KuKuK-Textwerkstatt 2021

 


 

19. April 2021: Ulrich Hain - "Die Sechs Zinnen"

 

Vor Zeiten schafften die Yámana, Tehuelche, Onas, Halakwúlup und weitere Stämme den kühnen Übergang von Asien aus nach Osten, und wurden dann allerdings von Nachdrängenden in den äußersten Süden Patagoniens gedrängt. Als sie schließlich den ihnen zugewiesenen Landstrich erreichten und in Augenschein nahmen, protestierten sie sofort bei El Supremo: Mehr als zugig von der Antarktis her! Saukalt und kahl an den Küsten und auch noch von unwirtlichen, mit Eis bepackten und zugedeckten Gebirgen durchzogen. Nicht zu fassen. Als ob die Eiszeit noch nicht vorbei wäre! Wenn wenigstens ein paar markante Bergspitzen für künftige Attraktivität sorgten, wie sie etwa den Italikern in den Dolomiten so reichlich und möglicherweise unverdient beschert worden waren! Protest, Protest!

 

 

El Supremo reagierte betroffen. Aber ehrlich gesagt, Er hatte keine große Lust, jetzt nach Feierabend noch größere Änderungen vorzunehmen oder sich gänzlich Neues einfallen zu lassen. Verdrossen baute Er in den Dolomiten kurzerhand die Sechs Zinnen ab und auf einem soliden Granitsockel als cuernos in der Paine-Gegend wieder auf. Von „Zinnen“ hatte man da natürlich noch nie gehört, kannte auch „Hörner“ nur aus vagen Erinnerungen der Urahnen, aber in Patagonien war man nun im Großen und Ganzen zufrieden und gab Ruhe. Hingegen das Geschrei der Italiker, ohrenbetäubend, wollte nicht aufhören. Gott, der gerechte! Transferierte also El Supremo einerseits drei der Zinnen wieder zurück an die alte Stelle in den Dolomiten. Da stehen sie übrigens heute noch, wie man hört! Andererseits, da Er nun doch gerade mit Nacharbeiten befasst war, zauberte er den Patagoniern hier und da noch einige zusätzliche bedeutende Gipfel hin wie den FitzRoy zum Beispiel. Damit wollte er geschickt neuen Enttäuschungen vorbeugen. Aber die Patagonier hatten zu viel mit der unwirtlichen Natur zu tun, um noch groß auf das neue Panorama zu achten. Und wurden dann Stamm für Stamm von frommen und unfrommen Ankömmlingen aus aller Welt ziemlich vollzählig in den katholischen Himmel verfrachtet, wie ein übrig gebliebener Pater zum Reporter Bednarz verlauten ließ. 

 

 

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12. April 2021: Günter Wirtz - "Totenglocken"

 

Gestern habe ich es wieder beobachten können, bei einem Spaziergang durch die nahen Felder.

 

Ein Bussard kreist majestätisch in weiten Bögen am Himmel. Da kommen wie aus dem Nichts zwei Krähen herangeflogen. Krächzend. Von dem großen Raubvogel hört man keinen Laut. Immer wieder stoßen sie auf ihn zu, weichen dann geschickt aus, oder sie fliegen über ihm, um seine Flügel mit ihrem Kot zu verkleben. Ja, die Krähen scheißen dem Bussard von oben auf die Flügel. Hast du einmal diesen ungleichen Kampf gesehen?

 

Vom Ortsrand, vom Friedhof, tönen Totenglocken, hier ist ein Meer von leeren Feldern.

 

So verjagen sie ihn. Ihren kurzen Attacken kann der Bussard nichts entgegensetzen. Man sieht das hilflose Ausweichen des grauen, großen Vogels. Die schwarzen, wendigen, nur halb so großen Krähen stürzen immerfort auf ihn zu, entkommen geschickt den kläglichen Schnabelhieben des Bussards.

 

Ging nicht auch so die spanische Armada unter?

 

Der ungleiche Kampf am blauen Himmel währt nicht lange. Die Totenglocken läuten immer noch, der Raubvogel ist schon längst verjagt.

 

Was treibt die Krähen an? Sie suchen nicht die gleiche Beute unten auf dem Feld, fressen sie doch Aas und Sämereien oder Obst. Der Bussard schaut nach Mäusen. Und warum vertreiben sie dann diesen Vogel? Er schert sich nicht um sie, er will nur ruhig gleiten, die Augen fest am Boden. Die Krähen, als wär’s aus reiner Lust am Raufen, sich sicher ihrer Überlegenheit. Mit ihren Schnäbeln können sie dem Bussard nichts anhaben. So nah trauen sie sich nicht heran, nein, ihr Angriff ist perfider. Sind die Federn dieser mächtigen Vögel von ihrem Kot verklebt, dann kann er nicht mehr kunstgerecht fliegen, und was nützt es einem gefiederten Jäger, wenn er zwar aus seiner Höhe die Mäuse erspähen, aber sich nicht richtig hinabstürzen kann?

 

 

Jetzt klingen sie nicht mehr, die Totenglocken. Die Friedhofskapelle am Dorfrand direkt neben den Feldern entlässt die schwarz gekleideten Menschen. Wortlos trauernd schreiten sie zu dem frischen Grab, in das sogleich ein brauner Sarg hinabgelassen wird.

 

 

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29. März 2021: Christine Zickmann – "Frühling" - Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

 

 

 

Das Heft ist online bei Hugendubel und Amazon erhältlich. Hier ist ein Link mit mehr Information:

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22. März 2021: Johannes Eucker - "Zauber der Erinnerung - Vaters treuer Jagdhund"

 

Seine Geschichten wiederholten sich, blieben aber immer spannend. Für mich jedenfalls. Hunde mochte ich schon immer. Mochte ich nun deshalb Vaters Hundegeschichte oder war sie die Ursache für meine Hundeliebe? Gestützt wird meine Erinnerung an einen bestimmten Hund durch ein Foto, auf dem er - wenn auch undeutlich - abgebildet ist. Es war laut Vaters Aussage ein Rottweiler, die heutigen Rottweiler sehen aber anders aus. Entweder ist das Foto so miserabel oder die Rassemerkmale haben sich geändert. Ja, oder man hat meinem Vater ein A für ein U vorgemacht.

 

Teuer war die Anschaffung. Er musste den kleinen Hund gegen ein Ferkel tauschen. Beide transportierte er in seinem Rucksack auf einer Radfahrt, die über das nächste Dorf hinaus ging, also weit weg war.

 

Mein Vater hatte als Junggeselle zusammen mit zwei anderen Männern des Dorfes die gemeindliche Jagd gepachtet. Und als Jagdhund hat er seinen Hund, den Tell, dann auch abgerichtet. Er wurde ein vorzüglicher Hühnerhund, spürte die Hühner geschickt auf, blieb rechtzeitig stehen und wartete bis er das Kommando erhielt die Tiere aufzuscheuchen. Wurde ein Rebhuhn abgeschossen, apportierte er brav, nur wollte er die Beute dann nicht loslassen. Anstatt sie abzulegen, wie es sich für seinesgleichen gehört hätte, behielt er sie störrisch in seinem Maul. Aber sonst war er ein großartiger Hund, klug, gehorsam, treu und dazu ein Wachhund, wie man ihn in unsicheren Zeiten - wie nach dem Ersten Weltkrieg - auf dem Dorf brauchte. Diese letzte Fähigkeit leuchtete mir besonders ein, denn Vater erzählte die Geschichte (immer wieder) in der „schlechten Zeit“ während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Da gab es auf jedem Hof einen Wachhund. Oft war quer über den Hof ein Draht gespannt, an dem ein Laufseil oder eine Kette hing, so dass der Hund zwar angekettete war, aber trotzdem den gesamten Hof ablaufen konnte.

 

Wir hatten an unserem Häuschen keine solche Kette anbringen können und unser Hundchen lag deshalb an einer kurzen Kette nahe seiner Hundehütte.

 

Aufgrund der nächsten Hundegeschichte kann ich heute auch datieren, wann der Tell im Besitz meines Vaters war, denn die folgende Geschichte muss sich im Jahr 1922 ereignet haben, denn damals war mein Cousin als Säugling in eine aufregende Situation verwickelt. Natürlich ohne es zu merken.

 

Es war Hochsommer und die Familie, die Knechte und Mägde, waren mit der Getreideernte befasst. Wer nicht draußen auf dem Feld beim Beladen der Leiterwagen zu tun hatte, lud in der Scheune Getreide ab und verstaute es an den dafür vorgesehenen Stellen. 

 

Das war eine schweißtreibende und staubige Arbeit. Der Dreck bleibt auf der nassen Haut kleben und ätzt in den Augen. Außerdem war Tempo angesagt, denn der Wagen, der draußen auf dem Feld beladen wurde, durfte nicht auf den Hof kommen, bevor nicht der abzuladende Wagen aus der Tenne entfernt war. Bei dieser Hektik konnte es schon mal passieren, dass der- oder diejenige, die auf dem Wagen in der Tenne stand und die Garben nach oben zu gabeln hatte, nicht aufmerksam genug den Hof beobachtete. Im Allgemeinen war das auch nicht nötig, obwohl weder die Hoftore (einfache niedrige Zäune) noch die Haustüre je geschlossen wurden. Wer zu der Zeit in der Regel auf den Hof kam, das konnte der Ortsdiener sein, vielleicht ein Nachbar, der sich was ausleihen wollte, aber eigentlich kam gar niemand. Die fliegenden Händler wussten, dass die Bauern in solchen Phasen der Ernte keinen Sinn und keine Zeit für Geschäfte hatten.

 

Gelegentlich aber erschienen „Zigeuner“, die heute Sinti oder Roma genannt werden. Sie hielten mit ihren Wagen manchmal im Dorf oder am Rande des Dorfes und suchten auf den Höfen Essbares zu gekommen. 

 

Plötzlich hörte mein Vater, der auf dem Getreidewagen stand, seinen Hund, den Tell, im Wohnzimmer des Hauses laut bellen. Nichts Gutes ahnend stieg er vom Wagen, eilte über den Hof zum Wohnhaus, stürzte in die Gute Stube und dort bot sich ihm ein Bild, das er später immer wieder mit großem Genuss erzählte.

 

Im Kinderwagen lag der Säugling. Neben dem Kinderwagen stand eine Zigeunerin, der der Hund auf den Hinterbeinen stehend seine Vorderpfoten auf die Schultern gelegt hatte. Hier brach Vaters Erzählung ab, denn mit der Schilderung dieser Szene war überzeugend belegt, wie entschieden, aber dann doch auch angemessen und ohne der Frau etwas zuleide zu tun dieser kluge Hund das Kind verteidigt hatte.

 

Die Brisanz dieser Geschichte kann man erst recht nachvollziehen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie Kindesraub oder Kinderklau in Gesprächen der Erwachsenen immer wieder thematisiert wurden, obwohl man oder gerade weil man nichts Genaues wusste. Und wer weiß, was die Zigeunerin sonst noch alles geklaut hätte, wäre der Hund nicht gewesen. So der Tenor von Vaters Erzählung.

 

Auch die treuesten und stärksten Hunde altern, so auch Tell. Er bekam Wasser in die Beine und konnte nicht mehr richtig laufen. Als Jagdhund war er nicht mehr brauchbar und es war jämmerlich ihn anzusehen. Selbst der Tierarzt wusste keinen Rat mehr. Da entschloss sich Vater schweren Herzens seinen geliebten Hund, der ihn bei der Jagd so erfolgreich begleitet hatte, zu erschießen. Und dann folgte eine rührende Passage in Vaters Geschichte: Er hob eine Grube aus, trug den Hund, der nicht mehr laufen konnte, zur Grube, stellte ihn davor auf, ging ein angemessenes Stück zurück, nahm sein Gewehr und legte auf den Hund an. Der Hund nahm diese Bewegung wahr und sofort packte ihn wieder das Jagdfieber. Er kam auf meinen Vater zugewankt, so dass dieser nicht zum Schuss kam. Nachdem sich diese Szene mehrfach wiederholte, gab mein Vater sein Vorhaben auf. Es rührte ihn zu sehr.

 

 

Der Hund ist dann in den nächsten Tagen eines natürlichen Todes gestorben.

 

 

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15. März 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Flucht aus Siebenbürgen" (1970)

 

Die Familie setzte sich an den Tisch in der Küche. Die Mutter öffnete den Backofen und stellte eine große Backform auf den Tisch. Während alle ihren Teller hinhielten und eine große Portion des Auflaufs bekamen, ging Peter der Gedanke durch den Kopf: „Vielleicht das letzte Mal Klausenburger Kraut.“

 

Auf dieses Essen freuten sich immer alle, diese Mischung aus Reis, Sauerkraut, Hackfleisch und saurer Sahne, der Stolz jeder siebenbürgischen Hausfrau. Bei jedem Bissen, den Peter zu sich nahm, ging er innerlich den Inhalt seiner Aktentasche durch. Hatte er auch an alles gedacht?

 

Nach außen hin musste es so aussehen, als ob er zur Arbeit fahren würde. Am Ende des Essens hantierten seine Mutter und seine Schwester mit dem Geschirr, der Vater goss sich einen selbstgebrannten Obstschnaps ein. Sollte er nicht doch seine Familie über sein Fluchtvorhaben aufklären, ging es Peter durch den Kopf und das schlechte Gewissen nagte an ihm, das Gefühl, sie zu hintergehen und sie im Stich zu lassen. Aber die Abmachung mit Peters Freund Michael lautete ganz eindeutig: Niemanden einweihen, damit nachher bei der eventuellen Befragung durch den Geheimdienst Securitate ihr Nichtwissen glaubwürdig klang.

 

Nach einer unruhigen Nacht ging Peter frühmorgens in die Küche und schenkte sich ein Glas Milch ein. Auf dem Weg zum Abort im Hof, einem Holzhäuschen mit dem Herzen in der Tür, im Inneren ein Brett mit zwei Löchern und statt Toilettenpapier drei abgenagte Maiskolben (denn selbst Zeitungspapier gab es nicht, weil sich die Familie keine Zeitung leisten konnte), schaute Peter noch einmal im Stall vorbei und klopfte dem massigen Büffel auf den Rücken. Im Schweinestall saugten die Ferkel schmatzend an den Zitzen der Muttersau.

 

Peters Blick ging durch das Stallfenster in den Gemüsegarten, in dem Paprika und Tomaten wuchsen und die Aprikosen und Äpfel an den Bäumen hingen. Zurück in seiner Kammer unter dem Dach zog sich Peter seine Jacke über, setzte die Schiebermütze auf und begab sich auf den Weg durch das Dorf.

 

Es hing ein Geruch von verbranntem Holz in der Luft – die Herde in den Küchen wurden angeheizt. Im Hof eines der mit Holzschnitzereien versehenen und bunt bemalten Häusern rieb eine Frau die Wäsche über ein Waschbrett in einer großen Wanne und summte vor sich hin. Sie trug die Alltagstracht, die in der Gegend üblich war, mit Kopftuch und Leinenschürze, an der sie sich die Hände abtrocknete, um den nächsten Wäschestapel zu holen. Vor dem letzten Haus im Dorf hockte ein Mann mit schwarzen Haaren und dunkler Haut, mit Hut auf dem Kopf und Pfeife im Mund, Mitglied eine Tigan-Familie, auf dem Boden und klopfte mit einem Hammer auf einen Kupferkessel, der zum Schnapsbrennen gedacht war.

 

Bis zum Bahnhof waren es noch 3 km, die Straße führte durch Felder und Wiesen, in der Ferne waren die Karpatenberge zu sehen. Auf dem Bahnhof stieg Peter in den Zug, genannt „Mocanita“, der mit einer Dampflok gezogen wurde. Der Schaffner, den er schon lange kannte, begrüßte ihn leutselig. „Wenn der wüsste, was ich vorhabe!“ dachte Peter. In Hermannstadt ging er zu der Fabrik, in der er schon seine Lehre gemacht hatte, und hämmerte, schweißte und schraubte bis zum Abend. Nach dem Dienst begab sich Peter zur Wohnung seines Freundes Michael. Sie packten seinen Rucksack und überlegten hin und her, was sie für ihre Fahrt dringend benötigten und was doch besser zu Hause bleiben sollte.

 

Der Zug von Hermannstadt nach Bukarest, genannt „Wiener Walzer“, fuhr um 24 Uhr los. Die beiden Freunde fanden 2 Plätze nebeneinander in einem Abteil – die Plätze waren sogar gepolstert. Als der Zug sich in Bewegung setzte, atmete Peter mehrmals tief ein und mit einem „Pfff“ wieder aus, worauf Michael ihm in die Seite stieß und ihm zuraunte: „Das klappt schon, Du wirst sehen.“ Um 5 Uhr morgens erreichten sie Bukarest und mussten nun die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges nach Wien am Abend, möglichst ohne aufzufallen, über die Runden bringen. Sie reihten sich vor dem Bahnhof in die die Reihen der Werktätigen ein, die zur Frühschicht in ihre Betriebe gingen.

 

Nach einer Weile entdeckten den Innenhof eines alten Hauses, an dessen Ende ein Schuppen stand, der mit Gerümpel angefüllt war. Peter und Michael hockten sich hinter einen Tisch auf den Boden und deckten sich mit der gewebten Tischdecke zu. Erst als nach 1 Stunde eine Katze auf sie zukam und sich zu ihnen auf die Decke legte, wussten sie warum es sie plötzlich überall juckte – sie hatten sich Katzenflöhe eingefangen. Erschöpft nach der Zugfahrt, blieben sie trotzdem liegen, weil sie sich in dem Versteck sicher und von niemand beobachtet fühlten.

 

Nachmittags verließen sie ihr Versteck und gingen wieder in Richtung des Bahnhofs. Unterwegs kauften sie sich in einer Bäckerei ein paar Semmeln. Der Verkäufer schien bemerkt zu haben, dass sie Siebenbürger Sachsen waren. Er warf die Tüte mit den Semmeln auf den Tisch und brummte verächtlich: „Lernt ihr Sachsen doch erst einmal richtig rumänisch!“ Mit einem Handwedeln bedeutete er ihnen, dass sie abhauen sollten. Es war ziemlich heiß geworden und sie waren froh, dass sie sich, am Bahnhof angekommen, im Schatten eines großen Propagandaschildes mit der Abbildung von Ceaucescu auf einer Bank ausruhen konnten.

 

Zur verabredeten Zeit liefen sie die Gleise entlang zu einem Abstellgleis, auf dem sich mehrere Waggons befanden. Ein Bahnarbeiter machte sich an einem der Wagen zu schaffen. Als er Peter und Michael sah, zog er kurz die Augenbrauen hoch und sagte: „Der Silviu ist schon drinnen.“ Er hielt ihnen seine geöffnete Hand entgegen, auf die Peter einen Umschlag mit Geld legte. Der Bahnarbeiter stieg zwischen 2 Waggons eine Leiter hoch und zog eine Abdeckung beiseite, die vor dem Zwischendach lag. 

 

Anschließend kletterten Peter und Michael die Leiter hoch und krochen in den Hohlraum des Zwischendecks, das einen halben Meter hoch war. Sie wurden von Silviu begrüßt, der im hinteren Teil des Decks lagerte. Der Bahnarbeiter schraubte die Abdeckung von außen wieder zu. Finsternis umgab die drei Schicksalsgenossen. „Woher kriegen wir denn Luft?“ fragte Peter auf Rumänisch, und Silviu machte sie auf zwei kleine Dachluken aufmerksam, durch die auch ein Hauch von Licht kam. 

 

Nicht lange, nachdem ihr Fluchthelfer mit dem Zuschrauben fertig war, hörten sie Stimmen aus den unteren Teilen der Waggons, Rufe und Kommandos ertönten. Offenbar wurden die Zugwagen gereinigt. Die typischen rumänischen Flüche waren zu hören. Nachdem sich die Stimmen entfernt hatten, ging ein Ruck durch die Waggons, sie setzten sich in Bewegung und wurden schließlich an den Zug nach Wien angekoppelt. Es waren Durchsagen in der Bahnhofshalle zu hören. Reisende bestiegen die Waggons, Abschiedsgrüße wurden gerufen, Türen zugeschlagen. Als schließlich das rhythmische Rucken den Zug erfasste, sackten die 3 Männer vor Erleichterung in sich zusammen und tranken erstmal einen Schluck aus ihren Wasserflaschen. 

 

Trotz der Fahrgeräusche hörten sie, wenn auch nur gedämpft, die Stimmen der Passagiere, die unter ihnen in den Abteilen saßen. „Hoffentlich hält uns die Abdeckung!“ meinte Peter. Nach einer Stunde Fahrt benutzten sie zum 1. Mal die Ersatztoilette, die sie sich aus Plastiktüten zurechtgebastelt hatten. Sie vereinbarten, dass immer einer Wache hielt und die beiden anderen schlafen konnten. Nach einigen Stunden Fahrt bremste der Zug ruckartig. Sie hörten Kommandos und Rufe auf Ungarisch, auch aus dem Abteil unter ihnen. Peter, Michael und Silviu robbten in die hinterste Ecke des Zwischendecks und verbargen ihre Gesichter und Hände mit ihren Jacken. 

 

Trotzdem bemerkten sie an dem Lichtschein, dass die Grenzbeamten durch die Dachluken in das Dachinnere leuchteten, sie aber zum Glück nicht entdeckten. Als der Zug anfuhr, blieben die drei wie gelähmt noch eine Weile liegen und konnten sich erst langsam aus ihrer Starre lösen. Das Lagern auf dem harten Boden wurde im Laufe der Fahrt unbequemer und die Männer dehnten und streckten sich immer wieder, um die Schmerzen etwas zu lindern. 

 

Bei einer dieser Streckungen, bei denen Peter mit aller Kraft die Füße gegen die Wand presste, bemerkte er plötzlich, dass seine Socken durchnässt waren. Er tastete in der Dunkelheit auf dem Fußboden umher und hielt den schlaffen Plastikbeutel in der Hand, der beim letzten Gebrauch schon recht prall war, und auch der Geruch, der sich in ihrer Nische ausbreitete, war eindeutig. Was würde passieren, wenn die Abdeckung zum Passagierraum nicht dicht war und die Flüssigkeit sich auf die Köpfe der Reisenden ergösse? 

 

Die Männer gerieten in Panik und fluchten vor sich hin, jeder in seiner Sprache, bis auf einmal Schläge gegen das Dach prasselten, erst in etwas längeren Abständen, dann immer heftiger werdend, schließlich kam noch Donner dazu. Offenbar fuhr der Zug in ein veritables Unwetter hinein, der Regen hörte überhaupt nicht mehr auf. „Das ist unsere Rettung!“ stieß Michael erleichtert hervor.

 

Erregte Stimmen drangen aus dem Passagierraum zu ihnen hoch, auf Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. „Der Waggon ist ja wohl noch aus der Vorkriegszeit, dass es hier durchregnet und stinken tut es auch bestialisch.“ Das war ein deutlicher Kommentar. Das Stimmengewirr ebbte langsam ab, offenbar hatten die Reisenden andere Abteile aufgesucht.

 

Beim nächsten Halt waren ungarische Rufe und stampfende Schritte zu hören. Wieder wurde in das Zwischendeck hineingeleuchtet und die 3 Flüchtlinge nicht entdeckt. Der Zug setzte sich in Bewegung und nach einer Weile hörten sie aus dem Abteil unter ihnen eine laute Stimme: „Grüß Gott, die Herrschaften, die Fahrkarten bitt´ schön!“

 

Die 3 Männer mussten sich schwer beherrschen, nicht in lauten Jubel auszubrechen. „Wir haben es geschafft, wir sind in Österreich!“ stieß Michael hervor und boxte den beiden anderen in die Seite. Auf der letzten Etappe wurde die Hitze unerträglich in ihrem Versteck. Nachdem der Zug am Wiener Hauptbahnhof eingelaufen war, warteten sie, bis alle Reisende ausgestiegen waren. Dann traten sie mit aller Gewalt gegen die Holzabdeckung. Michael zauberte aus seinem Rucksack einen Schraubenzieher hervor, und es gelang ihm, die Holzplatte aufzuhebeln. Silviu ließ sich als erster aus dem Zwischendeck nach unten gleiten und half den beiden anderen herunter.

 

Auf dem Bahnsteig hüpften sie vor Freude und Bewegungsdrang bis zur Haupthalle. Vor dem Bahnhof gingen sie in das erstbeste Lokal, baten um ein Glas Wasser und darum, die Toilette benutzen zu können. Anschließend durchquerten sie zu Fuß die Stadt und fragten sich zur Autobahn in Richtung Linz durch. In Linz wohnte Peters Vetter.  An der Autobahnausfahrt liefen sie zu einer Wiese und legten sich unter einen Baum, dessen Zweige bis auf die Erde fielen. Hier verbrachten sie die Nacht. Als sie am nächsten Morgen ihr Baumhotel verließen und zur Autobahn liefen, wurden sie von einem Polizisten angehalten, der ihre Ausweispapiere kontrollierte. Als sie ihm versicherten, dass sie nach Deutschland wollten, ließ er sie gehen. An einem Fluss wuschen sie sich, stellten sich an den Fahrbahnrand der Autobahnausfahrt und winkten mit den Armen.

 

Schließlich wurden sie von einem Kleinbus mitgenommen. Der Fahrer lauschte beeindruckt ihrer Fluchtgeschichte und ließ es sich nicht nehmen, die drei bis zum Haus des Vetters in Linz zu bringen. Von ihm wurden sie mit großem Hallo begrüßt und von seiner Frau bekocht und bewirtet. Sie übernachteten auf dem Sofa im Wohnzimmer, auf 3 hintereinandergestellten Sesseln und auf einer Luftmatratze.

 

Am nächsten Tag fuhr der Vetter sie bis zur deutschen Grenze nach Salzburg. Sie liefen vorbei an Wiesen auf denen Frauen das Heu wendeten. Es roch genauso wie in Siebenbürgen. Vor einem Waldstück sahen sie einen Grenzbeamten, der auf einem Stuhl zusammengesackt war und schlief. Sie umgingen ihn großräumig, und als sie aus dem Wald herauskamen, erblickten sie ein Dorf. Das gelbe Ortsschild verriet, dass sie in Deutschland angelangt waren. Der Autofahrer, der sie nach München mitnahm, gab jedem von ihnen 10 DM. Von diesem Geld genehmigten sie sich in einer Wirtschaft einen Schweinsbraten mit Knödeln und Kraut. In München verabschiedete sich Silviu von ihnen, er hatte sein Ziel erreicht.

 

Peter und Michael wollten weiter nach Frankfurt, wo der ältere Bruder von Peter wohnte. Sie meldeten sich bei einem Polizeirevier, wo ihnen zunächst ein Kaffee angeboten wurde. „Morgen müsst's Ihr erst amal nach Nürnberg zum Durchgangslager. Übernachten könnt´s Ihr heut´ hier bei uns.“ Mit den Worten: „Kommt´s amol eini“ zeigte der Beamte ihnen eine Polizeizelle, wo sie die Nacht auf den Pritschen verbrachten. Einmal wachten sie nachts auf, weil ein Betrunkener in eine der Nachbarzellen gebracht wurde und laut vor sich hin schimpfte.

 

Am nächsten Morgen wurden ihnen 2 Fahrkarten nach Nürnberg ausgehändigt. Peter und Michael stiegen aber nicht in Nürnberg aus, sondern fuhren gleich nach Frankfurt am Main weiter, wo sie von Peters Bruder in Empfang genommen wurden. Die Fahrt nach Nürnberg holten sie ein paar Tage später nach und erhielten dort ihren Flüchtlingsausweis, der später in einen deutschen Pass umgewandelt wurde.

 

 

Die ersten Worte, die Peter von Nachbarn seines Bruders hörte, die sich mit anderen Nachbarn unterhielten, waren: „Das sind Flüchtlinge aus dem Osten – vom Balkan. Na, die müssen sich aber erstmal an die anderen Zustände hier gewöhnen.“ Und die Art, mit der diese Worte ausgesprochen wurden, war nicht viel anders als die abschätzige Behandlung der Siebenbürger Sachsen durch viele Rumänen. Und Peter spürte, dass das Gefühl, ein „Fremdling“ zu sein, ihn noch lange begleiten würde.

 

 

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Wenn ich wüsste, . . .

 

Wer kennt diesen Satz-Anfang und weiß, wie der Satz weitergeht?

 

. . ., dass morgen die Welt unterginge, . . .

 

Und von wem stammt der Satz?

 

Der kleine Junge kannte ihn nicht, und von Martin Luther hatte er auch noch nichts gehört. Allerdings war er da erst drei Jahre alt. Jedenfalls wollte der kleine Junge, nennen wir ihn zum Beispiel Michael, einmal sehen, was aus einem Apfelkern wird, wenn man ihn in die Erde eines Blumentöpfchens steckt und regelmäßig gießt. 

 

Klar, wissen wir alle, nichts Besonderes, aber für einen Dreijährigen eine schöne Erfahrung.

 

Der kleine Michael wurde größer, das Apfelbäumchen auch. Es bekam einen größeren Topf, und schließlich, als es so groß war wie Michael selbst, pflanzte er es auf der Wiese hinterm Haus in die Erde.

 

„Wann kann ich denn die ersten Äpfel pflücken?“ fragte er seinen Opa, der damals mit der Oma noch regelmäßig zu Besuch kam. 

 

„Das wird noch ein paar Jahre dauern. Und dann wirst du keine Freude daran haben, denn das werden kleine Wildäpfel sein, hart und sauer. Wenn du willst, kann ich dir dein Bäumchen pfropfen und wenn das gut geht, dann bekommst du in ein paar Jahren Äpfel, die genauso aussehen und schmecken wie die von unserem großen Apfelbaum zu Hause.“ 

 

Natürlich will Michael.

 

Beim nächsten Besuch bringt der Opa mehrere kleine Zweige von seinem eigenen Apfelbaum mit. Er hat sie gerade vor der Abfahrt frisch geschnitten und die Schnittstellen mit feuchtem Küchenkrepp umhüllt. Als Erstes sägt er den oberen Teil des Bäumchens ab. Das sieht brutal aus und ist es ja eigentlich auch. Dann macht er mit einem scharfen Messer drei kleine Längsschnitte in die Rinde, direkt unter der Sägestelle. An den Ecken hebt er die Rinde ein wenig von Stamm ab, schiebt die passend angespitzten Zweige darunter und umwickelt das Ganze fest mit Bast. Dann wird noch alles gut mit Baumwachs bestrichen, und jetzt heißt es einfach nur warten.

 

Die Pfropfreiser wachsen gut an, die Zeit vergeht, und irgendwann können auch die ersten Äpfel geerntet werden. Sie schmecken gut, sehen hübsch aus und lassen sich gut lagern. Jetzt wäre es ja auch mal interessant zu wissen welche Sorte das überhaupt ist. Der Opa kann leider nicht mehr befragt werden und Leute, die sich angeblich auskennen, wissen es auch nicht.

 

Wiederum Jahre später: 

 

Michaels Vater, inzwischen Rentner, ist mit einer kleinen Gruppe von Freunden auf einer Herbstwanderung in der näheren Umgebung. Bei herrlichem Sonnenschein macht man Rast an einem Waldrand. So wie alle anderen greift er in seinen Rucksack nach etwas Essbarem und findet zwei Äpfel. Spontan fragt er seinen Platznachbarn, nennen wir in Hans-Werner: „Willst‘n Appel?“ Hans-Werner, der grundsätzlich nur Platt spricht, antwortet: „Ei wannde groat aan ewwerich host . . .“

 

„Hast Du ‘ne Ahnung, was für ‘ne Sorte das ist?“

 

Hans-Werner, wie aus der sprichwörtlichen Pistole geschossen: „Doas es en Gacksappel!“

 

Gacksapfel 1) – quatsch – nie gehört.

 

„Doach, hunnert pro, doas es en Gacksappel!“

 

Und so, wie eine lang währende Ungewissheit plötzlich zu einer nachprüfbaren Tatsache werden kann, so kann sich auch eine allgemein bekannte und von vielen Prominenten erwähnte Tatsache als falsch erweisen.

 

Den oft zitierten Satz vom Apfelbäumchen 2) hat Martin Luther nie gesagt.

 

Dieter Weiß, 2021

 

1) Aus Wikipedia:

Der Landwirt und Holzhauer Ernst Gack (1843–1921) fand diese Sorte um 1870 im Wald bei Aßlar-Berghausen, ebendieser von ihm als Schössling umgesetzter Baum, konnte bis 1964 erhalten werden. Der Gacksapfel wurde als Hessische Lokalsorte des Jahres 2006 ausgewählt. 

2) „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, soll Martin Luther einst gesagt haben. Dieser Satz lässt sich ihm aber nicht belegbar nachweisen. Wahrscheinlich wurde dieser Spruch dem Reformator in der schwierigen, zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankenden Situation nach dem Zweiten Weltkrieg in den Mund gelegt, vermutet Volkmar Joestel, Autor des Buches „Legenden um Martin Luther und andere Geschichten aus Wittenberg“.

 


 

1. März 2021: Christine Zickmann – "Pepo, der Elefant" - Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

 

 

 

Das Heft ist online bei Hugendubel und Amazon erhältlich. Hier ist ein Link mit mehr Information:

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22. Februar 2021: Günter Wirtz - "DRAGO"

 

Der Faulpelz

So heißt er bei Prévert

Der Schüler

Der stumm vor der Tafel steht

Der nichts weiß

Erstarrt

Er kennt keine Zahl

Er kennt kein Gesetz

Aber dann

Fast ist das Gedicht schon vorbei

Ist er's 

Der die bunten Kreiden nimmt 

Und die triste Landschaft

Die Schule heißt 

Färbt

 

Drago der Knirps

So heißt er bei mir

Der Schüler

Aus einem kleinen Dorfe kommt er

Aus

Irgendwo weit im Süden im Osten

Irgendwo aus dem Land

Das viele Namen hat seit ein paar Jahren

Ist es die Kraina

Ist's Bosnien

Oder der Rest

Ich weiß es nicht

Eins weiß ich nur

Dass Bomben dort fallen

Täglich und stündlich immerfort

 

Und Drago

Mein Faulpelz

Mein Schüler hier

Erzählt nur knapp

Und sein Atem 

Der stockt bei jedem Wort

Dass er Tiere so liebe

Zwei hat er gehabt

Die Ziege die weiße

Den Hund der viel bellt

Ob sie jetzt noch leben

 

Das weiß er nicht

 

 

 

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8. Februar 2021: Ingrid Wortmann-Wilk - "Rübergehen" 

 

(1956)

 

„Mutti, Du brauchst nicht zu weinen. Ich bleibe gerne bei Oma“ sagte das kleine Mädchen zu ihrer Mutter. Sie hatte einen grünen Mantel an, den sie von der Tante aus Frankfurt geschenkt bekommen hatte. Der Saum war bis zum letzten herausgelassen und die Ärmel waren ein wenig kurz für die 

5-jährige. Sie standen auf dem Bahnhof in Hannover, Großmutter, Mutter und Kind. Der Zug sollte Richtung Dresden gehen. Die Mutter hatte Tränen in den Augen. Ob sie ihre Tochter, ihre Mutter je wiedersehen würde, ob die Flucht gelingen würde?

 

„Wenn Ingrid zwischendurch mal Hunger hat, mach ihr einfach Haferflocken mit Milch, sie ißt eigentlich alles.“ „Schreibe gleich, wenn Du in Dresden angekommen bist“ bat die Großmutter und fragte : „Wo hast Du das Telegramm?“ Das Telegramm mit dem fingierten Text : „Bettina schwer erkrankt, komme sofort“, das der Vater aus Dresden geschickt hatte und für die Grenzbeamten an der Zonengrenze als Erklärung für die verfrühte Rückreise dienen sollte, verglichen mit dem Datum auf dem Visum. Die Mutter küßte Ingrid. „Und sei schön lieb zu der Oma und zieh das Leibchen unter den Pullover, wenn es kalt ist.“

 

Die Mutter stieg in den Zug, den braunen Pappkoffer in der Hand. Sie fand gleich einen freien Platz in einem Abteil, schob das Fenster hinunter und sah halb sorgenvoll, halb erleichtert zu ihrer Tochter, die zutraulich die Hand ihrer Großmutter ergriffen hatte und im anderen Arm ihre Puppe hielt. Erleichtert, weil Ingrid ohne weiteres bei der Großmutter blieb. Erleichtert, weil sie nun an die letzten Fluchtvorbereitungen gehen konnte, ohne von der aufgeweckten Tochter gefragt zu werden : „Warum packst Du denn so viele Pakete?“ Oder fürchten mußte, daß die Nachbarn im Haus etwas von den Fluchtabsichten mitbekämen, wenn Ingrid durch den Postschlitz der Wohnungstür in den Treppenflur des Hauses zu den Nachbarn rief : „Meine Oma hat schon wieder Geburtstag,  die kriegt noch ein Paket!“

 

Auch Martin, der 11-jährige Sohn von Verwandten, hatte ihre Angst vor Entdeckung und Verhaftung geschürt : „Ich weiß, daß Ihr rübermachen wollt, aber wenn ich eine Bockwurst kriege, verrate ich Euch nicht!“ Nach dem Erhalt seiner Lieblingsspeise hielt er sich zum Glück an sein Versprechen. Republikflucht – das hieß bei Verhaftung : Gefängnis für die Eltern, Kinderheim für die Kinder.

 

Die Mutter wollte ihren Kindern ein Leben in der Diktatur ersparen, gleichgeschaltet in der „Freien Deutschen Jugend“, die in ihren Augen eine fatale Ähnlichkeit mit der Hitlerjugend hatte. Ingrid kam mit Stalinliedern aus dem Kindergarten nach Hause : „Eine weiße Friedenstaube.“

Das hatte dann auch ihren Mann dazu bewogen, in den Westen zu gehen, obwohl er Skrupel hatte, als Arzt seine Patienten im Stich zu lassen, da die medizinische Versorgung durch ständige Flucht gerade von Ärzten immer schlechter wurde. Bei den Zwangswahlen ließ er es darauf ankommen, sich von zu Hause abholen zu lassen und rief dann in das Wahlbüro : „Wo ist denn hier die Wahlkabine? Ich möchte geheim wählen“, wohl wissend, daß die ganze Wahl sowieso eine Farce war.

 

Der Zug fuhr langsam an, Dampf machte sich auf dem Bahnsteig breit. Ingrid winkte heftig, sah die winkenden Arme ihrer Mutter immer kleiner werden. Für einen kurzen Augenblick stieg in ihr ein Gefühl der Verlassenheit hoch, gleichzeitig aber verwoben mit der Aussicht, mal eine Zeitlang ohne die Ermahnungen der Mutter zu sein. Die Großmutter schneuzte sich die Nase : „Na, mein Ingridchen, jetzt fahren wir wieder mit der Elektrischen.“ Ihre gütige Stimme klang nach Geborgenheit und Wärme, und als sie nachher in der Straßenbahn saßen und die Großmutter in Aussicht stellte, eine „Stille Liebe“ zu kochen, einen Mondaminpudding, siegte bei Ingrid Neugier und Abenteuerlust. Bereits in Greifswald als 2-jähriges Mädchen, war ihr Drang, die Welt zu erkunden, auch durch ständiges Reparieren des Gartenzauns durch ihren Vater nicht zu verhindern. Sie fand oft genug eine Möglichkeit zu entwischen, um dann von den Nachbarskindern wieder gebracht zu werden.

 

Die Großmutter wohnte unter dem Dach eines Klinkerhauses auf dem Gelände eines großen Altersheims – Bethesda in Hannover, von Diakonissen geführt. Bis zum Kriegsende hatte sie auf ihrem Gutshof in Pommern mit ihrem Mann und 4 Kindern gelebt und dann durch Vertreibung alles verloren. Nun verdiente sie ihren Lebensunterhalt mit Bügeln der Wäsche des Altersheims.

Ingrid stieg hinter der Großmutter die Treppe hoch, bei jedem Schritt knarrte das Holz. „Mußt Du mal einen kleinen Wunsch?“ fragte die Großmutter ihre Enkelin und holte einen Porzellantopf unter ihrem Bett hervor. Sie nahm einen Wasserkessel vom Ofen und füllte den Topf mit warmem Wasser. „Damit es nicht so kalt ist!“ Ingrid saß auf dem Topf und schaute sich in dem Zimmer um. In dem einen Bett hatte sie in der Nacht mit der Mutter geschlafen, die am Morgen entnervt aufgestanden war : „Du hast mir sämtliche Ellenbogen in die Seite gestoßen.“ Unter dem Bett der Großmutter lagen 2 Koffer, auf dem Stuhl neben dem Bett lag eine Unterhose aus grauer Wolle mit langen Beinen. Ingrid sah zur Großmutter hinüber, die sich vor dem Spiegel, der am kleinen Dachfenster hing, ihre grauen Haare, die zu einem Dutt hochgesteckt waren, wieder ordnete. „Wenn Du fertig bist, bringe ich den Topf runter und hole gleich frisches Wasser hoch. Die Großmutter gab Ingrid eine Schale mit in Stücke geschnittenem Zeitungspapier. „Ob das wohl färbt?“ fragte sich Ingrid, als sie sich ein Stück nahm. „Darf ich mitkommen?“ Die Großmutter ergriff eine Haarbürste und kämmte Ingrid die Haare. Anschließend nahm sie einen Kamm, steckte ihn in die Wasserkanne und zog den Scheitel nach. Das kratzte Ingrid und sie wischte sich die Wassertropfen vom Gesicht. Die Großmutter machte eine Schleife in die Kordel, die durch Ingrids Kleid gefädelt war. „Hat das auch die Mutter gestrickt? Was ist sie bloß geschickt!“

 

Die Großmutter nahm den Topf, gab Ingrid den Eimer, und die beiden gingen die Treppe hinunter. Gerade unten angekommen, hörten sie eine Stimme aus dem hinteren Flur : „Guten Tach, Frau Jahn.“ Eine Frau mit einem grauen Kittel und einer schwarzen Schürze darüber kam auf sie zu. Sie beugte sich zu Ingrid herunter und schaute sie mit ihren hervorstehenden blauen Augen an und fragte : „Und das ist die kleine Enkelin von der Frau Jahn?“ Sie lachte freundlich und Ingrid sah, daß in ihrem Mund 2 Zähne fehlten. Die kurzen blonden Haare waren alle zurückgekämmt und klebten am Kopf. „Sag der Tante Frieda mal guten Tach“ meinte die Großmutter. Ingrid nahm die zu ihr ausgestreckte Hand und machte einen Knicks. Während sich die Großmutter und Frieda unterhielten, schaute Ingrid auf die karierten Filzpantoffeln von Frieda und erinnerte sich an das gestrige Gespräch zwischen Mutter und Großmutter, in dem von einer Anstalt die Rede gewesen war. „Schon zweimal hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen.“ „Wenn es Dir mal langweilig wird, kannst Du mich besuchen“, bot Frieda Ingrid an, verabschiedete sich und ging in ihr Zimmer. Die Großmutter und Ingrid setzten ihren Weg nach unten fort, und unterwegs meinte die Großmutter : „Zu der Tante Frieda mußt Du sehr nett sein. Die ist ein armes Menschenkind!“ „Muß die wieder in eine Anstalt?“ fragte Ingrid. „Das will ich nicht hoffen“, antwortete die Großmutter.

Nachdem sie mit dem entleerten Topf und dem gefüllten Wassereimer wieder im Zimmer angekommen waren, bereitete die Großmutter das Abendbrot zu. Sie holte von dem Fensterbrett draußen eine Schale mit Brot, Butter und Wurst. Auf dem kleinen Propangaskocher erhitzte sie die Milch für die „stille Liebe.“ Während der Pudding in zwei Tellern abkühlte, bestrich sie 2 Kommisbrotscheiben mit Rügenwalder Teewurst, der Wurst aus ihrer pommerschen Heimat, die sie sich trotz ihres kargen Gehalts leistete. Ein halbes Butterbrot durfte sich Ingrid mit Zucker bestreuen. Und dann die „stille Liebe“ als Nachtisch – Ingrid lächelte glücklich und die Großmutter genoß es, ihrer Enkelin beim Essen zuzusehen.

 

Nach dem Essen öffnete die Großmutter das Fenster, Musik war aus dem unteren Stockwerk zu hören, eine Frauenstimme sang : „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern.“ Danach kam : „Wenn die Ostseewellen trecken an den Strand.“ Die Großmutter, die inzwischen in einer Emailleschüssel das Geschirr abwusch, sang den Refrain mit : „Da ist meine Heimat, da bin ick tu Huus.“

 

Ingrid saß auf ihrem Bett und schaute sich eines ihrer Bilderbücher an. Es handelte von Blumenkindern, die erst unter der Erde lebten und dann zum Frühjahr ans Tageslicht kamen. Das dämmerige Licht im Zimmer und der Gesang der Großmutter machten Ingrid schläfrig und ihr fielen kurz die Augen zu. „Na, mein Herzchen. Du hast ja ganz kleine Augen“ meinte die Großmutter und half Ingrid beim Ausziehen. Als sie ihr das Nachthemd überstreifte, sagte sie : „Heute machst Du mal Katzenwäsche“ und erzählte dann von Friedenshof, einem Pensionat in Stettin, in dem sie als junges Mädchen war und in dem sie nie Katzenwäsche machen durften, sondern immer von einer Erzieherin kontrolliert wurden, ob sie auch den ganzen Oberkörper wuschen. Dabei war das Wasser so kalt, manchmal im Winter mit einer Eisschicht bedeckt. Selbst auf der Toilette war eine Erzieherin, die überwachte, daß sie nur einmal kurz spülten.

Ingrid streckte sich in dem Bett aus und wurde von der Großmutter zugedeckt. Von allen Seiten und besonders an den Füßen steckte sie die Decke fest unter Ingrids Körper. Ingrid faltete ihre Hände und betete :

                    Müde bin ich, geh´ zur Ruh´,

                    schließe beide Augen zu.

                    Vater laß die Augen dein

                    über meinem Bette sein. Amen

Die Großmutter strich Ingrid über den Kopf : „Schlafe ganz schön. Und morgen darfst Du mit mir in die Plättstube. Da zeige ich Dir mal die Mangel.“

 

Die Großmutter knipste die Lampe neben Ingrids Bett aus und setzte sich auf den Stuhl neben das Fenster, setzte ihre Brille auf und las in einem Buch. Ingrid drehte sich zur Wand, um nicht geblendet zu werden. Die Tapete, auf die sie schaute, war mit vielen kleinen Schiffen bedruckt, die von Wellen bespült wurden. Ingrid hörte in regelmäßigen Abständen das Umblättern der Buchseiten und von ferne leise Musik aus einem anderen Zimmer. Sie legte ihre Hand auf die Puppe, die neben ihr lag, und spielte mit den Zöpfen. Das Bett war weicher, als sie es von zu Hause gewohnt war und die Matratze hing in der Mitte durch. Nach einer Weile hörte sie die Großmutter zu ihrem Bett kommen. . „Na, Du kannst wohl nicht einschlafen. Willst Du ein bißchen Zuckerwasser trinken? Das habe ich meinen Kindern früher immer gegeben.“ Ingrid nickte. Die Großmutter machte ihr das Zuckerwasser zurecht und setzte sich auf die Bettkante. Sie hatte ihre Haare gelöst und zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr über das Nachthemd hingen und sie plötzlich wie eine Indianerin aussehen ließen. „Du hast aber lange Haare“ staunte Ingrid und nippte an dem Zuckerwasser. Und die Großmutter erzählte, daß ihr Mann sehr stolz auf ihr blondes Haar gewesen sei. Sie durfte aber nichts daran ändern. Vor der Hochzeitsfeier hatte sie es etwas „ondulieren“, also in Locken legen lassen und sich die Augenbrauen nachgezogen. Der Bräutigam war so empört über dieses „unnatürliche Aussehen“, daß die Locken und die Augenbrauenfarbe wieder entfernt werden mußten.

 

Nachdem die Großmutter ihr noch einmal gute Nacht gewünscht hatte, rollte sich Ingrid zur Seite, und mit dem Zuckergeschmack im Mund glitt sie langsam in den Schlaf.

 

 

In den nächsten Tagen erkundete Ingrid das Gelände des Altenheims, besuchte täglich die Bewohner in ihren Zimmern, die sich schon auf ihr Kommen freuten und ihr oft eine kleine Süßigkeit zusteckten. Sie spielte mit dem Sohn des Hausmeisters und schaute der Großmutter beim Mangeln zu. Nach zwei Wochen hielt die Großmutter aufgeregt ein Telegramm in der Hand. „Stell Dir vor, Ingridchen, die Eltern sind gut in Frankfurt angekommen. Wenn sie eine Wohnung haben, dann darfst Du hinfahren.“ Und Ingrid freute sich auf das nächste Abenteuer, ihre Eltern und Schwester und das neue Zuhause.

 

 

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1. Februar 2021: Christine Zickmann – "Der Fuchs und die Maus" – Gedicht mit Zeichnungen

aus „Die Spinne Schlackerbein und ihre Freunde“ – Ein Heft mit Kindergedichten zum Lesen und Malen für kleine und für große Leute. 

 

 

 

Das Heft ist online bei Hugendubel und Amazon erhältlich. Hier ist ein Link mit mehr Information:

https://www.elbaol-verlag-hamburg.de/verlagsprogramm/edition-lyrik/

 

 

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25. Januar 2021: Günter Wirtz, "Wie da plötzlich Onkel Einar im Zimmer stand"

 

Das war so.

Unsere Eltern, ihr kennt das schon, entschlossen sich spätnachmittags, um acht wegzugehen.

- Wir gehen zu Freunden, ins Kino, eben mal in die Linde oder in die Eckkneipe. Ihr dürft zusammen einschlafen, in einem Zimmer, der eine auf der Matratze, der andere in seinem Bett.

- Vergesst nicht, beim Rübertragen meine Kuscheltiere mitzunehmen!

- Und streitet euch nicht, sei lieb zu deinem kleinen Bruder. Wann wir zurückkommen? So gegen halb elf; macht euch keine Sorgen und lasst das Telefon ruhig klingeln.

 

Weg sind sie. Haben den Mantel übergeworfen, die Tür zugeschlagen und vorsorglich im Wohnzimmer und im Flur das Licht brennen lassen.

Alleine. Gut, mit dem kleinen Bruder; aber was kann der einem schon helfen, wenn ein Fremder kommt, ausgeliefert ist man.

- Du, Malte, ich geh' noch mal was trinken, im Badezimmer. Willst du auch noch etwas?

Natürlich will er einen Zahnputzbecher voll Wasser. Ich lasse im Bad auch besser das Licht an, soviel Licht wird sicherlich abschrecken, diesen Fremden, den man nie gesehen hat, aber den man sich so gut vorstellen kann, nicht ganz so brutal wie die Typen, die den kleinen Kästnermann entführten, eher so wie Onkel Einar. Ein Onkel, das Bekannte, das man sich so gut ausmalen kann, aber doch etwas Gesichtsloses, versteckt in einer Kleidung, die nicht die von Papa ist, eben so gekleidet wie Onkel Einar durchs Dorf läuft.

- Jetzt sei ruhig, ich will schlafen, morgen ist Schule, da muss ich früh aufstehen.

Aber zum Glück ist der kleine Bruder wirklich müde, hat noch keine Phantasie sich auszumalen, ohne Eltern im Haus einzuschlafen, rekelt sich selig mit seinen Stofftieren und hat mich bald alleingelassen  mit meinen Onkel Einars.

 

Es ist so still. Wo brennt überall Licht? Im Bad, im Flur, im Wohnzimmer. Noch in die Küche gehen? Die Neonlampe, die schreckt sicher ab, lässt ihn nicht auf den Gedanken kommen reinzukommen.

Also noch mal aufstehen, in die Küche gehen, auf die Küchenuhr schauen, fünf nach halb neun, wieder unter die Decke krabbeln, da klingelt das Telefon, einmal, zweimal, dreimal, will das denn gar nicht aufhören.

Ich gehe einfach ran. Wenn nämlich Onkel Einar vom anderen Ende der Stadt anruft, um sich zu überzeugen, dass keiner zu Hause ist, um dann ruhiger einsteigen zu können… Was hatten die Eltern nach den Sommerferien erzählt, die rufen an, die gucken in die Mülltonne, in den Briefkasten, ob sich alte Reklame stapelt, erkunden abends, ob Licht brennt, und dann kommen sie.

- Hier ist die Anne, ach du, Großmutti, die sind weg; ich weiß nicht, ja, der schläft schon lange, ich auch bald, tschüss!

Wieder allein. Unter die Decke gekrabbelt, mit den Stofftieren geschmust, ihnen den kleinen Kummer mitgeteilt, dass der Schlaf nicht kommen will; Sandmännchen, komm endlich, ich zähl dich aus ... 46, 47, 48, was ist das für ein Geräusch, eins, das ich nicht kenne, ein Klopfen, nein, ein Scharren, ein Schlurfen, Mama, Papa, warum musstet ihr gerade heute Abend weggehen? Wusstet ihr nicht, dass Onkel Einar kommen wollte? Was mach' ich nur? Unter die Decke kriechen, tiefer, noch tiefer. Wenn er mich doch nur übersieht, hier unten, auf meiner Matratze. Hat da eine Tür geschlagen? Welche Tür war es? Die Haustür, die Etagentür, die Wohnzimmertür, diese Tür? Nicht mehr auftauchen wollen. Die Bundfaltenhose, die schwarzen Lackschuhe, das Jackett, an den Ärmeln etwas abgewetzt, den olivgrünen Pullover darunter, dann das Gesicht ... Onkel Einar, die gehetzten Augen, die steile Nase, den Mund leicht geöffnet, was will er sagen, leise. gefährlich, bedrohlich. Mich mitnehmen? Warum denn? Wir sind nicht berühmt, haben keine geheimen Pläne zu Hause, nicht soviel Geld. Warum schaut er sich um? Was sucht er? Auch meinen kleinen Bruder nicht, der ist doch so lieb, so unschuldig, verziehen all die Hänseleien, die Streitereien; nein, hier gibt's nichts Außergewöhnliches. Sie können wieder gehen, raus aus dem Haus, aus der Straße, der Stadt.

Und, als hätte er meine Gedanken gespürt, meinen Verzweiflungsschrei, tief aus dem Innersten, aus den Decken und Kopfkissen. Er verließ das Zimmer, wortlos, leise, ging raus aus dem Haus. Ich hatte ihn weggeschickt; er hatte mich erhört, nein gehört, er schlich sich hinaus.

Ob er vorhat wiederzukommen?

Für heute war er weg.

Noch einmal zur Toilette, um danach ruhig einschlafen zu können. Gut, ich stieg zu meinem Brüderchen ins Bett. Da war es wärmer und wohliger, auch wenn er mich mit seinen spitzen Knochen unwillig in die Seite stieß.

Manchmal können die Eltern meinetwegen weggehen, wann, weiß ich jetzt nicht genau, bin zu müde dazu, aber nicht immer, wenn sie wollen; manchmal müssen sie zu Hause bleiben, ist beruhigend, dann kommen keine Onkel Einars.

 

 

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18. Januar 2021: Dieter Weiß, "Begegnung mit Peter"

 

Ein imposantes Gebäude. Acht Meter hohe neokorinthische Säulen, still, würdig, offen. Auf einem Notenständer findet sich ein Hinweis auf die Veranstaltung, die ich besuchen will. Erster Stock rechts, bitte Ruhe.

Eine Marmortreppe, ein Flur, eine offene Tür. Ich höre seine ruhige Stimme. Er sitzt an einem Tisch mit dem Rücken zu einem der 4 m hohen Fenster, rechtwinklig zu ihm eine junge Frau vor dem Laptop. Einige Sessel und Couches sind im Raum verteilt. Ein Mann sitzt bequem in einem der Sessel und hört zu. Ich setze mich leise in einen der Sessel, so dass ich die beiden handelnden Personen gut sehen kann. Sie nehmen mich nur ganz knapp wahr und fahren unbeirrt fort.

 

Eine ungemein beruhigende Atmosphäre. Ein live-Hörbuch in Zeitlupe und mit gesprochenen Satzzeichen. Die Schreiberin schreibt gleichmäßig, benutzt aber nicht alle zehn Finger. Sie sieht sympathisch aus, fragt nur ganz selten und leise etwas nach.

 

„fünfzig?“  - „Nein, schreiben Sie fuffzich, wie ich es gesagt habe“. 

Sie hat eine Art Pagenfrisur und ein ganz ebenmäßiges Gesicht. Grauer Pulli, rote Sandalen. 

 

Der andere Zuhörer ist inzwischen gegangen.

 

Peter erzählt von Lollar, von Buderus, der Kanonenbahn, den ersten Gastarbeitern, die damals noch Fremdarbeiter hießen.

 

Als das Kapitel beendet ist, gönnt er der Schreiberin eine Pause. Die nutzt er, um in demselben ruhigen Tonfall, mit dem er gelesen hat, eine Inhaltsangabe des Kapitels, das sie nun erwartet, auswendig zu erzählen. Auch wieder präzise, druckreife Prosa.

 

Der Text, den er liest, soll als Buch erscheinen. Er ist schon mit Schreibmaschine geschrieben, aber mit so vielen Streichungen, Korrekturen und für andere kaum lesbaren handschriftlichen Zusätzen versehen, dass der Verlag sich außerstande sah, diesen mit vertretbarem Aufwand umzusetzen. Daraus entstand die Idee, über den Rundfunk Freiwillige zu suchen, die unentgeltlich stundenweise den Text nach Diktat des Autors eintippen. Es fanden sich genügend Interessentinnen, die Termine wurden bekanntgegeben, und die Öffentlichkeit zum kostenlosen Zuhören eingeladen. 

Dann beginnt das nächste Kapitel. Meine Parkzeit läuft bis 13.25 und ich will sie auch voll ausnutzen. 

 

Das Kapitel wird nicht fertig, denn der Autor beschließt, Mittagspause zu machen. Dann spricht er mich an und fragt, was mich dazu bringt, ihm über zwei Stunden zuzuhören. Ich erkläre ihm, dass er im Grunde meine eigene Kindheit und Jugend erzählt, denn ich bin im selben Jahr geboren wie er, mit meiner Mutter aus der Wohnung vertrieben worden und auf einem kleinen Dorf aufgewachsen. „Mein Dorf“ ist von seinem nur 40 Kilometer entfernt, und die Mundart-Ausdrücke, die er in seinen Text einfließen lässt, sind mir geläufig.

Leider ist Peter Kurzeck drei Jahre nach unserer Begegnung gestorben. Vielleicht wäre es nicht die letzte gewesen.

 

 

 

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