KuKuK-Textwerkstatt

An dieser Stelle gibt es jeden Montag einen oder mehrere Textbeiträge von der schreibenden Zunft des Vereins, sei es Lyrik oder Kurzgeschichte. 




Tagebuchimpressionen
Den Dichterkollegen in Marburg abgeholt, dann noch gut 20 Kilometer. Vor dem Bürgerhaus treffen wir Carla, sie hat Blumen und ein Buch besorgt. Das Buch, ein Taschenbuch, war gewünscht. Draußen rauchen ein paar Gäste. Drei Uhr nachmittags. Die Familie des Geburtstagskinds hat drinnen zu Mittag gegessen. Am Nachmittag werden Nachbarn, Freunde und der Gesangverein erwartet. Langsam füllt sich der Saal. Die Nachbarsfrauen haben ihre Lieblingskuchen gebacken. Der Tisch bordet über. 
Heinrich sitzt völlig erschöpft am Kopfende der u-förmigen Tafel in dem großen Raum. Er ist so schwach, dass er sich kaum erheben kann, um unsere Glückwünsche in Empfang zu nehmen. Seine Sprache ist stockend, die Sätze brechen mittendrin ab. 90 Jahre, ein langes, hartes, entbehrungsreiches Leben, gearbeitet in einer Lagerhalle nahebei, er ist verheiratet seit Jahrzehnten, zwei Söhne.
Am Kopfende bei ihm sitzen seine Frau, ein Sohn, zwei Enkelkinder. Seine Schwäche tut mir weh. Heinrich bittet uns, an einem der Tische Platz zu nehmen. Er bleibt sitzen. 
Der eloquente Sohn übernimmt die Pflicht des Smalltalks. Wir als Mitglieder des Autorenkreises, dem Heinrich so viele Jahre angehörte. Er schreibe ebenfalls, Sachbücher, Botanisches, weit weg im Süden der Republik. 
Heinrich ist/war ein hochbegabter Schreiber, belesen, mit feinem Humor, stilsicher. Er kommt sogar noch einmal zu uns. Ist um den ganzen langen Tisch gegangen, stellt sich wackelig zu uns, Vater, Sohn, drei Autoren. Nur kurz, muss sich wieder setzen, zu schwach zum Stehen. Wir setzen uns an einen Tisch am Ende der Tafel, überall fröhliches Geschwätz, Nachbarn trudeln ein. Immer muss Heinrich Hände schütteln, im Sitzen, an seinem Ehrenplatz, der Saal füllt sich. Uns gegenüber zwei Frauen. Schwestern? Mit zwei zappeligen Jungen. Vier Jahre? Drei Jahre? So etwa. Sie wollen laufen, raufen, springen, nicht sitzen und sich langweilen. Sehr unruhig.
Schließlich bittet der Sohn um Ruhe. Heinrich erhebt sich mühsam, einen gefalteten Zettel in Händen. Er entschuldigt sich dafür, dass seine wenigen Worte, die folgen sollen, immer wieder unterbrochen werden vom schweren Atmen. Es täte ihm sehr leid. Es sind nur wenige stockende Sätze, mit denen er sich für das Kommen der Gäste bedankt. Bei seinen Worten ist es still, selbst die kleinen Quälgeister gegenüber verhalten sich – fast – angemessen. Die Zuhörer lauschen andächtig der brüchigen Stimme. Denken sie an ihr eigenes Alter? Ihr eigenes Altern? Gäste, die meisten zwischen 30 und 80, fast alle aus dem Dorf.
Um kurz nach vier öffnet sich eine schmale Seitentüre des großen Saales. Beinahe 40 Männer zwischen 20 und 80, alle dunkelblaue Hose und hellblaues Hemd, der Gesangverein. Notenpult, der Dirigent mit zackigen, ausladenden Armbewegungen. Nach dem ersten Lied eine kurze Ansprache eines der Mitglieder an Heinrich. Überreichung der Ehrennadel in Gold für die lange Mitgliedschaft, dazu die obligatorische Urkunde. ‚Wir singen hier für dich vier Lieder‘. Heinrich bedankt sich leise. Der Chor, vielstimmig, beeindruckt nicht nur mich. ‚Wenn ich ein Mann wäre, würde ich auf jeden Fall da mitsingen‘, so meine Nachbarin voller Bewunderung. Nach dem vierten Lied dreht sich der Dirigent ruckartig zu dem Publikum um, ‚wir singen noch ein fünftes‘. Mich erstaunen vor allem die unterschiedlichen Lautstärken. Da können 40 Männer so leise singen, alle singen, dass man die berühmte Stecknadel … nun nicht ganz, und Sekunden später schwillt der Chor zu einem kräftigen Fortissimo an.
Heinrich erhebt sich, von seinem Sohn gestützt, geht nach vorne, die Sänger bilden eine lange Schlange, 40 Hände, 40 freundliche Worte. Die Kellnerin eilt mit einem großen Tablett gefüllter Pilsgläser heran. Gesang macht durstig.
Der letzte Sänger ist bei Heinrich angelangt. Jetzt darf der Geehrte endlich zurück auf seinen Platz. 
Und wir? Kurze, etwas schüchterne Verabschiedung von den dörflichen Tischnachbarn. Auf dem Weg zu Heinrich die Enkel und die Gemahlin gegrüßt. ‚Heinrich, bleib bitte sitzen‘, ‚Günter, vielen Dank, dass ihr gekommen seid. Das hat mich sehr gefreut. Ich bin so kaputt. Ich habe keinen Mittagsschlaf machen können‘.
Draußen Verabschiedung von Carla. Heimfahrt über Marburg, den Dichterkollegen Reimer abgeliefert. 
90. Geburtstag.

Schienbeintreten

Wie weit kann man sich zurück erinnern? Bis ins dritte Lebensjahr? Dann muss es vor Kriegsbeginn gewesen sein, also vor oder im Jahr 1939. Jemand hat mich auf dem Arm. Ich schaue durch ein Fenster aus dem Wohnzimmer des Bauernhauses hinaus in den Hof mit der quadratischen Miste in der Mitte, mit ihren Seiten auf vier Gebäude ausgerichtet. Davor oder daneben steht eine Gruppe von Menschen oder vielmehr sind diese Frauen und Männer in Bewegung nach draußen auf das Hoftor zu. Eine davon ist meine Mutter. Sie trägt ein Kopftuch, vielleicht auch noch ein bäuerliches Arbeitsgerät, eine Hacke, eine Sense, einen Heurechen, eine Gabel? Ich sehe sie verschwommen. Entweder sind die Fensterscheiben beschlagen oder Tränen trüben meinen Blick. Meine Mutter winkt. Zuvor war sie noch mal schnell ins Wohnzimmer hereingestürzt und hatte gesagt, dass ich aufhören solle zu weinen und bei der Golle bleiben müsse. Diese alte Frau hielt mich wohl nun auf dem Arm, mich jähzorniges und schreiendes Bündel. Ich war als Dreijähriger zu schwer für sie und schon zu stark.

Sie muss mich vom Arm gelassen, die Tür verriegelt und sich neben dem Kachelofen in einen geflochtenen Sessel gesetzt haben, denn dort sehe ich mich vor ihr stehen, meine Hände auf ihren Knien, schreiend. Sie redet auf mich ein, überfordert, ratlos gegenüber meiner Wut. Dann trete ich der alten Frau mit meinen festen Schuhen gegen die Schienbeine. Sie weint. Ich höre nicht auf.

In meiner Erinnerung hat die Geschichte keinen Fortgang.

Seit einigen Jahrzehnten liegt im Garten vor unserem Haus ein Grabstein von Margarete Eucker, geb. Schneider, gestorben 30.4.1940. Da war ich fast 4 Jahre alt. Ob sie all die Zeit von meinem 3. bis 4. Lebensjahr krank war?  

In meiner Erinnerung hat ihr Grab einen festen Platz, das ich oft zu gießen half und später auch manchmal alleine gegossen habe. Und wenn ich an dem Grabstein vorübergehe, was täglich geschieht, wünschte ich sie manchmal für einen Moment lebendig, damit ich sie um Verzeihung bitten könnte. 

 

Das Gänsegeschwader - ein Pyrrhussieg

Wenn - alle vier Wochen etwa - große Wäsche angesagt war, dann trafen sich einige Frauen der Verwandtschaft auf dem Bauernhof unter dem Vordach des Gebäudeteils, in dem die großen Kessel standen, in denen das Schweinefutter gekocht und in die das Wasser für die Kühe mit einer Handpumpe auf Vorrat eingefüllt wurde. Diese beiden Kessel wurden dann nach einem genau ausgeklügelten Plan zum Wäschekochen frei gehalten. 

Die großen Stücke, Betttücher, Oberbetten, Strohsäcke, Kopfkissen, Oberhemden, Handtücher und wohl auch Taschentücher und andere Kleinteile legten die Frauen nach einem bestimmten Waschgang zum Bleichen aus. Merkwürdigerweise bleicht Sonneneinstrahlung die Wäsche, die man feucht auf eine grüne Wiese legt und zwischendurch immer wieder gießt. Platz für diese Aktion bot ein kurz gehaltenes Stück Wiese, das zu einem größeren offenen Terrain gehörte und nur an zwei Seiten mit einem Zaun umgeben war. Mir wurde als eine erste verantwortungsvolle Aufgabe in meinem Leben die Bewachung dieser Wäschestücke aufgetragen. Als potentielle Eindringlinge galten Hühner, besonders aber Gänse, die immer wieder im Tiefflug von der Straße aus den Zaun überwanden und sich am frischen Gras der Wiese gütlich taten. Warum diese Tiere dann nicht auf der Grünfläche blieben, sondern auch die weißen Flächen mit der bleichenden Wäsche betraten, obwohl doch da kaum Gras zwischen den dicht ausgelegten Wäschestücken hervorschaute, ist wohl noch nicht wissenschaftlich untersucht worden. Hinlänglich bekannt ist dagegen, dass das Grüne, das die Gänse vorne aufnehmen, zügig dem Ausgang hinten zustrebt, so dass das Betreten der Wäsche durch diese Tiergattung nicht nur ihre Fußspuren, sondern auch grüne mehr oder weniger geformte Exkremente hinterließ, die sich auf der Wäsche deutlich abhoben.

Ich war angewiesen, dies zu verhindern. 

Für einen Vierjährigen ist das eine Herausforderung, die Mut, Entschlossenheit und Ausdauer verlangt. Mut, weil die Gänseriche ihre Herde zischend und aggressiv verteidigen, Entschlossenheit, weil nur energisches Drauflosgehen diese Tiere beeindruckt und zum Rückzug bewegt und Ausdauer, weil nach erfolgter Erstverteidigung garantiert bald eine neue Invasion droht, die natürlich ebenso zurückzuweisen ist wie die erste Welle. Ausgerüstet mit einer Gerte lauerte ich hinter einer Gartentür mit Blick auf die weiße Pracht der ausgelegten Wäsche. 

Irgendetwas muss meine Aufmerksamkeit für Minuten abgelenkt haben. Es könnten die Stachelbeeren oder Johannisbeeren gewesen sein, die im Garten reiften oder zu anderer Zeit die Pflaumen. Als ich das Schnattern der Gänse in meiner Nähe hörte, war der Zeitpunkt schon verpasst, wo ich die Eindringlinge vor dem Betreten des Terrains in Vorwärtsverteidigung hätte in die Flucht schlagen können. Die Gänseherde hatte bereits einen Teil der weißen Flächen betreten. Da blieb keine Zeit für umsichtiges Handeln und strategisches Planen, da versprach nur der direkte gradlinige taktische Zugriff Erfolg. Mit der Gerte in der Hand, lautem Geschrei auf den Lippen stürmte ich hinaus, quer über die Wäsche auf die Gänse zu, um weiteres Vordringen und größeren Schaden zu verhindern. Das gelang auf Anhieb. Von meinem und der Gänseschar Lärm, die sich laut schnatternd zurückzog, herbeigelockt kamen die Waschfrauen angerannt. Ich schritt ihnen stolz quer über die Wäsche zurück entgegen und verstand gar nicht das Gejammer der Frauen, die mich nicht lobten, nicht einmal beachteten, sondern sich gegenseitig zeigten, als ob man es nicht hätte sehen können, wo die Gänse und ich ihre Spuren hinterlassen hatten. 

Leider war mir entgangen, dass meine Schuhsohlen von meinem Aufenthalt im Garten, an den Stachel- oder Johannisbeerbüschen nicht so sauber waren, dass mir eine unbefleckte Überquerung der ausgelegten Wäsche bei meiner Vorwärtsverteidigung gelungen wäre. Das bemerkte ich nun auch. Etwas spät. 

Das war mein erster Pyrrhussieg.

 

 


Wir sitzen auf der Bank am Waldrand, die wir neulich auf einem Spaziergang entdeckt haben. „Da müssen wir noch mal hingehen, wenn richtig schönes Wetter ist, hast du damals gesagt“.

Jetzt sitzen wir hier, und es ist ein Wetter wie im Bilderbuch. Die Sonne scheint noch so warm wie man es um diese Jahreszeit nicht erwarten würde. Ab und zu spüren wir ein Lüftchen, aber das ist nur so ein Hauch. Die Wiese vor uns ist noch satt grün. Das liegt an dem ungewöhnlichen Wetter, das wir in diesem Jahr hatten. Schön ist das! 

Die Felder sehen so ordentlich aus. Ganz hinten vor dem Wald ist ein leuchtend gelber Streifen. „Sieht aus wie ein Rapsfeld, aber das gibt es doch nicht um diese Jahreszeit“. Du weißt auch nicht, was es ist? Da müssen wir mal jemand fragen, der sich auskennt.

Die Hecken sind schon bunt, vom Herbst verschwenderisch gemalt. Der lange, bewaldete Höhenzug am Horizont verliert sich im Dunst. „Wie ein Gemälde, man kann richtig mit den Augen spazieren gehen“ hast du gesagt.

Weißt du, was das Besondere an dieser Stelle ist? Man sieht überhaupt kein Haus, keine Straße, ja nicht einmal eine Hochspannungsleitung. So etwas ist in unserer Gegend ganz selten. Das ist auch der Grund, dass wir uns hier so wohl fühlen. Nur eine Reihe von Heuballen in hellgrüner Folie, ganz da hinten, erinnern uns daran, dass hier überall Menschen am Werk waren und die Landschaft mit gestaltet haben. Sie fügen sich aber so gut in die natürlichen Grüntöne ein, dass sie überhaupt nicht störend wirken.

Siehst du den großen Raubvogel da drüben? Ganz ruhig gleitet er durch die Luft. Was ist das eigentlich, ein Habicht oder ein Bussard? Ich glaube, der Habicht hat einen schmalen Schwanz und der Bussard einen breiten. Jetzt kommt er langsam näher und wir können ihn deutlicher sehen. Demnach müsste es ein Bussard sein...

Man müsste auch so über die Wiesen und Wälder gleiten können wie der Bussard. Manchmal kann ich das tatsächlich. Und dann wundere ich mich immer warum ich es nicht häufiger tue. Aber noch jedes Mal bin ich danach wieder aufgewacht. 

Ich schließe die Augen und habe den Traum wieder vor mir. Den Traum vom Fliegen.

Bist du schon mal mit einem Heißluftballon gefahren? Bei mir ist das schon viele Jahre her, aber ich kann mich noch gut an die Eindrücke erinnern, die ich dabei hatte. 

Zuerst gleitet man nur einen Meter über den Boden dahin, so dass es einem nichts ausmacht, auch wenn man sonst leicht schwindlig wird. Dann nimmt ganz allmählich die Höhe zu und es stellt sich das schöne Gefühl des Schwebens ein, fast so wie in meinen Träumen. Nur hier sind andere Menschen dabei, die reden und lachen. Und dann das Fauchen des Gasbrenners. Wenn das nicht wäre . . .

Aber in der Zeit zwischen den Feuerstößen, da ist es herrlich ruhig, denn es gibt ja keinen Fahrtwind. Der Bussard kann dahin schweben wo er möchte. Das können wir mit unserem Ballon nicht. Der Wind bestimmt, wohin die Reise geht. Bei mir ging sie über einen riesigen Wald, also nichts als Baumwipfel unter uns, fast langweilig. Aber dann eine Lichtung und ganz deutlich zu sehen ein Rudel Wildschweine, die vom Fauchen unseres Brenners aufgeschreckt quer über die Lichtung rennen.

Schön, wenn man auf einer Bank sitzt, den Blick schweifen und die Gedanken treiben lässt. Kannst du dich erinnern, dass du auch mal auf einer Bank gesessen und ganz entspannt so vor dich hin gedacht hast? Weißt du noch wo das war?

Neulich hast du gesagt, du hörst mir gern zu. Das hat mich sehr gefreut, und wenn du möchtest, werde ich dir auch bald wieder etwas erzählen.



Im März vorigen Jahres sind sie eingezogen ins Nachbarhaus mit seinen drei Wohneinheiten. Ein junges, sportlich und musikalisch ambitioniertes Pärchen. Sie, kaufmännische Angestellte, hübsch, mittelgroß und dunkelblond, bei der auch das Bike im Winter nicht einrostet. Er, Student, großgewachsen, langhaarig mit Alex-Meier-Zopf, aber Handballer (Rückraum). Und beide machen Musik. Er als Front-Gitarrist, sie als Lead-Sängerin in zwei verschiedenen Rockbands - krachend und schrill!

„Das kann ja heiter werden, aber vor allen Dingen laut, mit langen Partys“, dachte ich.

Unten im Haus wohnt nur eine Person, die Besitzerin und Großmutter von ihm, oben unterm Dach ein Wochenendfahrer.

Ist es nun die verwandtschaftliche Beziehung oder aber der Wunsch des Pärchens sich auf dem Grundstück zu betätigen?

Sie mulchen, mähen, pflanzen und pflegen das große Grundstück. Selbst die Straße wird gekehrt, wie es auf dem Land so üblich ist. Auch für die nachbarschaftlichen Schwätzchen haben sie Zeit, und sie grüßen freundlich und respektvoll.

Ich frage mich “wann kommt endlich die laute Musik, die langen Partys?“ - Fehlanzeige!

 

Mittlerweile wohnen die Lead-Sängerin und der Front-Gitarrist über ein Jahr in unserer Straße, haben sich mehr als integriert, ja, sie sind eine Bereicherung.

 

Und ich ärgere mich - über meine Vorurteile!