KuKuK-Textwerkstatt

An dieser Stelle gibt es jeden Montag einen oder mehrere Textbeiträge von der schreibenden Zunft des Vereins, sei es Lyrik oder Kurzgeschichte. 



26. Oktober 2020: Günter Wirtz, "Herr Kreuser"

 

Kreuser streifte immer irgendwo herum.

Mal sah man ihn wie verloren durch die belebten Straßen der Innenstadt huschen, mal sah man ihn wochenlang gar nicht, dann streifte er ruhelos durch seine Wohnung, hinterließ keinerlei Spuren.

Betrachtete man seine anscheinend ziellosen Gänge in der Stadt genauer, so merkte man alsbald, dass die unterschiedlichsten Ladenauslagen seine flüchtigen Blicke anzogen, Porzellan- und Haushaltswarengeschäfte, Telekommunikations- und Erotikshops, Herren- und Damenbekleidungshäuser ebenso wie Reisebüros oder Delikatessenläden. Auch Buchhandlungen streiften seine Augen. Nirgendwo schien er zu verharren; kein Imbiss, keine Bäckerei, kein Stehcafé ließ ihn verweilen.

Seine Kleidung war alltäglich, unauffällig; sein Alter nur schwer zu bestimmen.

Der Blick in seine Wohnung, von gegenüber, wenn man sich etwas vorbeugt, wird nicht übermäßig durch Vorhänge oder Gardinen behindert. Da ist eine Art Büro oder Arbeitszimmer, ein Wohnraum mit angrenzender Küche. Andere Räume liegen nach innen.

Einmal habe ich Kreuser gesehen, als er in der Fußgängerzone angesprochen wurde. Später versicherte ich mich, dass es sich um eine Umfrage handelte; es ging um die Attraktivität des Selterswegs. Kreuser blieb nur kurz bei der jungen Frau stehen. Einmal sah ich ihn den kleinen Supermarkt schräg gegenüber den Bushaltestellen betreten; ich wartete, und schließlich trat Kreuser mit zwei Einkaufstüten wieder ins Freie.

Seine Wohnung macht keinen unordentlichen Eindruck. In dem, nennen wir es Arbeitszimmer, steht neben einem Schreibtisch ein Computer; Regale mit Ordnern und Büchern sind zu erkennen. Kreuser nutzt diesen Raum häufig. Was er dort treibt, ist nicht auszumachen. Oft ist der Bildschirm erleuchtet. 

Keiner weiß, wovon er seinen Unterhalt bestreitet. Ich hörte von Frau Schmidt, einer Frau, die ich regelmäßig im Discounter treffe, sie hätte nicht übel Lust, über einen Bekannten, einen guten, der beim Finanzamt arbeitet und dort obendrein die Buchstaben H bis M betreut, einmal herauszukriegen, von welchem Geld Kreuser eigentlich lebt. Selbiges holt er übrigens bei der Postbank, unregelmäßig, viel scheint er nicht zu brauchen, kein Auto, keine Freundin.

Ebenso unauffällig, wie er sich durch die Stadt bewegt, sieht man Kreuser zwei- oder dreimal im Jahr zum Bahnhof gehen; immer mit einer Reisetasche, die nicht sonderlich voll ist. Es fällt auf, dass er auf seinem Weg zum Bahnhof immer einen Umweg in Kauf nimmt und durch das winzige Rotlichtviertel geht. Ob seine Blicke in die Auslagen dabei Interesse an einem späteren Besuch bekunden, entzieht sich unserer Kenntnis.

Wir wissen nicht, wohin seine Reisen gehen; unterschiedliche Uhrzeiten bedeuten nicht zwangsläufig unterschiedliche Ziele; unser Bahnhof ist zwar einigermaßen überschaubar; trotzdem fahren viele Züge, und es ist schwer zu verfolgen, wer wann mit welchem Zug wohin fährt. 

 

Unsere Stadt wurde neulich durch einen Frauenmord in Aufregung versetzt. Es handelte sich um eine Prostituierte, eine osteuropäische, die aber, wie dem Foto in der örtlichen Presse zu entnehmen war, bildhübsch ausgesehen hatte – das pralle, junge Leben.

Wir wissen, dass unsere Polizei gute Arbeit leistet; ich bin gerade in letzter Zeit immer wieder erstaunt, wie sie zum Beispiel mit den Mitteln der Gentechnik Fälle löst, die zwanzig und mehr Jahre zurückliegen. Da hätte ich den Fall schon längst zu den Akten gelegt. Aber im Falle von Roswitha, so hieß die polnische Prostituierte, halfen keine akribischen Analysen, keine sorgfältig durchforsteten Verbrecherkarteien. Die Polizei schien im Dunklen zu tappen; die Presse hatte mittlerweile das Interesse verloren, und so geriet der Mord allmählich in Vergessenheit.

Wir aber haben ein Auge auf Kreuser geworfen. Zum Zeitpunkt des Mordes war er in der Stadt. Wir bemühten uns äußerst angestrengt, einen Blick auf seinen Computerbildschirm zu werfen, wenn er vor ihm saß, aber der Winkel war ungünstig. Schnell fanden wir heraus, dass er von einer anderen Wohnung aus einsehbar sein müsste, möglicherweise mit einem Feldstecher. Es handelte sich um die Wohnung des Herrn Müller, eines pensionierten Postoberinspektors. Den wollten wir jedoch nicht fragen; denn dem sah man an, dass er unseren Recherchen skeptisch gegenüberstand.

Aber es ist äußerst dienlich, gute Beziehungen zu haben. Die Briefträgerin in unserem Viertel ist samstags Stammgast im Fitnessstudio. Wir mussten nur unser Freitagstraining um einen Tag verschieben, wenigstens solange, bis wir unser Ziel erreicht hatten.

Uns half die Tatsache, dass die Briefträgerin eine attraktive Tochter etwa im Alter der ermordeten, jungen Frau hat, und die von uns geäußerte Vermutung, dass der Mörder noch frei in der Stadt, womöglich  gar in unserem Viertel, herumliefe. Das zeigte Wirkung.

Alsbald waren wir über die Postsendungen, die Kreuser erhielt, informiert: Neben den üblichen Werbebroschüren für Handyverträge und denen der Versandhäuser nur die Telefonrechnung, Kontoauszüge, das Abonnement eines Computermagazins und des Playboy sowie wenig persönliche Post.

Wir diskutierten in ausgedehnten nächtlichen Sitzungen, wie denn das Profil eines Mörders, eines Frauenmörders, eines Prostituiertenmörders, aussehe; an welchen Stellen man ihm auf die Schliche kommen könne: Die Observierung musste intensiviert werden, jeder Schritt, rund um die Uhr. Da müsste doch, verdammt noch mal, der Postoberinspektor einwilligen!

Was schaut sich Kreuser im Internet an? Worüber informiert er sich dort? Was denkt Kreuser? Wovon träumt Kreuser?

Die Rundumobservierung trug keine Früchte; es wiederholten sich nur die unruhigen Phasen seines Lebenswandels: allein in seiner Wohnung, die Streifzüge in der Stadt, die Einkäufe, die seltenen Bahnfahrten, die Umwege durch das Rotlichtviertel; an seinen Posteingängen hatte sich nichts Bemerkenswertes verändert. Je ratloser wir wurden, umso verdächtiger wurde uns dieser undurchsichtige Kreuser.

 

Eines Tages erfuhren wir über die Medien von dem Fahndungserfolg der Polizei: Der 25jährige Stefan P. aus L., der Nachbargemeinde unserer Stadt, hatte ein umfassendes Geständnis abgelegt. Er war bisher nicht in Erscheinung getreten. Seine Nachbarn waren fassungslos. Er sei doch ein so netter, unauffälliger Bursche gewesen.

 

 


19. Oktober 2020: Dieter Weiß, "Zum Vorlesen im Herbst"

 

Du legst dich ganz bequem hin und schließt die Augen. Du atmest ruhig und gleichmäßig und hörst auf die Musik.

Jetzt schließt du deine linke Hand zu einer lockeren Faust und lässt die rechte offen. Ich werde gleich herumgehen und dir etwas in die rechte Hand geben. Bitte lass die Augen geschlossen und sag nichts. Du brauchst keine Angst zu haben. Was ich dir gebe tut nicht weh und ist auch nicht unangenehm. Du kannst es einfach mit der Hand umfassen und diese auch zu einer lockeren Faust schließen.

Eben habe ich dir etwas in die Hand gegeben, ohne dass du es gesehen hast. Aber du hast natürlich gleich gemerkt, was es ist: eine Walnuss.

Hast du dir schon einmal überlegt, woher das Wort Walnuss kommt?

Nuss geht auf ein altes germanisches Wort zurück, das auch wohl mit dem lateinischen Wort nux verwandt ist. Und Wal- geht auf welsch zurück was ursprünglich fremd bzw. gallisch oder keltisch bedeutet. Das hat also nichts mit dem Wal zu tun, der im Meer schwimmt, wohl aber mit der englischen Grafschaft Wales, dem Wallis in der Schweiz und dem Kleinen Walsertal.

Aber wir sollen uns jetzt nicht weiter mit der Entwicklung des Wortes Walnuss, sondern mit der Entwicklung der Walnuss selbst befassen, die du in der Hand hältst.

Du kennst sicher einen ganz bestimmten Nussbaum hier in der Nähe. Stell ihn dir jetzt vor. Du siehst ihn vor dir. Er hat jetzt die Blätter verloren und du kannst sozusagen durch ihn hindurch sehen. Genauso sah er auch im vorigen Winter aus. Aber die Nuss, die du in der Hand hältst, ist sozusagen schon in diesem Baum, auch wenn sie noch nicht zu sehen ist. Wo? Das ist noch das Geheimnis des Baumes. Warte noch einen Augenblick. Im Winter ruht sich der Baum aus und sammelt neue Kraft.

Dann wird es Frühling. Die Sonne scheint kräftiger und der Baum verändert sich. Wenn du genau hinsiehst, entdeckst du, dass die Spitzen der Zweige immer dicker werden. Noch ein paar Sonnenstrahlen, dann platzen die dicken Enden auf. Heraus wachsen Blätter und Blüten. Weißt du, wie Walnussblüten aussehen? Man sieht sie gar nicht, wenn man nicht ganz genau hinschaut. Sie sind klein, grün und unscheinbar. Sie müssen auch nicht so auffällig sein wie Apfel- oder Kirschblüten, denn sie brauchen nicht die Bienen und Hummeln einzuladen. Hier trägt der Wind den Blütenstaub von Blüte zu Blüte. Manche Blüten reißt der Wind ab, manche fallen im Regen herunter.

Zeit vergeht. Die Sonne scheint, Regen fällt und der Baum bekommt an vielen Stellen zwischen den grünen Blättern kleine grüne Nüsse. Du musst schon sehr genau hinsehen, um sie zu entdecken. Schau genau hin, kleine dicke Stellen, rund und grün. Eine davon ist deine Nuss. Der Baum gibt ihr Kraft und lässt sie immer mehr wachsen. Manchmal besuchen ihn Ameisen und andere kleine Tiere. Aber sie knabbern nicht daran, denn Äpfel oder Birnen schmecken ihnen viel besser.

Und so kann deine Nuss ungestört wachsen. Die Sonne scheint und schenkt ihre Energie dem Baum, und der Baum gibt sie an die Nuss. Die Luft umweht den Baum und der Baum atmet die Luft und gibt sie an die Nuss. Die Erde ist voller Nahrung, der Baum nimmt sie mit seinen Wurzeln auf und gibt sie an die Nuss weiter.

Immer größer wird Nuss und ist jetzt schon gut zwischen den Blättern zu sehen. Schau sie dir noch einmal an, wie sie da im Baum hängt.

Dann kommt die Zeit, wo die grüne Schale aufreißt und braun und schwarz wird. Und dann bläst der Wind in den Baum und nach und nach fallen die Nüsse herunter. Jetzt kannst Du sie auflesen. Aber du musst schon genau hinschauen, um sie zu finden. Die äußere Schale ist matschig und färbt deine Finger schmutzig braun.

Als ich ein Kind war, wohnten wir in einem Dorf, und vor unserem Haus stand ein riesiger Nussbaum. Ich weiß bis heute noch, dass ich die Nüsse nie auflesen durfte, weil man davon so schmutzige Finger bekam und sich diese Farbe auch kaum abwaschen ließ. Damals wurde noch vom Lehrer die Sauberkeit der Hände und Fingernägel kontrolliert, und ich sollte doch auf keinen Fall als Schmutzfink auffallen. Mein Opa, dessen Hände durch die viele Feldarbeit sowieso die Farbe von Walnussschalen hatte, hat sie alle aufgesammelt und zum Trocknen ausgelegt.

Auch die Nuss, die du in der Hand hältst, hat jemand vom Boden aufgehoben, von der äußeren Schale befreit und mit vielen anderen zusammen getrocknet.

Mach nun die Augen auf und schau dir deine Nuss einmal genau an. In deiner Hand liegt ein Stück vom Wind, ein Stückchen Sonne, ein Stückchen Regen und ein Stückchen von der Erde an dem Platz, an dem der Baum steht.

Und wenn du sie isst, dann denkst du an die Sonne und den Wind, die Erde und den Regen vom letzten Jahr.

 

 


 

12. Oktober 2020: Bernd Rosenbaum - "Völkerverständigung - klein anfangen"

 

Holland ist ein kleines, feines und liebenswertes Stückchen Erde, in dem ich im Urlaub immer wieder zusätzliche Lebensfreude tanke. Aber es passieren auch Sachen hier …, wie folgende:

Ich stehe in einem kleinen Supermarkt in Holland, kaufe das Übliche – Obst, Käse, Heineken – und höre wie sich hinter mir eine holländische Oma mit ihrem Enkel unterhält. Plötzlich ein Zupfer an meiner Hose, und ein etwa drei- bis vierjähriger strohblonder Junge reicht mir sein Händchen, zieht mich zu dem gegenüber liegenden Regal und deutet auf eine Packung übergroßer Lutscher, die ganz oben stehen. Die Sache war klar.

Fragend blicke ich zur Oma, doch die schüttelt den Kopf, „Nej!“ Ich gebe dem kleinen Kerlchen zu verstehen, dass es mit dem Kauf nichts wird und sehe die Enttäuschung  in den blauen Kinderaugen. Anschließend auf meinem Fahrrad sitzend, ärgere ich mich über meine kleinbürgerlich, verspießte,  ja fast ängstliche Handlungsweise. „Du magst doch dieses kleine Land und seine Menschen. Warum hast du nicht mit der Oma gesprochen und diesem mutigen Kleinen den Lolli gekauft, (und der Oma einen dazu)?“ 

Eine kleine, schöne Geste in einer turbulenten Zeit wäre es gewesen und sie hätte gut getan. Nicht nur dem kleinen Holländer!

Nächstes Jahr fahre ich wieder hin. Ich kenne jetzt das blonde Kerlchen. Und wenn es keine großen Lutscher mehr gibt, dann tut es auch ein kleiner.

 


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28. September 2020: Ingrid "Wortreich"-Wilk, "Panoptikum der Namen" – Textcollage

Namen, Berufe und Branchen existieren tatsächlich, nur die Zuordnung geschah willkürlich. Die Vornamen wurden geändert.

 

Agentur für Entertainer & Clowns – Jens Kurzweil, Thomas Lachmann, Tobias Freudenreich

Bäckerei – Inh. Ralf Gutbrod-Hörnle, Kurt Morgenweck-Haferkorn

Brauereibedarf – Matthias Sauerbier, Klaus Quellmalz

Erotikartikel – Angelika Kosemund-Schaetzle, Erik Kussmaul

Fachgeschäft für Süßwaren und Bonbons – Inh. Frederike Lutsch, Evelyn Süß

Feuerwehrausrüstung – Rüdiger Löschhorn

Forstbetrieb – Inh. Matthias Frischholz, Frank Holzklau

Friseur Schnipp-Schnapp – Inh. Silke Krauskopf, Björn Glatthaar

Garten- & Landschaftsbau – Dietrich Grünschlag, Johannes Grasmäher

Geflügelzucht – Inh. Max Hühnerbein, Udo Hinkel

Getränkehandlung – Christian Durst, Michael Trinkhaus

Jagdausrüstung – Frank Büchsenschütz, Klaus Gemsjäger

Kosmetiksalon – Christine Schminke

Metzgerei – Inh. Udo Magerfleisch, Simon Speck

Sauna & Dampfbad – Inh. Marina Morgenschweis

Schuldnerberatung – Marco Wohlfeil, Benno Umsonst

Toilettenvermietung – Inh. Andreas Klomann, Bernhardt Notdürfter

Weinhandlung – Oliver Sauerwein, Arthur Rebstock

Winterdienst – Ernst Schnee, Stefan Schmelz

Auskunft über die Öffnungszeiten – Robert Freitag, Corinna Samstag, Ute Sonntag

Deutsch-Österreichische Freundschaftsgesellschaft – Vorsitzende: Daniel Piefke, Anne Preuße, Markus Baier

Evangelische Gemeinde Markuskirche – Pfarrer Andreas Gottesleben, Vikar Tobias Traugott

Vogelfreunde – 1. Vorsitzender Eduard Spielvogel, 2. Vorsitzender Bernd Vogelsang

Adipositasberatung – Sabine Dick Ernährungsberaterin, Ilona Massig-Fett

Arzt für Allgemeinmedizin – Dr. med. Alexander Heilmann, Dr. med. Susanne Sachweh

Facharzt für Urologie – Dr. med. Dieter Wassermann

Fußpflege – Cornelia Fußwinkel, Bettina Leichtfuß

Hebammenpraxis – Christina Geburzky, Heike Windel, Michaela Liebeskind

Institut für Schlafforschung – Dr. Joachim Penner

Institut für Schönheitschirurgie – Ärztliche Leitung – Dr. med. Sascha Brust, Dr. med. Jörg Busemann

Institut für Sexualstörungen – Dr. med. Dirk Potenz, Dr. med. Florian Unzeitig

Klinik zur Behandlung von Eßstörungen – Dr. Bernd Dürr, Dr. Carmen Mager

Kurklinik „An der Hirschweide“ – Leitender Arzt: Dr. med. Holger Kurschat, Oberärztin: Dr. med. Elvira Wohlgemut-Tröster

Praxis für Naturheilkunde & Homöopathie – Paul Kügelken, Edgar Wunder, Heilpraktiker

Praxis für Psychiatrie & Neurologie – Dr. med. Bernhard Macke

Zahnarztpraxis – Edgar Bohrmann, Dr. med. dent. Peter Schmiermund

Eheberatungsstelle – Charlotte Ehleben Dipl. Soziologin, Martina Scheidung Dipl. Sozialarbeiterin

Konfliktberatungsstelle – Isabel Hochmuth Sozialarbeiterin, Jutta Streit Dipl.-Psych.

Psychologische Praxis – Dipl. Psych. Kerstin Unverzagt-Gutmacher, Dipl. Psych. Sabine Seelmann-Rathschlag

Trauerberatung – Beate Nimmerfroh-Kummer, Heilpraktiker

Konzert „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi – Mitwirkende: Stephan Lenz, Margitta Sommer, Lukas Herbst, Bianca Winter

Veranstaltung zum Thema „Brexit“  Diskussionsrunde: Lena Deutsch, Mary Engeland, Jakob Österreich, Elke Schweizer, Jan Holländer

Veranstaltung zum Thema „Nationalsozialismus“ – Leitung: Ernst Führer, Lutz Göhring, Stefan Göbbels

Vortrag über Altersvorsorge – Heino Frühsorger, Karin Altgeld

Vortrag über das Trotzalter bei Kindern – Dipl.-Päd. Ute Dickkopp, Guido Schreier

Vortrag über Demenz – Dr. med. Inge Strohkopfer, Dipl.-Psych. Iris Meise

Vortrag über die Bedeutung des Humors im Alltag – Dr. phil. Markus Witzigmann, Ulrike Scherz, Manuel Lache

Vortrag über die neue Bescheidenheit – Dr. phil. Sven Protzen, Claudia Hochmuth, Patrick Klotz

Vortrag über die Situation der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert – Dennis Bischoff, Stefan Priester, Christian Pabst, Kai Kaplan

Vortrag über Pubertät – Regina Gammler, Oliver Greulich

Vortrag über Zivilcourage in der heutigen Gesellschaft – Dipl.-Soziologin Sandra Standhaft, Dipl.-Psych. Viktor Muth

Vortrag zur Geschwindigkeitsbegrenzung im Straßenverkehr – Dip.-Ing. Roland Bleifuß

Vortrag zur Intelligenzförderung im Kindesalter – Britta Einfalt, Jutta Geistklug

Vorträge zum Thema „Turnvater Jahn und sein Einfluß auf die Welt des Sports“  Heribert Frisch, Lina Fromm, Stefan Fröhlich, Sebastian Frey

 


 

 

21. September 2020: Günter Wirtz, "Im Wellnessbereich"

 

 Sie war nicht da. Sie war einfach nicht da. 

Sie hatte ihn, in seinen Augen, verlassen, einfach verlassen. Dabei hatte er sich so sehr an sie gewöhnt. Diese Gemeinsamkeit hätte er bis an sein Lebensende fortführen können.

‚Ritual‘ klingt so schnöde, so freudlos. Er hatte es genossen.

Er war, wie jeden Dienstag, wie jeden Donnerstag, um die gleiche Uhrzeit, 17.15 Uhr, da gewesen. Nur sie war nicht da. Was sollte er jetzt machen? Die Dame an der Rezeption, die er seit Langem nicht mehr wahrgenommen hatte, er brauchte sie ja auch nicht wahrzunehmen, war zuvorkommend. Hastig fragte er nach … nach wem sollte er fragen?

Er kannte ihren Namen nicht. Sie hatte auch kein Namensschildchen getragen. Er kannte sie seit Jahren, genau genommen seit sechs Jahren und fünf Monaten.

Da war er in diese Stadt gekommen. Er kannte niemanden. Seine neuen Kollegen mied er. Er hatte das Beauty- und Wellnesszentrum ganz in seiner Nähe aufgesucht und ein Ganzkörper-Meersalzpeeling, verbunden mit einer Honigpackung, das ihm die Dame an der Rezeption wegen seiner empfindlichen Haut empfohlen hatte, in Auftrag gegeben.

Es war ein Dienstag, 17.15 Uhr, vor knapp sechseinhalb Jahren. Eine junge Frau war auf ihn zugetreten, hatte sich ihm kurz vorgestellt, wobei er den Namen sofort wieder vergessen hatte, und hatte ihn dann in eine dieser funktionalen Räume geführt, in dem er sich auf eine Liege gelegt hatte. Die Folie auf der Liege fühlte sich ein wenig kühl an. Die junge Frau hatte ihm in wenigen Worten das Vorgehen erklärt und auch schon mit dem Auftragen des Salzes begonnen.

Als die Gliedmaßen, Brust und Rücken mit dem Salz bedeckt waren, hatte sie ihn für eine kurze Zeit alleine gelassen, vor allem um eine Metallschüssel zu holen, ein Viertel voll mit zähflüssigem Honig gefüllt. In der gleichen Reihenfolge wie bei der Meersalzanwendung wurden Beine, Arme, Brust und Rücken mit dem Honig eingerieben. Danach hatte die junge Frau, schwarzhaarig war sie, mittelgroß, mit dunklen Augen, die Folie über ihm zusammengefaltet, außerdem darüber eine Wolldecke ausgebreitet. Sie hatte den Raum mit dem Hinweis verlassen, jetzt könne er entspannen, sie komme zu gegebener Zeit zurück.

So war es gewesen, sechs Jahre und fünf Monate lang. An der Rezeption hatte er sich nach den Ferienzeiten der jungen Frau erkundigt. Nur nach einigem Zögern hatte man sie ihm mitgeteilt. Er hatte seinen eigenen Urlaub danach ausgerichtet, die letzten knapp sechseinhalb Jahre. Ansonsten betrat er jeden Dienstag und jeden Donnerstag um 17.15 Uhr das Beauty- und Wellnesszentrum. Wie hatte er Christi Himmelfahrt und Fronleichnam verflucht, die immer auf einen Donnerstag fielen.

Und heute – sie war nicht da, sie war einfach nicht da.

 


 

14. September 2020: Ilse-Marie Weiß, "Der Garten meiner Kindheit"

 

Für meine Enkelkinder: Sarah, Charlotte, Julius, Victoria und Johannes

 

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, sehe ich mich nur als Kind in unserem Garten. Das Grundstück war fast 1200 qm groß und lag mitten in der Stadt, nahe dem Ludwigsplatz.

 

Von drei Seiten geschützt durch die Nachbargärten war er für mich der Größte. Ja, groß war er wirklich! Wurde ich vom Wohnhaus aus gerufen, konnte mich der Ruf im hinteren Teil des Gartens nicht erreichen. Dort wuchs auch die große Himbeerhecke, 15 Meter lang und 1 Meter breit, in der ich mich gerne versteckte. Ich war überzeugt, dass niemand außer mir den Schleichweg im Inneren der Hecke kannte.

 

Jede freie Zeit habe ich in diesem Garten verbracht. Immer wieder saß ich unter dem alten Birnbaum, dessen Krone von der Druckwelle einer Bombe hinweggefegt worden war, der aber trotzdem weiterwuchs und Blüten und herrliche Früchte hervorbrachte. Auf dem höchsten Ast war der Lieblingsplatz einer Amsel, mit der ich mich täglich unterhielt, indem ich ihren Gesang pfeifend nachahmte. Ich weiß ja nicht was ich ihr entgegen pfiff, jedenfalls wurde sie nicht müde mir zu antworten. Das ging so lange, bis mich wieder etwas Neues interessierte.

 

Zwischen den großen Steinen einer langen Trockenmauer, überwuchert von Blütenpolstern, wohnten mehrere Eidechsenfamilien, mit denen ich oft lange Gespräche führte.

Der große Gemüsegarten war damals nach dem Krieg lebensnotwendig, außer Kartoffeln wurde alles angebaut, was die Familie bis zur nächsten Erntezeit brauchte. Da es damals weder einen Kühlschrank noch eine Gefriertruhe gab, wurde alles sofort verarbeitet – gedörrt, in Einmachgläser eingekocht oder als Saft in Flaschen konserviert. Im Vorratskeller wurde es immer enger mit all den Schätzen für die kalte Jahreszeit. Für mich als Kind war das bewusste Erleben und Mitarbeiten beim Säen, Pflegen, Gießen und Ernten prägend für die Entwicklung meiner Geduld und Liebe zur Gartenarbeit. 

 

Das Schönste am Garten waren die Blumen. Überall blühte und duftete es. Der Zaun zum einen Nachbargarten war eine üppig blühende Kletterrosenwand und davor blühte das Staudenbeet, bunt in den schönsten Farben. Zwischen den Stauden waren Tulpen, Osterglocken, Narzissen und Gladiolen gepflanzt. Ich kannte alle Pflanzennamen und habe dort als Sechsjährige angefangen Blumen zu malen. 

 

Ich liebte es, im Gras zu liegen und mich in den Wolken am Himmel zu verlieren, immer bedacht in den Wolkengebilden Figuren und Formen zu sehen. Mitten im Garten hatte mein Vater aus Holz eine Schaukel gebaut. Auf der einen Seite gab es eine Kletterstange und ein Kletterseil, auf der anderen Seite eine Leiter. Dazwischen wurden zwei alte Matratzen gelegt, denn mein sportliches Schaukeln an Trapez und Ringen war nicht immer gekonnt.

 

Was bedeutete der Garten damals für mich? Im Garten fühlte ich mich frei und glücklich und konnte Stunden zufrieden dort zubringen.

 

Im Haus war das anders. Auf den Grundmauern des im Krieg zerstörten Hauses meiner Großeltern neu aufgebaut, war es schön und groß. Ja, es gab darin den für mich bis dahin unbekannten Luxus eines gekachelten Bades mit eingebauter Badewanne und Waschbecken und eine Zentralheizung für die ganze Wohnung. Für mich nehmen aber dort die negativen Erinnerungen einen breiten Raum ein. Angefangen bei den Spinnen im Haus und den dunklen Ecken im Keller, an denen ich nur laut singend vorbeiging, bis zu der negativen Stimmung meiner Eltern nach den unbewältigten Schicksalsschlägen während des Krieges und den Existenzsorgen. Ich habe das damals als Kind nicht verstanden – nur gefühlt und mich entsprechend angepasst. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Als ich dreizehn Jahre alt war, sind wir von dort weggezogen. Ein letztes Mal stand ich am Fenster des Kinderzimmers mit Blick in den Garten und habe geweint. Ich wusste instinktiv, dass die schöne Kindheit vorbei war. Heute gehört das Haus der Universität Gießen. Ich bin noch mehrmals auf das Grundstück zurückgekehrt, aber der Zauber des Gartens ist verschwunden.

 


 

7. September 2020: Dieter Weiß, "Fenchel auf Holz" und andere Wortgeschichten

 

Letzten Endes besteht jede Geschichte aus Wörtern. Aber viele der Wörter haben auch eine eigene Geschichte (die natürlich auch wieder aus Wörtern besteht). Die Geschichte eines Wortes kann seine Herkunft oder seinen Bedeutungswandel im Lauf der Zeit beschreiben. Sie kann aber auch ganz individuell sein und nur für eine bestimmte Person existieren. Von solchen Wortgeschichten soll hier die Rede sein. Es sind also Geschichten, die mich ganz persönlich mit diesem oder jenem Wort verbinden. Aus diesem Grund halte ich es für ratsam, hier einfach mit dem Lesen aufzuhören!

 

Du liest also entgegen meinem Ratschlag doch weiter. Na gut.

Wir hatten einmal für kurze Zeit eine Lateinlehrerin, die hieß Teufi Valtavuo (so etwas merkt man sich). Sie kam aus Finnland, daher der für uns völlig fremd klingende Name. Von ihr wurde gesagt, sie habe über das deutsche Wort Hügel promoviert. Ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, wie man über ein einzelnes Wort eine ganze Doktorarbeit schreiben kann, und das auch noch in einer Fremdsprache, die wirklich sehr fremd ist. Das ist jetzt über 60 Jahre her. Aber immer wenn mir das Wort Hügel begegnet, fällt mir auch Teufi Valtavuo ein. Und jetzt kommts: Beim Überarbeiten dieses Textes kommt mir die Idee, spaßhalber mal Valtavuo zu googeln. Und was finde ich?

Der Wandel der Worträume in der Synonymik für "Hügel"

Autor: Toivi Valtavuo

Verlag: Helsinki : Société néophilologique, 1957.

 

Wir hatten den Vornamen wohl nur gehört und nie geschrieben gesehen.

 

Mein Interesse für die Etymologie wurde durch unseren Englischlehrer Dr. Heinrich Heidt geweckt. Er hatte neben Englisch und Französisch auch Vergleichende Sprachwissenschaft studiert und gab uns hin und wieder kleine Kostproben davon, zum Beispiel, dass das russische Wort für Stadt Gorod (город) mit unserem Wort Garten verwandt ist. Der Garten hat üblicherweise einen Zaun, der sich wiederum im englischen Wort town findet. Seitdem versuche ich immer wieder, den Ursprung von interessanten Wörtern herauszufinden, was ja heute ganz leicht geht, aber damals doch ziemlich mühsam war. Weißt du, woher das Wort Quitte kommt?

Fenchel auf Holz

Wir nannten sie Toxi. Die giftige Konnotation war uns in der Unterstufe noch nicht bekannt. Sie war klein und rund, meistens gut gelaunt. Ihr dunkler Teint und ihr krauses Haar hatten ihr den Spitznamen verschafft, denn damals war ein Film sehr populär, der sich um das kleine Mädchen Toxi drehte, dessen Vater, ein schwarzer amerikanischer Soldat, verschwunden war und Mutter und Tochter hatte sitzen lassen. Ältere Leser werden sich vielleicht noch an den Film erinnern. Der Erdkundeunterricht von Frau Bermann, wie man Toxi anständigerweise nennen sollte, war dadurch interessant, dass sie ganz viel aus eigener Anschauung erzählen konnte, denn sie machte viele weite Reisen, was für die frühen Fünfzigerjahre noch ganz außergewöhnlich war. 

 

Besonders stark eingeprägt hat sich mir ihre Erzählung von den Schlitten, in denen die Touristen in Madeiras Hauptstadt Funchal die steilen Straßen hinunter gefahren wurden. Angeblich setzte jeden Tag nachmittags um die gleiche Zeit ein Platzregen ein, und die „Carreiros“ wussten es grade so eizurichten, das sie just zu diesem Zeitpunkt vor einem Lokal anhalten konnten, in das die Gäste vor dem Regen flüchteten. Natürlich hatten die Schlittenführer ein Abkommen mit dem Lokalbesitzer, und genauso natürlich war dieser Teil der Geschichte geflunkert. Aber genau dadurch ist mir die ganze Sache wohl in Erinnerung geblieben und damit meine beiden ersten portugiesischen Wörter Funchal und Madeira, Fenchel und Holz.

 

Der Atheist

In der Oberstufe war ich häufig mit deutsch-französischen Jugendgruppen unterwegs und dabei oft als dilettantischer Dolmetscher gefragt. Einmal wollte ich etwas erzählen, ich weiß gar nicht mehr was, jedenfalls kam das Wort Atheist vor, was ich einfach mit “athéiste“ übersetzte. Ein Junge klärte mich auf: On ne dit pas  athéiste, on dit athé.  Und ein Mädchen ergänzte: Et la religion – c’est l’athéisme. Auch eine unvergessliche Wortgeschichte.

 

Zum KuKuK!

 

Anlässlich des Besuchs einer ungarischen Gruppe in Wettenberg fand ein Konzert im KuKuK statt. Auf Bitte des Vorsitzenden hatte ich als kleine Anerkennung für die Künstlerinnen und Künstler Kreisel gedrechselt und grün-weiß rot lackiert. Das ungarische Wort dafür hatte ich mir herausgesucht und mühsam eingeprägt. Bei der Übergabe der Geschenke sagte ich es mehrfach: Körforgalom. Statt eines anerkennenden, freundlichen Nickens sah ich nur verständnislos blickende Gesichter. Es stellte sich bald heraus, dass Körforgalom zwar Kreisel, aber ausschließlich im Sinne von Kreisverkehr bedeutet. Für das rotierende Spielzeug gibt es ein ganz anderes Wort. Das kommt davon, wenn man angeben will und keine Ahnung hat.