unter meine Achsel. Dort war ich aber extrem kitzlig. Damit ihre Hand nicht zu nah an meine Achsel käme, hob ich die linke Schulter und damit ihre Hand nicht allzu fest auf meinen dürren Rippen läge, winkelte ich den Oberarm seitlich etwas ab. Weil nun der Fotograf aber seinen Apparat schon auf einem Stativ in Position gebracht hatte und mich der fremde Mann auch befangen machte, wehrte ich mich nicht gegen Mutters Berührung, sondern verkrampfte mich in dieser schiefen Haltung.

Meine aus Angst vor dem starken Kitzel so unnatürliche Haltung wurde der erwünschten Würde des Bildmotivs nicht gerecht, weshalb meine Mutter mir die Schulter nach unten und meinen Arm wieder an meinen Körper drückte, mich zurechtwies und dann ihre Hand wieder unter meine Achsel schob. Dieses Stellungsspiel wiederholte sich, bis es mir endlich gelang, mich so in der gewünschten Position zu verkrampfen, dass der Fotograf seinen Film in Ruhe belichten konnte. Das obligatorische Lächeln in die Kamera vermochte ich in solcher Situation nicht in gewünschter Prägnanz auf meinen Lippen zu erzeugen. – Mein Vater machte „diesen ganzen Zirkus“ nicht mit. Wie Recht er doch hatte.