KuKuK-Textwerkstatt Archiv 1

 



Tagebuchimpressionen
Den Dichterkollegen in Marburg abgeholt, dann noch gut 20 Kilometer. Vor dem Bürgerhaus treffen wir Carla, sie hat Blumen und ein Buch besorgt. Das Buch, ein Taschenbuch, war gewünscht. Draußen rauchen ein paar Gäste. Drei Uhr nachmittags. Die Familie des Geburtstagskinds hat drinnen zu Mittag gegessen. Am Nachmittag werden Nachbarn, Freunde und der Gesangverein erwartet. Langsam füllt sich der Saal. Die Nachbarsfrauen haben ihre Lieblingskuchen gebacken. Der Tisch bordet über. 
Heinrich sitzt völlig erschöpft am Kopfende der u-förmigen Tafel in dem großen Raum. Er ist so schwach, dass er sich kaum erheben kann, um unsere Glückwünsche in Empfang zu nehmen. Seine Sprache ist stockend, die Sätze brechen mittendrin ab. 90 Jahre, ein langes, hartes, entbehrungsreiches Leben, gearbeitet in einer Lagerhalle nahebei, er ist verheiratet seit Jahrzehnten, zwei Söhne.
Am Kopfende bei ihm sitzen seine Frau, ein Sohn, zwei Enkelkinder. Seine Schwäche tut mir weh. Heinrich bittet uns, an einem der Tische Platz zu nehmen. Er bleibt sitzen. 
Der eloquente Sohn übernimmt die Pflicht des Smalltalks. Wir als Mitglieder des Autorenkreises, dem Heinrich so viele Jahre angehörte. Er schreibe ebenfalls, Sachbücher, Botanisches, weit weg im Süden der Republik. 
Heinrich ist/war ein hochbegabter Schreiber, belesen, mit feinem Humor, stilsicher. Er kommt sogar noch einmal zu uns. Ist um den ganzen langen Tisch gegangen, stellt sich wackelig zu uns, Vater, Sohn, drei Autoren. Nur kurz, muss sich wieder setzen, zu schwach zum Stehen. Wir setzen uns an einen Tisch am Ende der Tafel, überall fröhliches Geschwätz, Nachbarn trudeln ein. Immer muss Heinrich Hände schütteln, im Sitzen, an seinem Ehrenplatz, der Saal füllt sich. Uns gegenüber zwei Frauen. Schwestern? Mit zwei zappeligen Jungen. Vier Jahre? Drei Jahre? So etwa. Sie wollen laufen, raufen, springen, nicht sitzen und sich langweilen. Sehr unruhig.
Schließlich bittet der Sohn um Ruhe. Heinrich erhebt sich mühsam, einen gefalteten Zettel in Händen. Er entschuldigt sich dafür, dass seine wenigen Worte, die folgen sollen, immer wieder unterbrochen werden vom schweren Atmen. Es täte ihm sehr leid. Es sind nur wenige stockende Sätze, mit denen er sich für das Kommen der Gäste bedankt. Bei seinen Worten ist es still, selbst die kleinen Quälgeister gegenüber verhalten sich – fast – angemessen. Die Zuhörer lauschen andächtig der brüchigen Stimme. Denken sie an ihr eigenes Alter? Ihr eigenes Altern? Gäste, die meisten zwischen 30 und 80, fast alle aus dem Dorf.
Um kurz nach vier öffnet sich eine schmale Seitentüre des großen Saales. Beinahe 40 Männer zwischen 20 und 80, alle dunkelblaue Hose und hellblaues Hemd, der Gesangverein. Notenpult, der Dirigent mit zackigen, ausladenden Armbewegungen. Nach dem ersten Lied eine kurze Ansprache eines der Mitglieder an Heinrich. Überreichung der Ehrennadel in Gold für die lange Mitgliedschaft, dazu die obligatorische Urkunde. ‚Wir singen hier für dich vier Lieder‘. Heinrich bedankt sich leise. Der Chor, vielstimmig, beeindruckt nicht nur mich. ‚Wenn ich ein Mann wäre, würde ich auf jeden Fall da mitsingen‘, so meine Nachbarin voller Bewunderung. Nach dem vierten Lied dreht sich der Dirigent ruckartig zu dem Publikum um, ‚wir singen noch ein fünftes‘. Mich erstaunen vor allem die unterschiedlichen Lautstärken. Da können 40 Männer so leise singen, alle singen, dass man die berühmte Stecknadel … nun nicht ganz, und Sekunden später schwillt der Chor zu einem kräftigen Fortissimo an.
Heinrich erhebt sich, von seinem Sohn gestützt, geht nach vorne, die Sänger bilden eine lange Schlange, 40 Hände, 40 freundliche Worte. Die Kellnerin eilt mit einem großen Tablett gefüllter Pilsgläser heran. Gesang macht durstig.
Der letzte Sänger ist bei Heinrich angelangt. Jetzt darf der Geehrte endlich zurück auf seinen Platz. 
Und wir? Kurze, etwas schüchterne Verabschiedung von den dörflichen Tischnachbarn. Auf dem Weg zu Heinrich die Enkel und die Gemahlin gegrüßt. ‚Heinrich, bleib bitte sitzen‘, ‚Günter, vielen Dank, dass ihr gekommen seid. Das hat mich sehr gefreut. Ich bin so kaputt. Ich habe keinen Mittagsschlaf machen können‘.
Draußen Verabschiedung von Carla. Heimfahrt über Marburg, den Dichterkollegen Reimer abgeliefert. 
90. Geburtstag.

 

27. Juli 2020: Johannes Eucker;, Zwei Geschichten aus "Zauber der Erinnerung"

Schienbeintreten

Wie weit kann man sich zurück erinnern? Bis ins dritte Lebensjahr? Dann muss es vor Kriegsbeginn gewesen sein, also vor oder im Jahr 1939. Jemand hat mich auf dem Arm. Ich schaue durch ein Fenster aus dem Wohnzimmer des Bauernhauses hinaus in den Hof mit der quadratischen Miste in der Mitte, mit ihren Seiten auf vier Gebäude ausgerichtet. Davor oder daneben steht eine Gruppe von Menschen oder vielmehr sind diese Frauen und Männer in Bewegung nach draußen auf das Hoftor zu. Eine davon ist meine Mutter. Sie trägt ein Kopftuch, vielleicht auch noch ein bäuerliches Arbeitsgerät, eine Hacke, eine Sense, einen Heurechen, eine Gabel? Ich sehe sie verschwommen. Entweder sind die Fensterscheiben beschlagen oder Tränen trüben meinen Blick. Meine Mutter winkt. Zuvor war sie noch mal schnell ins Wohnzimmer hereingestürzt und hatte gesagt, dass ich aufhören solle zu weinen und bei der Golle bleiben müsse. Diese alte Frau hielt mich wohl nun auf dem Arm, mich jähzorniges und schreiendes Bündel. Ich war als Dreijähriger zu schwer für sie und schon zu stark.

Sie muss mich vom Arm gelassen, die Tür verriegelt und sich neben dem Kachelofen in einen geflochtenen Sessel gesetzt haben, denn dort sehe ich mich vor ihr stehen, meine Hände auf ihren Knien, schreiend. Sie redet auf mich ein, überfordert, ratlos gegenüber meiner Wut. Dann trete ich der alten Frau mit meinen festen Schuhen gegen die Schienbeine. Sie weint. Ich höre nicht auf.

In meiner Erinnerung hat die Geschichte keinen Fortgang.

Seit einigen Jahrzehnten liegt im Garten vor unserem Haus ein Grabstein von Margarete Eucker, geb. Schneider, gestorben 30.4.1940. Da war ich fast 4 Jahre alt. Ob sie all die Zeit von meinem 3. bis 4. Lebensjahr krank war?  

In meiner Erinnerung hat ihr Grab einen festen Platz, das ich oft zu gießen half und später auch manchmal alleine gegossen habe. Und wenn ich an dem Grabstein vorübergehe, was täglich geschieht, wünschte ich sie manchmal für einen Moment lebendig, damit ich sie um Verzeihung bitten könnte. 

 

Das Gänsegeschwader - ein Pyrrhussieg

Wenn - alle vier Wochen etwa - große Wäsche angesagt war, dann trafen sich einige Frauen der Verwandtschaft auf dem Bauernhof unter dem Vordach des Gebäudeteils, in dem die großen Kessel standen, in denen das Schweinefutter gekocht und in die das Wasser für die Kühe mit einer Handpumpe auf Vorrat eingefüllt wurde. Diese beiden Kessel wurden dann nach einem genau ausgeklügelten Plan zum Wäschekochen frei gehalten. 

Die großen Stücke, Betttücher, Oberbetten, Strohsäcke, Kopfkissen, Oberhemden, Handtücher und wohl auch Taschentücher und andere Kleinteile legten die Frauen nach einem bestimmten Waschgang zum Bleichen aus. Merkwürdigerweise bleicht Sonneneinstrahlung die Wäsche, die man feucht auf eine grüne Wiese legt und zwischendurch immer wieder gießt. Platz für diese Aktion bot ein kurz gehaltenes Stück Wiese, das zu einem größeren offenen Terrain gehörte und nur an zwei Seiten mit einem Zaun umgeben war. Mir wurde als eine erste verantwortungsvolle Aufgabe in meinem Leben die Bewachung dieser Wäschestücke aufgetragen. Als potentielle Eindringlinge galten Hühner, besonders aber Gänse, die immer wieder im Tiefflug von der Straße aus den Zaun überwanden und sich am frischen Gras der Wiese gütlich taten. Warum diese Tiere dann nicht auf der Grünfläche blieben, sondern auch die weißen Flächen mit der bleichenden Wäsche betraten, obwohl doch da kaum Gras zwischen den dicht ausgelegten Wäschestücken hervorschaute, ist wohl noch nicht wissenschaftlich untersucht worden. Hinlänglich bekannt ist dagegen, dass das Grüne, das die Gänse vorne aufnehmen, zügig dem Ausgang hinten zustrebt, so dass das Betreten der Wäsche durch diese Tiergattung nicht nur ihre Fußspuren, sondern auch grüne mehr oder weniger geformte Exkremente hinterließ, die sich auf der Wäsche deutlich abhoben.

Ich war angewiesen, dies zu verhindern. 

Für einen Vierjährigen ist das eine Herausforderung, die Mut, Entschlossenheit und Ausdauer verlangt. Mut, weil die Gänseriche ihre Herde zischend und aggressiv verteidigen, Entschlossenheit, weil nur energisches Drauflosgehen diese Tiere beeindruckt und zum Rückzug bewegt und Ausdauer, weil nach erfolgter Erstverteidigung garantiert bald eine neue Invasion droht, die natürlich ebenso zurückzuweisen ist wie die erste Welle. Ausgerüstet mit einer Gerte lauerte ich hinter einer Gartentür mit Blick auf die weiße Pracht der ausgelegten Wäsche. 

Irgendetwas muss meine Aufmerksamkeit für Minuten abgelenkt haben. Es könnten die Stachelbeeren oder Johannisbeeren gewesen sein, die im Garten reiften oder zu anderer Zeit die Pflaumen. Als ich das Schnattern der Gänse in meiner Nähe hörte, war der Zeitpunkt schon verpasst, wo ich die Eindringlinge vor dem Betreten des Terrains in Vorwärtsverteidigung hätte in die Flucht schlagen können. Die Gänseherde hatte bereits einen Teil der weißen Flächen betreten. Da blieb keine Zeit für umsichtiges Handeln und strategisches Planen, da versprach nur der direkte gradlinige taktische Zugriff Erfolg. Mit der Gerte in der Hand, lautem Geschrei auf den Lippen stürmte ich hinaus, quer über die Wäsche auf die Gänse zu, um weiteres Vordringen und größeren Schaden zu verhindern. Das gelang auf Anhieb. Von meinem und der Gänseschar Lärm, die sich laut schnatternd zurückzog, herbeigelockt kamen die Waschfrauen angerannt. Ich schritt ihnen stolz quer über die Wäsche zurück entgegen und verstand gar nicht das Gejammer der Frauen, die mich nicht lobten, nicht einmal beachteten, sondern sich gegenseitig zeigten, als ob man es nicht hätte sehen können, wo die Gänse und ich ihre Spuren hinterlassen hatten. 

Leider war mir entgangen, dass meine Schuhsohlen von meinem Aufenthalt im Garten, an den Stachel- oder Johannisbeerbüschen nicht so sauber waren, dass mir eine unbefleckte Überquerung der ausgelegten Wäsche bei meiner Vorwärtsverteidigung gelungen wäre. Das bemerkte ich nun auch. Etwas spät. 

Das war mein erster Pyrrhussieg.

  


 

20. Juli 2020: Dieter Weiß, "Die Bank"

 

Wir sitzen auf der Bank am Waldrand, die wir neulich auf einem Spaziergang entdeckt haben. „Da müssen wir noch mal hingehen, wenn richtig schönes Wetter ist, hast du damals gesagt“.

Jetzt sitzen wir hier, und es ist ein Wetter wie im Bilderbuch. Die Sonne scheint noch so warm wie man es um diese Jahreszeit nicht erwarten würde. Ab und zu spüren wir ein Lüftchen, aber das ist nur so ein Hauch. Die Wiese vor uns ist noch satt grün. Das liegt an dem ungewöhnlichen Wetter, das wir in diesem Jahr hatten. Schön ist das! 

Die Felder sehen so ordentlich aus. Ganz hinten vor dem Wald ist ein leuchtend gelber Streifen. „Sieht aus wie ein Rapsfeld, aber das gibt es doch nicht um diese Jahreszeit“. Du weißt auch nicht, was es ist? Da müssen wir mal jemand fragen, der sich auskennt.

Die Hecken sind schon bunt, vom Herbst verschwenderisch gemalt. Der lange, bewaldete Höhenzug am Horizont verliert sich im Dunst. „Wie ein Gemälde, man kann richtig mit den Augen spazieren gehen“ hast du gesagt.

Weißt du, was das Besondere an dieser Stelle ist? Man sieht überhaupt kein Haus, keine Straße, ja nicht einmal eine Hochspannungsleitung. So etwas ist in unserer Gegend ganz selten. Das ist auch der Grund, dass wir uns hier so wohl fühlen. Nur eine Reihe von Heuballen in hellgrüner Folie, ganz da hinten, erinnern uns daran, dass hier überall Menschen am Werk waren und die Landschaft mit gestaltet haben. Sie fügen sich aber so gut in die natürlichen Grüntöne ein, dass sie überhaupt nicht störend wirken.

Siehst du den großen Raubvogel da drüben? Ganz ruhig gleitet er durch die Luft. Was ist das eigentlich, ein Habicht oder ein Bussard? Ich glaube, der Habicht hat einen schmalen Schwanz und der Bussard einen breiten. Jetzt kommt er langsam näher und wir können ihn deutlicher sehen. Demnach müsste es ein Bussard sein...

Man müsste auch so über die Wiesen und Wälder gleiten können wie der Bussard. Manchmal kann ich das tatsächlich. Und dann wundere ich mich immer warum ich es nicht häufiger tue. Aber noch jedes Mal bin ich danach wieder aufgewacht. 

Ich schließe die Augen und habe den Traum wieder vor mir. Den Traum vom Fliegen.

Bist du schon mal mit einem Heißluftballon gefahren? Bei mir ist das schon viele Jahre her, aber ich kann mich noch gut an die Eindrücke erinnern, die ich dabei hatte. 

Zuerst gleitet man nur einen Meter über den Boden dahin, so dass es einem nichts ausmacht, auch wenn man sonst leicht schwindlig wird. Dann nimmt ganz allmählich die Höhe zu und es stellt sich das schöne Gefühl des Schwebens ein, fast so wie in meinen Träumen. Nur hier sind andere Menschen dabei, die reden und lachen. Und dann das Fauchen des Gasbrenners. Wenn das nicht wäre . . .

Aber in der Zeit zwischen den Feuerstößen, da ist es herrlich ruhig, denn es gibt ja keinen Fahrtwind. Der Bussard kann dahin schweben wo er möchte. Das können wir mit unserem Ballon nicht. Der Wind bestimmt, wohin die Reise geht. Bei mir ging sie über einen riesigen Wald, also nichts als Baumwipfel unter uns, fast langweilig. Aber dann eine Lichtung und ganz deutlich zu sehen ein Rudel Wildschweine, die vom Fauchen unseres Brenners aufgeschreckt quer über die Lichtung rennen.

Schön, wenn man auf einer Bank sitzt, den Blick schweifen und die Gedanken treiben lässt. Kannst du dich erinnern, dass du auch mal auf einer Bank gesessen und ganz entspannt so vor dich hin gedacht hast? Weißt du noch wo das war?

Neulich hast du gesagt, du hörst mir gern zu. Das hat mich sehr gefreut, und wenn du möchtest, werde ich dir auch bald wieder etwas erzählen.

 



Im März vorigen Jahres sind sie eingezogen ins Nachbarhaus mit seinen drei Wohneinheiten. Ein junges, sportlich und musikalisch ambitioniertes Pärchen. Sie, kaufmännische Angestellte, hübsch, mittelgroß und dunkelblond, bei der auch das Bike im Winter nicht einrostet. Er, Student, großgewachsen, langhaarig mit Alex-Meier-Zopf, aber Handballer (Rückraum). Und beide machen Musik. Er als Front-Gitarrist, sie als Lead-Sängerin in zwei verschiedenen Rockbands - krachend und schrill!

„Das kann ja heiter werden, aber vor allen Dingen laut, mit langen Partys“, dachte ich.

Unten im Haus wohnt nur eine Person, die Besitzerin und Großmutter von ihm, oben unterm Dach ein Wochenendfahrer.

Ist es nun die verwandtschaftliche Beziehung oder aber der Wunsch des Pärchens sich auf dem Grundstück zu betätigen?

Sie mulchen, mähen, pflanzen und pflegen das große Grundstück. Selbst die Straße wird gekehrt, wie es auf dem Land so üblich ist. Auch für die nachbarschaftlichen Schwätzchen haben sie Zeit, und sie grüßen freundlich und respektvoll.

Ich frage mich “wann kommt endlich die laute Musik, die langen Partys?“ - Fehlanzeige!

 

Mittlerweile wohnen die Lead-Sängerin und der Front-Gitarrist über ein Jahr in unserer Straße, haben sich mehr als integriert, ja, sie sind eine Bereicherung.

 

Und ich ärgere mich - über meine Vorurteile!

 


J’avais le temps

Je suis allée dans le jardin

J’ai ouvert les mains 

Pour retenir le vent

 

J’ai écouté son message

Suis partie en voyage

Son  souffle chaud m’a emmené

Vers les valeurs, la chaleur

Le partage, le grand cœur

Des amis africains

De tous ces gens qui n’ont rien.

 

Et puis le vent a tourné

Un souffle froid est arrivé

Il m’a transporté

Vers les cimes enneigées

Tout près des ‘Namastés’

 

Toujours la gentillesse

Beaucoup de tendresse 

Le claquement des drapeaux de prières

La fierté d’une mère d’un père 

Heureux de poser

Pour être photographier

Vers le sourire triste de cet enfant

Avec  ce gâteau comme présent

Va-t-il le manger ?

Le garder ? Le partager

 

Rencontres furtives, inattendues

Au détour du sentier l’imprévu

Richesse des émotions

Force des sensations.

 

Le vent a encore changé

Il m’a doucement ramené

Au bord du jardin 

Auprès des miens

Amis proches ou lointains

 

On ne peut plus se serrer

S’embrasser

Mais rien n’est effacé

Rien n’est oublié

On peut toujours se voir, se parler

 

Je ressens leur chaleur

Au plus profond de mon cœur

Le partage, l’Amitié sont toujours là 

Bientôt on se retrouvera

Ich hatte Zeit

Ich bin in den Garten gegangen

Ich habe die Hände aufgehalten

Um den Wind zu fangen

 

Ich habe seine Botschaft gehört

Bin zu einer Reise aufgebrochen

Sein heißer Atem hat mich geleitet

Den Werten der Wärme

Der Großzügigkeit dem großen Herz 

Den afrikanischen Freunden entgegen

Zu all diesen Menschen, die ohne Besitz

 

Dann hat der Wind die Richtung geändert

Ein kalter Luftzug hat mich getroffen

Hat mich hinaufgetragen

Zu den verschneiten Gipfeln

Ganz nah zu den freundlichen ‘Namastés’

 

Immerzu diese Sanftmut

Viel Zärtlichkeit

Das Geklapper der Gebetsfahnen

Der Stolz einer Mutter, eines Vaters

Erfreut posierend 

sich fotografieren zu lassen

Angezogen von dem traurigen 

Lächeln dieses Kindes

Das einen Kuchen als Geschenk bringt

Will es ihn behalten - will es Ihn teilen

 

Flüchtige Begegnungen, unerwartet

Auf dem Weg das Unvorhergesehene

Überwältigendes Empfinden

Stärke der Gefühle.

 

Und wieder hat der Wind sich gedreht

Er nimmt mich so sanft mit

Zum Rand eines Gartens 

In die Nähe meiner Lieben

Nahen und entfernten Freunden

 

Man darf sich nicht mehr drücken

Nicht mehr umarmen nicht mehr küssen

Aber nichts ist ausgelöscht

Nichts ist vergessen

Man kann sich sehen miteinander reden

 

Ich fühle ihre Wärme

In tiefstem Herzen

Gemeinsames, die Freundschaft noch da

Bald wird man sich wiedersehen



 

22. Juni 2020: Günter Wirtz, "In der Metro"

 

Es ist in der Metro in Paris. Freitag später Vormittag. Die U-Bahn ist halb leer. Ich finde einen Sitzplatz neben einem Mann mittleren Alters. Ihm gegenüber, beide am Fenster, ein Junge. Vielleicht 11 oder 12 Jahre. Der Platz neben dem Jungen ist unbesetzt.

Der schrille Ton, der das Einsteigen in die Bahn beendet, das ruckartige Starten des Zugs, der rasch Fahrt aufnimmt. Die Linie 11, aus Belleville im ärmeren Osten der Stadt ins Zentrum, ist noch nicht modernisiert. In den Kurven quietschen und kreischen die Räder auf den Gleisen. Es ist laut, man wird nach rechts und links geschüttelt, die Wagen haben keine Klimaanlage, die Luft ist verbraucht.

All das scheint der Junge mir schräg gegenüber nicht zu bemerken. Als erstes fallen seine strahlenden Augen auf. Braune, weit geöffnete Augen in einem hübschen, jugendlichen Gesicht umrahmt von dunkelbraunen Locken, keine Kappe. In einer Hand hält er eines dieser neumodischen Spielzeuge, genannt Fidget Spinner, ein Handkreisel, in der Mitte ein Kugellager, daran drei Ausleger oder Flügel. Man nimmt das Kugellager zwischen Daumen und Zeigefinger und versetzt das Ding mittels der anderen Finger in Rotation. Ist im Augenblick in. Aber dieses Spielen ist für den Jungen lediglich Nebensache. Der Blick hängt an dem Mann ihm gegenüber. Dieser sitzt leicht vornübergebeugt, wahrscheinlich um bei dem Lärm in der Bahn besser zu hören und verstanden zu werden. So sehe ich nur wenig von seinem Gesicht, wenn ich mich unauffällig in seine Richtung wende. Die Haare sind am Morgen nur flüchtig gekämmt worden, er ist unrasiert. Im Gegensatz zu der Kleidung des Jungen ist die seine verknittert, leicht abgewetzt der Hemdkragen, die Hose. Das T-Shirt und die Jeans des Jungen sehen dagegen neuwertig aus. Selbstverständlich verbietet es sich, dem stockenden Gespräch zu lauschen, auch wenn uns nur wenige Zentimeter trennen.

Welch eine Erwartung steckt in dem Blick des Jungen! 

Ist das der Vater, den er nur jedes zweite Wochenende sieht? Und selbst das klappt nicht immer. Früh wird er an diesen Freitagen wach, weiß er doch, dass Vater im Laufe des Vormittags klingelt. Der kommt nicht hoch in die Wohnung, in der er alleine mit seiner Mutter lebt. Wie gerne möchte er die Hand des Vaters auf dem Weg zur Metro ergreifen, aber der versteckt  seine Hände in den Hosentaschen. Wohin geht die Fahrt heute? In einen Vergnügungspark? In ein Kaufhaus? Gibt es danach Pommes frites? Oder einen Burger? Und geht es später dann ins Kino? Vielleicht hat Vater auch DVDs besorgt, die sie sich zuhause bis tief in die Nacht anschauen werden. Erzählen muss er nicht viel. Egal, ob er eine neue Freundin hat, egal, was er in den zwei Wochen, die zwischen den Besuchen liegen, macht. Er muss nur da sein, sein Vater.

An der Station ‚Place de la République‘ steigen die beiden aus. Ich sehe noch, wie der Sohn versucht, nach der Hand des Vaters zu greifen. Da ertönt das schrille Signal und die Bahn fährt ruckartig los.

 


 

15. Juni 2020: Dieter Weiß, "Wörtersee"

 

„Wie war das mit dem Wörthersee?“ fragt Sonja ihre Freundin Rita, nachdem sie sich auf dem Bahnsteig freudig begrüßt haben.

„Warte nur; jetzt fahren wir erstmal zu mir nach Hause und dann sehen wir weiter“.

„Aber das ist doch ganz schön weit – Salzburg – Villach ...“

„Nun warte doch einfach mal ab.“

„Na ja, du warst ja schon immer ein bisschen geheimnisvoll. So kenne ich dich. Hier hat sich aber ganz schön viel verändert. Sieben Jahre ist es jetzt her, dass ich Traunstein zum letzten Mal gesehen habe. Ich bin ja so gespannt, wie du jetzt wohnst – und vor allem natürlich auf deinen Mann.“

„Ersteres wirst du gleich sehen, letzteren erst heute abend. Da vorn beginnt schon unsere Nussbaumstraße.“ 

„Hübsch wohnt ihr hier, direkt am Wald; so hätte ich’s auch gern.“

„Ja, es war eigentlich ein Zufall, dass wir dieses Grundstück bekommen konnten. Der Vorbesitzer wurde nach Magdeburg versetzt, und das Häuschen war wie für uns geschaffen. – Aber weißt du was? – Stell deinen Koffer einfach hin, mach dich ein bisschen frisch, wenn du willst und komm auf die Terrasse. Wir nutzen das schöne Wetter und legen uns unter die Markise. Nachher soll’s Gewitter geben und dann können wir noch lang genug drin sein.“

„Aach – ist das bequem! Blick direkt auf die großen alten Buchen. Das ist so wohltuend.“

„Wenn du dich satt gesehen hast dann schließ die Augen. – Und jetzt stell dir vor, da drüben wäre ein kleiner See. Das mache ich oft wenn ich hier liege. Und das ist mein Wörtersee.“

„Warum gerade der Wörthersee? Es könnte doch auch irgendein anderer See sein.“

„Nein. Es muss der Wörtersee sein. Lass das ‚h’ weg und stell dir vor, dass in dem See ganz viele Wörter schwimmen. Jedes könnte dir eine Geschichte erzählen.“

„Mir hat noch nie ein Wort eine Geschichte erzählt. Das ist doch irgendwie ...“

„Ein bisschen Phantasie brauchst du halt schon. Aber vielleicht begegnet dir ein Wort, über das du selbst eine kleine Geschichte erzählen kannst. denk mal ein bisschen nach.“

„Purpur.“

„Siehst du, es geht. und was ist mit Purpur?“

„Ein Männlein steht im Walde...“

„Es hat von lauter Purpur...“

„Ja, und ich habe als Kind verstanden: ‚es hat von lauter Popo ein Mäntlein um. Und das gab für mich beim besten Willen keinen Sinn. Ich hätte ja fragen können, aber ich hab’s halt nicht getan und irgendwann später wusste ich natürlich was Purpur ist.“

„Ja, und wenn dir das Wort selbst eine Geschichte erzählen könnte, dann würde es dir sicher berichten, dass es schon ganz alt ist und im Althochdeutschen und Latein genauso hieß und dass die Römer es wie so vieles von den Griechen übernommen hatten, die mit Porphyra den kostbaren roten Farbstoff bezeichneten, der aus Schnecken gewonnen wurde, die man noch heute Purpurschnecken nennt.“

„Porphyr kenne ich als Grabstein meiner Großeltern.“

„Richtig. Das Gestein Porhpyr hat seinen Namen ebenfalls von der rötlichen Farbe, wie das Männlein im Walde.“

„Und warum heißt nun eigentlich der Wörthersee Wörthersee?“

„Das habe ich mich auch gefragt, als ich anfing, in meinem Wörtersee zu baden. Ich dachte, er sei nach dem Ort Maria Wörth benannt.“

„Das ist er dann wohl nicht?“

„Umgekehrt – der Ort ist nach dem See benannt. Früher gab es vier Inseln in dem See, und ein altes Wort für Insel ist ‚Werder’“

„Werder Bremen?“

„Genau! Der Bundesliga-Verein ist nach einer Insel oder wenigstens Halbinsel benannt, wo sich sein ursprüngliches Trainingsgelände befand“

„Is ja irre!

„Merkst du jetzt, wie schön es ist, im Wörtersee zu baden?“

„Langsam kriege ich auch Spaß daran.“

„Übrigens so eine Wortgeschichte wie mit dem Mäntlein von lauter Popo habe ich auch. Als ich klein war, kurz nach dem Krieg, da gab es bei uns keinen Kaffee zu kaufen, sondern nur ‚Kaffee-Ersatz’ und das Wort Ersatz kannte ich eben nur als Kaffee-Ersatz. Und dann kam im Radio das Lied:

Das ist die Liebe der Matrosen.

Auf die Dauer lieber Schatz

ist mein Herz kein Ankerplatz.

Es blüh’n an allen Küsten Rosen

und für jede gibt es tausendfach Ersatz.

Mit der Vorstellung von Kaffee-Ersatz konnte ich das genauso wenig verstehen wie du das Popo-Mäntlein.“

„Dazu fällt mir ein, dass ‚ersatz’ eins der ganz wenigen Wörter ist, die als Fremdwort aus dem Deutschen ins Französische übernommen wurden.“

„Tatsächlich?“

„Ja, jeder Franzose kennt das Wort ersatz mit derselben Bedeutung wie bei uns.“

„Aber unsere Namen sind ja eigentlich auch Wörter. Weißt du. was Sonja bedeutet?“

„Ich glaube, das hat was mit Weisheit zu tun.“

„Das stimmt. Sonja kommt aus dem Russischen und ist eine Koseform von Sophia, was tatsächlich vom Griechischen her Weisheit bedeutet. Wir kennen ja viele Wörter, die auf –sophie enden.“

„Mm, das ist ein schönes Gefühl, so einen Namen zu haben.“

„Freu dich nicht zu früh! Sonja heißt nämlich auch Schlafmütze.“

„Ach komm, jetzt willst du mich auf den Arm nehmen.“

„Du kannst es ja nachprüfen. Das kommt von somnium, was im Lateinischen soviel wie Traum oder Schlaf bedeutet.“

„Daher kommt dann wohl auch ‚somnambul’ – schlafwandlerisch?“

„Genau. Und darin steckt noch ambulare – spazierengehen. Somnambul nennt man ja die Menschen, die im Schlaf spazieren-gehen.“

„Ach – und die Ambulanz ist dann etwas wohin man spazierengeht?“

„Sozusagen. Man geht zu Fuß hin und hoffentlich auch wieder weg.“

„Also, die ‚Schlafmütze’ hat mich doch ganz schön getroffen.“

„Na ja, vielleicht tröstet es dich ein bisschen, wenn ich dir sage, dass mein Name denselben Ursprung hat wie das Wort Margarine.“

„Eins zu eins! Ich glaube, jetzt haben wir genug in deinem Wörtersee gebadet.“

 


Vor kurzem hatten wir Besuch von Freunden, die wir lange nicht gesehen hatten. Wir saßen im Hof auf Abstand. (Ihr wisst ja, Corona!) Es war ein schöner Frühlingsnachmittag. Die Sonne schien auf unsere kleine Terrasse. Einer fragte verwundert, welch eigenartiges, vertrocknetes Brennholz bei uns herumstehe. 

 

Was meinst du mit Brennholz, entgegnete ich leicht verärgert. Das sind meine Baumgeister, die sind schon sehr alt und möchten hier ihre letzten Tage in Ruhe verbringen, nach ihren Auftritten im KuKuK, im Gailschen Park, bei der Landesgartenschau 2014 und beim letzten Auftritt 2019 zur Fünfjahresfeier der Gießener Landesgartenschau. 

 

Alle sahen mich skeptisch und etwas mitleidig an, so als sei dies wieder einer meiner merkwürdigen Witze, die eh niemand versteht. Da musste ich dann doch die ganze Geschichte erzählen:

 

Es war vor vielen Jahren, an einem schönen Sonntagnachmittag, so wie heute. Ich hatte gut zu Mittag gegessen: Lammkoteletts, zartrosa gebraten mit kleinen Kartöffelchen, feinen Böhnchen, in Tomaten-Knoblauch-Öl gedünstet und dazu einen kühlen Rosé getrunken. Zugegeben, es war mehr als ein Glas und mir war wohlig und schläfrig. Dennoch dachte ich, ein Spaziergang täte mir gut. 

 

Am Anfang des Fohnbachtals ging ich hoch Richtung Krokel und dann am Wald entlang. Immer noch etwas benommen vom Mittagessen und dem leckeren Wein, setzte ich mich auf eine Bank am Waldrand. Die Luft flirrte vor Hitze, doch aus dem Wald kam ein kühler Hauch. Nein, es war mehr als ein Hauch: Mich schauerte, plötzlich war es kälter geworden. Die Sonne hatte sich hinter einer dicken, bedrohlich schwarzen Wolke verborgen. 

 

Ein leises Knacken ließ mich aufhorchen. Ich blickte mich um und sah, gegen die hinter der Wolke hervor lugende Nachmittagssonne, ein paar eigenartig schwankende Bäume, wie vom Wind geschüttelt. Es wehte kein Lüftchen, wieso bewegten sie sich? Und dazu noch auf mich zu? Mit merkwürdigen, gakeligen Schritten kamen sie näher. 

 

Ich bin kein ängstlicher Mensch, doch was ich sah, ließ mein Blut in den Adern erstarren. Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Nein, was aussah wie Bäume, konnten keine Bäume sein: es waren vielmehr verästelte Wesen mit schrecklichen Mündern und spinnenartigen Fingern. Ich vernahm leise Stimmen in einer mir unbekannten Sprache, als sie wie in einer Prozession an mir vorbeizogen und im Wald verschwanden. Dann war der Spuk vorbei. Noch ganz vom Eindruck des soeben Erlebten durchdrungen, ging ich nach Hause. 

 

Doch die Erinnerung an dieses Erlebnis beschäftigte mich noch lange und verfolgte mich in meinen Träumen. Ein befreundeter Künstler vom KuKuK riet mir, die Begebenheit künstlerisch darzustellen, um das 

Trauma zu verarbeiten.

 

So entstand er, der Sonntagsspaziergang der Baumgeister.

 


Die Katze 

Ein kleiner Imbiss für den Zahn der Zeit

 

„Was soll denn das sein?“ sagte der Tierarzt.“Wie soll ich denn eine Katze behandeln, von der nur der Kopf übrig ist? Ein Kopf alleine lebt doch sowieso nicht!“

„Haben Sie eine Ahnung!“ empörte sich die Katze. “Der Kopf ist schließlich das Wichtigste! Darin sitzt das Gehirn, und das steuert alles! Solange ich ein Gehirn habe, bin ich immer noch eine Person!“

Der Tierarzt schnappte ein wenig nach Luft, sagte dann aber nur: „Und was ist mit Deinem Körper passiert?“ „Der war eine Kaffeekanne, die ist runtergefallen. Jetzt bin ich nur noch mein Deckel, wie Sie sehen.“

„Und warum sitzt Du auf diesem albernen Teller?“ fragte der Tierarzt.

„Das ist kein alberner Teller, der ist schon mehr als 100 Jahre alt!“ giftete die Katze. “Wer keine Kaffeekanne mehr hat, wird doch wohl einen Teller besitzen dürfen! Außerdem bin ich der Meinung, dass er mir ganz ausgezeichnet steht!“

„Oh bitte!“ grinste der Tierarzt, „so war es gar nicht gemeint! Ich werde doch einem Kopf mit Gehirn nicht zu nahe treten! Ich frage mich nur, wie ich Dich untersuchen soll. Normalerweise drücke ich den Tieren auf den Bauch und dann merke ich, was ihnen fehlt.“

„Nun, mir fehlt mein Körper, das können Sie wohl sehen, ohne zu drücken. Und wenn Sie unbedingt auf einen Bauch drücken wollen, dann drücken Sie doch auf Ihren eigenen- dick genug ist er ja. Da finden Sie bestimmt etwas, was Ihnen nicht fehlt, sondern viel zu viel ist.“

„So eine Unverschämtheit!“ raunzte der Tierarzt. „Und was das Dicksein betrifft- Du hast Pausbacken und ein Doppelkinn! Deine Kaffeekanne war wohl auch eher voluminös! Ich weiß überhaupt nicht, was ich mit Dir anfangen soll!“

„Phh“ machte die Katze und zog die Augenbrauen ein wenig höher. „Es gab schon Leute, die nahmen einen Kopf in die Hand und sagten: „to be or not to be“ , aber das war schließlich Weltliteratur!“

Der Tierarzt zog scharf die Luft ein, trat einen Schritt zurück und wurde höflich, ohne es zu merken. „Woher kennen Sie diesen Satz?“

„Ach, Sie glauben ja gar nicht, was man auf Kaffeetischen so alles zu hören bekommt.“ flötete die Katze. „Ich meine ausdrücklich nicht den gewöhnlichen Klatsch und Tratsch von Jedermann, sondern Diskussionen über Literatur, Musik, Theater, Wissenschaft, Kunst….… 

Haben Sie z.B. gewusst, dass die Blogger, die Fotos von ihrem Essen ins Internet stellen, wahrscheinlich durch Pop Art und  Objektkunst des 20. Jahrhunderts angeregt wurden? Oder dass der chinesische Admiral Zheng He schon 1425 intensive Handelskontakte mit Ostafrika und Persien aufnahm? Rohstoffe gegen chinesisches Porzellan und andere Industriewaren- Sie verstehen-:“ 

Der Tierarzt suchte gereizt nach einem Bonmot oder einer Gehässigkeit, um sein angeschlagenes Ego wieder aufzurichten.

„Dann haben Sie bei all Ihren geistigen Übungen hoffentlich auch mitbekommen, dass wir Menschen immer das letzte Wort haben?“

Die Katze flirrte ein wenig mit den Augendeckeln. „Das vorletzte. Immer.“ säuselte die Katze süffisant.

 


25. Mai 2020: Christine Zickmann,  zwei Gedichte mit Zeichnungen der Autorin

Zum Vergrößern, bitte auf die Zeichnungen klicken

 

Die Spinne Schlackerbein 

 


Der Fuchs und die Maus

 



 

18. Mai 2020: Günter Wirtz, "Herr Doof"

 

Man muss schon sagen, das ist Pech. Keiner seiner Freunde und Bekannten würde jemals behaupten, dass er so wäre wie sein Name, aber wenn man ‚Doof‘ heißt, ist das schon eine gewisse Belastung. ‚Guten Tag, Herr Doof‘, wie oft muss sich Herr Doof das täglich anhören. Gleich, ob auf der Straße, beim Einkauf oder auf der Arbeit. Überall: ‚Guten Tag, Herr Doof.

Wenn er doch wenigstens ‚Klein‘ oder ‚Groß‘ oder ‚Dick‘ oder ‚Dünn‘ hieße, aber ‚Doof‘ ist echt doof. Wer ist schon gerne doof? Kleine Menschen gelten als energisch, als durchsetzungsfähig, siehe Napoleon mit seinen 1,54 Metern. Vor großen Menschen hat man Hochachtung, sie stellen etwas dar, siehe Dirk Nowitzki mit seinen über zwei Metern. Dicke Menschen sollen gemütlich sein, dünne sind drahtig, sportlich; man schaue sich nur die Läufer, Kurzstrecke, Mittelstrecke, Langstrecke, an. 

Doofe Menschen sind einfach nur doof; da helfen nicht einmal die Stummfilmschauspieler Dick und Doof. Oder? Doof guckt doof, völlig vertrottelt. Na ja, ist ein Schauspieler; der spielt nur doof. Während Herr Doof, da kann er machen, was er will, auf der Straße, beim Einkauf oder auf der Arbeit: ‚Guten Tag, Herr Doof‘, immer ist er Herr Doof, und dieser Gruß ist meist mit so einem gewissen, milden Lächeln im Gesicht verbunden, so nach dem Motto ‚Ist schon ein armer Kerl, dieser Herr Doof‘.

Herr Doof ist beim Einwohnermeldeamt gewesen; er wollte eine Namensänderung veranlassen; die zuständige Verwaltungsangestellte hat gesagt ‚Geht nicht. Nur bei Namen wie ‚Piss‘ oder ‚Scheiß‘ oder ‚Kotz‘ ginge es. Selbst bei Namen wie ‚Urin‘ oder ‚Stuhlgang‘ sei es nicht zulässig; das seien quasi medizinische Begriffe. Und ‚Doof‘, dann müsste man auch ‚Dick‘ und ‚Dünn’ und ‚Groß‘ und ‚Klein‘ verbieten‘. Herr Doof will protestieren und auf den Unterschied zwischen ‚doof‘ und den anderen Eigenschaftsworten verweisen, aber er merkt schon an dem strengen Blick der Angestellten, dass er da auf Granit beißt. Niedergeschlagen trollt er sich, nachdem ihm die Dame ein ‚Auf Wiedersehen, Herr Doof‘ nachgeworfen hat.

Zu Hause angekommen, setzt er sich vor den Fernseher und ist traurig.

Dass es aber auch ganz anders kommen kann, dass Herr Doof auch einmal Glück haben kann, dass wirst du gleich erfahren.

Eines Abends nämlich, als er allein und traurig zu Hause war, da schaltete er seinen Fernseher an.

Eine Ratesendung hat er geschaut und gestaunt, wie viele Fragen, die den Kandidaten gestellt wurden, er beantworten konnte. Da hat er überlegt, sich auch einmal bei der Ratesendung zu bewerben, hat im Internet die Seite gesucht und ein paar Fragen beantwortet. Zu Anfang hat er täglich auf eine Antwort des Senders gewartet, es kam aber keine. Schließlich hat er das Warten aufgegeben und hatte seine Bewerbung schon fast wieder vergessen, da meldet sich der Fernsehsender bei ihm und lädt ihn zu der Rateshow ein - schon in drei Wochen. Herr Doof ist ganz aufgeregt, fängt an, drei Tageszeitungen zu lesen, blättert stundenlang im Atlas und in Geschichtsbüchern, überlegt, wen er als Telefonjoker wählen soll. Letzteres fällt ihm sehr schwer, da kaum einer seiner Bekannten ihm, dem Herrn Doof, zutraut, in einer Ratesendung, wo es um viel Wissen und Geld geht, aufzutreten. Schließlich lassen sich aber doch drei Bekannte breit schlagen und willigen ein, ihn, wenn eben möglich, am Telefon zu unterstützen. Insgeheim denken sie, ‚der kommt sowieso nicht so weit, da sind die Fragen, die wir am Telefon gestellt bekommen, sicher leicht zu beantworten‘.

Der Tag der Aufzeichnung der Show naht. Seltsamerweise ist Herr Doof jetzt gar nicht mehr so aufgeregt, er hat sich seines Erachtens gut vorbereitet. Was soll ihm viel passieren? Er weiß, dass die Leute, die ihn kennen, ihm nicht so viel zutrauen.

Er erwischt einen guten Start; er hat am schnellsten die Auswahlfrage richtig beantwortet und landet auf dem Stuhl gegenüber dem Moderator. Der spricht ihn zuallererst auf seinen Namen an: „Herr Doof, das ist ja nun wirklich kein schöner Name. Fühlt man sich da nicht ein bisschen komisch?“ Herr Doof hat schon fast mit solch einer Frage gerechnet und antwortet sehr ehrlich: „Wissen Sie, Herr Zauch, es hat schon Nachteile mit diesem Namen, und viele Menschen schauen mich mitleidig an, wenn sie meinen Namen hören; das stimmt mich oft traurig. Aber ich kann nichts daran machen, eine Namensänderung hat man abgelehnt.“

Der Moderator wirkt nachdenklich und beruhigt Herrn Doof: „Schauen Sie, Sie haben die Auswahlfrage sehr schnell richtig beantwortet; das spricht deutlich dagegen, dass Sie ungebildet sind. Wollen wir anfangen?“

Ruckzuck sind die ersten Fragen bewältigt und selbst bis zu einer fünfstelligen Gewinnsumme hat Herr Doof noch keinen Joker in Anspruch nehmen müssen. Bei der ersten Frage im fünfstelligen Gewinnbereich aber zögert er. Obwohl er den Atlas studiert hat,  ist ihm die Lage und Länge der Flüsse in Südamerika nicht geläufig. Er bittet das Publikum um Hilfe und fügt, wie so viele Kandidaten es tun, hinzu, es solle doch wirklich nur derjenige eine Antwort geben, der sich seiner Sache sicher ist. Das Ergebnis ist nicht ganz eindeutig, denn zwei Antworten werden vom Publikum favorisiert, aber Herr Doof, in seiner eigenen Vermutung bestärkt, entscheidet sich zu einer Antwort … und liegt richtig.

Eine nette Summe ist ihm garantiert. Der Moderator fragt wie gewohnt bei dieser Gewinnstufe nach den Wünschen des Kandidaten. Herr Doof ist im Grunde seines Herzens mit seinem Leben zufrieden, nur einen Wunsch hat er und den äußert er: „Ich würde gerne einen anderen Namen haben.“ Woraufhin der Moderator fragt: „Ist das denn so schwierig? Und ist das denn kostspielig?“ Da erzählt Herr Doof die Geschichte aus dem Einwohnermeldeamt, die du schon aus der gestrigen Geschichte kennst. Herr Zauch ist beeindruckt und kann den Ärger und die Enttäuschung des Kandidaten verstehen. Nach weiteren Wünschen gefragt, gibt Herr Doof an, dass er gerne eine Weltreise unternehmen würde; aber dazu bräuchte er wohl noch ein bisschen mehr Geld. 

Also geht es weiter … und unter Verlust eines zweiten Jokers ist Herr Doof im sechsstelligen Gewinnbereich angekommen. Der Moderator betont zum wiederholten Male, dass der Name wirklich nichts mit der Intelligenz seines Kandidaten zu tun habe, da kommt die erste Frage mit der sechsstelligen Gewinnsumme. ‚Welche Bürger in deutschen Großstädten mit über 500.000 Einwohnern bilden die bevölkerungsreichste Gruppe‘? A: Mitbürger mit einem ausländischen Pass B: Beamte C: Rentner D: Schulkinder.

Eine schwere Frage, der Gewinnstufe angemessen. Herr Doof ist ratlos; seine drei Telefonjoker? Die wissen das nie und nimmer. Was tun? Den Joker verschenken? Das macht man nicht. Aber es gibt ja die Möglichkeit, per Zufallsgenerator eine beliebige Person in einer Stadt anzurufen. Herr Doof wählt seine Heimatstadt und bittet den Moderator, dort jemanden anzurufen.

Gesagt, getan. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Frauenstimme: „Schnabeltasse“. „Hier Günther Zauch. Frau Schnabeltasse, Sie sind per Zufallsgenerator als Telefonkandidatin in unserer Ratesendung ausgewählt, unserem Kandidaten bei seiner 125.000 Euro-Frage zu helfen. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?“ 

„Ich arbeite auf dem Einwohnermeldeamt“, kommt die Antwort. 

Der Moderator ist bass erstaunt: „Das trifft sich gut. Das könnte unserem Kandidaten helfen. Was bearbeiten Sie in ihrem Amt?“ 

 „Ich betreue die Buchstaben A – F im Bürgerbereich“. 

Das Staunen wird immer größer. 

„Kennen Sie etwa Herrn Doof?“, fragt der Moderator. 

Frau Schnabeltasse zögert. Natürlich erinnert sie sich an den Auftritt, als Herr Doof seinen Namen geändert haben wollte, und wie sie dieses Ansinnen abgelehnt hat. Sie fragt vorsichtig: „Sitzt der Herr bei Ihnen?“

Herr Doof hat das Gespräch verfolgt und, nicht auf den Mund gefallen, will etwas sagen, wird aber sofort von Herrn Zauch unterbrochen, der feststellt: „Jetzt klären wir das zuerst einmal mit unserer Kandidatenfrage. Sind Sie bereit?“ 

Herr Doof stellt die Frage, Frau Schnabeltasse überlegt kurz, dann tippt sie auf eine der vier Antworten und fügt hinzu, sie sei sich zu 90% sicher.

Herr Doof bedankt sich, die Antwort wird eingeloggt … und Herr Doof ist, wenn er kein Risiko mehr eingeht, um 125.000 Euro reicher. Herr Zauch lässt Frau Schnabeltasse nicht so leicht in der Telefonleitung verschwinden. 

Er sagt: „Liebe Frau Schnabeltasse, Sie hören ja, Herr Doof hat mit Bravour die sechsstellige Gewinnsumme erreicht und er ist noch nicht am Ende. Er ist folglich alles andere als doof. Was können wir denn da alles im Einwohnermeldeamt machen?“ 

Frau Schnabeltasse stottert, verweist auf ihren Vorgesetzten, sie habe keine Befugnisse bei Namensänderungen. Da schaltet sich Herr Doof ein und stellt sachlich fest, dass sie sehr wohl damals alleine, ohne nachzufragen, entschieden hätte, dass eine Namensänderung nicht möglich wäre. Frau Schnabeltasse ist ganz kleinlaut, aber der Moderator will sie nicht beleidigen oder gar fertig machen und lenkt freundlich ein: „Wissen Sie, Frau Schnabeltasse, nächste Woche kommt der schlaue Herr Doof mal bei Ihnen im Amt vorbei, nicht, dass er Sie mit 125.000 Euro bestechen wollte, nur mit der kleinen Frage nach einer Namensänderung … und, im Durchschnitt schauen fünf Millionen Menschen unsere Sendung, und da bin ich mir sicher, dass die alle es ganz toll fänden, wenn Herr Doof ab nächster Woche Herr Schlau hieße.“

 


 

11. Mai 2020: Gabriele Herlitz, "Unheimlich Schön"

 

 

unheimlich schön

 

der Himmel spannt sich weit, klar und blau

von Horizont zu Horizont

 

gestochen scharf die Konturen der Orte, Häuser:

Wege in der Landschaft.

 

Der Frühling schimmert in den Bäumen.

 

Es ist kein Mensch zu sehen, mein Hund bleibt nah bei mir; jagt nicht über die Felder wie sonst.

 

Der Rotor des Hubschraubers zerhackt die Stille.

 

Dann kein anderes Motorengeräusch, keine Flugzeuge, nicht einmal das ferne Brummen der Autobahnen.

 

Plötzlich die Lerche –

ihr Zwitschern bricht je ab

 

unheimlich schön

 


 

11 . Mai 2020: Dieter Weiß

 

Meine kleine Manufaktur

Es war eine schlechte Zeit. Und wenn man später in guten Zeiten immer wieder von der „schlechten Zeit“ sprach, dann waren genau jene Jahre gemeint.

Jetzt ist auch eine schlechte Zeit, eine sehr schlechte sogar. Noch kann niemand sagen, wann und wie sie enden wird. Es ist unsere Gegenwart. Wenn ich also von der schlechten Zeit spreche, meine ich jene und nicht die Gegenwart, die ich trotz ihrer Schlechtigkeit einfach Gegenwart nenne. 

In der schlechten Zeit hatte ich eine kleine Manufaktur. In der Gegenwart habe ich keine Manufaktur mehr. Ich hatte auch in all den Jahren zwischen der schlechten Zeit und der Gegenwart keine. Das habe ich aber nie als Mangel empfunden. 

Wenn ich von Manufaktur spreche, dann meine ich das im ganz ursprünglichen Sinn (manus – die Hand, facere – machen). Das Produkt, das ich herstellte, wurde von allen Mitgliedern der Hausgemeinschaft bzw. Familie (Oma, Opa, Mutter, Vater, Tante, Onkel und auch dem Manufaktor selbst) regelmäßig benötigt und verwendet, und ich konnte die Produktion immer gut an die aktuelle Nachfrage anpassen. 

Ohne dass ich das Wort damals kannte, kann ich rückblickend sagen, dass sich meine Manufaktur – in bescheidenem Maße – mit Origami befasste. Das Grundmaterial für die Produkte meiner Manufaktur wurde täglich durch Boten geliefert. Es musste aber vor der Weiterverarbeitung etwa eine Woche gelagert werden. 

Der erste Origami-Schritt war schon fabrikmäßig ausgeführt worden, so dass ich gleich dem zweiten Schritt beginnen konnte. 

Und hier sollte ein echter Origami-Künstler nicht weiterlesen.

Jetzt kommt nämlich eines meiner Werkzeuge ins Spiel. Dessen Bezeichnung war für mich anfangs sehr befremdlich, dachte ich doch bei dem Ausdruck zunächst an die Verkleinerungsform des umgangssprachlichen Ausdrucks für eine Gastwirtschaft. Damit wird also das Zwischenprodukt an der Faltkante separiert, was, wie angedeutet, einem echten Origami-Künstler in der Seele wehtun muss.

Die weitere Verarbeitung besteht nun in der Wiederholung der Schritte eins und zwei bis das Zwischenprodukt eine „handliche Größe“ erreicht hat. 

Danach kommt das zweite und letzte Werkzeug zum Zug, das mir meine Oma aus ihrem uralten Nähkasten zur Verfügung stellte. Damit werden alle Teile in 1 cm Abstand von einer der vier Ecken perforiert und im selben Arbeitsgang auf einen starken Faden gezogen. 

Damit war das Endprodukt fertig und musste nur noch an den eigentlichen Verwendungsort, etwa 20 m vom Wohnhaus entfernt, verbracht werden. 

Es war, wie anfangs gesagt, wirklich eine schlechte Zeit, aber eine Klopapierhamsterkaufhysterie war damals jenseits aller Vorstellungkraft.


 

4. Mai 2020: Günter Wirtz, "Im Edekamarkt"

 

Bei uns im Dorf, nein, bei diesem Wort würden die hier Geborenen heftig protestieren, also bei uns im größten Ortsteil der Gemeinde Wetterstein ist mitten im Ort, an der Hauptstraße, neben der Poststelle, die nur ein kleiner Teil des Kiosks ist, neben der Apotheke und gegenüber der Volksbank, ein Edekageschäft. So wie das Dorf kein Dorf ist, ist dies kein Dorfladen, sondern der Edeka. 

Als sich die Edekazentrale jüngst Gedanken über eine Verlagerung des Geschäfts an den Ortsrand machte, stand die Bevölkerung Kopf. Was denn all die älteren Herrschaften ohne fahrbaren Untersatz in dem Falle machen sollten! Für die mit fahrbarem Untersatz gibt es insofern Probleme, als der Parkplatz des Marktes gerade einmal Stellplätze für acht Autos bereithält. Und wenn mit dem riesigen Edekatruck Waren angeliefert werden, ist Schluss mit lustig in der Ortsmitte. Rasch müssen Einkaufswagen, Reklameschilder und diverse Müllbehälter zur Seite geräumt werden, damit der Lastwagen millimetergenau rückwärts hinter das Gebäude rangiert werden kann. Die Hauptstraße ist eine knappe Viertelstunde blockiert, eine Vollsperrung, die jedoch nicht im Verkehrsfunk auftaucht.

Der Laden hat nicht die Größe eines Supermarktes, aber man erhält dort, es ist kaum zu glauben, nicht nur alle Dinge des täglichen Bedarfs, es gibt eine Asiaecke, eine ganze Wand mit Alkoholika, Schreibwaren und selbst elektrische Kleingeräte. Manchmal denke ich, dass es ein Glück ist, dass diese Geräte kein Verfallsdatum aufweisen, denn die Verpackungen der Brotbackautomaten, elektrischen Lockenwickler und Eierkocher machen einen recht vergilbten Eindruck. Unsere Nachbarin, die auf Grund ihrer fortgeschrittenen Parkinsonerkrankung auf einen Rollator angewiesen ist, meidet diesen Laden. Ihre Polin fährt sie in den Supermarkt in der Stadt. Warum? Ganz einfach. Die Gänge in unserem Markt sind zu schmal. Wenn man so viele Waren anbietet, der Raum jedoch begrenzt ist, muss zwangsläufig an der Breite der Gänge gespart werden. Ein Rollator passt da nicht durch.

Dienstagsvormittags ist das besonders spannend. In jedem Gang stehen mindestens zwei, meist drei Angestellte, oft auf einem umgedrehten Bierkasten, und füllen die Regale auf. Die Ware, die neu einsortiert wird, liegt in einem Einkaufswagen direkt neben dem Befüller. Eilig haben darf man es auf keinen Fall; einen eigenen Einkaufswagen sollte man ebenfalls tunlichst vermeiden. So sieht man Hausfrauen mit überquellenden Einkaufskörben sich durch die Gänge drängen; jeder kennt jeden, gegrüßt wird freundlich; schwierig wird es, wenn hinter dem Befüller auf der Bierkiste, hinter dem Wagen, in dem die Waren liegen, die bald im Regal aufgereiht werden sollen, hinter dem Einkaufswagen des älteren Herrn, hinter den drei mit überquellenden Einkaufskörben stehenden Hausfrauen die ältere Dame ihren Einkaufswagen parkt, um ihre Lesebrille aus dem Etui, aus dem Seitenfach ihrer Handtasche nestelt, um nachzuprüfen, welcher Suppeneintopf, und davon gibt es eine ganze Menge, für das heutige Mittagsmahl der richtige ist.

Ich gehe gerne in den Edekamarkt. Jetzt bin ich seit drei Jahren im Ruhestand; meine Frau arbeitet noch, da ist das Einkaufen meine Angelegenheit. Auf dem Weg zum Markt überhole ich ältere Damen und Herren mit leeren Einkaufstaschen; ältere Damen und Herren mit vollen Einkaufstaschen kommen mir entgegen. Es gibt auch ältere Damen und Herren, die mit dem Fahrrad zum Laden fahren. Wenn sie mir entgegenkommen, bin ich besonders vorsichtig und drücke mich an den Hauswänden entlang, weil die Last auf dem Gepäckträger das Gefährt manches Mal zum Schwanken bringt.

Irgendwann habe ich die Uhrzeit zwischen 9.00 und 11.00 gemieden. Das ist die Zeit der älteren Damen und Herren in dem Geschäft. Ab 11.30 Uhr wird es schlagartig leer dort; aber nicht nur die Kunden bleiben aus, die ganzen Heerscharen von helfenden Angestellten, zwei bei Obst und Gemüse, eine, nur eine, beim Kühlregal, eine beim Bäckerstand, eine an der Käse-, drei an der Metzgertheke, ein kräftiger junger Mann bei den Getränken, der Marktleiter und die übrigen sind ebenfalls, wie die Kunden, wie vom Erdboden verschluckt. Natürlich ist dann auch nur eine Kasse besetzt.

Nach längerem Warten habe ich schließlich doch den Käse ausgewählt, er ist geschnitten, verpackt und mit dem Bon versehen, leider hat die Fleischfachverkäuferin in Ermangelung der Käsefachverkäuferin aus fünf Scheiben Käse in Unkenntnis der Schnittstärke ein dreiviertel Pfund gemacht und das Stück Pecorino ist auch durch das leicht schräg angesetzte Messer zu einem 620-Gramm-Stück geworden. Quark und was sonst fehlt ist alles im Einkaufskorb, auf zur Kasse; nur drei Kunden vor mir; für diese Uhrzeit eine Menge, aber als Ruheständler habe ich es nicht eilig; ein Vorurteil, wer meint, Rentner hätten nie Zeit. 

Das Gespräch zwischen der Kassiererin und der älteren Dame zieht sich in die Länge; der zu zahlende Betrag ist genannt, das Portemonnaie schlummert jedoch noch in den Tiefen der Handtasche. Niemand murrt. Haben sie einmal die Kassiererin in einem Discounter bei der Arbeit beobachtet? In einer Sekunde zieht sie drei Teile über den Scanner, sie hat das Wechselgeld schon in der Hand, bevor du überhaupt die Summe verinnerlicht hast. Aber ich bin im Edekamarkt bei uns im Ort. Hinter mir stehen mittlerweile zwei weitere Kunden. Einer von ihnen, ein Handwerker mit einem Fleischkäsebrötchen und einer Cola, scharrt doch wahrhaftig mit den Füßen! Das hat unsere Kassiererin bemerkt. Mit lauter Stimme ruft sie nach Martina, die doch bitte die zweite Kasse besetzen soll. Erleichterung hinter mir. Ich bin wieder der letzte Kunde an meiner Kasse. Unterdessen hat die ältere Dame ihre Geldbörse hervorgeholt, nestelt mit steifen Fingern im Kleingeldfach und findet nicht die gewünschten Münzen. Die Kassiererin bietet ihre Hilfe an; die Kundin reicht ihr bereitwillig das   Portemonnaie; endlich geschafft. Die Waren der nächsten Kundin werden über den Scanner gezogen; auch sie ist mit der Kassiererin bekannt; wie ich unschwer mitbekomme, sind sie beide im örtlichen Karnevalsverein aktiv, sehr aktiv. Da muss rasch noch die nächste Sitzung vorbereitet und detailliert besprochen werden; und ich hatte gedacht, das wäre Männersache; aber zur Weiberfastnacht haben die nichts zu melden. Glücklicherweise hat die Dame nur wenige Dinge eingekauft und ist endlich auch abkassiert. Die Kassiererin an der zweiten Kasse ist schon wieder im hinteren Teil des Marktes verschwunden, so dass sich hinter mir ein weiterer Handwerker mit einem kräftigen Mettbrötchen anstellt. Nur noch eine Kundin vor mir; ich kann sogar schon meine Waren auf das kurze Band legen. Diesmal scheinen sich Kundin und Kassiererin nicht zu kennen; die Kundin ist von kräftiger Statur; sie ist etwas umständlich; beim genauen Blick auf das kleine Display der Kasse fällt ihr ein Handschuh auf den Boden. Nun ist der Raum zwischen Kasse und den oben erwähnten Elektrogeräten, wo sich obendrein leere Kartons für die Kunden, die keine Einkaufstasche dabei haben, stapeln, sehr schmal. Vorne steht immer noch die Karnevalsaktivistin, die jetzt, nachdem sie ihre Waren in ihrem Korb verstaut hat, aufmerksam das vor der Kasse liegende Bonheft (Messersatz) studiert, der Mettbrothandwerker hat sich mir von hinten gefährlich genähert, beziehungsweise versuche ich ebenfalls, dem beißenden Zwiebelgeruch, gepaart mit den Ausdünstungen seiner verschwitzten Handwerkerjacke, auszuweichen, so dass für die Suche nach dem verlorenen Handschuh recht wenig Platz bleibt. Zum Glück nimmt die Kassiererin das nicht zum Anlass, sich ebenfalls auf die Suche zu machen, sondern sie bringt ruhig ihre Arbeit zu Ende. Alle Waren sind gescannt, 18,36 Euro; der Handschuh ist gesichtet, noch nicht gehoben, da klingelt ein Handy … vor mir. Die korpulente Dame wird hektisch; die Kassiererin äußert die Summe, der Handschuh ist noch nicht gehoben, und das Handy meldet sich. Letzteres scheint am Wichtigsten. Aufgeregtes Suchen in Jackentaschen, Handtasche, Einkaufskorb. Die Tasten sind winzig, nur ja die richtige Taste drücken, um das Gespräch in Empfang nehmen zu können. Ich möchte jetzt nicht das ausführliche Gespräch zwischen der Kundin vor mir an der Kasse des Edekamarktes mit einer allem Anschein nach guten Bekannten, die, so ist es den Worten der Dame zu entnehmen, sich nach ihrem momentanen Aufenthaltsort erkundigt, selbst mitteilt, dass sie nebenan vor der Postfiliale steht, ohne Schirm, obwohl es angefangen hat zu nieseln und deshalb die frisch ondulierte Frisur erheblichen Schaden nehmen könnte, da ja heute Morgen bei ihrem Weggang von Zuhause nicht ein Wölkchen am Himmel zu sehen gewesen wäre. Woher ich das so genau weiß? Ja, weil bei jeder Wiederholung dieser betrüblichen Angelegenheit die Dame vor mir ihr größtes Bedauern zum Ausdruck bringt. Aber, wie gesagt, ich will mich hier nicht weiter mit der detaillierten Wiedergabe des Gesprächs aufhalten. 

Mit der freien Hand, übrigens, versucht die Dame die ganze Zeit, ihr Portemonnaie zu finden; die linke Hand ist die freie Hand; mit dieser in die rechte Jackentasche zu greifen, ist schwierig, damit in dem Einkaufskorb zu wühlen, der mittlerweile schon auf der Warenablage hinter der Kasse angelangt ist, ist schwierig. Da hat die Kassiererin ein Einsehen mit mir. Sie unterbricht den Zahlvorgang, greift meine Waren, scannt sie, ich habe den Gesamtpreis schon ausgerechnet und das passende Geld in Händen und verschwinde, nicht ohne freundlich in den Laden gegrüßt zu haben, aus dem Geschäft.

Was soll’s. Ich habe Zeit; das Einkaufen bei uns im Edekamarkt macht mir Spaß; heute muss ich nur noch das so eben Erlebte niederschreiben, ich bin ja Ruheständler.

Auf dem Rückweg vom Markt habe ich in der Linken die gut gefüllte Einkaufstasche. Ich wundere mich, dass die junge Frau, die mir auf dem Fußgängerweg entgegenkommt, freundlich lächelnd, in eine Hofeinfahrt ausweicht, um mich ungehindert vorbeizulassen.