KuKuK-Textwerkstatt Archiv 2

 



 

31. August 2020: Bernd Rosenbaum - "Dem Weltfrieden so nah…"

 

Wir Menschen können noch viel von unseren Tieren lernen. Wenn ich als Hobby-Ornithologe auf dem Vogelbeobachtungsstand an den Martinsweihern sitze, staune ich immer wieder, welch eine Harmonie hier bei den zahlreichen Wasservogelarten herrscht. Ob Gänse, Enten, Schwäne, Kormorane, Zwerg- und Haubentaucher, jedes einzelne Tier wird von den anderen respektvoll behandelt und genießt seinen ganz persönlichen Freiraum. Alle zusammen strahlen sie eine Friedfertigkeit aus, die man sich nicht nur im alltäglich-privaten, sondern auch im weltpolitischen Bereich wünscht, mehr Toleranz und einen rücksichtsvolleren Umgang miteinander. 

 

Deshalb möchte ich den nordkoreanischen Raketenzündler, den syrischen Menschenverachter, den russischen Gernegroß und den verrückt gewordenen Weißkopf-Seeadler aus Amerika hierherholen, damit sie sich diese intakte Lebensgemeinschaft ansehen und von ihr lernen.  

 

Wenn die Vögel dann sehen, welch explosives Quartett ihnen zuschaut, werden sie gemeinsam zu ihnen hinschwimmen und vielstimmig das Lied anstimmen: „Ein schöner Tag …“. 

 

Kim Jong-Un, Assad, Putin und Trump werden sich am Ende ergriffen die Hände reichen und mit feuchten Augen den neuen Weltfrieden verkünden.

 


 

24. August 2020: Horst Wolcke, "Das Tüchlein"

 

Ein  Tränchen  war´s ,  das  ihn  bewog
indem  er  höflich  Mitleid  mimte
mit  feiner  Hand  ein  Tüchlein  zog
wie´s  für  den  Herrn  sich  ziemte

 

Die  Geste , als  das  Tuch er  reichte

nahm  dankbar  sie  und  war  gerührt

er  hoffte , dass  ihr  Herz  erweichte

und  hätte  fast  die  Hand  berührt

 

Sie  nahm  das  Tüchlein  mit  Bedacht

und  spürte   seinen  wachen  Blick

und  ohne  Träne  gab  sie  sacht

das  Tüchlein  und  den  Blick  zurück

 


 

17. August 2020: Johannes Eucker, aus "Zauber der Erinnerung"

 

Das halbierte Foto

Ich erinnere mich selbst und außerdem erinnert mich das Foto, das ich noch besitze, an die Situation. In die Volksschule des Dorfes kam ein Fotograf. Die Kinder wurden auf den Nachmittag zum Fotografieren bestellt. Meine Cousine hatte noch Zöpfe und einen Mittelscheitel. Sie trug Tracht und putzte sich richtig heraus. Vielleicht war sie 12 oder 13, ich dann also 3 bis 4. Ich erinnere mich blass, dass ich nicht mitgehen wollte. Warum sie sich aber meine Gesellschaft so sehr wünschte, weiß ich weder heute noch wusste ich es damals. Auf dem Schulhof wurden wir beide nebeneinander aufgestellt. Weil ich noch so klein war, schob man mir einen Schemel unter, aber mein Kopf reichte immer noch nicht bis an ihre Schulter. Und dicht an meine Cousine herangerückt wurde ich auch noch. Das machte man einfach mit mir. Ich fühlte mich unwohl dabei.

An den Fotoapparat, vermutlich eine Plattenkamera mit schwarzem Tuch, unter dem die Fotografen zu verschwinden pflegten, erinnere ich mich nicht. Vielleicht verstand ich nicht einmal, was da eigentlich vor sich ging.

Später sah ich dann das Bild. Wann ich zum ersten Mal meinen Unwillen über das Bild geäußert habe, ist mir nicht gegenwärtig. Aber eines Tages hat meine Mutter das Bild halbiert, das wollte ich wohl so. Die beiden Hälften mit je einem Kind wurden aufbewahrt.

Ein ähnlich unangenehmes Fotografiererlebnis verbinde ich mit Jungbluths. Dieses nette ältere Ehepaar war in Köln ausgebombt und bei uns 1944 auf dem Dorf untergebracht worden, wohin der Bombenterror der Alliierten nie recht gereicht hat. Der Bürgermeister hatte sie in ein Zimmer unseres wegen des Kriegsbeginns nur halb fertigen Hauses eingewiesen. Mein Vater war ärgerlich darüber, denn in die großen Bauernhäuser wurden keine Ausgebombten einquartiert und in sein halb fertiges Siedlungshäuschen gleich eine der ersten Familien, die aus Köln und Kassel in unser Dorf kamen. Das lag am Nazibürgermeister, meinte er, denn er selbst war kein Nazianhänger. 

Der Sohn Franz Jungbluth kam eines Tages zu Besuch aus einem Lungensanatorium, in das ihn die Wehrmacht eingewiesen hatte, weil er die Strapazen des Krieges wohl gesundheitlich nicht verkraftet hatte. Dieser Franz war im Besitz eines Fotoapparates und ein begeisterter Fotograf. Und meine Mutter hatte aus ihrer Dienstmädchenzeit bei einem Marburger Professor von dessen Tochter gelernt, wie viel Spaß es macht, Erinnerungsfotos ansehen zu können. 

Fotos von sich machen zu lassen, das bedurfte besonderer Vorbereitung. Bei der Arbeit ließ man sich nicht fotografieren. Als Kulisse musste ein besonders schöner oder doch für einen selbst wichtiger Ort gefunden werden. Dort stellte man sich dann auf - mit Blick geradeaus in die Kamera. Natürlich zog man sich dazu den Sonntagsstaat an. Werktags war eigentlich schon allein deshalb keine Zeit zum Fotografiert werden, weil man sich in Schale werfen wollte. Mit der adretten Kleidung haperte es aber bei mir. Ich gefiel mir überhaupt nicht in Hemd mit ärmellosem Pullover darüber und einer so genannten Kurzen Hose, die erst am Knie aufhörte. Man muss dazu wissen, dass kurze Hosen in jenen Jahren – ganz anders als heutzutage - so viel Oberschenkel wie nur möglich freizugeben hatten. Pulli zu kurz, Hose zu lang, dass dieses Muster mal ein halbes Jahrhundert später in Mode kommen würde, war unvorstellbar.

Meine Mutter hatte eine schöne Stelle im Grünen außerhalb des Dorfes ausgesucht und wusste auch genau, wie sich meine kleine Schwester und ich zusammen mit ihr aufzustellen hatten. Wir sollten als Pärchen vor ihr stehen, dicht nebeneinander und dicht vor ihr. Ich links vor ihr, meine Schwester rechts. Und sie hatte vor, uns beide von hinten mit ihren Händen zu berühren. Meiner kleinen Schwester konnte sie ihre Rechte auf die Schulter legen. Ich war dafür schon zu lang. Deshalb schob sie ihre linke Hand unter meine Achsel. Dort war ich aber extrem kitzlig. Damit ihre Hand nicht zu nah an meine Achsel käme, hob ich die linke Schulter und damit ihre Hand nicht allzu fest auf meinen dürren Rippen läge, winkelte ich den Oberarm seitlich etwas ab. Weil nun der Fotograf aber seinen Apparat schon auf einem Stativ in Position gebracht hatte und mich der fremde Mann auch befangen machte, wehrte ich mich nicht gegen Mutters Berührung, sondern verkrampfte mich in dieser schiefen Haltung.

Meine aus Angst vor dem starken Kitzel so unnatürliche Haltung wurde der erwünschten Würde des Bildmotivs nicht gerecht, weshalb meine Mutter mir die Schulter nach unten und meinen Arm wieder an meinen Körper drückte, mich zurechtwies und dann ihre Hand wieder unter meine Achsel schob. Dieses Stellungsspiel wiederholte sich, bis es mir endlich gelang, mich so in der gewünschten Position zu verkrampfen, dass der Fotograf seinen Film in Ruhe belichten konnte. Das obligatorische Lächeln in die Kamera vermochte ich in solcher Situation nicht in gewünschter Prägnanz auf meinen Lippen zu erzeugen. – Mein Vater machte „diesen ganzen Zirkus“ nicht mit. Wie Recht er doch hatte.