KuKuK-Textwerkstatt 2020

 


 

21. Dezember 2020: Ines Scheurmann

 

 

Katers Weihnachtslied

Von Cherry Scheurmann

 

Morgen, Kinder, wird´s was geben,

morgen werde ich mich freu´n!

Ach, mein Weihnachtsbaum wird beben

und wird seine Nadeln streu´n!

Einmal werde ich noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag!

 

Ich will an den Ästen schwingen, 

Kugeln schmeißen, Zipp und Zapp!

Ich will Katerlieder singen 

und ich reiß´ die Kerzen ab!

Einmal werde ich noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag!

 

Weihnachtsbäume sind für Katzen,

Weihnacht ist das größte Fest!

Meine Leute werden platzen!

Ich bin Tarzan im Geäst!

Einmal werde ich noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag!

 

Danach will ich köstlich speisen,

Gänsebraten, extra fein!

Und ich will die Weihnacht preisen -

hochzufrieden schlaf´ ich ein.

Einmal werde ich noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag!

 

(Menschen dürfen mitsingen! Ines Scheurmann)

 

 

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14. Dezember 2020: Ulrich Hain, "Selfie"

Ferien – das war einmal?

 

Eine Reise wird so recht Ereignis

durch vieler Fotos klares Zeugnis:

Hundertmal mein altbekanntes Mondgesicht!

Es verschwimmt der Rest im Gegenlicht:

doch überall, da war ich wirklich da,

ob Rom, Paris, Ha Long, Amerika.

Zum Beispiel, neben meinem linken Ohr

schaut das Eiffeltürmchen kühn hervor

und aus der geilen Hochfrisur

steigt die ferne skyline Singapur!

Rechts der Schulter zu viel Landschaft,

das verwirrt nur die Verwandtschaft.

Auch das Nordkap bringt nicht viel

ohne Hüftschwung im Profil.

Doch des Plumpsklos rundes Tor

hebt mein Gesicht so recht hervor,

Kontrast durch dunklen Heilgenschein,

und trägt mir viel Beachtung ein.

So erhöht sich unbeschwert

Mein Wiedererkennungswert.

Freut euch nun an meinem Mondgesicht,

denn was schief ging, sieht man nicht.

Andere? Die hatten gar kein Glück!

Ich stand im Blickfeld mit dem selfie-stick

als erster einer Warteschlange

mit viel Zeit, nur keine Bange,

und sicherte mir Fotoschuss auf Schuss.

Schluss!

 

am Salar de Uyuni, Februar 2018

 

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7. Dezember 2020: Ingrid „Wortreich“-Wild, "Panoptikum der Namen II" – Textcollage

 

Abteilung für Essbestecke

Mitarb.

       David Messer

       Harry Gabel

       Marcel Löffel

 

Abteilung für Modeberatung

Elke Schick

Katrin Figursky

 

Fachgeschäft für Akustik und Hörgeräte

Ellen Taub

Ralph Lauscher

 

Fachgeschäft für Gewürze

Inh. Bianca Ingwersen-Würz

       Susanne Muskat

       Armin Pfeffer

 

Gebrauchtwagen GmbH

Inh. Ingo Rost-Lauber

 

Hochzeitsmesse

Organisation

Niko Bräutigam

 

Antiquitätenmesse

Organisation :

Robert Uhrig

 

Anlageberatung der Sparkasse

Dirk Nothnagel-Altgeld

Victoria Zinßmeister-Habenicht

 

Kostümatelier

Jennifer Perucki

 

Juristische Abteilung

Dr. jur. Holger Nimmerrichter

Stephan Syndikus

 

Städtisches Amt für Straßenreinigung und Müllentsorgung

Timo Unrath

Christoph Feger

 

Praxis für Krankengymnastik

Katja Streckbein

Marcus Breitkreuz

 

Praxis für Hautkrankheiten

Dr. med. Jens Agne

Dr. med. Peter Pickel

 

Entbindungsstation

Leitung :

Dr. med. Anja Geburtig

 

Institut für Leib und Seele

Yogalehrerin Emma Dehn-Strecker

Entspannungstrainerin Elvira Sonnenschein

 

Standesamt

Leitung :

Daniel Ehe

Jörg Wünschmann

 

Praxis für Logopädie

Logopädin Verena Haspel-Wortmann

 

Wettbewerb der Männerballettgruppen

Moderation :

Martin Ziehaus

Emilio Tanzariello

 

Jahreshauptversammlung des Kaninchenzuchtvereins e. V.

1. Vorsitzender : Eduard Rammler

2. Vorsitzender : Herbert Haase

 

Vortrag über den Berliner Dialekt

Armin Steppke

Michael Mannewitz

 

Vortrag über die Situation der Automobilindustrie

Egon Karrenbauer

 

Vortrag zur Situation der Polizei im 21. Jahrhundert

Edgar Fangmann-Held

Dirk Hellhund

Stefan Scharf-Schütz

 

Vortrag über die Ferieninsel Mallorca

Irene Baller-Mann

 

Vortrag über Behandlungsmöglichkeiten bei See- und Reisekrankheit

Michael Würges

Simone Kotzer-Speier 

 

Vortrag über die Behandlung von Suchtkrankheiten

Dipl.-Psych. Margitta Suffel-Rausch

Dr. med. Gerd Schädlich

 

Vortrag über Aufmerksamkeitsstörungen im Kindesalter

Anja Schnappauf

Sabine Lauscher

 

Vortrag über Atemwegserkrankungen

Dr. med. Sabine Schnaufer

 

Seminar zum Thema Stimmbildung

Gerald Krischer

Bianca Schweiger-Stumme

Tatjana Schreier

 

Vortrag zum Thema „Rücksichtnahme im Alltag“

Lutz Rempel-Unfried

Eleonora Koller-Faust

 

Vortrag über Jugendkriminalität

Jakob Frevel

Uwe Gewalt-Frech

Ingo Faust-Schlag

 

Vortrag zum Thema „Umgang mit dem Tod des Ehepartners“

Malte Wittwer

 

Vortrag über Bewegungseinschränkungen im Alter

Sylvia Mühsam

Kai-Uwe Morsch

 

Vortrag zur Situation junger Männer in unserer Gesellschaft

Yvonne Jüngling-Bruder

Marco Söhnchen-Frech

Ronny Prinz-Herrnkind

 

Vortrag über die Situation in deutschen Gefängnissen

Andreas Schloß

Hartmut Riegel

 

Sendung über die Rolle des Humors im deutschen Fernsehprogramm

Leitung :

Oliver Jux

Martin Toller

 

Vortrag über die Situation von Patchworkfamilien

Referent :

Simon Stiefvater

 

Vortrag über Depressionen

Dipl.-Psychologin Elma Grübl

Dr. med. Hilmar Drangsal

 

Vortrag über die Auswirkung von Aggression

Dipl.-Psych. Julian Grollimund

Dipl.-Päd. Elvira Haßfurter-Zorn

 

Vortrag über die heutige Jugendsprache

Dr. phil. Simone Folli-Crass

 

Philosophisches Seminar über den Wahrheitsbegriff

Prof. Dr. phil. Hans-Peter Heuchele

Dr. phil. Gesine Schön-Ferber

 

Bericht über die Statistik von Eigentumsdelikten

Jens Uwe Klauer

Markus Brech-Stange

 

Vortrag zur Überaktivität im Kindesalter

Dipl.-Sozialpädagogin Almut Wilde-Hummel

 

Vortrag zum Thema „Leben nach dem Tod“

Pfarrer Ewald Himmelreich-Engel

Dr. theol. Andreas Höller-Teufel

 

Vortrag über die Bedeutung des Körperkontaktes Zwischen Eltern und Kindern

Dipl.-Psych. Lisa Kuschel

Dipl.-Päd. Michaela Kuss

 

Vornamen, Namen, Berufe und Branchen existieren tatsächlich, aber nicht in dieser Kombination

 

Ingrid Wortmann-Wilk

 

 

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30. November 2020: Dieter Weiß, "Die Grinder"

 

Was soll denn das heißen?

 

Das habe ich mich auch gefragt, als ich es schwarz auf weiß gelesen habe.

 

Vielleicht die Gründer oder die Rinder?

 

Nein, ganz anders.

 

Ich habe mir ein neues Gerät für meine Hobbywerkstatt gekauft.

 

Aber das wird dich wahrscheinlich gar nicht interessieren, zumal ich gar nicht über dieses Gerät schreiben werde.

 

Deshalb hörst du am besten hier mit dem Lesen auf und machst was Sinnvolles.

 

Du darfst natürlich weiter lesen, wenn du möchtest.

 

Ich habe einfach aufgeschrieben, was mir so durch den Kopf gegangen ist. Und so gesehen ist das eigentlich auch nur für mich. Deshalb möchte ich dir auch gleich sagen: Du kannst zwar Kritik äußern, aber die geht ins Leere.

 

Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, Die Grinder.

Ich habe also mein neues Gerät ausgepackt, den Stecker in die Steckdose gesteckt – ach ja, da fällt mir eine Geschichte aus Griechenland (genauer gesagt aus Loutraki am Golf von Korinth) ein, aber wenn ich die jetzt erzähle, verzettele ich mich total. Schade, ist wirklich eine nette Geschichte.

 

Also Stecker in die Steckdose, eingeschaltet, läuft, prima!

 

Gut, dass meine Frau nicht dabei ist. Die sagt immer, ich soll erstmal die Bedienungsanleitung lesen. Brauch ich nicht. Weiß doch, wie’s geht.

 

Aber angucken kann ich sie ja mal, die Bedienungsanleitung.

 

Und da steht es: Die Grinder

 

Und weiter: Premi brusilnik, Mprhës i sheshtë, Прав шлайф und noch 6 weitere.

 

Du hast es natürlich gleich gemerkt. Im Zuge der Globalisierung bekomme ich die Anleitung gleich in 10 europäischen Sprachen geliefert, allerdings nicht auf Deutsch.

 

Jetzt sehe ich auch, dass die Länderkennzeichen davor stehen: GB SI AL BG

 

 

Na, wenigstens ist Englisch dabei. Aber ich kann‘s ja auch ohne Bedienungsanleitung (wenn meine Frau nicht dabei ist).

 


23. November 2020: Horst Wolcke, Prosa

 

                        Dem  Versmaß  sich  zu  beugen

                        -  des  Dichters  Disziplin  -

                        nicht  jeder  mag  so  zeigen

                        wohin  Gedanken  zieh´n .

 

                        Geformt  aus  freien  Stücken

                        das  ist  der  Prosa  Wert

                        so  frei  von  Reimes-Tücken

                        vom  Takt  der  Verse  unbeschwert

 

                        zeigt  wortreich  sie  auf  feine  Weise

                        und  malt  ein  Bild  von Leid und Glück

                        erzählt  von  Traum  und  Traumesreise

                        einmal  zum  Mond  -  hin- und  zurück

 

 

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16. November 2020: Johannes Eucker, "Das göttliche Kunstwerkaus Zauber der Erinnerung

 

Von wem sollte das kostbare Werk mit den bisher nie gesehenen Farben denn sein, wenn nicht von IHM? Es war während des ersten Weltkrieges. Ich fand es auf der Kante des nicht abgeräumten Küchentisches liegend. Es war so groß wie unsere Schulhefte damals, DIN A 5 also. Mutter war früh morgens, nicht viel später als Vater, aus dem Haus gegangen, meine Schwester war im Kindergarten und ich kam aus der Schule nach Hause. Möglicherweise war ich im ersten Schuljahr. Die Oberfläche des Bildes glänzte matt ebenso der verschnörkelte silberfarbene Rahmen. Aber was war das für ein Bild!

 

So etwas hatte ich noch nie gesehen, es schillerte in allen Regenbogenfarben und wenn man auf die weiche Fläche drückte, bewegten sich die Farbstreifen und – flächen unter dem Finger ein wenig. Das Bild zeigte keine erkennbaren Gegenstände. So hatte ich mir immer den Himmel ausgemalt, unvorstellbar und doch unendlich prächtig. Aber was war zu erkennen? Nicht ein einziges der Dinge, die meinen Alltag bevölkerten, weder Mensch noch Tier noch Pflanze, stattdessen eine unendliche Weite, wie der Himmel und doch nicht so klar und deutlich, eher leer, aber doch  voller Farben, voller abstrakter Pracht. In Worte hätte ich dieses Erlebnis nicht fassen können.

 

Ich traute mich nicht, diese Kostbarkeit vom Tisch zu nehmen oder mir gar anzueignen, obwohl mir eigentlich der Sinn danach stand. Aber wenn das Bild wirklich eine Gabe von dem war, der ja alle Wunder dieser Welt übertreffen kann, dann verbot sich natürlich total jeder Versuch einer unberechtigten Aneignung. Vielleicht gehörte es aber meiner Schwester und sie hatte es aus dem kirchlichen Kindergarten mitgebracht? Auch dieser Gedanke führte in göttliche Nähe.

 

Wie ernüchternd oder doch auch wieder wie ein Wunder war das Bild später verschwunden. Keiner außer mir schien es gesehen zu haben, denn keiner erwähnte es mit einem Wort, ich auch nicht. Also, so schloss ich, war es speziell für mich gemacht gewesen und auch nur mir gezeigt worden, vielleicht um mich aufzumuntern und mich zu stärken im Glauben daran, dass es mehr gibt als wir sonst in unserem Alltag zu sehen und zu hören bekommen.

 

Ob dieses Urerlebnis eines abstrakten Bildes meine spätere Neigung zu abstrakter Kunst verstärkt oder überhaupt erst möglich  gemacht hat, vermag ich nicht zu sagen. Es hat mich aber auch nicht daran gehindert den Mythos vom begnadeten Künstler zu hinterfragen, wie man das später mal formulierte und die Wundergeschichten in der Bibel als das zu sehen was sie sind, eine wunderbare Textsorte.

 

 

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9. November 2020: Ulrich Hain, "Musi-Covid 2020" 

Aus dem Dodekamerone (griech. dodeka = zwölf)

Maßnehmen

Soweit die Tabakdüfte streichen

tun auch die Aerosole reichen. 

(Althess. Bauernregel)

 

 

Man sollte es nicht für möglich halten, dass im 21. Jahrhundert sogar Zentraleuropa von einem Virus heimgesucht wurde, der prinzipiell nur in Übersee oder noch weiter weg etwas zu suchen hätte. Der Virus zeigte sich aber robust und fruchtbar und er trat - gegen den energischen Einspruch vieler neudemokratischer Staatsführer, ich nenne nur den berüchtigten Dumpf, den Drecksack Ördu Khan oder den frommen Piss-Zwerg, man muss ja nicht alle aufzählen - trat über die Schwellen einiger Schwellenländer und verbreitete sich weltweit, ohne Rücksicht auf gehobene Bruttoinlandsprodukte. In vielen Städten und Dörfern und auch hier im trauten Schlammenbrück begab sich bald niemand mehr vor die Tür, man durfte ja nicht. Amtliche Schwellenangst. Der in Ostasien übliche Hygienelatz wurde bald weltweit als geschlechtsneutrale Kussbremse eingeführt. Von Dr. med. Schulz, unserem Schulzi, wussten wir, dass ein Corona-Tod entschieden qualvoll sein würde. - Oder aber! Oder aber es verfügten sich manche mit ihren Hobbys in abgelegene Gemäuer, Schlösser oder sonstige klösterliche Stätten wie einstmals in Zeiten der Pest. Vorausschauend und noch gänzlich symptomfrei und virensicher, selbstverständlich. Aber was ist schon „sicher“? Wie der wissenschaftlich Gebildete weiß: Letzte Wahrheiten gibt es eh nicht, nicht mal in der Theologie. Jedenfalls Abgrenzung von den Vielen und Rückzug bevor die Regierungen Zeit hatten, das Entweichen generell, und speziell auch kleinere Zusammenrottungen, zu verbieten. 

 

Beides, Entweichen sowie elitäre Abschottung, trat rechtzeitig und noch völlig legal die Freundesgruppe von Meini an, d. i. Meinhard. Gänzlich unverarmt hatten sie alle eine gewisse Eigenwilligkeit bewahrt sowie dank Musik ihre Konzentrationsfähigkeit geschult bis ins gesetzte Alter. Sie kannten sich alle, e i n Jahrgang, aus dem Hölderlingymnasium zu Schlammenbrück. Mit ihrem Abi ging seinerzeit das Schulorchester beinahe pleite: Irmgard, Mégumi, Gudrun, Gotti, Gusti, Meini und Außenseiter Bernd, Pianist von der benachbarten IGS, den Irmgard einst angeschleppt hatte. Meini trommelte sie geduldig zusammen, und sie verfügten sich mit Instrumenten, dem gehorteten Klopapier und etwas Bettzeug in den geschlossenen Landgasthof Waldschlösschen von Totenleben. Oder war es Wasserlosen? Das Waldschlösschen war dank Streit in der Erbengemeinschaft für Stadtflucht oder ähnliches bereitstehend, wie gerufen. Die Räume noch in passablem Zustand. Dort hatte Meini seine fantastische Notensammlung deponiert, nebst ausreichend Weißkohl, Mairübchen, Kartoffeln, Mehl, Notenständern, Alkoholika, eine Rauchspeckseite (natürlich aus Menschenwohl-Produktion), Trockenei, Bratenfett, Brot in Dosen und so weiter als Grundstock - weitere Mitbringsel willkommen. Auch ein Oktaneviral-Sprayer am Eingang fehlte nicht. Perfekt, dieser Meini. Und im ehemaligen fein-bürgerlichen Speiseraum, erster Stock, stand ein noch benutzbarer Stutzflügel. Alles vorhanden für eine produktive Quarantäne in unserem Sinn, ohne dass etwa lästige Kunstwerke anfielen, die dann keiner hinhängen, aufstellen oder gar kaufen will - wie das bei vergleichbaren Vorhaben gern der Fall ist. 

 

Erster Abend: „Bizarr“ 

Nach den ersten einsamen Stunden musik- und lektüregestützter Innerlichkeit im Oberstock war endlich die Dunkelheit eingefallen. Dichte Wolken verdeckten den sonst so gut sichtbaren Sonnenuntergang. Meini, Bratschist, hatte im Halbdunkel des Speiseraumes bereits das Los auf Irmgard, Flöte, und Bernd, Klavier, fallen lassen, damit letzterer eine Chance hatte, sich nach längerer Zeit einmal wieder vorzustellen. Während der Wind Schauern von Regentropfen geräuschvoll gegen das Westfenster schleuderte, kam Irmgard aus ihrer Distanzecke hervor Richtung Flügel und brachte eine Sonate h-Moll von G. Ph. Telemann in Stellung. „Ach nein, Telemann“, stöhnte Gotti, Zweite Violine, von der Treppe aus, wo er sich niedergelassen hatte, „muss das denn sein?!“ „Unsere Lage ist so bizarr wie die Zickensprünge in den beiden langsamen Sätzen“, hielt Irmgard dagegen. „Telemann und bizarr! Ihr tickt ja wohl nicht richtig?“ fragte Gusti, Oboe, zurück. Er hieß zwar Alfred Karl-Gustav, zog es aber vor, nur Gusti genannt zu werden. Von Mégumi, Erste Violine, kam es gedämpft unter der Sitzbank hervor: „Dann lasst doch wenigstens Gudrun am Cello mitmachen, das wäre doch weniger öde!“ „Öde wird es keinesfalls“, schnob Irmgard, „aber Dein Vorschlag liegt nicht ‚daneben‘. Frag Gudrun doch!“ „Moment“, warf Gudrun aus dem Vertiko mit der Gläserkollektion schnell ein, „meine Finger sind vom vielen Händewaschen noch ganz ribbelig.“ „Außerdem“, so Gusti „halten wir doch bewusst Abstand, und mehr als zwei…, wenn sich’s vermeiden lässt…, ich weiß nicht. - Und warum sagt Bernd nichts? Continuo ist doch sicher nicht alles was du drauf hast, Bernd!“ Bernd hatte bereits am Drehstuhl gedreht und richtete sich auf: „Gut, dass du das sagst. In der Tat, ich hatte mit Megumi die Frühlingssonate letzte Woche schon mal angespielt. Damit wollten wir uns zeigen. Öhm, damit wollte ich mich bei euch wieder ein bisschen ins Licht setzen. Aber Meini ist oben bei Megumi in den offenen Geigenkasten getreten und die Geige ist hin. Deshalb habe ich sie im Moment nicht fragen trauen. - - Meini? Meini?“ Erst jetzt fiel auf, dass Meini, der ja ziemlich alles organisierte und gewissermaßen als Hausherr fungierte, sich in keinem der Winkel niedergelassen hatte oder sonst zu entdecken war. - Man hätte ja schon einmal richtig Licht machen können! - Megumi zuckte zusammen und war blass geworden wie ein Vollmond im Nebel. Abrupt richtete sie sich auf und stemmte dabei die Sitzbank um: „Den schlag ich tot“. Meini war ein Hundertprozentiger, bis in die Rechtschreibung hinein, immer hohe Punktzahlen in praktisch allen Fächern. Da konnten sie sich leicht ausrechnen, dass er nach den Präliminarien vorhin gleich wieder deprimiert in sein Zimmer geschlichen war und sich nicht herunter wagte. Abgesehen davon, was hatte der überhaupt in Megumis Zimmer gesucht? Meini und Megumi – in dem Alter noch? 

Jedenfalls kam der Telemann, nach einem gruppendynamischen Kraftakt versteht sich, kurz vor dem allgemeinen Aufbruch Richtung Betten zum Einsatz. „Virtuos aber dürftig, der letzte Satz“, ließ Gotti verlauten, bevor er seinen Bauch in sein Zimmer schob.

 

Zweiter Abend: „Gisela 1“

Megumi machte sich erst einmal an ihr Laptop und bemühte sich vorsichtshalber um den Aufbau einer Audio-Video-Konferenzschaltung – auf alle Fälle und, wie sich zeigte, zum Glück! Denn es meldete sich ganz unerwartet die schöne Gisela, Sopran. Sie wollte plötzlich nachkommen. Sie hielte es allein nicht mehr aus. Wie man wusste, hatte sie die Angewohnheit, mit dem Wellensittich und ihrem Kater Guntram zu sprechen. Und jetzt fingen laut Gisela beide an mitzureden! Das schien ihr bedenklich und Außenkontakte nötig zu machen. Dazu hielt sie die Gruppe für geeignet, obwohl ihr bekannt war, dass Meini und Gotti von Singstimmen in hoher Lage Kopfschmerzen bekamen. 

 

Am Abend nach dem Imbiss wurde als erstes, und zwar fünf zu eins für Gisela gestimmt, vorausgesetzt sie brächte Megumi die gute Stainer (falls der Geigenzettel echt war) mit, die sie im Konservatorium weggeschlossen hatte. Natürlich erst, wenn sie von unserem Schulzi negativ getestet worden wäre, was inzwischen ratsam schien. Schulzi, eigenartig, Mediziner und „Doktor gar“ und kein faible für Klassik; für ihn fing Musik erst mit Take Five an. 

 

Meini war gestern Abend doch noch zur Gruppe gestoßen und hatte sich einen sicheren Platz hinter der Tür zum Treppenhaus verschafft, aber gerade vorhin mit seiner Gegenstimme betreffs Gisela die emotionale Eintrübung von gestern leider nicht ausgeräumt. Deshalb kam die rechte Spiel- und Zuhörfreude nicht mehr auf, obwohl die abendliche Zusammenkunft Erlösung versprach von der Isolation auf den Zimmern. Ein unter „Einspielen“ firmierendes halbherziges Angebot mit einem Haydn-Trio prima vista  – Gotti, Meini, Gudrun - lehnte man ab. Wenn schon, dann richtig! Lieber morgen Abend das vorbereitete Haydn-Quartett aus op. 17. Stattdessen ein Ausflug mit Besichtigung des inzwischen befriedigend ausgestatteten Weinkellers. Geselliges Beisammensein mit Verkostung und viel erleichtertem Gelächter. Open End. 

 

Dritter Abend: „Gisela 2“

Nachdem in der Dämmerung alle von ihren so genannten Exerzitien oder ihrem Kater aus den Zimmern herabgekommen bzw. von zu Hause verspätet eingetroffen waren, nämlich Gisela, und sich jeder in seine oder ihre Ecke im Raum verfügt hatte, sieben Ecken (?!), machte Irmgard auf die rötlich übertönte Atmosphäre aufmerksam; die Abendsonne schien durch einen Spalt in der Wolkenwand herein und warf die Sprossenstruktur des großen Fensters an die gegenüberliegende Wand. Ein Kamin, das wäre jetzt Spitze. Mit einem Glas Rotwein?

 

Aber die Kästen standen bereit. Ehe das Quartett jedoch die Instrumente auch nur ausgraben konnte, bremste Gisela die Situation aus. Sie wollte unbedingt erst einmal von ihrem blöden Sittich und Guntram, dem Scheiß-Kater, berichten. Wie sie bisher zu dritt in der Verbannung auf ihre Etage so innig zurechtkamen! Das heißt, ganz zu Anfang. Vor einer Woche. Gotti stöhnte mehrfach leise vor sich hin; Irmgard verdrehte die Augen, was wegen der abgetauchten Sonne weniger auffiel; Gudrun dachte nur: „Gisela! Das musste kommen.“ Aber dann sprach Gisela, offenbar unter innerem Druck und gegen alle Absicht, von ihrer bitteren Enttäuschung. Da spitzte man nun doch die Ohren: Ihr Professor in Frankfurt hatte sie plötzlich mit dem Entschluss überrascht, zunächst einmal ganz bei seiner Familie bleiben zu wollen, strikt. Gisela hielt wie Megumi immer noch Kontakt zum Konservatorium, sporadisch, um das Niveau zu sichern oder wenn möglich noch anzuheben. Musik war in ihrem Alter ja das einzige, was nicht per se abbaute und noch mehr oder weniger ausbaufähig blieb. Immerhin, hier schien irgendwo der wahre Grund von Schön-Giselas Drang zum Waldschlösschen verborgen zu liegen. Man hing den eigenen Gedanken noch einen Augenblick nach und wollte dann zum Konzert übergehen, Quartett Nr. 4, c-Moll. Aber Gisela fuhr mitten im Stimmen noch einmal hoch, sie müsse sich unbedingt ganz offiziell für ihr Zuspätkommen vor allen entschuldigen. Nur weil ihr Auto aufgebrochen wurde! Hier im Ort beraubt! Während sie am Ortseingang noch schnell „Stückchen to go“ als Überraschung kaufte. „Dein Navi?“ „Die Noten?“ „Nein, das Klopapier. Vom Rücksitz. Alles! Dreilagig.“    

 

Schließlich und endlich das ehrgeizige Quartett unter Wahrung der Sicherheitsabstände; eigentlich ja nicht nötig, aber bekanntlich schnaufte Gudrun am Cello im Forte reichlich heftig. Aerosole? – Ins Gemüt gehend, der Haydn, hoch differenziert, mehr beschwingt als bedrohliches Moll. Nur Bernd musste kurz an Robert Gernhardts Beschreibung der „fidelnden“ Bachfamilie denken. Verdienter wenn auch recht dünner Applaus aus drei Winkeln – was will man machen bei wieder einmal weniger Publikum als Künstler. Gusti kommentierte: „Es sind doch tatsächlich die c-Moll-Stücke, bei denen dem Komponisten etwas einfällt.“ Irmgard nickte beifällig, aber Gudrun sagte: „Das G-Dur-Quartett, das  aus op. 17 ebenfalls, wäre mir lieber gewesen. Und, bitte, wie war übrigens unser Spiel?“ Vom sturen Gusti bloß ein ziemlich herzloses: „Ich als Oboist sage: c-Moll, aber immer.“ Danach wurde es endlich gemütlicher.

 

Vierter Abend: „Magen“

Das Konklave im Waldschlösschen verlief bald in derselben Lahmheit und Zähigkeit des Zeitvergehens wie „draußen“, besonders die schier endlosen Stunden auf den Zimmern, wenn nicht geprobt wurde. Unterbrochen nur für die, die „Dienst“ hatten: Wie jeden Tag, mal die und mal die, wurde nämlich mittags warm gekocht, da sie alle noch aus einer Generation stammten, die bei besonderen Gelegenheiten lieber selbst kochte als sich auf die Gastronomie zu verlassen. Man versuchte sich am großen Herd. High Noon für Gisela, Bernd und Gotti heute. Sie machten es sich leicht. Von der riesigen geräucherten Bauchspeckseite war noch mehr als genug da, es mussten nur Zwiebeln und Knobi angebraten und der Weißkohl zerkleinert und mit den Kartoffeln geschmort werden und schon war das „Kraut, oberösterreichisch“ essbereit. Verzicht auf die Saure Sahne, umständehalber. Windbeutel aus der Tiefkühltruhe. Arbeitsanfall: Ein Klacks. Nur dass noch vor dem Essen der Pizzaservice klingelte, einen Tag zu früh. Meini war ziemlich aufgebracht, weil er die Lieferung im Voraus bezahlt hatte und einem Disput mit sprühenden Viren an der Haustür auswich. Das hieß also am Abend, nach dem reichlichen Kohl zu Mittag, noch ein spürbar drückender Pizzamagen. Weil die Bläser sich aber weigerten, ihre Künste einem dem Entschlummern geweihten Publikum anzubieten, akzeptierte man ohne groß zu mosern Bernds Solodebut am Klavier, Scarlatti, Schumann und als „Hammer“ Ignaz Moscheles. Das hieß: Die beiden anvisierten Mozartquartette, eins mit Flöte, eins mit Oboe, erst morgen oder übermorgen. 

 

Sechster Abend: „Fußball?“

Am fünften Abend kamen die beiden Quartette gut an, die Bläser wegen der Aerosole dann doch etwas abseits soweit das ging. Aber der Beifall! Wieder dünn, wie gehabt. Deshalb einhellige Meinung, der folgende Tag soll dem Nachdenken über diese unwürdige Situation gewidmet sein. Und am Abend schälte sich heraus, Megumi müsste im Netz nach Beifallssequenzen suchen, Quizsendungen, Talk-Shows, um damit den Analog-Applaus hier im Waldschlösschen dezent digital aufzufüllen künftig. Dieses Vorhaben wurde gebührend bejubelt und darüber vergessen, eine Vereinbarung für das Konzert heute, den sechsten Abend, zu treffen. Spontan sprang nun Gisela ein mit dem Vorschlag „Hugo Wolf“, zusammen mit Bernd natürlich: „Bernd, das ist doch machbar, oder?“ Gisela blickte Bernd an, die anderen aber sahen auf den empfindsamen Meini. Doch der wollte sich nicht nochmal unhöflich bis unsozial erweisen. Er senkte den Kopf und schwieg, schickte aber einen beschwörenden Blitz-Blick hinauf zu Gotti auf seinem Treppenplätzchen. Gotti wollte Meini schon aus eigenem Interesse gern unterstützen. Aber ihm fiel nichts ein. So konnte Irmgard einschieben, ablenkend: „Haben wir denn für den Zusatzapplaus anständige Lautsprecher hier?“ - - - - - „Oh, ah, oh, ah-propos Lautsprecher und Verstärker“, wie elektrisiert schrak Gusti aus seinen gedanklichen Abwegen hoch. „Ich hab‘ ne‘ Idee! Ich habe eine Idee. Es sollen doch Geisterspiele für die Erste und Zweite Liga kommen. Stellt euch doch nur solche Situationen vor. Lähmend. Dagegen ist doch unsere Situation ohne viel Applaus gerade mal nichts! Also, Megumi kann doch jetzt auch noch zusätzlich nach alten Fußballspielen suchen, und zwar solchen, wo kein Reporter, oder wie die heißen, dauernd dazwischen quakt. Etwa mit Huberty. Das reine Getöse und Gebrause rausschneiden. Und wir vermarkten das als Sound-Kulisse für die leeren Stadien, für die Spieler, für die Fans am Fernseher.“ „Klasse“, sagte Gudrun vom Klavierhocker aus, den sie sich diesmal unter den Nagel gerissen hatte. „Du bist ein Genie, Gusti. Wusste ich noch gar nicht. Der DFB ist ja immer theatralisch drauf, aber mir kann niemand sagen, dass die keine Knete locker machen, wenn sie die Spiele aufmotzen wollen. Einfach klasse die Idee!“ Nach diesem Geniestreich – nix Musik mehr für heute. Es ging nur noch um das lästige Sondieren. Hat wer Kontakte? Wer hat welche Kontakte – Megumis Münchener Ehemann Ludwig? Wie groß wird der Aufwand sein und wie umständlich und störend und was machen wir, wenn das klappt?   

  •  •  •

Schade, dass das Grüppchen wegen des Kontaktverbots von keinem Privatsender und auch nicht vom zuständigen Dritten Programm für eine Art Quarantäne-Doku besucht wurde. Es fehlten halt zwei knackige Teens oder Twens, oder drei. Aber so blieb eben Muße, um neben den Konzerten bei Gelegenheit, nach der Musik etwa, sich in entspannter Runde auszumalen, was inzwischen wohl die ausgegrenzten jeweiligen besseren Hälften bzw. Lebensgefährten bzw. Lebenspartner bzw. -innen so treiben mochten. Phantasien kamen auf. Aber ehe diese ins Unerquickliche abgleiten konnten, stieß Gotti als (manchmal leider negativer) „Geist der Gruppe“ allmählich doch zum Hauptproblem fürsorglichen Gedenkens vor, zu den Ausgegrenzten: „Ob die noch gesund und virusfrei rumlaufen?“ Megumi: „Bisher ist noch nichts reingekommen. Also alles im grünen Dur-Bereich vermutlich.“ Dass ihr Ludwig draußen sich mit dem Mundschutz schwer tat und Spannungen an seinen Ohren vermeldete, verschwieg sie. Wörtlich: „Meine Ohren schwächeln allmählich“. - „Und wie geht es meinem Guntram, und Hansi! Meine Zugehfrau kommt hoffentlich regelmäßig!“

 

Sechs weitere Abende waren ins Auge gefasst, zusammen also zwölf. Sollte man die Zeit hier als Probezeit für eine künftige Alters-WG sehen? „Erweiterte“ WG?? Das musste, was unsern Kreis hier anging, ja nicht so bald sein, musikalische Schallwellen konservieren ja karajanmäßig wie man weiß. Auch wenn man nicht unbedingt schöner wird - Gisela! Selbstbestimmte Quarantäne - Alters-WG - klassische Musik als Bestandteil der Lebensführung! Muss man sich leisten können oder, angesichts der blutenden Restwelt, leisten wollen. Ausgrenzen der brennenden Urwälder und der in Dreck und Bomben erstickenden Humanwelt sowie momentan der Alten auf den Intensivstationen weltweit.

 

Letzten Endes dauerte speziell dieser gemeinsame Rückzug leider beziehungsweise gottseidank über die insgesamt anvisierten Tage oder Abende noch an, bis weit in den Herbst. 

 

Aber ich muss ja nicht alles erzählen. 

 

 

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2. November 2020: Ingrid Wortmann-Wilk, "Zugflucht"

 

Sie stand in einer Warteschlange. Sie wollte sich eine Briefmarke kaufen für den letzten Brief aus der DDR - an ihren Freund Jens - ihm alles erklären, warum sie abhauen wollte, warum sie sich nicht verabschiedet hatte. In ihrer Hand hielt sie den Brief mit falschem Absender. Neben ihr stand ihr Koffer, ein Pappkoffer mit braunen Lederecken. „Ostzonenkoffer“ nannte ihn herablassend der Onkel aus Köln, der einmal im Jahr zum Geburtstag der Mutter kam. Westbesuch. Sie hatte lange gebraucht, um den Koffer zu packen. Der Inhalt durfte nicht die Fluchtabsicht verraten, falls die Grenzer den Koffer öffnen sollten. Es musste alles nach einer normalen Ferienreise aussehen. Und dabei hätte sie so gerne Fotos mitgenommen und das Poesiealbum, das ihr die Großmutter geschenkt hatte. Während die Schlange weiter vorrückte, befühlte sie immer wieder ihren Brustbeutel, in dem die Fahrkarte nach Frankfurt am Main und ein schwedischer Pass steckte. Christina Berglund war ihr neuer Name und nicht mehr Anja Radmann. Nachdem sie die Briefmarke gekauft und den Brief in den Postkasten gesteckt hatte, machte sie sich auf den Weg zum Bahnhof, der schon von weitem durch Parteispruchbänder zu erkennen war. Obwohl der Fluchthelfer ihr die Abfahrtszeit des Zuges und das Gleis genau genannt hatte, vergewisserte sie sich noch einmal am Fahrplan, 11 Uhr 45, Gleis 3. Als sie die Treppe zur Gleisunterführung hinunterstieg, hörte sie hinter sich Schritte. Sie traute sich nicht, sich umzudrehen, ging die Unterführung mit den angegrauten Kacheln bis zum Aufstieg von Gleis 3. Sie setzte den Koffer ab, ein Mann schritt an ihr vorbei und stieg die Treppe hoch. Sie nahm die gegenüberliegende Treppe. Oben auf dem Bahnsteig angekommen, suchten ihre Augen sofort nach dem Mann. Er stand unbeweglich, wandte ihr den Rücken zu. Er trug eine blaue Plastikregenjacke und dunkle Jeans. „Vielleicht doch keiner von der Stasi“, dacht sie. Während sie auf den Zug wartete, wanderte ihr Blick immer wieder zum Treppenaufgang. „Hoffentlich keiner, der mich kennt,“ ging es ihr durch den Kopf. Während der Bahnsteig sich allmählich mit Menschen füllte, verkündete eine sächsische Frauenstimme durch den Lautsprecher den Reiseverlauf : Leipzig - Jena – Frankfurt am Main. Zwei junge Soldaten der Nationalen Volksarmee kamen auf Anja zu, waren in ein Gespräch vertieft, lachten. Anja stockte für einen Moment der Atem. Sie nahm ihren Koffer, ging ein paar Schritte und befand sich auf Höhe der Treppe. Der Zug fuhr ein .... Jetzt einfach nicht einsteigen, die Treppe wieder hinuntergehen, den Zug in die Heimatstadt nehmen, nächsten Tag wieder in die Schule, Magenverstimmung gehabt .... Sie vernahm die Stimme des Schuldirektors : „Genossin, mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie eine Kette mit einem Goldkreuz tragen. Das ist mit Ihrem Auftrag, Kinder im Geiste des Sozialismus zu führen, nicht vereinbar!“ Anja zögerte noch einen Moment, gab sich einen Ruck und eilte zur nächstliegenden Tür des Zuges. Sie wuchtete den Koffer hoch und machte sich auf die Suche nach einem Abteil. Sie entschied sich für eins, in dem sich zwei Frauen aus dem Fenster lehnten und sich von einer Familie auf dem Bahnsteig verabschiedeten. Während Anja ihr Gepäck verstaute, drangen Gesprächsfetzen an ihr Ohr : „Bitte, grüßt alle schön.“ „Dann also nächstes Jahr in Prag.“ „In drei Jahren geht ja Helmut in Rente, dann kann er schon rüber.“ Anjas Blick glitt über die Frauen. Selbst wenn sie das Gespräch nicht gehört hätte, stand das Urteil augenblicklich fest : Westler. Schuhe, die Jeansmarke der jüngeren Frau, die Art der blonden Haarsträhnen bei der älteren Frau verrieten die Herkunft. Anja setzte sich auf den Platz bei der Tür und schloss einen kurzen Moment die Augen. Auswendig gelernte Sätze auf Schwedisch hämmerten in ihrem Kopf : „Jag talar bara lite tysk. Jag förstar inte.“ Der Zug fuhr an. Die Frauen winkten, schlossen das Fenster und nahmen Platz. Sie musterten Anja kurz und grüßten mit einem „Hallo“. Der Zug fuhr durch die Vororte Dresdens. „Mein Gott, wirklich deprimierend wie die Häuser heruntergekommen sind!“ Trotz der gedämpften Stimme der älteren Frau, offenbar der Mutter der jüngeren, verstand Anja jedes Wort. Allmählich wurde sie etwas ruhiger. Sie hörte auf, mit dem Zeigefinger sich in die Haut des Daumens zu krallen, wie sie es bei Aufregung immer tat, so dass neben dem Daumennagel die Haut tief eingekerbt und entzündet war. Sie ertappte sich dabei, etwas schläfrig zu werden, verbot es sich aber sofort mit dem Gedanken an die nächste Hürde, die ihr bevorstand : die Fahrkartenkontrolle. Aus dem regelmäßigen Türenknallen, das immer näher kam, schloss Anja, dass die Schaffner unterwegs waren. Anja nestelte an ihrem Brustbeutel und entnahm die Fahrkarte. „Jetzt nur nicht mit den Händen zittern!“ dachte sie. Der Großvater einer Klassenkameradin lebte als junger Kommunist in Berlin während der Nazizeit im Untergrund mit falschen Papieren. Bei den häufigen Ausweiskontrollen durfte man eines auf keinen Fall, so hatte er ihnen oft erzählt : Zittern. Anja ballte ihre Hände zu Fäusten, streckte die Finger wieder und versuchte, ruhig zu atmen. Einer von zwei Schaffnern schob die Tür auf und bellte : „Fahrausweise zeigen!“ in das Abteil. Mutter und Tochter am Fenster zeigten ihre Fahrkarten zuerst. „Sie kommen aus Westdeutschland?“ wurden sie gefragt. Die beiden bejahten. Erleichtert registrierte Anja, dass sie mit ruhiger Hand ihre Karte auszuhändigen vermochte. Zu ihrem Entsetzen zeigte der Schaffner seinem Kollegen die Fahrkarte. Er schloss die Tür und die beiden nahmen auf dem Gang die Karte in näheren Augenschein. Anja versuchte, nicht hinzuschauen und starrte geradeaus auf die Plastikkopfstütze. Der Schaffner öffnete die Tür wieder und reichte ihr wortlos die Karte zurück. Die Tochter empörte sich : „Was geht die denn das an, woher wir kommen?“ „Das fragen sie immer,“ entgegnete die Mutter, „Man sollte die nicht provozieren.“ Industriegebiete und Plattenbausiedlungen zeigten an, dass der Zug auf eine größere Stadt zufuhr. Es war Leipzig. Ein älteres Ehepaar stieg zu und belegte die beiden mittleren Plätze. Leutselig begannen die beiden ein Gespräch mit Mutter und Tochter. Sie seien zu einer Konfirmation des Neffen in Wiesbaden eingeladen. Anja verließ das Abteil, um sich auf dem Gang die Füße zu vertreten und aus dem Fenster zu schauen. Plötzlich entdeckte sie den Mann, der sie auf dem Bahnhof in Dresden überholt hatte. Er stand auf dem Bahnsteig, rauchte eine Zigarette und betrachtete Anja aus den Augenwinkeln. Kurz nachdem der Zug wieder losgefahren war, ging Anja zum Toilettenraum. Nachdem sie abgeschlossen hatte, schossen ihr viele Gedanken durch den Kopf. Noch hatte sie ja die Chance, bei der nächsten Station auszusteigen. Oder sie könnte in dem Toilettenraum bleiben, in der Hoffnung, sie würde nicht entdeckt werden. Oder sie könnte bei langsamer Fahrt vom Zug springen und versuchen, zu Fuß über die Grenze zu kommen. „Sitzt wegen Republikflucht in Bautzen“, hatte ihr eine Bekannte aus dem Sportverein zugeraunt, als sie vor einem Jahr nach dem Verbleib eines Sportkameraden fragte. Anja verwarf alle Gedanken und kehrte zu ihrem Abteil zurück. Sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie den unbekannten Mann auf dem Sitz gegenüber ihrem Platz sah. Sie drehte sich um, lehnte sich aus dem Fenster des Ganges, um die Fassung einigermaßen wieder zu gewinnen. Sie erwog, das Abteil zu wechseln, entschloss sich dann aber doch, in die Höhle des Löwen zu gehen und sich der Gefahr zu stellen. Sie setzte sich auf ihren Platz. Der Mann hatte die Augen geschlossen, die blaue Regenjacke und eine Aktentasche befanden sich auf der Hutablage. Das alte Ehepaar unterhielt sich immer noch angeregt. Je näher es auf die Grenze zuging, umso ruhiger wurde es im Abteil. Der alte Mann griff immer wieder in seine Jackentasche, holte seine Brieftasche hervor und blätterte in seinen Ausweisen. Seine Frau schaute sorgenvoll aus dem Fenster und sagte plötzlich in das Rattern des Zuges hinein : „Hoffentlich sind bei den Grenzbeamten keine Frauen dabei, das sind die schlimmsten.“ Der Mann gegenüber Anja schlug die Augen auf, dehnte und streckte sich und schaute sie unverhohlen an. Anja blickte so ausdruckslos wie möglich zurück. Nach einer Weile dieses Blickkampfes wandte sie schließlich ihren Kopf weg und tat so, als ob das Verhalten des Mannes sie überhaupt nicht stören würde. Der Zug fuhr immer langsamer und hielt schließlich an. Türen wurden aufgerissen, und man hörte Schritte und Stimmen im Gang. Der Mann gegenüber Anja holte seine Aktentasche und hielt sie auf seinem Schoß fest. Die Abteiltür wurde geöffnet. „Ausweiskontrolle!“ rief der vorderste von drei Grenzbeamten. Alle außer dem alleinstehenden Mann im Abteil hatten ihre Pässe in der Hand. Mutter und Tochter und das Rentnerehepaar wurden wieder eingehend nach dem Woher und Wohin befragt. Plötzlich fuhr der Grenzbeamte den Mann gegenüber Anja an : „Ja, brauchen Sie noch eine Extraaufforderung? Ihren Pass, bitte!“ Der Mann öffnete die Aktentasche, kramte umständlich in ihr, bis er seinen Pass gefunden hatte. Der Grenzer warf einen Blick in die Tasche. „Wissen Sie denn nicht, dass die Ausfuhr dieses Materials aus der DDR nicht gestattet ist? Bitte, kommen Sie mit!“ Der Mann holte seine Jacke von der Ablage und folgte zweien der Beamten. Der übrigbleibende Grenzer, ein älterer Mann mit besonders vielen Rangabzeichen, kontrollierte Anjas Pass. „Warum fahren Sie nach Westdeutschland und nicht zurück nach Schweden?“ Anja antwortete auf Schwedisch und versuchte, den Worten den typisch schwedischen Klang zu geben. Plötzlich sagte der Beamte : „Nach dem Krieg haben wir immer Pakete aus Schweden bekommen.“ Fast erschrocken über seine persönliche Äußerung wurde er wieder betont amtlich und zeigte auf Anjas Rucksack : „Aufmachen!“ Nachdem er offenbar nichts Verdächtiges gefunden hatte, schloss er mit einem knappen „Gute Fahrt“ die Abteiltür. Anja sackte in sich zusammen. Sie konnte es kaum fassen, dass nicht sie, sondern der Mann abgeführt worden war. Gleichzeitig war sie beschämt über diese Erleichterung - so wie sie früher sich oft für ihre Feigheit verdammte, dass sie voll Mitgefühl, aber schweigend zusah, wie Klassenkameraden von Lehrern geschlagen und gedemütigt wurden. Nach einer Anja endlos erscheinenden Zeit setzte sich der Zug in Bewegung. Anja blieb wie angewurzelt sitzen, sah die Grenzanlagen und das erste westdeutsche Dorf. Plötzlich wurde sie von einer Unruhe erfasst, ging auf den Gang, hielt sich an den Griffen des Schiebefensters fest und stieß ihren Kopf immer wieder gegen die Scheibe. Sie fing an zu zittern, setzte sich auf einen Notklappsitz und legte ihr Gesicht in ihre Hände. Nach einer Weile fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Als sie aufschaute, blickte sie in die besorgten Gesichter ihrer Mitreisenden. „Ist was mit Ihnen?“ fragte die Rentnerin. Anja antwortete auf Deutsch : „Nein, nein.“ „Da sind Sie gar keine Schwedin?“ fragte die Rentnerin. „Na, die hat rübergemacht,“ stellte ihr Mann aus dem Hintergrund fest. Es entstand ein Stimmengewirr. Anja wurde mit Fragen bestürmt. Sie bekam zu essen und zu trinken angeboten. Ein Mann aus dem Nachbarabteil steckte ihr zwanzig DM zu. „So, das ist mal für den Anfang.“ Die Fahrt nach Frankfurt am Main verging wie im Fluge. Als sie in Frankfurt ausstieg, begab sie sich sofort zu einer Telefonzelle und rief ihren Onkel in Köln an. Als sie ihn um Hilfe bat, kam sein Angebot, zunächst einmal bei ihnen übernachten zu können, recht zögerlich. „Du musst sowieso erst einmal ins Notaufnahmelager. Die wollen doch sicherstellen, dass Du keine Spionin bist.“ Als sie die Telefonzelle verließ, sah sie in der Ferne den geheimnisvollen Mann mit der blauen Regenjacke und der Aktentasche. Als sie ihren Koffer nahm, um ihm nachzulaufen, und den Kopf wieder hob, war der Mann in der Menge verschwunden.

 

 

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26. Oktober 2020: Günter Wirtz, "Herr Kreuser"

 

Kreuser streifte immer irgendwo herum.

Mal sah man ihn wie verloren durch die belebten Straßen der Innenstadt huschen, mal sah man ihn wochenlang gar nicht, dann streifte er ruhelos durch seine Wohnung, hinterließ keinerlei Spuren.

Betrachtete man seine anscheinend ziellosen Gänge in der Stadt genauer, so merkte man alsbald, dass die unterschiedlichsten Ladenauslagen seine flüchtigen Blicke anzogen, Porzellan- und Haushaltswarengeschäfte, Telekommunikations- und Erotikshops, Herren- und Damenbekleidungshäuser ebenso wie Reisebüros oder Delikatessenläden. Auch Buchhandlungen streiften seine Augen. Nirgendwo schien er zu verharren; kein Imbiss, keine Bäckerei, kein Stehcafé ließ ihn verweilen.

Seine Kleidung war alltäglich, unauffällig; sein Alter nur schwer zu bestimmen.

Der Blick in seine Wohnung, von gegenüber, wenn man sich etwas vorbeugt, wird nicht übermäßig durch Vorhänge oder Gardinen behindert. Da ist eine Art Büro oder Arbeitszimmer, ein Wohnraum mit angrenzender Küche. Andere Räume liegen nach innen.

Einmal habe ich Kreuser gesehen, als er in der Fußgängerzone angesprochen wurde. Später versicherte ich mich, dass es sich um eine Umfrage handelte; es ging um die Attraktivität des Selterswegs. Kreuser blieb nur kurz bei der jungen Frau stehen. Einmal sah ich ihn den kleinen Supermarkt schräg gegenüber den Bushaltestellen betreten; ich wartete, und schließlich trat Kreuser mit zwei Einkaufstüten wieder ins Freie.

Seine Wohnung macht keinen unordentlichen Eindruck. In dem, nennen wir es Arbeitszimmer, steht neben einem Schreibtisch ein Computer; Regale mit Ordnern und Büchern sind zu erkennen. Kreuser nutzt diesen Raum häufig. Was er dort treibt, ist nicht auszumachen. Oft ist der Bildschirm erleuchtet. 

Keiner weiß, wovon er seinen Unterhalt bestreitet. Ich hörte von Frau Schmidt, einer Frau, die ich regelmäßig im Discounter treffe, sie hätte nicht übel Lust, über einen Bekannten, einen guten, der beim Finanzamt arbeitet und dort obendrein die Buchstaben H bis M betreut, einmal herauszukriegen, von welchem Geld Kreuser eigentlich lebt. Selbiges holt er übrigens bei der Postbank, unregelmäßig, viel scheint er nicht zu brauchen, kein Auto, keine Freundin.

Ebenso unauffällig, wie er sich durch die Stadt bewegt, sieht man Kreuser zwei- oder dreimal im Jahr zum Bahnhof gehen; immer mit einer Reisetasche, die nicht sonderlich voll ist. Es fällt auf, dass er auf seinem Weg zum Bahnhof immer einen Umweg in Kauf nimmt und durch das winzige Rotlichtviertel geht. Ob seine Blicke in die Auslagen dabei Interesse an einem späteren Besuch bekunden, entzieht sich unserer Kenntnis.

Wir wissen nicht, wohin seine Reisen gehen; unterschiedliche Uhrzeiten bedeuten nicht zwangsläufig unterschiedliche Ziele; unser Bahnhof ist zwar einigermaßen überschaubar; trotzdem fahren viele Züge, und es ist schwer zu verfolgen, wer wann mit welchem Zug wohin fährt. 

 

Unsere Stadt wurde neulich durch einen Frauenmord in Aufregung versetzt. Es handelte sich um eine Prostituierte, eine osteuropäische, die aber, wie dem Foto in der örtlichen Presse zu entnehmen war, bildhübsch ausgesehen hatte – das pralle, junge Leben.

Wir wissen, dass unsere Polizei gute Arbeit leistet; ich bin gerade in letzter Zeit immer wieder erstaunt, wie sie zum Beispiel mit den Mitteln der Gentechnik Fälle löst, die zwanzig und mehr Jahre zurückliegen. Da hätte ich den Fall schon längst zu den Akten gelegt. Aber im Falle von Roswitha, so hieß die polnische Prostituierte, halfen keine akribischen Analysen, keine sorgfältig durchforsteten Verbrecherkarteien. Die Polizei schien im Dunklen zu tappen; die Presse hatte mittlerweile das Interesse verloren, und so geriet der Mord allmählich in Vergessenheit.

Wir aber haben ein Auge auf Kreuser geworfen. Zum Zeitpunkt des Mordes war er in der Stadt. Wir bemühten uns äußerst angestrengt, einen Blick auf seinen Computerbildschirm zu werfen, wenn er vor ihm saß, aber der Winkel war ungünstig. Schnell fanden wir heraus, dass er von einer anderen Wohnung aus einsehbar sein müsste, möglicherweise mit einem Feldstecher. Es handelte sich um die Wohnung des Herrn Müller, eines pensionierten Postoberinspektors. Den wollten wir jedoch nicht fragen; denn dem sah man an, dass er unseren Recherchen skeptisch gegenüberstand.

Aber es ist äußerst dienlich, gute Beziehungen zu haben. Die Briefträgerin in unserem Viertel ist samstags Stammgast im Fitnessstudio. Wir mussten nur unser Freitagstraining um einen Tag verschieben, wenigstens solange, bis wir unser Ziel erreicht hatten.

Uns half die Tatsache, dass die Briefträgerin eine attraktive Tochter etwa im Alter der ermordeten, jungen Frau hat, und die von uns geäußerte Vermutung, dass der Mörder noch frei in der Stadt, womöglich  gar in unserem Viertel, herumliefe. Das zeigte Wirkung.

Alsbald waren wir über die Postsendungen, die Kreuser erhielt, informiert: Neben den üblichen Werbebroschüren für Handyverträge und denen der Versandhäuser nur die Telefonrechnung, Kontoauszüge, das Abonnement eines Computermagazins und des Playboy sowie wenig persönliche Post.

Wir diskutierten in ausgedehnten nächtlichen Sitzungen, wie denn das Profil eines Mörders, eines Frauenmörders, eines Prostituiertenmörders, aussehe; an welchen Stellen man ihm auf die Schliche kommen könne: Die Observierung musste intensiviert werden, jeder Schritt, rund um die Uhr. Da müsste doch, verdammt noch mal, der Postoberinspektor einwilligen!

Was schaut sich Kreuser im Internet an? Worüber informiert er sich dort? Was denkt Kreuser? Wovon träumt Kreuser?

Die Rundumobservierung trug keine Früchte; es wiederholten sich nur die unruhigen Phasen seines Lebenswandels: allein in seiner Wohnung, die Streifzüge in der Stadt, die Einkäufe, die seltenen Bahnfahrten, die Umwege durch das Rotlichtviertel; an seinen Posteingängen hatte sich nichts Bemerkenswertes verändert. Je ratloser wir wurden, umso verdächtiger wurde uns dieser undurchsichtige Kreuser.

 

Eines Tages erfuhren wir über die Medien von dem Fahndungserfolg der Polizei: Der 25jährige Stefan P. aus L., der Nachbargemeinde unserer Stadt, hatte ein umfassendes Geständnis abgelegt. Er war bisher nicht in Erscheinung getreten. Seine Nachbarn waren fassungslos. Er sei doch ein so netter, unauffälliger Bursche gewesen.

 

 

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19. Oktober 2020: Dieter Weiß, "Zum Vorlesen im Herbst"

 

Du legst dich ganz bequem hin und schließt die Augen. Du atmest ruhig und gleichmäßig und hörst auf die Musik.

Jetzt schließt du deine linke Hand zu einer lockeren Faust und lässt die rechte offen. Ich werde gleich herumgehen und dir etwas in die rechte Hand geben. Bitte lass die Augen geschlossen und sag nichts. Du brauchst keine Angst zu haben. Was ich dir gebe tut nicht weh und ist auch nicht unangenehm. Du kannst es einfach mit der Hand umfassen und diese auch zu einer lockeren Faust schließen.

Eben habe ich dir etwas in die Hand gegeben, ohne dass du es gesehen hast. Aber du hast natürlich gleich gemerkt, was es ist: eine Walnuss.

Hast du dir schon einmal überlegt, woher das Wort Walnuss kommt?

Nuss geht auf ein altes germanisches Wort zurück, das auch wohl mit dem lateinischen Wort nux verwandt ist. Und Wal- geht auf welsch zurück was ursprünglich fremd bzw. gallisch oder keltisch bedeutet. Das hat also nichts mit dem Wal zu tun, der im Meer schwimmt, wohl aber mit der englischen Grafschaft Wales, dem Wallis in der Schweiz und dem Kleinen Walsertal.

Aber wir sollen uns jetzt nicht weiter mit der Entwicklung des Wortes Walnuss, sondern mit der Entwicklung der Walnuss selbst befassen, die du in der Hand hältst.

Du kennst sicher einen ganz bestimmten Nussbaum hier in der Nähe. Stell ihn dir jetzt vor. Du siehst ihn vor dir. Er hat jetzt die Blätter verloren und du kannst sozusagen durch ihn hindurch sehen. Genauso sah er auch im vorigen Winter aus. Aber die Nuss, die du in der Hand hältst, ist sozusagen schon in diesem Baum, auch wenn sie noch nicht zu sehen ist. Wo? Das ist noch das Geheimnis des Baumes. Warte noch einen Augenblick. Im Winter ruht sich der Baum aus und sammelt neue Kraft.

Dann wird es Frühling. Die Sonne scheint kräftiger und der Baum verändert sich. Wenn du genau hinsiehst, entdeckst du, dass die Spitzen der Zweige immer dicker werden. Noch ein paar Sonnenstrahlen, dann platzen die dicken Enden auf. Heraus wachsen Blätter und Blüten. Weißt du, wie Walnussblüten aussehen? Man sieht sie gar nicht, wenn man nicht ganz genau hinschaut. Sie sind klein, grün und unscheinbar. Sie müssen auch nicht so auffällig sein wie Apfel- oder Kirschblüten, denn sie brauchen nicht die Bienen und Hummeln einzuladen. Hier trägt der Wind den Blütenstaub von Blüte zu Blüte. Manche Blüten reißt der Wind ab, manche fallen im Regen herunter.

Zeit vergeht. Die Sonne scheint, Regen fällt und der Baum bekommt an vielen Stellen zwischen den grünen Blättern kleine grüne Nüsse. Du musst schon sehr genau hinsehen, um sie zu entdecken. Schau genau hin, kleine dicke Stellen, rund und grün. Eine davon ist deine Nuss. Der Baum gibt ihr Kraft und lässt sie immer mehr wachsen. Manchmal besuchen ihn Ameisen und andere kleine Tiere. Aber sie knabbern nicht daran, denn Äpfel oder Birnen schmecken ihnen viel besser.

Und so kann deine Nuss ungestört wachsen. Die Sonne scheint und schenkt ihre Energie dem Baum, und der Baum gibt sie an die Nuss. Die Luft umweht den Baum und der Baum atmet die Luft und gibt sie an die Nuss. Die Erde ist voller Nahrung, der Baum nimmt sie mit seinen Wurzeln auf und gibt sie an die Nuss weiter.

Immer größer wird Nuss und ist jetzt schon gut zwischen den Blättern zu sehen. Schau sie dir noch einmal an, wie sie da im Baum hängt.

Dann kommt die Zeit, wo die grüne Schale aufreißt und braun und schwarz wird. Und dann bläst der Wind in den Baum und nach und nach fallen die Nüsse herunter. Jetzt kannst Du sie auflesen. Aber du musst schon genau hinschauen, um sie zu finden. Die äußere Schale ist matschig und färbt deine Finger schmutzig braun.

Als ich ein Kind war, wohnten wir in einem Dorf, und vor unserem Haus stand ein riesiger Nussbaum. Ich weiß bis heute noch, dass ich die Nüsse nie auflesen durfte, weil man davon so schmutzige Finger bekam und sich diese Farbe auch kaum abwaschen ließ. Damals wurde noch vom Lehrer die Sauberkeit der Hände und Fingernägel kontrolliert, und ich sollte doch auf keinen Fall als Schmutzfink auffallen. Mein Opa, dessen Hände durch die viele Feldarbeit sowieso die Farbe von Walnussschalen hatte, hat sie alle aufgesammelt und zum Trocknen ausgelegt.

Auch die Nuss, die du in der Hand hältst, hat jemand vom Boden aufgehoben, von der äußeren Schale befreit und mit vielen anderen zusammen getrocknet.

Mach nun die Augen auf und schau dir deine Nuss einmal genau an. In deiner Hand liegt ein Stück vom Wind, ein Stückchen Sonne, ein Stückchen Regen und ein Stückchen von der Erde an dem Platz, an dem der Baum steht.

Und wenn du sie isst, dann denkst du an die Sonne und den Wind, die Erde und den Regen vom letzten Jahr.

 

 

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12. Oktober 2020: Bernd Rosenbaum - "Völkerverständigung - klein anfangen"

 

Holland ist ein kleines, feines und liebenswertes Stückchen Erde, in dem ich im Urlaub immer wieder zusätzliche Lebensfreude tanke. Aber es passieren auch Sachen hier …, wie folgende:

Ich stehe in einem kleinen Supermarkt in Holland, kaufe das Übliche – Obst, Käse, Heineken – und höre wie sich hinter mir eine holländische Oma mit ihrem Enkel unterhält. Plötzlich ein Zupfer an meiner Hose, und ein etwa drei- bis vierjähriger strohblonder Junge reicht mir sein Händchen, zieht mich zu dem gegenüber liegenden Regal und deutet auf eine Packung übergroßer Lutscher, die ganz oben stehen. Die Sache war klar.

Fragend blicke ich zur Oma, doch die schüttelt den Kopf, „Nej!“ Ich gebe dem kleinen Kerlchen zu verstehen, dass es mit dem Kauf nichts wird und sehe die Enttäuschung  in den blauen Kinderaugen. Anschließend auf meinem Fahrrad sitzend, ärgere ich mich über meine kleinbürgerlich, verspießte,  ja fast ängstliche Handlungsweise. „Du magst doch dieses kleine Land und seine Menschen. Warum hast du nicht mit der Oma gesprochen und diesem mutigen Kleinen den Lolli gekauft, (und der Oma einen dazu)?“ 

Eine kleine, schöne Geste in einer turbulenten Zeit wäre es gewesen und sie hätte gut getan. Nicht nur dem kleinen Holländer!

Nächstes Jahr fahre ich wieder hin. Ich kenne jetzt das blonde Kerlchen. Und wenn es keine großen Lutscher mehr gibt, dann tut es auch ein kleiner.

 

 

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28. September 2020: Ingrid "Wortreich"-Wilk, "Panoptikum der Namen" – Textcollage

Namen, Berufe und Branchen existieren tatsächlich, nur die Zuordnung geschah willkürlich. Die Vornamen wurden geändert.

 

Agentur für Entertainer & Clowns – Jens Kurzweil, Thomas Lachmann, Tobias Freudenreich

Bäckerei – Inh. Ralf Gutbrod-Hörnle, Kurt Morgenweck-Haferkorn

Brauereibedarf – Matthias Sauerbier, Klaus Quellmalz

Erotikartikel – Angelika Kosemund-Schaetzle, Erik Kussmaul

Fachgeschäft für Süßwaren und Bonbons – Inh. Frederike Lutsch, Evelyn Süß

Feuerwehrausrüstung – Rüdiger Löschhorn

Forstbetrieb – Inh. Matthias Frischholz, Frank Holzklau

Friseur Schnipp-Schnapp – Inh. Silke Krauskopf, Björn Glatthaar

Garten- & Landschaftsbau – Dietrich Grünschlag, Johannes Grasmäher

Geflügelzucht – Inh. Max Hühnerbein, Udo Hinkel

Getränkehandlung – Christian Durst, Michael Trinkhaus

Jagdausrüstung – Frank Büchsenschütz, Klaus Gemsjäger

Kosmetiksalon – Christine Schminke

Metzgerei – Inh. Udo Magerfleisch, Simon Speck

Sauna & Dampfbad – Inh. Marina Morgenschweis

Schuldnerberatung – Marco Wohlfeil, Benno Umsonst

Toilettenvermietung – Inh. Andreas Klomann, Bernhardt Notdürfter

Weinhandlung – Oliver Sauerwein, Arthur Rebstock

Winterdienst – Ernst Schnee, Stefan Schmelz

Auskunft über die Öffnungszeiten – Robert Freitag, Corinna Samstag, Ute Sonntag

Deutsch-Österreichische Freundschaftsgesellschaft – Vorsitzende: Daniel Piefke, Anne Preuße, Markus Baier

Evangelische Gemeinde Markuskirche – Pfarrer Andreas Gottesleben, Vikar Tobias Traugott

Vogelfreunde – 1. Vorsitzender Eduard Spielvogel, 2. Vorsitzender Bernd Vogelsang

Adipositasberatung – Sabine Dick Ernährungsberaterin, Ilona Massig-Fett

Arzt für Allgemeinmedizin – Dr. med. Alexander Heilmann, Dr. med. Susanne Sachweh

Facharzt für Urologie – Dr. med. Dieter Wassermann

Fußpflege – Cornelia Fußwinkel, Bettina Leichtfuß

Hebammenpraxis – Christina Geburzky, Heike Windel, Michaela Liebeskind

Institut für Schlafforschung – Dr. Joachim Penner

Institut für Schönheitschirurgie – Ärztliche Leitung – Dr. med. Sascha Brust, Dr. med. Jörg Busemann

Institut für Sexualstörungen – Dr. med. Dirk Potenz, Dr. med. Florian Unzeitig

Klinik zur Behandlung von Eßstörungen – Dr. Bernd Dürr, Dr. Carmen Mager

Kurklinik „An der Hirschweide“ – Leitender Arzt: Dr. med. Holger Kurschat, Oberärztin: Dr. med. Elvira Wohlgemut-Tröster

Praxis für Naturheilkunde & Homöopathie – Paul Kügelken, Edgar Wunder, Heilpraktiker

Praxis für Psychiatrie & Neurologie – Dr. med. Bernhard Macke

Zahnarztpraxis – Edgar Bohrmann, Dr. med. dent. Peter Schmiermund

Eheberatungsstelle – Charlotte Ehleben Dipl. Soziologin, Martina Scheidung Dipl. Sozialarbeiterin

Konfliktberatungsstelle – Isabel Hochmuth Sozialarbeiterin, Jutta Streit Dipl.-Psych.

Psychologische Praxis – Dipl. Psych. Kerstin Unverzagt-Gutmacher, Dipl. Psych. Sabine Seelmann-Rathschlag

Trauerberatung – Beate Nimmerfroh-Kummer, Heilpraktiker

Konzert „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi – Mitwirkende: Stephan Lenz, Margitta Sommer, Lukas Herbst, Bianca Winter

Veranstaltung zum Thema „Brexit“  Diskussionsrunde: Lena Deutsch, Mary Engeland, Jakob Österreich, Elke Schweizer, Jan Holländer

Veranstaltung zum Thema „Nationalsozialismus“ – Leitung: Ernst Führer, Lutz Göhring, Stefan Göbbels

Vortrag über Altersvorsorge – Heino Frühsorger, Karin Altgeld

Vortrag über das Trotzalter bei Kindern – Dipl.-Päd. Ute Dickkopp, Guido Schreier

Vortrag über Demenz – Dr. med. Inge Strohkopfer, Dipl.-Psych. Iris Meise

Vortrag über die Bedeutung des Humors im Alltag – Dr. phil. Markus Witzigmann, Ulrike Scherz, Manuel Lache

Vortrag über die neue Bescheidenheit – Dr. phil. Sven Protzen, Claudia Hochmuth, Patrick Klotz

Vortrag über die Situation der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert – Dennis Bischoff, Stefan Priester, Christian Pabst, Kai Kaplan

Vortrag über Pubertät – Regina Gammler, Oliver Greulich

Vortrag über Zivilcourage in der heutigen Gesellschaft – Dipl.-Soziologin Sandra Standhaft, Dipl.-Psych. Viktor Muth

Vortrag zur Geschwindigkeitsbegrenzung im Straßenverkehr – Dip.-Ing. Roland Bleifuß

Vortrag zur Intelligenzförderung im Kindesalter – Britta Einfalt, Jutta Geistklug

Vorträge zum Thema „Turnvater Jahn und sein Einfluß auf die Welt des Sports“  Heribert Frisch, Lina Fromm, Stefan Fröhlich, Sebastian Frey

 

 

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21. September 2020: Günter Wirtz, "Im Wellnessbereich"

 

Sie war nicht da. Sie war einfach nicht da. 

Sie hatte ihn, in seinen Augen, verlassen, einfach verlassen. Dabei hatte er sich so sehr an sie gewöhnt. Diese Gemeinsamkeit hätte er bis an sein Lebensende fortführen können.

‚Ritual‘ klingt so schnöde, so freudlos. Er hatte es genossen.

Er war, wie jeden Dienstag, wie jeden Donnerstag, um die gleiche Uhrzeit, 17.15 Uhr, da gewesen. Nur sie war nicht da. Was sollte er jetzt machen? Die Dame an der Rezeption, die er seit Langem nicht mehr wahrgenommen hatte, er brauchte sie ja auch nicht wahrzunehmen, war zuvorkommend. Hastig fragte er nach … nach wem sollte er fragen?

Er kannte ihren Namen nicht. Sie hatte auch kein Namensschildchen getragen. Er kannte sie seit Jahren, genau genommen seit sechs Jahren und fünf Monaten.

Da war er in diese Stadt gekommen. Er kannte niemanden. Seine neuen Kollegen mied er. Er hatte das Beauty- und Wellnesszentrum ganz in seiner Nähe aufgesucht und ein Ganzkörper-Meersalzpeeling, verbunden mit einer Honigpackung, das ihm die Dame an der Rezeption wegen seiner empfindlichen Haut empfohlen hatte, in Auftrag gegeben.

Es war ein Dienstag, 17.15 Uhr, vor knapp sechseinhalb Jahren. Eine junge Frau war auf ihn zugetreten, hatte sich ihm kurz vorgestellt, wobei er den Namen sofort wieder vergessen hatte, und hatte ihn dann in eine dieser funktionalen Räume geführt, in dem er sich auf eine Liege gelegt hatte. Die Folie auf der Liege fühlte sich ein wenig kühl an. Die junge Frau hatte ihm in wenigen Worten das Vorgehen erklärt und auch schon mit dem Auftragen des Salzes begonnen.

Als die Gliedmaßen, Brust und Rücken mit dem Salz bedeckt waren, hatte sie ihn für eine kurze Zeit alleine gelassen, vor allem um eine Metallschüssel zu holen, ein Viertel voll mit zähflüssigem Honig gefüllt. In der gleichen Reihenfolge wie bei der Meersalzanwendung wurden Beine, Arme, Brust und Rücken mit dem Honig eingerieben. Danach hatte die junge Frau, schwarzhaarig war sie, mittelgroß, mit dunklen Augen, die Folie über ihm zusammengefaltet, außerdem darüber eine Wolldecke ausgebreitet. Sie hatte den Raum mit dem Hinweis verlassen, jetzt könne er entspannen, sie komme zu gegebener Zeit zurück.

So war es gewesen, sechs Jahre und fünf Monate lang. An der Rezeption hatte er sich nach den Ferienzeiten der jungen Frau erkundigt. Nur nach einigem Zögern hatte man sie ihm mitgeteilt. Er hatte seinen eigenen Urlaub danach ausgerichtet, die letzten knapp sechseinhalb Jahre. Ansonsten betrat er jeden Dienstag und jeden Donnerstag um 17.15 Uhr das Beauty- und Wellnesszentrum. Wie hatte er Christi Himmelfahrt und Fronleichnam verflucht, die immer auf einen Donnerstag fielen.

Und heute – sie war nicht da, sie war einfach nicht da.

 

 

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14. September 2020: Ilse-Marie Weiß, "Der Garten meiner Kindheit"

 

Für meine Enkelkinder: Sarah, Charlotte, Julius, Victoria und Johannes

 

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, sehe ich mich nur als Kind in unserem Garten. Das Grundstück war fast 1200 qm groß und lag mitten in der Stadt, nahe dem Ludwigsplatz.

 

Von drei Seiten geschützt durch die Nachbargärten war er für mich der Größte. Ja, groß war er wirklich! Wurde ich vom Wohnhaus aus gerufen, konnte mich der Ruf im hinteren Teil des Gartens nicht erreichen. Dort wuchs auch die große Himbeerhecke, 15 Meter lang und 1 Meter breit, in der ich mich gerne versteckte. Ich war überzeugt, dass niemand außer mir den Schleichweg im Inneren der Hecke kannte.

 

Jede freie Zeit habe ich in diesem Garten verbracht. Immer wieder saß ich unter dem alten Birnbaum, dessen Krone von der Druckwelle einer Bombe hinweggefegt worden war, der aber trotzdem weiterwuchs und Blüten und herrliche Früchte hervorbrachte. Auf dem höchsten Ast war der Lieblingsplatz einer Amsel, mit der ich mich täglich unterhielt, indem ich ihren Gesang pfeifend nachahmte. Ich weiß ja nicht was ich ihr entgegen pfiff, jedenfalls wurde sie nicht müde mir zu antworten. Das ging so lange, bis mich wieder etwas Neues interessierte.

 

Zwischen den großen Steinen einer langen Trockenmauer, überwuchert von Blütenpolstern, wohnten mehrere Eidechsenfamilien, mit denen ich oft lange Gespräche führte.

Der große Gemüsegarten war damals nach dem Krieg lebensnotwendig, außer Kartoffeln wurde alles angebaut, was die Familie bis zur nächsten Erntezeit brauchte. Da es damals weder einen Kühlschrank noch eine Gefriertruhe gab, wurde alles sofort verarbeitet – gedörrt, in Einmachgläser eingekocht oder als Saft in Flaschen konserviert. Im Vorratskeller wurde es immer enger mit all den Schätzen für die kalte Jahreszeit. Für mich als Kind war das bewusste Erleben und Mitarbeiten beim Säen, Pflegen, Gießen und Ernten prägend für die Entwicklung meiner Geduld und Liebe zur Gartenarbeit. 

 

Das Schönste am Garten waren die Blumen. Überall blühte und duftete es. Der Zaun zum einen Nachbargarten war eine üppig blühende Kletterrosenwand und davor blühte das Staudenbeet, bunt in den schönsten Farben. Zwischen den Stauden waren Tulpen, Osterglocken, Narzissen und Gladiolen gepflanzt. Ich kannte alle Pflanzennamen und habe dort als Sechsjährige angefangen Blumen zu malen. 

 

Ich liebte es, im Gras zu liegen und mich in den Wolken am Himmel zu verlieren, immer bedacht in den Wolkengebilden Figuren und Formen zu sehen. Mitten im Garten hatte mein Vater aus Holz eine Schaukel gebaut. Auf der einen Seite gab es eine Kletterstange und ein Kletterseil, auf der anderen Seite eine Leiter. Dazwischen wurden zwei alte Matratzen gelegt, denn mein sportliches Schaukeln an Trapez und Ringen war nicht immer gekonnt.

 

Was bedeutete der Garten damals für mich? Im Garten fühlte ich mich frei und glücklich und konnte Stunden zufrieden dort zubringen.

 

Im Haus war das anders. Auf den Grundmauern des im Krieg zerstörten Hauses meiner Großeltern neu aufgebaut, war es schön und groß. Ja, es gab darin den für mich bis dahin unbekannten Luxus eines gekachelten Bades mit eingebauter Badewanne und Waschbecken und eine Zentralheizung für die ganze Wohnung. Für mich nehmen aber dort die negativen Erinnerungen einen breiten Raum ein. Angefangen bei den Spinnen im Haus und den dunklen Ecken im Keller, an denen ich nur laut singend vorbeiging, bis zu der negativen Stimmung meiner Eltern nach den unbewältigten Schicksalsschlägen während des Krieges und den Existenzsorgen. Ich habe das damals als Kind nicht verstanden – nur gefühlt und mich entsprechend angepasst. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Als ich dreizehn Jahre alt war, sind wir von dort weggezogen. Ein letztes Mal stand ich am Fenster des Kinderzimmers mit Blick in den Garten und habe geweint. Ich wusste instinktiv, dass die schöne Kindheit vorbei war. Heute gehört das Haus der Universität Gießen. Ich bin noch mehrmals auf das Grundstück zurückgekehrt, aber der Zauber des Gartens ist verschwunden.

 

 

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7. September 2020: Dieter Weiß, "Fenchel auf Holz" und andere Wortgeschichten

 

Letzten Endes besteht jede Geschichte aus Wörtern. Aber viele der Wörter haben auch eine eigene Geschichte (die natürlich auch wieder aus Wörtern besteht). Die Geschichte eines Wortes kann seine Herkunft oder seinen Bedeutungswandel im Lauf der Zeit beschreiben. Sie kann aber auch ganz individuell sein und nur für eine bestimmte Person existieren. Von solchen Wortgeschichten soll hier die Rede sein. Es sind also Geschichten, die mich ganz persönlich mit diesem oder jenem Wort verbinden. Aus diesem Grund halte ich es für ratsam, hier einfach mit dem Lesen aufzuhören!

 

Du liest also entgegen meinem Ratschlag doch weiter. Na gut.

Wir hatten einmal für kurze Zeit eine Lateinlehrerin, die hieß Teufi Valtavuo (so etwas merkt man sich). Sie kam aus Finnland, daher der für uns völlig fremd klingende Name. Von ihr wurde gesagt, sie habe über das deutsche Wort Hügel promoviert. Ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, wie man über ein einzelnes Wort eine ganze Doktorarbeit schreiben kann, und das auch noch in einer Fremdsprache, die wirklich sehr fremd ist. Das ist jetzt über 60 Jahre her. Aber immer wenn mir das Wort Hügel begegnet, fällt mir auch Teufi Valtavuo ein. Und jetzt kommts: Beim Überarbeiten dieses Textes kommt mir die Idee, spaßhalber mal Valtavuo zu googeln. Und was finde ich?

Der Wandel der Worträume in der Synonymik für "Hügel"

Autor: Toivi Valtavuo

Verlag: Helsinki : Société néophilologique, 1957.

 

Wir hatten den Vornamen wohl nur gehört und nie geschrieben gesehen.

 

Mein Interesse für die Etymologie wurde durch unseren Englischlehrer Dr. Heinrich Heidt geweckt. Er hatte neben Englisch und Französisch auch Vergleichende Sprachwissenschaft studiert und gab uns hin und wieder kleine Kostproben davon, zum Beispiel, dass das russische Wort für Stadt Gorod (город) mit unserem Wort Garten verwandt ist. Der Garten hat üblicherweise einen Zaun, der sich wiederum im englischen Wort town findet. Seitdem versuche ich immer wieder, den Ursprung von interessanten Wörtern herauszufinden, was ja heute ganz leicht geht, aber damals doch ziemlich mühsam war. Weißt du, woher das Wort Quitte kommt?

Fenchel auf Holz

Wir nannten sie Toxi. Die giftige Konnotation war uns in der Unterstufe noch nicht bekannt. Sie war klein und rund, meistens gut gelaunt. Ihr dunkler Teint und ihr krauses Haar hatten ihr den Spitznamen verschafft, denn damals war ein Film sehr populär, der sich um das kleine Mädchen Toxi drehte, dessen Vater, ein schwarzer amerikanischer Soldat, verschwunden war und Mutter und Tochter hatte sitzen lassen. Ältere Leser werden sich vielleicht noch an den Film erinnern. Der Erdkundeunterricht von Frau Bermann, wie man Toxi anständigerweise nennen sollte, war dadurch interessant, dass sie ganz viel aus eigener Anschauung erzählen konnte, denn sie machte viele weite Reisen, was für die frühen Fünfzigerjahre noch ganz außergewöhnlich war. 

 

Besonders stark eingeprägt hat sich mir ihre Erzählung von den Schlitten, in denen die Touristen in Madeiras Hauptstadt Funchal die steilen Straßen hinunter gefahren wurden. Angeblich setzte jeden Tag nachmittags um die gleiche Zeit ein Platzregen ein, und die „Carreiros“ wussten es grade so eizurichten, das sie just zu diesem Zeitpunkt vor einem Lokal anhalten konnten, in das die Gäste vor dem Regen flüchteten. Natürlich hatten die Schlittenführer ein Abkommen mit dem Lokalbesitzer, und genauso natürlich war dieser Teil der Geschichte geflunkert. Aber genau dadurch ist mir die ganze Sache wohl in Erinnerung geblieben und damit meine beiden ersten portugiesischen Wörter Funchal und Madeira, Fenchel und Holz.

 

Der Atheist

In der Oberstufe war ich häufig mit deutsch-französischen Jugendgruppen unterwegs und dabei oft als dilettantischer Dolmetscher gefragt. Einmal wollte ich etwas erzählen, ich weiß gar nicht mehr was, jedenfalls kam das Wort Atheist vor, was ich einfach mit “athéiste“ übersetzte. Ein Junge klärte mich auf: On ne dit pas  athéiste, on dit athé.  Und ein Mädchen ergänzte: Et la religion – c’est l’athéisme. Auch eine unvergessliche Wortgeschichte.

 

Zum KuKuK!

 

Anlässlich des Besuchs einer ungarischen Gruppe in Wettenberg fand ein Konzert im KuKuK statt. Auf Bitte des Vorsitzenden hatte ich als kleine Anerkennung für die Künstlerinnen und Künstler Kreisel gedrechselt und grün-weiß rot lackiert. Das ungarische Wort dafür hatte ich mir herausgesucht und mühsam eingeprägt. Bei der Übergabe der Geschenke sagte ich es mehrfach: Körforgalom. Statt eines anerkennenden, freundlichen Nickens sah ich nur verständnislos blickende Gesichter. Es stellte sich bald heraus, dass Körforgalom zwar Kreisel, aber ausschließlich im Sinne von Kreisverkehr bedeutet. Für das rotierende Spielzeug gibt es ein ganz anderes Wort. Das kommt davon, wenn man angeben will und keine Ahnung hat.

 

 

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31. August 2020: Bernd Rosenbaum - "Dem Weltfrieden so nah…"

 

Wir Menschen können noch viel von unseren Tieren lernen. Wenn ich als Hobby-Ornithologe auf dem Vogelbeobachtungsstand an den Martinsweihern sitze, staune ich immer wieder, welch eine Harmonie hier bei den zahlreichen Wasservogelarten herrscht. Ob Gänse, Enten, Schwäne, Kormorane, Zwerg- und Haubentaucher, jedes einzelne Tier wird von den anderen respektvoll behandelt und genießt seinen ganz persönlichen Freiraum. Alle zusammen strahlen sie eine Friedfertigkeit aus, die man sich nicht nur im alltäglich-privaten, sondern auch im weltpolitischen Bereich wünscht, mehr Toleranz und einen rücksichtsvolleren Umgang miteinander. 

 

Deshalb möchte ich den nordkoreanischen Raketenzündler, den syrischen Menschenverachter, den russischen Gernegroß und den verrückt gewordenen Weißkopf-Seeadler aus Amerika hierherholen, damit sie sich diese intakte Lebensgemeinschaft ansehen und von ihr lernen.  

 

Wenn die Vögel dann sehen, welch explosives Quartett ihnen zuschaut, werden sie gemeinsam zu ihnen hinschwimmen und vielstimmig das Lied anstimmen: „Ein schöner Tag …“. 

 

Kim Jong-Un, Assad, Putin und Trump werden sich am Ende ergriffen die Hände reichen und mit feuchten Augen den neuen Weltfrieden verkünden.

 

 

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24. August 2020: Horst Wolcke, "Das Tüchlein"

 

Ein  Tränchen  war´s ,  das  ihn  bewog
indem  er  höflich  Mitleid  mimte
mit  feiner  Hand  ein  Tüchlein  zog
wie´s  für  den  Herrn  sich  ziemte

 

Die  Geste , als  das  Tuch er  reichte

nahm  dankbar  sie  und  war  gerührt

er  hoffte , dass  ihr  Herz  erweichte

und  hätte  fast  die  Hand  berührt

 

Sie  nahm  das  Tüchlein  mit  Bedacht

und  spürte   seinen  wachen  Blick

und  ohne  Träne  gab  sie  sacht

das  Tüchlein  und  den  Blick  zurück

 

 

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17. August 2020: Johannes Eucker, aus "Zauber der Erinnerung"

 

Das halbierte Foto

Ich erinnere mich selbst und außerdem erinnert mich das Foto, das ich noch besitze, an die Situation. In die Volksschule des Dorfes kam ein Fotograf. Die Kinder wurden auf den Nachmittag zum Fotografieren bestellt. Meine Cousine hatte noch Zöpfe und einen Mittelscheitel. Sie trug Tracht und putzte sich richtig heraus. Vielleicht war sie 12 oder 13, ich dann also 3 bis 4. Ich erinnere mich blass, dass ich nicht mitgehen wollte. Warum sie sich aber meine Gesellschaft so sehr wünschte, weiß ich weder heute noch wusste ich es damals. Auf dem Schulhof wurden wir beide nebeneinander aufgestellt. Weil ich noch so klein war, schob man mir einen Schemel unter, aber mein Kopf reichte immer noch nicht bis an ihre Schulter. Und dicht an meine Cousine herangerückt wurde ich auch noch. Das machte man einfach mit mir. Ich fühlte mich unwohl dabei.

An den Fotoapparat, vermutlich eine Plattenkamera mit schwarzem Tuch, unter dem die Fotografen zu verschwinden pflegten, erinnere ich mich nicht. Vielleicht verstand ich nicht einmal, was da eigentlich vor sich ging.

Später sah ich dann das Bild. Wann ich zum ersten Mal meinen Unwillen über das Bild geäußert habe, ist mir nicht gegenwärtig. Aber eines Tages hat meine Mutter das Bild halbiert, das wollte ich wohl so. Die beiden Hälften mit je einem Kind wurden aufbewahrt.

Ein ähnlich unangenehmes Fotografiererlebnis verbinde ich mit Jungbluths. Dieses nette ältere Ehepaar war in Köln ausgebombt und bei uns 1944 auf dem Dorf untergebracht worden, wohin der Bombenterror der Alliierten nie recht gereicht hat. Der Bürgermeister hatte sie in ein Zimmer unseres wegen des Kriegsbeginns nur halb fertigen Hauses eingewiesen. Mein Vater war ärgerlich darüber, denn in die großen Bauernhäuser wurden keine Ausgebombten einquartiert und in sein halb fertiges Siedlungshäuschen gleich eine der ersten Familien, die aus Köln und Kassel in unser Dorf kamen. Das lag am Nazibürgermeister, meinte er, denn er selbst war kein Nazianhänger. 

Der Sohn Franz Jungbluth kam eines Tages zu Besuch aus einem Lungensanatorium, in das ihn die Wehrmacht eingewiesen hatte, weil er die Strapazen des Krieges wohl gesundheitlich nicht verkraftet hatte. Dieser Franz war im Besitz eines Fotoapparates und ein begeisterter Fotograf. Und meine Mutter hatte aus ihrer Dienstmädchenzeit bei einem Marburger Professor von dessen Tochter gelernt, wie viel Spaß es macht, Erinnerungsfotos ansehen zu können. 

Fotos von sich machen zu lassen, das bedurfte besonderer Vorbereitung. Bei der Arbeit ließ man sich nicht fotografieren. Als Kulisse musste ein besonders schöner oder doch für einen selbst wichtiger Ort gefunden werden. Dort stellte man sich dann auf - mit Blick geradeaus in die Kamera. Natürlich zog man sich dazu den Sonntagsstaat an. Werktags war eigentlich schon allein deshalb keine Zeit zum Fotografiert werden, weil man sich in Schale werfen wollte. Mit der adretten Kleidung haperte es aber bei mir. Ich gefiel mir überhaupt nicht in Hemd mit ärmellosem Pullover darüber und einer so genannten Kurzen Hose, die erst am Knie aufhörte. Man muss dazu wissen, dass kurze Hosen in jenen Jahren – ganz anders als heutzutage - so viel Oberschenkel wie nur möglich freizugeben hatten. Pulli zu kurz, Hose zu lang, dass dieses Muster mal ein halbes Jahrhundert später in Mode kommen würde, war unvorstellbar.

Meine Mutter hatte eine schöne Stelle im Grünen außerhalb des Dorfes ausgesucht und wusste auch genau, wie sich meine kleine Schwester und ich zusammen mit ihr aufzustellen hatten. Wir sollten als Pärchen vor ihr stehen, dicht nebeneinander und dicht vor ihr. Ich links vor ihr, meine Schwester rechts. Und sie hatte vor, uns beide von hinten mit ihren Händen zu berühren. Meiner kleinen Schwester konnte sie ihre Rechte auf die Schulter legen. Ich war dafür schon zu lang. Deshalb schob sie ihre linke Hand unter meine Achsel. Dort war ich aber extrem kitzlig. Damit ihre Hand nicht zu nah an meine Achsel käme, hob ich die linke Schulter und damit ihre Hand nicht allzu fest auf meinen dürren Rippen läge, winkelte ich den Oberarm seitlich etwas ab. Weil nun der Fotograf aber seinen Apparat schon auf einem Stativ in Position gebracht hatte und mich der fremde Mann auch befangen machte, wehrte ich mich nicht gegen Mutters Berührung, sondern verkrampfte mich in dieser schiefen Haltung.

Meine aus Angst vor dem starken Kitzel so unnatürliche Haltung wurde der erwünschten Würde des Bildmotivs nicht gerecht, weshalb meine Mutter mir die Schulter nach unten und meinen Arm wieder an meinen Körper drückte, mich zurechtwies und dann ihre Hand wieder unter meine Achsel schob. Dieses Stellungsspiel wiederholte sich, bis es mir endlich gelang, mich so in der gewünschten Position zu verkrampfen, dass der Fotograf seinen Film in Ruhe belichten konnte. Das obligatorische Lächeln in die Kamera vermochte ich in solcher Situation nicht in gewünschter Prägnanz auf meinen Lippen zu erzeugen. – Mein Vater machte „diesen ganzen Zirkus“ nicht mit. Wie Recht er doch hatte.

 

 

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Tagebuchimpressionen
Den Dichterkollegen in Marburg abgeholt, dann noch gut 20 Kilometer. Vor dem Bürgerhaus treffen wir Carla, sie hat Blumen und ein Buch besorgt. Das Buch, ein Taschenbuch, war gewünscht. Draußen rauchen ein paar Gäste. Drei Uhr nachmittags. Die Familie des Geburtstagskinds hat drinnen zu Mittag gegessen. Am Nachmittag werden Nachbarn, Freunde und der Gesangverein erwartet. Langsam füllt sich der Saal. Die Nachbarsfrauen haben ihre Lieblingskuchen gebacken. Der Tisch bordet über. 
Heinrich sitzt völlig erschöpft am Kopfende der u-förmigen Tafel in dem großen Raum. Er ist so schwach, dass er sich kaum erheben kann, um unsere Glückwünsche in Empfang zu nehmen. Seine Sprache ist stockend, die Sätze brechen mittendrin ab. 90 Jahre, ein langes, hartes, entbehrungsreiches Leben, gearbeitet in einer Lagerhalle nahebei, er ist verheiratet seit Jahrzehnten, zwei Söhne.
Am Kopfende bei ihm sitzen seine Frau, ein Sohn, zwei Enkelkinder. Seine Schwäche tut mir weh. Heinrich bittet uns, an einem der Tische Platz zu nehmen. Er bleibt sitzen. 
Der eloquente Sohn übernimmt die Pflicht des Smalltalks. Wir als Mitglieder des Autorenkreises, dem Heinrich so viele Jahre angehörte. Er schreibe ebenfalls, Sachbücher, Botanisches, weit weg im Süden der Republik. 
Heinrich ist/war ein hochbegabter Schreiber, belesen, mit feinem Humor, stilsicher. Er kommt sogar noch einmal zu uns. Ist um den ganzen langen Tisch gegangen, stellt sich wackelig zu uns, Vater, Sohn, drei Autoren. Nur kurz, muss sich wieder setzen, zu schwach zum Stehen. Wir setzen uns an einen Tisch am Ende der Tafel, überall fröhliches Geschwätz, Nachbarn trudeln ein. Immer muss Heinrich Hände schütteln, im Sitzen, an seinem Ehrenplatz, der Saal füllt sich. Uns gegenüber zwei Frauen. Schwestern? Mit zwei zappeligen Jungen. Vier Jahre? Drei Jahre? So etwa. Sie wollen laufen, raufen, springen, nicht sitzen und sich langweilen. Sehr unruhig.
Schließlich bittet der Sohn um Ruhe. Heinrich erhebt sich mühsam, einen gefalteten Zettel in Händen. Er entschuldigt sich dafür, dass seine wenigen Worte, die folgen sollen, immer wieder unterbrochen werden vom schweren Atmen. Es täte ihm sehr leid. Es sind nur wenige stockende Sätze, mit denen er sich für das Kommen der Gäste bedankt. Bei seinen Worten ist es still, selbst die kleinen Quälgeister gegenüber verhalten sich – fast – angemessen. Die Zuhörer lauschen andächtig der brüchigen Stimme. Denken sie an ihr eigenes Alter? Ihr eigenes Altern? Gäste, die meisten zwischen 30 und 80, fast alle aus dem Dorf.
Um kurz nach vier öffnet sich eine schmale Seitentüre des großen Saales. Beinahe 40 Männer zwischen 20 und 80, alle dunkelblaue Hose und hellblaues Hemd, der Gesangverein. Notenpult, der Dirigent mit zackigen, ausladenden Armbewegungen. Nach dem ersten Lied eine kurze Ansprache eines der Mitglieder an Heinrich. Überreichung der Ehrennadel in Gold für die lange Mitgliedschaft, dazu die obligatorische Urkunde. ‚Wir singen hier für dich vier Lieder‘. Heinrich bedankt sich leise. Der Chor, vielstimmig, beeindruckt nicht nur mich. ‚Wenn ich ein Mann wäre, würde ich auf jeden Fall da mitsingen‘, so meine Nachbarin voller Bewunderung. Nach dem vierten Lied dreht sich der Dirigent ruckartig zu dem Publikum um, ‚wir singen noch ein fünftes‘. Mich erstaunen vor allem die unterschiedlichen Lautstärken. Da können 40 Männer so leise singen, alle singen, dass man die berühmte Stecknadel … nun nicht ganz, und Sekunden später schwillt der Chor zu einem kräftigen Fortissimo an.
Heinrich erhebt sich, von seinem Sohn gestützt, geht nach vorne, die Sänger bilden eine lange Schlange, 40 Hände, 40 freundliche Worte. Die Kellnerin eilt mit einem großen Tablett gefüllter Pilsgläser heran. Gesang macht durstig.
Der letzte Sänger ist bei Heinrich angelangt. Jetzt darf der Geehrte endlich zurück auf seinen Platz. 
Und wir? Kurze, etwas schüchterne Verabschiedung von den dörflichen Tischnachbarn. Auf dem Weg zu Heinrich die Enkel und die Gemahlin gegrüßt. ‚Heinrich, bleib bitte sitzen‘, ‚Günter, vielen Dank, dass ihr gekommen seid. Das hat mich sehr gefreut. Ich bin so kaputt. Ich habe keinen Mittagsschlaf machen können‘.
Draußen Verabschiedung von Carla. Heimfahrt über Marburg, den Dichterkollegen Reimer abgeliefert. 
90. Geburtstag.

 

27. Juli 2020: Johannes Eucker;, Zwei Geschichten aus "Zauber der Erinnerung"

Schienbeintreten

Wie weit kann man sich zurück erinnern? Bis ins dritte Lebensjahr? Dann muss es vor Kriegsbeginn gewesen sein, also vor oder im Jahr 1939. Jemand hat mich auf dem Arm. Ich schaue durch ein Fenster aus dem Wohnzimmer des Bauernhauses hinaus in den Hof mit der quadratischen Miste in der Mitte, mit ihren Seiten auf vier Gebäude ausgerichtet. Davor oder daneben steht eine Gruppe von Menschen oder vielmehr sind diese Frauen und Männer in Bewegung nach draußen auf das Hoftor zu. Eine davon ist meine Mutter. Sie trägt ein Kopftuch, vielleicht auch noch ein bäuerliches Arbeitsgerät, eine Hacke, eine Sense, einen Heurechen, eine Gabel? Ich sehe sie verschwommen. Entweder sind die Fensterscheiben beschlagen oder Tränen trüben meinen Blick. Meine Mutter winkt. Zuvor war sie noch mal schnell ins Wohnzimmer hereingestürzt und hatte gesagt, dass ich aufhören solle zu weinen und bei der Golle bleiben müsse. Diese alte Frau hielt mich wohl nun auf dem Arm, mich jähzorniges und schreiendes Bündel. Ich war als Dreijähriger zu schwer für sie und schon zu stark.

Sie muss mich vom Arm gelassen, die Tür verriegelt und sich neben dem Kachelofen in einen geflochtenen Sessel gesetzt haben, denn dort sehe ich mich vor ihr stehen, meine Hände auf ihren Knien, schreiend. Sie redet auf mich ein, überfordert, ratlos gegenüber meiner Wut. Dann trete ich der alten Frau mit meinen festen Schuhen gegen die Schienbeine. Sie weint. Ich höre nicht auf.

In meiner Erinnerung hat die Geschichte keinen Fortgang.

Seit einigen Jahrzehnten liegt im Garten vor unserem Haus ein Grabstein von Margarete Eucker, geb. Schneider, gestorben 30.4.1940. Da war ich fast 4 Jahre alt. Ob sie all die Zeit von meinem 3. bis 4. Lebensjahr krank war?  

In meiner Erinnerung hat ihr Grab einen festen Platz, das ich oft zu gießen half und später auch manchmal alleine gegossen habe. Und wenn ich an dem Grabstein vorübergehe, was täglich geschieht, wünschte ich sie manchmal für einen Moment lebendig, damit ich sie um Verzeihung bitten könnte. 

 

Das Gänsegeschwader - ein Pyrrhussieg

Wenn - alle vier Wochen etwa - große Wäsche angesagt war, dann trafen sich einige Frauen der Verwandtschaft auf dem Bauernhof unter dem Vordach des Gebäudeteils, in dem die großen Kessel standen, in denen das Schweinefutter gekocht und in die das Wasser für die Kühe mit einer Handpumpe auf Vorrat eingefüllt wurde. Diese beiden Kessel wurden dann nach einem genau ausgeklügelten Plan zum Wäschekochen frei gehalten. 

Die großen Stücke, Betttücher, Oberbetten, Strohsäcke, Kopfkissen, Oberhemden, Handtücher und wohl auch Taschentücher und andere Kleinteile legten die Frauen nach einem bestimmten Waschgang zum Bleichen aus. Merkwürdigerweise bleicht Sonneneinstrahlung die Wäsche, die man feucht auf eine grüne Wiese legt und zwischendurch immer wieder gießt. Platz für diese Aktion bot ein kurz gehaltenes Stück Wiese, das zu einem größeren offenen Terrain gehörte und nur an zwei Seiten mit einem Zaun umgeben war. Mir wurde als eine erste verantwortungsvolle Aufgabe in meinem Leben die Bewachung dieser Wäschestücke aufgetragen. Als potentielle Eindringlinge galten Hühner, besonders aber Gänse, die immer wieder im Tiefflug von der Straße aus den Zaun überwanden und sich am frischen Gras der Wiese gütlich taten. Warum diese Tiere dann nicht auf der Grünfläche blieben, sondern auch die weißen Flächen mit der bleichenden Wäsche betraten, obwohl doch da kaum Gras zwischen den dicht ausgelegten Wäschestücken hervorschaute, ist wohl noch nicht wissenschaftlich untersucht worden. Hinlänglich bekannt ist dagegen, dass das Grüne, das die Gänse vorne aufnehmen, zügig dem Ausgang hinten zustrebt, so dass das Betreten der Wäsche durch diese Tiergattung nicht nur ihre Fußspuren, sondern auch grüne mehr oder weniger geformte Exkremente hinterließ, die sich auf der Wäsche deutlich abhoben.

Ich war angewiesen, dies zu verhindern. 

Für einen Vierjährigen ist das eine Herausforderung, die Mut, Entschlossenheit und Ausdauer verlangt. Mut, weil die Gänseriche ihre Herde zischend und aggressiv verteidigen, Entschlossenheit, weil nur energisches Drauflosgehen diese Tiere beeindruckt und zum Rückzug bewegt und Ausdauer, weil nach erfolgter Erstverteidigung garantiert bald eine neue Invasion droht, die natürlich ebenso zurückzuweisen ist wie die erste Welle. Ausgerüstet mit einer Gerte lauerte ich hinter einer Gartentür mit Blick auf die weiße Pracht der ausgelegten Wäsche. 

Irgendetwas muss meine Aufmerksamkeit für Minuten abgelenkt haben. Es könnten die Stachelbeeren oder Johannisbeeren gewesen sein, die im Garten reiften oder zu anderer Zeit die Pflaumen. Als ich das Schnattern der Gänse in meiner Nähe hörte, war der Zeitpunkt schon verpasst, wo ich die Eindringlinge vor dem Betreten des Terrains in Vorwärtsverteidigung hätte in die Flucht schlagen können. Die Gänseherde hatte bereits einen Teil der weißen Flächen betreten. Da blieb keine Zeit für umsichtiges Handeln und strategisches Planen, da versprach nur der direkte gradlinige taktische Zugriff Erfolg. Mit der Gerte in der Hand, lautem Geschrei auf den Lippen stürmte ich hinaus, quer über die Wäsche auf die Gänse zu, um weiteres Vordringen und größeren Schaden zu verhindern. Das gelang auf Anhieb. Von meinem und der Gänseschar Lärm, die sich laut schnatternd zurückzog, herbeigelockt kamen die Waschfrauen angerannt. Ich schritt ihnen stolz quer über die Wäsche zurück entgegen und verstand gar nicht das Gejammer der Frauen, die mich nicht lobten, nicht einmal beachteten, sondern sich gegenseitig zeigten, als ob man es nicht hätte sehen können, wo die Gänse und ich ihre Spuren hinterlassen hatten. 

Leider war mir entgangen, dass meine Schuhsohlen von meinem Aufenthalt im Garten, an den Stachel- oder Johannisbeerbüschen nicht so sauber waren, dass mir eine unbefleckte Überquerung der ausgelegten Wäsche bei meiner Vorwärtsverteidigung gelungen wäre. Das bemerkte ich nun auch. Etwas spät. 

Das war mein erster Pyrrhussieg.

 

 

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20. Juli 2020: Dieter Weiß, "Die Bank"

 

Wir sitzen auf der Bank am Waldrand, die wir neulich auf einem Spaziergang entdeckt haben. „Da müssen wir noch mal hingehen, wenn richtig schönes Wetter ist, hast du damals gesagt“.

Jetzt sitzen wir hier, und es ist ein Wetter wie im Bilderbuch. Die Sonne scheint noch so warm wie man es um diese Jahreszeit nicht erwarten würde. Ab und zu spüren wir ein Lüftchen, aber das ist nur so ein Hauch. Die Wiese vor uns ist noch satt grün. Das liegt an dem ungewöhnlichen Wetter, das wir in diesem Jahr hatten. Schön ist das! 

Die Felder sehen so ordentlich aus. Ganz hinten vor dem Wald ist ein leuchtend gelber Streifen. „Sieht aus wie ein Rapsfeld, aber das gibt es doch nicht um diese Jahreszeit“. Du weißt auch nicht, was es ist? Da müssen wir mal jemand fragen, der sich auskennt.

Die Hecken sind schon bunt, vom Herbst verschwenderisch gemalt. Der lange, bewaldete Höhenzug am Horizont verliert sich im Dunst. „Wie ein Gemälde, man kann richtig mit den Augen spazieren gehen“ hast du gesagt.

Weißt du, was das Besondere an dieser Stelle ist? Man sieht überhaupt kein Haus, keine Straße, ja nicht einmal eine Hochspannungsleitung. So etwas ist in unserer Gegend ganz selten. Das ist auch der Grund, dass wir uns hier so wohl fühlen. Nur eine Reihe von Heuballen in hellgrüner Folie, ganz da hinten, erinnern uns daran, dass hier überall Menschen am Werk waren und die Landschaft mit gestaltet haben. Sie fügen sich aber so gut in die natürlichen Grüntöne ein, dass sie überhaupt nicht störend wirken.

Siehst du den großen Raubvogel da drüben? Ganz ruhig gleitet er durch die Luft. Was ist das eigentlich, ein Habicht oder ein Bussard? Ich glaube, der Habicht hat einen schmalen Schwanz und der Bussard einen breiten. Jetzt kommt er langsam näher und wir können ihn deutlicher sehen. Demnach müsste es ein Bussard sein...

Man müsste auch so über die Wiesen und Wälder gleiten können wie der Bussard. Manchmal kann ich das tatsächlich. Und dann wundere ich mich immer warum ich es nicht häufiger tue. Aber noch jedes Mal bin ich danach wieder aufgewacht. 

Ich schließe die Augen und habe den Traum wieder vor mir. Den Traum vom Fliegen.

Bist du schon mal mit einem Heißluftballon gefahren? Bei mir ist das schon viele Jahre her, aber ich kann mich noch gut an die Eindrücke erinnern, die ich dabei hatte. 

Zuerst gleitet man nur einen Meter über den Boden dahin, so dass es einem nichts ausmacht, auch wenn man sonst leicht schwindlig wird. Dann nimmt ganz allmählich die Höhe zu und es stellt sich das schöne Gefühl des Schwebens ein, fast so wie in meinen Träumen. Nur hier sind andere Menschen dabei, die reden und lachen. Und dann das Fauchen des Gasbrenners. Wenn das nicht wäre . . .

Aber in der Zeit zwischen den Feuerstößen, da ist es herrlich ruhig, denn es gibt ja keinen Fahrtwind. Der Bussard kann dahin schweben wo er möchte. Das können wir mit unserem Ballon nicht. Der Wind bestimmt, wohin die Reise geht. Bei mir ging sie über einen riesigen Wald, also nichts als Baumwipfel unter uns, fast langweilig. Aber dann eine Lichtung und ganz deutlich zu sehen ein Rudel Wildschweine, die vom Fauchen unseres Brenners aufgeschreckt quer über die Lichtung rennen.

Schön, wenn man auf einer Bank sitzt, den Blick schweifen und die Gedanken treiben lässt. Kannst du dich erinnern, dass du auch mal auf einer Bank gesessen und ganz entspannt so vor dich hin gedacht hast? Weißt du noch wo das war?

Neulich hast du gesagt, du hörst mir gern zu. Das hat mich sehr gefreut, und wenn du möchtest, werde ich dir auch bald wieder etwas erzählen.

 

 

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6. Juli 2020: Bernd Rosenbaum - "Gemoije Nachbarn oder Schöner Ärger"

 

Im März vorigen Jahres sind sie eingezogen ins Nachbarhaus mit seinen drei Wohneinheiten. Ein junges, sportlich und musikalisch ambitioniertes Pärchen. Sie, kaufmännische Angestellte, hübsch, mittelgroß und dunkelblond, bei der auch das Bike im Winter nicht einrostet. Er, Student, großgewachsen, langhaarig mit Alex-Meier-Zopf, aber Handballer (Rückraum). Und beide machen Musik. Er als Front-Gitarrist, sie als Lead-Sängerin in zwei verschiedenen Rockbands - krachend und schrill!

 

„Das kann ja heiter werden, aber vor allen Dingen laut, mit langen Partys“, dachte ich.

 

Unten im Haus wohnt nur eine Person, die Besitzerin und Großmutter von ihm, oben unterm Dach ein Wochenendfahrer.

 

Ist es nun die verwandtschaftliche Beziehung oder aber der Wunsch des Pärchens sich auf dem Grundstück zu betätigen?

 

Sie mulchen, mähen, pflanzen und pflegen das große Grundstück. Selbst die Straße wird gekehrt, wie es auf dem Land so üblich ist. Auch für die nachbarschaftlichen Schwätzchen haben sie Zeit, und sie grüßen freundlich und respektvoll.

 

Ich frage mich “wann kommt endlich die laute Musik, die langen Partys?“ - Fehlanzeige!

 

Mittlerweile wohnen die Lead-Sängerin und der Front-Gitarrist über ein Jahr in unserer Straße, haben sich mehr als integriert, ja, sie sind eine Bereicherung.

 

Und ich ärgere mich - über meine Vorurteile!

 

 

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J’avais le temps

Je suis allée dans le jardin

J’ai ouvert les mains 

Pour retenir le vent

 

J’ai écouté son message

Suis partie en voyage

Son  souffle chaud m’a emmené

Vers les valeurs, la chaleur

Le partage, le grand cœur

Des amis africains

De tous ces gens qui n’ont rien.

 

Et puis le vent a tourné

Un souffle froid est arrivé

Il m’a transporté

Vers les cimes enneigées

Tout près des ‘Namastés’

 

Toujours la gentillesse

Beaucoup de tendresse 

Le claquement des drapeaux de prières

La fierté d’une mère d’un père 

Heureux de poser

Pour être photographier

Vers le sourire triste de cet enfant

Avec  ce gâteau comme présent

Va-t-il le manger ?

Le garder ? Le partager

 

Rencontres furtives, inattendues

Au détour du sentier l’imprévu

Richesse des émotions

Force des sensations.

 

Le vent a encore changé

Il m’a doucement ramené

Au bord du jardin 

Auprès des miens

Amis proches ou lointains

 

On ne peut plus se serrer

S’embrasser

Mais rien n’est effacé

Rien n’est oublié

On peut toujours se voir, se parler

 

Je ressens leur chaleur

Au plus profond de mon cœur

Le partage, l’Amitié sont toujours là 

Bientôt on se retrouvera

Ich hatte Zeit

Ich bin in den Garten gegangen

Ich habe die Hände aufgehalten

Um den Wind zu fangen

 

Ich habe seine Botschaft gehört

Bin zu einer Reise aufgebrochen

Sein heißer Atem hat mich geleitet

Den Werten der Wärme

Der Großzügigkeit dem großen Herz 

Den afrikanischen Freunden entgegen

Zu all diesen Menschen, die ohne Besitz

 

Dann hat der Wind die Richtung geändert

Ein kalter Luftzug hat mich getroffen

Hat mich hinaufgetragen

Zu den verschneiten Gipfeln

Ganz nah zu den freundlichen ‘Namastés’

 

Immerzu diese Sanftmut

Viel Zärtlichkeit

Das Geklapper der Gebetsfahnen

Der Stolz einer Mutter, eines Vaters

Erfreut posierend 

sich fotografieren zu lassen

Angezogen von dem traurigen 

Lächeln dieses Kindes

Das einen Kuchen als Geschenk bringt

Will es ihn behalten - will es Ihn teilen

 

Flüchtige Begegnungen, unerwartet

Auf dem Weg das Unvorhergesehene

Überwältigendes Empfinden

Stärke der Gefühle.

 

Und wieder hat der Wind sich gedreht

Er nimmt mich so sanft mit

Zum Rand eines Gartens 

In die Nähe meiner Lieben

Nahen und entfernten Freunden

 

Man darf sich nicht mehr drücken

Nicht mehr umarmen nicht mehr küssen

Aber nichts ist ausgelöscht

Nichts ist vergessen

Man kann sich sehen miteinander reden

 

Ich fühle ihre Wärme

In tiefstem Herzen

Gemeinsames, die Freundschaft noch da

Bald wird man sich wiedersehen



 

22. Juni 2020: Günter Wirtz, "In der Metro"

 

Es ist in der Metro in Paris. Freitag später Vormittag. Die U-Bahn ist halb leer. Ich finde einen Sitzplatz neben einem Mann mittleren Alters. Ihm gegenüber, beide am Fenster, ein Junge. Vielleicht 11 oder 12 Jahre. Der Platz neben dem Jungen ist unbesetzt.

Der schrille Ton, der das Einsteigen in die Bahn beendet, das ruckartige Starten des Zugs, der rasch Fahrt aufnimmt. Die Linie 11, aus Belleville im ärmeren Osten der Stadt ins Zentrum, ist noch nicht modernisiert. In den Kurven quietschen und kreischen die Räder auf den Gleisen. Es ist laut, man wird nach rechts und links geschüttelt, die Wagen haben keine Klimaanlage, die Luft ist verbraucht.

All das scheint der Junge mir schräg gegenüber nicht zu bemerken. Als erstes fallen seine strahlenden Augen auf. Braune, weit geöffnete Augen in einem hübschen, jugendlichen Gesicht umrahmt von dunkelbraunen Locken, keine Kappe. In einer Hand hält er eines dieser neumodischen Spielzeuge, genannt Fidget Spinner, ein Handkreisel, in der Mitte ein Kugellager, daran drei Ausleger oder Flügel. Man nimmt das Kugellager zwischen Daumen und Zeigefinger und versetzt das Ding mittels der anderen Finger in Rotation. Ist im Augenblick in. Aber dieses Spielen ist für den Jungen lediglich Nebensache. Der Blick hängt an dem Mann ihm gegenüber. Dieser sitzt leicht vornübergebeugt, wahrscheinlich um bei dem Lärm in der Bahn besser zu hören und verstanden zu werden. So sehe ich nur wenig von seinem Gesicht, wenn ich mich unauffällig in seine Richtung wende. Die Haare sind am Morgen nur flüchtig gekämmt worden, er ist unrasiert. Im Gegensatz zu der Kleidung des Jungen ist die seine verknittert, leicht abgewetzt der Hemdkragen, die Hose. Das T-Shirt und die Jeans des Jungen sehen dagegen neuwertig aus. Selbstverständlich verbietet es sich, dem stockenden Gespräch zu lauschen, auch wenn uns nur wenige Zentimeter trennen.

Welch eine Erwartung steckt in dem Blick des Jungen! 

Ist das der Vater, den er nur jedes zweite Wochenende sieht? Und selbst das klappt nicht immer. Früh wird er an diesen Freitagen wach, weiß er doch, dass Vater im Laufe des Vormittags klingelt. Der kommt nicht hoch in die Wohnung, in der er alleine mit seiner Mutter lebt. Wie gerne möchte er die Hand des Vaters auf dem Weg zur Metro ergreifen, aber der versteckt  seine Hände in den Hosentaschen. Wohin geht die Fahrt heute? In einen Vergnügungspark? In ein Kaufhaus? Gibt es danach Pommes frites? Oder einen Burger? Und geht es später dann ins Kino? Vielleicht hat Vater auch DVDs besorgt, die sie sich zuhause bis tief in die Nacht anschauen werden. Erzählen muss er nicht viel. Egal, ob er eine neue Freundin hat, egal, was er in den zwei Wochen, die zwischen den Besuchen liegen, macht. Er muss nur da sein, sein Vater.

An der Station ‚Place de la République‘ steigen die beiden aus. Ich sehe noch, wie der Sohn versucht, nach der Hand des Vaters zu greifen. Da ertönt das schrille Signal und die Bahn fährt ruckartig los.

 

 

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15. Juni 2020: Dieter Weiß, "Wörtersee"

 

„Wie war das mit dem Wörthersee?“ fragt Sonja ihre Freundin Rita, nachdem sie sich auf dem Bahnsteig freudig begrüßt haben.

„Warte nur; jetzt fahren wir erstmal zu mir nach Hause und dann sehen wir weiter“.

„Aber das ist doch ganz schön weit – Salzburg – Villach ...“

„Nun warte doch einfach mal ab.“

„Na ja, du warst ja schon immer ein bisschen geheimnisvoll. So kenne ich dich. Hier hat sich aber ganz schön viel verändert. Sieben Jahre ist es jetzt her, dass ich Traunstein zum letzten Mal gesehen habe. Ich bin ja so gespannt, wie du jetzt wohnst – und vor allem natürlich auf deinen Mann.“

„Ersteres wirst du gleich sehen, letzteren erst heute abend. Da vorn beginnt schon unsere Nussbaumstraße.“ 

„Hübsch wohnt ihr hier, direkt am Wald; so hätte ich’s auch gern.“

„Ja, es war eigentlich ein Zufall, dass wir dieses Grundstück bekommen konnten. Der Vorbesitzer wurde nach Magdeburg versetzt, und das Häuschen war wie für uns geschaffen. – Aber weißt du was? – Stell deinen Koffer einfach hin, mach dich ein bisschen frisch, wenn du willst und komm auf die Terrasse. Wir nutzen das schöne Wetter und legen uns unter die Markise. Nachher soll’s Gewitter geben und dann können wir noch lang genug drin sein.“

„Aach – ist das bequem! Blick direkt auf die großen alten Buchen. Das ist so wohltuend.“

„Wenn du dich satt gesehen hast dann schließ die Augen. – Und jetzt stell dir vor, da drüben wäre ein kleiner See. Das mache ich oft wenn ich hier liege. Und das ist mein Wörtersee.“

„Warum gerade der Wörthersee? Es könnte doch auch irgendein anderer See sein.“

„Nein. Es muss der Wörtersee sein. Lass das ‚h’ weg und stell dir vor, dass in dem See ganz viele Wörter schwimmen. Jedes könnte dir eine Geschichte erzählen.“

„Mir hat noch nie ein Wort eine Geschichte erzählt. Das ist doch irgendwie ...“

„Ein bisschen Phantasie brauchst du halt schon. Aber vielleicht begegnet dir ein Wort, über das du selbst eine kleine Geschichte erzählen kannst. denk mal ein bisschen nach.“

„Purpur.“

„Siehst du, es geht. und was ist mit Purpur?“

„Ein Männlein steht im Walde...“

„Es hat von lauter Purpur...“

„Ja, und ich habe als Kind verstanden: ‚es hat von lauter Popo ein Mäntlein um. Und das gab für mich beim besten Willen keinen Sinn. Ich hätte ja fragen können, aber ich hab’s halt nicht getan und irgendwann später wusste ich natürlich was Purpur ist.“

„Ja, und wenn dir das Wort selbst eine Geschichte erzählen könnte, dann würde es dir sicher berichten, dass es schon ganz alt ist und im Althochdeutschen und Latein genauso hieß und dass die Römer es wie so vieles von den Griechen übernommen hatten, die mit Porphyra den kostbaren roten Farbstoff bezeichneten, der aus Schnecken gewonnen wurde, die man noch heute Purpurschnecken nennt.“

„Porphyr kenne ich als Grabstein meiner Großeltern.“

„Richtig. Das Gestein Porhpyr hat seinen Namen ebenfalls von der rötlichen Farbe, wie das Männlein im Walde.“

„Und warum heißt nun eigentlich der Wörthersee Wörthersee?“

„Das habe ich mich auch gefragt, als ich anfing, in meinem Wörtersee zu baden. Ich dachte, er sei nach dem Ort Maria Wörth benannt.“

„Das ist er dann wohl nicht?“

„Umgekehrt – der Ort ist nach dem See benannt. Früher gab es vier Inseln in dem See, und ein altes Wort für Insel ist ‚Werder’“

„Werder Bremen?“

„Genau! Der Bundesliga-Verein ist nach einer Insel oder wenigstens Halbinsel benannt, wo sich sein ursprüngliches Trainingsgelände befand“

„Is ja irre!

„Merkst du jetzt, wie schön es ist, im Wörtersee zu baden?“

„Langsam kriege ich auch Spaß daran.“

„Übrigens so eine Wortgeschichte wie mit dem Mäntlein von lauter Popo habe ich auch. Als ich klein war, kurz nach dem Krieg, da gab es bei uns keinen Kaffee zu kaufen, sondern nur ‚Kaffee-Ersatz’ und das Wort Ersatz kannte ich eben nur als Kaffee-Ersatz. Und dann kam im Radio das Lied:

Das ist die Liebe der Matrosen.

Auf die Dauer lieber Schatz

ist mein Herz kein Ankerplatz.

Es blüh’n an allen Küsten Rosen

und für jede gibt es tausendfach Ersatz.

Mit der Vorstellung von Kaffee-Ersatz konnte ich das genauso wenig verstehen wie du das Popo-Mäntlein.“

„Dazu fällt mir ein, dass ‚ersatz’ eins der ganz wenigen Wörter ist, die als Fremdwort aus dem Deutschen ins Französische übernommen wurden.“

„Tatsächlich?“

„Ja, jeder Franzose kennt das Wort ersatz mit derselben Bedeutung wie bei uns.“

„Aber unsere Namen sind ja eigentlich auch Wörter. Weißt du. was Sonja bedeutet?“

„Ich glaube, das hat was mit Weisheit zu tun.“

„Das stimmt. Sonja kommt aus dem Russischen und ist eine Koseform von Sophia, was tatsächlich vom Griechischen her Weisheit bedeutet. Wir kennen ja viele Wörter, die auf –sophie enden.“

„Mm, das ist ein schönes Gefühl, so einen Namen zu haben.“

„Freu dich nicht zu früh! Sonja heißt nämlich auch Schlafmütze.“

„Ach komm, jetzt willst du mich auf den Arm nehmen.“

„Du kannst es ja nachprüfen. Das kommt von somnium, was im Lateinischen soviel wie Traum oder Schlaf bedeutet.“

„Daher kommt dann wohl auch ‚somnambul’ – schlafwandlerisch?“

„Genau. Und darin steckt noch ambulare – spazierengehen. Somnambul nennt man ja die Menschen, die im Schlaf spazieren-gehen.“

„Ach – und die Ambulanz ist dann etwas wohin man spazierengeht?“

„Sozusagen. Man geht zu Fuß hin und hoffentlich auch wieder weg.“

„Also, die ‚Schlafmütze’ hat mich doch ganz schön getroffen.“

„Na ja, vielleicht tröstet es dich ein bisschen, wenn ich dir sage, dass mein Name denselben Ursprung hat wie das Wort Margarine.“

„Eins zu eins! Ich glaube, jetzt haben wir genug in deinem Wörtersee gebadet.“

 

 

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Vor kurzem hatten wir Besuch von Freunden, die wir lange nicht gesehen hatten. Wir saßen im Hof auf Abstand. (Ihr wisst ja, Corona!) Es war ein schöner Frühlingsnachmittag. Die Sonne schien auf unsere kleine Terrasse. Einer fragte verwundert, welch eigenartiges, vertrocknetes Brennholz bei uns herumstehe. 

 

Was meinst du mit Brennholz, entgegnete ich leicht verärgert. Das sind meine Baumgeister, die sind schon sehr alt und möchten hier ihre letzten Tage in Ruhe verbringen, nach ihren Auftritten im KuKuK, im Gailschen Park, bei der Landesgartenschau 2014 und beim letzten Auftritt 2019 zur Fünfjahresfeier der Gießener Landesgartenschau. 

 

Alle sahen mich skeptisch und etwas mitleidig an, so als sei dies wieder einer meiner merkwürdigen Witze, die eh niemand versteht. Da musste ich dann doch die ganze Geschichte erzählen:

 

Es war vor vielen Jahren, an einem schönen Sonntagnachmittag, so wie heute. Ich hatte gut zu Mittag gegessen: Lammkoteletts, zartrosa gebraten mit kleinen Kartöffelchen, feinen Böhnchen, in Tomaten-Knoblauch-Öl gedünstet und dazu einen kühlen Rosé getrunken. Zugegeben, es war mehr als ein Glas und mir war wohlig und schläfrig. Dennoch dachte ich, ein Spaziergang täte mir gut. 

 

Am Anfang des Fohnbachtals ging ich hoch Richtung Krokel und dann am Wald entlang. Immer noch etwas benommen vom Mittagessen und dem leckeren Wein, setzte ich mich auf eine Bank am Waldrand. Die Luft flirrte vor Hitze, doch aus dem Wald kam ein kühler Hauch. Nein, es war mehr als ein Hauch: Mich schauerte, plötzlich war es kälter geworden. Die Sonne hatte sich hinter einer dicken, bedrohlich schwarzen Wolke verborgen. 

 

Ein leises Knacken ließ mich aufhorchen. Ich blickte mich um und sah, gegen die hinter der Wolke hervor lugende Nachmittagssonne, ein paar eigenartig schwankende Bäume, wie vom Wind geschüttelt. Es wehte kein Lüftchen, wieso bewegten sie sich? Und dazu noch auf mich zu? Mit merkwürdigen, gakeligen Schritten kamen sie näher. 

 

Ich bin kein ängstlicher Mensch, doch was ich sah, ließ mein Blut in den Adern erstarren. Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Nein, was aussah wie Bäume, konnten keine Bäume sein: es waren vielmehr verästelte Wesen mit schrecklichen Mündern und spinnenartigen Fingern. Ich vernahm leise Stimmen in einer mir unbekannten Sprache, als sie wie in einer Prozession an mir vorbeizogen und im Wald verschwanden. Dann war der Spuk vorbei. Noch ganz vom Eindruck des soeben Erlebten durchdrungen, ging ich nach Hause. 

 

Doch die Erinnerung an dieses Erlebnis beschäftigte mich noch lange und verfolgte mich in meinen Träumen. Ein befreundeter Künstler vom KuKuK riet mir, die Begebenheit künstlerisch darzustellen, um das 

Trauma zu verarbeiten.

 

So entstand er, der Sonntagsspaziergang der Baumgeister.

 


Die Katze 

Ein kleiner Imbiss für den Zahn der Zeit

 

„Was soll denn das sein?“ sagte der Tierarzt.“Wie soll ich denn eine Katze behandeln, von der nur der Kopf übrig ist? Ein Kopf alleine lebt doch sowieso nicht!“

„Haben Sie eine Ahnung!“ empörte sich die Katze. “Der Kopf ist schließlich das Wichtigste! Darin sitzt das Gehirn, und das steuert alles! Solange ich ein Gehirn habe, bin ich immer noch eine Person!“

Der Tierarzt schnappte ein wenig nach Luft, sagte dann aber nur: „Und was ist mit Deinem Körper passiert?“ „Der war eine Kaffeekanne, die ist runtergefallen. Jetzt bin ich nur noch mein Deckel, wie Sie sehen.“

„Und warum sitzt Du auf diesem albernen Teller?“ fragte der Tierarzt.

„Das ist kein alberner Teller, der ist schon mehr als 100 Jahre alt!“ giftete die Katze. “Wer keine Kaffeekanne mehr hat, wird doch wohl einen Teller besitzen dürfen! Außerdem bin ich der Meinung, dass er mir ganz ausgezeichnet steht!“

„Oh bitte!“ grinste der Tierarzt, „so war es gar nicht gemeint! Ich werde doch einem Kopf mit Gehirn nicht zu nahe treten! Ich frage mich nur, wie ich Dich untersuchen soll. Normalerweise drücke ich den Tieren auf den Bauch und dann merke ich, was ihnen fehlt.“

„Nun, mir fehlt mein Körper, das können Sie wohl sehen, ohne zu drücken. Und wenn Sie unbedingt auf einen Bauch drücken wollen, dann drücken Sie doch auf Ihren eigenen- dick genug ist er ja. Da finden Sie bestimmt etwas, was Ihnen nicht fehlt, sondern viel zu viel ist.“

„So eine Unverschämtheit!“ raunzte der Tierarzt. „Und was das Dicksein betrifft- Du hast Pausbacken und ein Doppelkinn! Deine Kaffeekanne war wohl auch eher voluminös! Ich weiß überhaupt nicht, was ich mit Dir anfangen soll!“

„Phh“ machte die Katze und zog die Augenbrauen ein wenig höher. „Es gab schon Leute, die nahmen einen Kopf in die Hand und sagten: „to be or not to be“ , aber das war schließlich Weltliteratur!“

Der Tierarzt zog scharf die Luft ein, trat einen Schritt zurück und wurde höflich, ohne es zu merken. „Woher kennen Sie diesen Satz?“

„Ach, Sie glauben ja gar nicht, was man auf Kaffeetischen so alles zu hören bekommt.“ flötete die Katze. „Ich meine ausdrücklich nicht den gewöhnlichen Klatsch und Tratsch von Jedermann, sondern Diskussionen über Literatur, Musik, Theater, Wissenschaft, Kunst….… 

Haben Sie z.B. gewusst, dass die Blogger, die Fotos von ihrem Essen ins Internet stellen, wahrscheinlich durch Pop Art und  Objektkunst des 20. Jahrhunderts angeregt wurden? Oder dass der chinesische Admiral Zheng He schon 1425 intensive Handelskontakte mit Ostafrika und Persien aufnahm? Rohstoffe gegen chinesisches Porzellan und andere Industriewaren- Sie verstehen-:“ 

Der Tierarzt suchte gereizt nach einem Bonmot oder einer Gehässigkeit, um sein angeschlagenes Ego wieder aufzurichten.

„Dann haben Sie bei all Ihren geistigen Übungen hoffentlich auch mitbekommen, dass wir Menschen immer das letzte Wort haben?“

Die Katze flirrte ein wenig mit den Augendeckeln. „Das vorletzte. Immer.“ säuselte die Katze süffisant.

 

 

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25. Mai 2020: Christine Zickmann,  zwei Gedichte mit Zeichnungen der Autorin

Zum Vergrößern, bitte auf die Zeichnungen klicken

 

Die Spinne Schlackerbein 

 


 

 

 

Der Fuchs und die Maus

 

 



 

18. Mai 2020: Günter Wirtz, "Herr Doof"

 

Man muss schon sagen, das ist Pech. Keiner seiner Freunde und Bekannten würde jemals behaupten, dass er so wäre wie sein Name, aber wenn man ‚Doof‘ heißt, ist das schon eine gewisse Belastung. ‚Guten Tag, Herr Doof‘, wie oft muss sich Herr Doof das täglich anhören. Gleich, ob auf der Straße, beim Einkauf oder auf der Arbeit. Überall: ‚Guten Tag, Herr Doof.

Wenn er doch wenigstens ‚Klein‘ oder ‚Groß‘ oder ‚Dick‘ oder ‚Dünn‘ hieße, aber ‚Doof‘ ist echt doof. Wer ist schon gerne doof? Kleine Menschen gelten als energisch, als durchsetzungsfähig, siehe Napoleon mit seinen 1,54 Metern. Vor großen Menschen hat man Hochachtung, sie stellen etwas dar, siehe Dirk Nowitzki mit seinen über zwei Metern. Dicke Menschen sollen gemütlich sein, dünne sind drahtig, sportlich; man schaue sich nur die Läufer, Kurzstrecke, Mittelstrecke, Langstrecke, an. 

Doofe Menschen sind einfach nur doof; da helfen nicht einmal die Stummfilmschauspieler Dick und Doof. Oder? Doof guckt doof, völlig vertrottelt. Na ja, ist ein Schauspieler; der spielt nur doof. Während Herr Doof, da kann er machen, was er will, auf der Straße, beim Einkauf oder auf der Arbeit: ‚Guten Tag, Herr Doof‘, immer ist er Herr Doof, und dieser Gruß ist meist mit so einem gewissen, milden Lächeln im Gesicht verbunden, so nach dem Motto ‚Ist schon ein armer Kerl, dieser Herr Doof‘.

Herr Doof ist beim Einwohnermeldeamt gewesen; er wollte eine Namensänderung veranlassen; die zuständige Verwaltungsangestellte hat gesagt ‚Geht nicht. Nur bei Namen wie ‚Piss‘ oder ‚Scheiß‘ oder ‚Kotz‘ ginge es. Selbst bei Namen wie ‚Urin‘ oder ‚Stuhlgang‘ sei es nicht zulässig; das seien quasi medizinische Begriffe. Und ‚Doof‘, dann müsste man auch ‚Dick‘ und ‚Dünn’ und ‚Groß‘ und ‚Klein‘ verbieten‘. Herr Doof will protestieren und auf den Unterschied zwischen ‚doof‘ und den anderen Eigenschaftsworten verweisen, aber er merkt schon an dem strengen Blick der Angestellten, dass er da auf Granit beißt. Niedergeschlagen trollt er sich, nachdem ihm die Dame ein ‚Auf Wiedersehen, Herr Doof‘ nachgeworfen hat.

Zu Hause angekommen, setzt er sich vor den Fernseher und ist traurig.

Dass es aber auch ganz anders kommen kann, dass Herr Doof auch einmal Glück haben kann, dass wirst du gleich erfahren.

Eines Abends nämlich, als er allein und traurig zu Hause war, da schaltete er seinen Fernseher an.

Eine Ratesendung hat er geschaut und gestaunt, wie viele Fragen, die den Kandidaten gestellt wurden, er beantworten konnte. Da hat er überlegt, sich auch einmal bei der Ratesendung zu bewerben, hat im Internet die Seite gesucht und ein paar Fragen beantwortet. Zu Anfang hat er täglich auf eine Antwort des Senders gewartet, es kam aber keine. Schließlich hat er das Warten aufgegeben und hatte seine Bewerbung schon fast wieder vergessen, da meldet sich der Fernsehsender bei ihm und lädt ihn zu der Rateshow ein - schon in drei Wochen. Herr Doof ist ganz aufgeregt, fängt an, drei Tageszeitungen zu lesen, blättert stundenlang im Atlas und in Geschichtsbüchern, überlegt, wen er als Telefonjoker wählen soll. Letzteres fällt ihm sehr schwer, da kaum einer seiner Bekannten ihm, dem Herrn Doof, zutraut, in einer Ratesendung, wo es um viel Wissen und Geld geht, aufzutreten. Schließlich lassen sich aber doch drei Bekannte breit schlagen und willigen ein, ihn, wenn eben möglich, am Telefon zu unterstützen. Insgeheim denken sie, ‚der kommt sowieso nicht so weit, da sind die Fragen, die wir am Telefon gestellt bekommen, sicher leicht zu beantworten‘.

Der Tag der Aufzeichnung der Show naht. Seltsamerweise ist Herr Doof jetzt gar nicht mehr so aufgeregt, er hat sich seines Erachtens gut vorbereitet. Was soll ihm viel passieren? Er weiß, dass die Leute, die ihn kennen, ihm nicht so viel zutrauen.

Er erwischt einen guten Start; er hat am schnellsten die Auswahlfrage richtig beantwortet und landet auf dem Stuhl gegenüber dem Moderator. Der spricht ihn zuallererst auf seinen Namen an: „Herr Doof, das ist ja nun wirklich kein schöner Name. Fühlt man sich da nicht ein bisschen komisch?“ Herr Doof hat schon fast mit solch einer Frage gerechnet und antwortet sehr ehrlich: „Wissen Sie, Herr Zauch, es hat schon Nachteile mit diesem Namen, und viele Menschen schauen mich mitleidig an, wenn sie meinen Namen hören; das stimmt mich oft traurig. Aber ich kann nichts daran machen, eine Namensänderung hat man abgelehnt.“

Der Moderator wirkt nachdenklich und beruhigt Herrn Doof: „Schauen Sie, Sie haben die Auswahlfrage sehr schnell richtig beantwortet; das spricht deutlich dagegen, dass Sie ungebildet sind. Wollen wir anfangen?“

Ruckzuck sind die ersten Fragen bewältigt und selbst bis zu einer fünfstelligen Gewinnsumme hat Herr Doof noch keinen Joker in Anspruch nehmen müssen. Bei der ersten Frage im fünfstelligen Gewinnbereich aber zögert er. Obwohl er den Atlas studiert hat,  ist ihm die Lage und Länge der Flüsse in Südamerika nicht geläufig. Er bittet das Publikum um Hilfe und fügt, wie so viele Kandidaten es tun, hinzu, es solle doch wirklich nur derjenige eine Antwort geben, der sich seiner Sache sicher ist. Das Ergebnis ist nicht ganz eindeutig, denn zwei Antworten werden vom Publikum favorisiert, aber Herr Doof, in seiner eigenen Vermutung bestärkt, entscheidet sich zu einer Antwort … und liegt richtig.

Eine nette Summe ist ihm garantiert. Der Moderator fragt wie gewohnt bei dieser Gewinnstufe nach den Wünschen des Kandidaten. Herr Doof ist im Grunde seines Herzens mit seinem Leben zufrieden, nur einen Wunsch hat er und den äußert er: „Ich würde gerne einen anderen Namen haben.“ Woraufhin der Moderator fragt: „Ist das denn so schwierig? Und ist das denn kostspielig?“ Da erzählt Herr Doof die Geschichte aus dem Einwohnermeldeamt, die du schon aus der gestrigen Geschichte kennst. Herr Zauch ist beeindruckt und kann den Ärger und die Enttäuschung des Kandidaten verstehen. Nach weiteren Wünschen gefragt, gibt Herr Doof an, dass er gerne eine Weltreise unternehmen würde; aber dazu bräuchte er wohl noch ein bisschen mehr Geld. 

Also geht es weiter … und unter Verlust eines zweiten Jokers ist Herr Doof im sechsstelligen Gewinnbereich angekommen. Der Moderator betont zum wiederholten Male, dass der Name wirklich nichts mit der Intelligenz seines Kandidaten zu tun habe, da kommt die erste Frage mit der sechsstelligen Gewinnsumme. ‚Welche Bürger in deutschen Großstädten mit über 500.000 Einwohnern bilden die bevölkerungsreichste Gruppe‘? A: Mitbürger mit einem ausländischen Pass B: Beamte C: Rentner D: Schulkinder.

Eine schwere Frage, der Gewinnstufe angemessen. Herr Doof ist ratlos; seine drei Telefonjoker? Die wissen das nie und nimmer. Was tun? Den Joker verschenken? Das macht man nicht. Aber es gibt ja die Möglichkeit, per Zufallsgenerator eine beliebige Person in einer Stadt anzurufen. Herr Doof wählt seine Heimatstadt und bittet den Moderator, dort jemanden anzurufen.

Gesagt, getan. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Frauenstimme: „Schnabeltasse“. „Hier Günther Zauch. Frau Schnabeltasse, Sie sind per Zufallsgenerator als Telefonkandidatin in unserer Ratesendung ausgewählt, unserem Kandidaten bei seiner 125.000 Euro-Frage zu helfen. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?“ 

„Ich arbeite auf dem Einwohnermeldeamt“, kommt die Antwort. 

Der Moderator ist bass erstaunt: „Das trifft sich gut. Das könnte unserem Kandidaten helfen. Was bearbeiten Sie in ihrem Amt?“ 

 „Ich betreue die Buchstaben A – F im Bürgerbereich“. 

Das Staunen wird immer größer. 

„Kennen Sie etwa Herrn Doof?“, fragt der Moderator. 

Frau Schnabeltasse zögert. Natürlich erinnert sie sich an den Auftritt, als Herr Doof seinen Namen geändert haben wollte, und wie sie dieses Ansinnen abgelehnt hat. Sie fragt vorsichtig: „Sitzt der Herr bei Ihnen?“

Herr Doof hat das Gespräch verfolgt und, nicht auf den Mund gefallen, will etwas sagen, wird aber sofort von Herrn Zauch unterbrochen, der feststellt: „Jetzt klären wir das zuerst einmal mit unserer Kandidatenfrage. Sind Sie bereit?“ 

Herr Doof stellt die Frage, Frau Schnabeltasse überlegt kurz, dann tippt sie auf eine der vier Antworten und fügt hinzu, sie sei sich zu 90% sicher.

Herr Doof bedankt sich, die Antwort wird eingeloggt … und Herr Doof ist, wenn er kein Risiko mehr eingeht, um 125.000 Euro reicher. Herr Zauch lässt Frau Schnabeltasse nicht so leicht in der Telefonleitung verschwinden. 

Er sagt: „Liebe Frau Schnabeltasse, Sie hören ja, Herr Doof hat mit Bravour die sechsstellige Gewinnsumme erreicht und er ist noch nicht am Ende. Er ist folglich alles andere als doof. Was können wir denn da alles im Einwohnermeldeamt machen?“ 

Frau Schnabeltasse stottert, verweist auf ihren Vorgesetzten, sie habe keine Befugnisse bei Namensänderungen. Da schaltet sich Herr Doof ein und stellt sachlich fest, dass sie sehr wohl damals alleine, ohne nachzufragen, entschieden hätte, dass eine Namensänderung nicht möglich wäre. Frau Schnabeltasse ist ganz kleinlaut, aber der Moderator will sie nicht beleidigen oder gar fertig machen und lenkt freundlich ein: „Wissen Sie, Frau Schnabeltasse, nächste Woche kommt der schlaue Herr Doof mal bei Ihnen im Amt vorbei, nicht, dass er Sie mit 125.000 Euro bestechen wollte, nur mit der kleinen Frage nach einer Namensänderung … und, im Durchschnitt schauen fünf Millionen Menschen unsere Sendung, und da bin ich mir sicher, dass die alle es ganz toll fänden, wenn Herr Doof ab nächster Woche Herr Schlau hieße.“

 

 

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11. Mai 2020: Gabriele Herlitz, "Unheimlich Schön"

 

 

unheimlich schön

 

der Himmel spannt sich weit, klar und blau

von Horizont zu Horizont

 

gestochen scharf die Konturen der Orte, Häuser:

Wege in der Landschaft.

 

Der Frühling schimmert in den Bäumen.

 

Es ist kein Mensch zu sehen, mein Hund bleibt nah bei mir; jagt nicht über die Felder wie sonst.

 

Der Rotor des Hubschraubers zerhackt die Stille.

 

Dann kein anderes Motorengeräusch, keine Flugzeuge, nicht einmal das ferne Brummen der Autobahnen.

 

Plötzlich die Lerche –

ihr Zwitschern bricht je ab

 

unheimlich schön

 

 

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11 . Mai 2020: Dieter Weiß

 

Meine kleine Manufaktur

Es war eine schlechte Zeit. Und wenn man später in guten Zeiten immer wieder von der „schlechten Zeit“ sprach, dann waren genau jene Jahre gemeint.

Jetzt ist auch eine schlechte Zeit, eine sehr schlechte sogar. Noch kann niemand sagen, wann und wie sie enden wird. Es ist unsere Gegenwart. Wenn ich also von der schlechten Zeit spreche, meine ich jene und nicht die Gegenwart, die ich trotz ihrer Schlechtigkeit einfach Gegenwart nenne. 

In der schlechten Zeit hatte ich eine kleine Manufaktur. In der Gegenwart habe ich keine Manufaktur mehr. Ich hatte auch in all den Jahren zwischen der schlechten Zeit und der Gegenwart keine. Das habe ich aber nie als Mangel empfunden. 

Wenn ich von Manufaktur spreche, dann meine ich das im ganz ursprünglichen Sinn (manus – die Hand, facere – machen). Das Produkt, das ich herstellte, wurde von allen Mitgliedern der Hausgemeinschaft bzw. Familie (Oma, Opa, Mutter, Vater, Tante, Onkel und auch dem Manufaktor selbst) regelmäßig benötigt und verwendet, und ich konnte die Produktion immer gut an die aktuelle Nachfrage anpassen. 

Ohne dass ich das Wort damals kannte, kann ich rückblickend sagen, dass sich meine Manufaktur – in bescheidenem Maße – mit Origami befasste. Das Grundmaterial für die Produkte meiner Manufaktur wurde täglich durch Boten geliefert. Es musste aber vor der Weiterverarbeitung etwa eine Woche gelagert werden. 

Der erste Origami-Schritt war schon fabrikmäßig ausgeführt worden, so dass ich gleich dem zweiten Schritt beginnen konnte. 

Und hier sollte ein echter Origami-Künstler nicht weiterlesen.

Jetzt kommt nämlich eines meiner Werkzeuge ins Spiel. Dessen Bezeichnung war für mich anfangs sehr befremdlich, dachte ich doch bei dem Ausdruck zunächst an die Verkleinerungsform des umgangssprachlichen Ausdrucks für eine Gastwirtschaft. Damit wird also das Zwischenprodukt an der Faltkante separiert, was, wie angedeutet, einem echten Origami-Künstler in der Seele wehtun muss.

Die weitere Verarbeitung besteht nun in der Wiederholung der Schritte eins und zwei bis das Zwischenprodukt eine „handliche Größe“ erreicht hat. 

Danach kommt das zweite und letzte Werkzeug zum Zug, das mir meine Oma aus ihrem uralten Nähkasten zur Verfügung stellte. Damit werden alle Teile in 1 cm Abstand von einer der vier Ecken perforiert und im selben Arbeitsgang auf einen starken Faden gezogen. 

Damit war das Endprodukt fertig und musste nur noch an den eigentlichen Verwendungsort, etwa 20 m vom Wohnhaus entfernt, verbracht werden. 

Es war, wie anfangs gesagt, wirklich eine schlechte Zeit, aber eine Klopapierhamsterkaufhysterie war damals jenseits aller Vorstellungkraft.

 

 

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4. Mai 2020: Günter Wirtz, "Im Edekamarkt"

 

Bei uns im Dorf, nein, bei diesem Wort würden die hier Geborenen heftig protestieren, also bei uns im größten Ortsteil der Gemeinde Wetterstein ist mitten im Ort, an der Hauptstraße, neben der Poststelle, die nur ein kleiner Teil des Kiosks ist, neben der Apotheke und gegenüber der Volksbank, ein Edekageschäft. So wie das Dorf kein Dorf ist, ist dies kein Dorfladen, sondern der Edeka. 

Als sich die Edekazentrale jüngst Gedanken über eine Verlagerung des Geschäfts an den Ortsrand machte, stand die Bevölkerung Kopf. Was denn all die älteren Herrschaften ohne fahrbaren Untersatz in dem Falle machen sollten! Für die mit fahrbarem Untersatz gibt es insofern Probleme, als der Parkplatz des Marktes gerade einmal Stellplätze für acht Autos bereithält. Und wenn mit dem riesigen Edekatruck Waren angeliefert werden, ist Schluss mit lustig in der Ortsmitte. Rasch müssen Einkaufswagen, Reklameschilder und diverse Müllbehälter zur Seite geräumt werden, damit der Lastwagen millimetergenau rückwärts hinter das Gebäude rangiert werden kann. Die Hauptstraße ist eine knappe Viertelstunde blockiert, eine Vollsperrung, die jedoch nicht im Verkehrsfunk auftaucht.

Der Laden hat nicht die Größe eines Supermarktes, aber man erhält dort, es ist kaum zu glauben, nicht nur alle Dinge des täglichen Bedarfs, es gibt eine Asiaecke, eine ganze Wand mit Alkoholika, Schreibwaren und selbst elektrische Kleingeräte. Manchmal denke ich, dass es ein Glück ist, dass diese Geräte kein Verfallsdatum aufweisen, denn die Verpackungen der Brotbackautomaten, elektrischen Lockenwickler und Eierkocher machen einen recht vergilbten Eindruck. Unsere Nachbarin, die auf Grund ihrer fortgeschrittenen Parkinsonerkrankung auf einen Rollator angewiesen ist, meidet diesen Laden. Ihre Polin fährt sie in den Supermarkt in der Stadt. Warum? Ganz einfach. Die Gänge in unserem Markt sind zu schmal. Wenn man so viele Waren anbietet, der Raum jedoch begrenzt ist, muss zwangsläufig an der Breite der Gänge gespart werden. Ein Rollator passt da nicht durch.

Dienstagsvormittags ist das besonders spannend. In jedem Gang stehen mindestens zwei, meist drei Angestellte, oft auf einem umgedrehten Bierkasten, und füllen die Regale auf. Die Ware, die neu einsortiert wird, liegt in einem Einkaufswagen direkt neben dem Befüller. Eilig haben darf man es auf keinen Fall; einen eigenen Einkaufswagen sollte man ebenfalls tunlichst vermeiden. So sieht man Hausfrauen mit überquellenden Einkaufskörben sich durch die Gänge drängen; jeder kennt jeden, gegrüßt wird freundlich; schwierig wird es, wenn hinter dem Befüller auf der Bierkiste, hinter dem Wagen, in dem die Waren liegen, die bald im Regal aufgereiht werden sollen, hinter dem Einkaufswagen des älteren Herrn, hinter den drei mit überquellenden Einkaufskörben stehenden Hausfrauen die ältere Dame ihren Einkaufswagen parkt, um ihre Lesebrille aus dem Etui, aus dem Seitenfach ihrer Handtasche nestelt, um nachzuprüfen, welcher Suppeneintopf, und davon gibt es eine ganze Menge, für das heutige Mittagsmahl der richtige ist.

Ich gehe gerne in den Edekamarkt. Jetzt bin ich seit drei Jahren im Ruhestand; meine Frau arbeitet noch, da ist das Einkaufen meine Angelegenheit. Auf dem Weg zum Markt überhole ich ältere Damen und Herren mit leeren Einkaufstaschen; ältere Damen und Herren mit vollen Einkaufstaschen kommen mir entgegen. Es gibt auch ältere Damen und Herren, die mit dem Fahrrad zum Laden fahren. Wenn sie mir entgegenkommen, bin ich besonders vorsichtig und drücke mich an den Hauswänden entlang, weil die Last auf dem Gepäckträger das Gefährt manches Mal zum Schwanken bringt.

Irgendwann habe ich die Uhrzeit zwischen 9.00 und 11.00 gemieden. Das ist die Zeit der älteren Damen und Herren in dem Geschäft. Ab 11.30 Uhr wird es schlagartig leer dort; aber nicht nur die Kunden bleiben aus, die ganzen Heerscharen von helfenden Angestellten, zwei bei Obst und Gemüse, eine, nur eine, beim Kühlregal, eine beim Bäckerstand, eine an der Käse-, drei an der Metzgertheke, ein kräftiger junger Mann bei den Getränken, der Marktleiter und die übrigen sind ebenfalls, wie die Kunden, wie vom Erdboden verschluckt. Natürlich ist dann auch nur eine Kasse besetzt.

Nach längerem Warten habe ich schließlich doch den Käse ausgewählt, er ist geschnitten, verpackt und mit dem Bon versehen, leider hat die Fleischfachverkäuferin in Ermangelung der Käsefachverkäuferin aus fünf Scheiben Käse in Unkenntnis der Schnittstärke ein dreiviertel Pfund gemacht und das Stück Pecorino ist auch durch das leicht schräg angesetzte Messer zu einem 620-Gramm-Stück geworden. Quark und was sonst fehlt ist alles im Einkaufskorb, auf zur Kasse; nur drei Kunden vor mir; für diese Uhrzeit eine Menge, aber als Ruheständler habe ich es nicht eilig; ein Vorurteil, wer meint, Rentner hätten nie Zeit. 

Das Gespräch zwischen der Kassiererin und der älteren Dame zieht sich in die Länge; der zu zahlende Betrag ist genannt, das Portemonnaie schlummert jedoch noch in den Tiefen der Handtasche. Niemand murrt. Haben sie einmal die Kassiererin in einem Discounter bei der Arbeit beobachtet? In einer Sekunde zieht sie drei Teile über den Scanner, sie hat das Wechselgeld schon in der Hand, bevor du überhaupt die Summe verinnerlicht hast. Aber ich bin im Edekamarkt bei uns im Ort. Hinter mir stehen mittlerweile zwei weitere Kunden. Einer von ihnen, ein Handwerker mit einem Fleischkäsebrötchen und einer Cola, scharrt doch wahrhaftig mit den Füßen! Das hat unsere Kassiererin bemerkt. Mit lauter Stimme ruft sie nach Martina, die doch bitte die zweite Kasse besetzen soll. Erleichterung hinter mir. Ich bin wieder der letzte Kunde an meiner Kasse. Unterdessen hat die ältere Dame ihre Geldbörse hervorgeholt, nestelt mit steifen Fingern im Kleingeldfach und findet nicht die gewünschten Münzen. Die Kassiererin bietet ihre Hilfe an; die Kundin reicht ihr bereitwillig das   Portemonnaie; endlich geschafft. Die Waren der nächsten Kundin werden über den Scanner gezogen; auch sie ist mit der Kassiererin bekannt; wie ich unschwer mitbekomme, sind sie beide im örtlichen Karnevalsverein aktiv, sehr aktiv. Da muss rasch noch die nächste Sitzung vorbereitet und detailliert besprochen werden; und ich hatte gedacht, das wäre Männersache; aber zur Weiberfastnacht haben die nichts zu melden. Glücklicherweise hat die Dame nur wenige Dinge eingekauft und ist endlich auch abkassiert. Die Kassiererin an der zweiten Kasse ist schon wieder im hinteren Teil des Marktes verschwunden, so dass sich hinter mir ein weiterer Handwerker mit einem kräftigen Mettbrötchen anstellt. Nur noch eine Kundin vor mir; ich kann sogar schon meine Waren auf das kurze Band legen. Diesmal scheinen sich Kundin und Kassiererin nicht zu kennen; die Kundin ist von kräftiger Statur; sie ist etwas umständlich; beim genauen Blick auf das kleine Display der Kasse fällt ihr ein Handschuh auf den Boden. Nun ist der Raum zwischen Kasse und den oben erwähnten Elektrogeräten, wo sich obendrein leere Kartons für die Kunden, die keine Einkaufstasche dabei haben, stapeln, sehr schmal. Vorne steht immer noch die Karnevalsaktivistin, die jetzt, nachdem sie ihre Waren in ihrem Korb verstaut hat, aufmerksam das vor der Kasse liegende Bonheft (Messersatz) studiert, der Mettbrothandwerker hat sich mir von hinten gefährlich genähert, beziehungsweise versuche ich ebenfalls, dem beißenden Zwiebelgeruch, gepaart mit den Ausdünstungen seiner verschwitzten Handwerkerjacke, auszuweichen, so dass für die Suche nach dem verlorenen Handschuh recht wenig Platz bleibt. Zum Glück nimmt die Kassiererin das nicht zum Anlass, sich ebenfalls auf die Suche zu machen, sondern sie bringt ruhig ihre Arbeit zu Ende. Alle Waren sind gescannt, 18,36 Euro; der Handschuh ist gesichtet, noch nicht gehoben, da klingelt ein Handy … vor mir. Die korpulente Dame wird hektisch; die Kassiererin äußert die Summe, der Handschuh ist noch nicht gehoben, und das Handy meldet sich. Letzteres scheint am Wichtigsten. Aufgeregtes Suchen in Jackentaschen, Handtasche, Einkaufskorb. Die Tasten sind winzig, nur ja die richtige Taste drücken, um das Gespräch in Empfang nehmen zu können. Ich möchte jetzt nicht das ausführliche Gespräch zwischen der Kundin vor mir an der Kasse des Edekamarktes mit einer allem Anschein nach guten Bekannten, die, so ist es den Worten der Dame zu entnehmen, sich nach ihrem momentanen Aufenthaltsort erkundigt, selbst mitteilt, dass sie nebenan vor der Postfiliale steht, ohne Schirm, obwohl es angefangen hat zu nieseln und deshalb die frisch ondulierte Frisur erheblichen Schaden nehmen könnte, da ja heute Morgen bei ihrem Weggang von Zuhause nicht ein Wölkchen am Himmel zu sehen gewesen wäre. Woher ich das so genau weiß? Ja, weil bei jeder Wiederholung dieser betrüblichen Angelegenheit die Dame vor mir ihr größtes Bedauern zum Ausdruck bringt. Aber, wie gesagt, ich will mich hier nicht weiter mit der detaillierten Wiedergabe des Gesprächs aufhalten. 

Mit der freien Hand, übrigens, versucht die Dame die ganze Zeit, ihr Portemonnaie zu finden; die linke Hand ist die freie Hand; mit dieser in die rechte Jackentasche zu greifen, ist schwierig, damit in dem Einkaufskorb zu wühlen, der mittlerweile schon auf der Warenablage hinter der Kasse angelangt ist, ist schwierig. Da hat die Kassiererin ein Einsehen mit mir. Sie unterbricht den Zahlvorgang, greift meine Waren, scannt sie, ich habe den Gesamtpreis schon ausgerechnet und das passende Geld in Händen und verschwinde, nicht ohne freundlich in den Laden gegrüßt zu haben, aus dem Geschäft.

Was soll’s. Ich habe Zeit; das Einkaufen bei uns im Edekamarkt macht mir Spaß; heute muss ich nur noch das so eben Erlebte niederschreiben, ich bin ja Ruheständler.

Auf dem Rückweg vom Markt habe ich in der Linken die gut gefüllte Einkaufstasche. Ich wundere mich, dass die junge Frau, die mir auf dem Fußgängerweg entgegenkommt, freundlich lächelnd, in eine Hofeinfahrt ausweicht, um mich ungehindert vorbeizulassen.

 

 

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