KuKuK-Textwerkstatt

An dieser Stelle gibt es jeden Montag einen oder mehrere Textbeiträge von der schreibenden Zunft des Vereins, sei es Lyrik oder Kurzgeschichte. 



25. Mai 2020: Christine Zickmann,  zwei Gedichte mit Zeichnungen der Autorin

Zum vergrößern, bitte auf die Zeichnungen klicken

Die Spinne Schlackerbein 


Der Fuchs und die Maus



Man muss schon sagen, das ist Pech. Keiner seiner Freunde und Bekannten würde jemals behaupten, dass er so wäre wie sein Name, aber wenn man ‚Doof‘ heißt, ist das schon eine gewisse Belastung. ‚Guten Tag, Herr Doof‘, wie oft muss sich Herr Doof das täglich anhören. Gleich, ob auf der Straße, beim Einkauf oder auf der Arbeit. Überall: ‚Guten Tag, Herr Doof.

Wenn er doch wenigstens ‚Klein‘ oder ‚Groß‘ oder ‚Dick‘ oder ‚Dünn‘ hieße, aber ‚Doof‘ ist echt doof. Wer ist schon gerne doof? Kleine Menschen gelten als energisch, als durchsetzungsfähig, siehe Napoleon mit seinen 1,54 Metern. Vor großen Menschen hat man Hochachtung, sie stellen etwas dar, siehe Dirk Nowitzki mit seinen über zwei Metern. Dicke Menschen sollen gemütlich sein, dünne sind drahtig, sportlich; man schaue sich nur die Läufer, Kurzstrecke, Mittelstrecke, Langstrecke, an. 

Doofe Menschen sind einfach nur doof; da helfen nicht einmal die Stummfilmschauspieler Dick und Doof. Oder? Doof guckt doof, völlig vertrottelt. Na ja, ist ein Schauspieler; der spielt nur doof. Während Herr Doof, da kann er machen, was er will, auf der Straße, beim Einkauf oder auf der Arbeit: ‚Guten Tag, Herr Doof‘, immer ist er Herr Doof, und dieser Gruß ist meist mit so einem gewissen, milden Lächeln im Gesicht verbunden, so nach dem Motto ‚Ist schon ein armer Kerl, dieser Herr Doof‘.

Herr Doof ist beim Einwohnermeldeamt gewesen; er wollte eine Namensänderung veranlassen; die zuständige Verwaltungsangestellte hat gesagt ‚Geht nicht. Nur bei Namen wie ‚Piss‘ oder ‚Scheiß‘ oder ‚Kotz‘ ginge es. Selbst bei Namen wie ‚Urin‘ oder ‚Stuhlgang‘ sei es nicht zulässig; das seien quasi medizinische Begriffe. Und ‚Doof‘, dann müsste man auch ‚Dick‘ und ‚Dünn’ und ‚Groß‘ und ‚Klein‘ verbieten‘. Herr Doof will protestieren und auf den Unterschied zwischen ‚doof‘ und den anderen Eigenschaftsworten verweisen, aber er merkt schon an dem strengen Blick der Angestellten, dass er da auf Granit beißt. Niedergeschlagen trollt er sich, nachdem ihm die Dame ein ‚Auf Wiedersehen, Herr Doof‘ nachgeworfen hat.

Zu Hause angekommen, setzt er sich vor den Fernseher und ist traurig.

Dass es aber auch ganz anders kommen kann, dass Herr Doof auch einmal Glück haben kann, dass wirst du gleich erfahren.

Eines Abends nämlich, als er allein und traurig zu Hause war, da schaltete er seinen Fernseher an.

Eine Ratesendung hat er geschaut und gestaunt, wie viele Fragen, die den Kandidaten gestellt wurden, er beantworten konnte. Da hat er überlegt, sich auch einmal bei der Ratesendung zu bewerben, hat im Internet die Seite gesucht und ein paar Fragen beantwortet. Zu Anfang hat er täglich auf eine Antwort des Senders gewartet, es kam aber keine. Schließlich hat er das Warten aufgegeben und hatte seine Bewerbung schon fast wieder vergessen, da meldet sich der Fernsehsender bei ihm und lädt ihn zu der Rateshow ein - schon in drei Wochen. Herr Doof ist ganz aufgeregt, fängt an, drei Tageszeitungen zu lesen, blättert stundenlang im Atlas und in Geschichtsbüchern, überlegt, wen er als Telefonjoker wählen soll. Letzteres fällt ihm sehr schwer, da kaum einer seiner Bekannten ihm, dem Herrn Doof, zutraut, in einer Ratesendung, wo es um viel Wissen und Geld geht, aufzutreten. Schließlich lassen sich aber doch drei Bekannte breit schlagen und willigen ein, ihn, wenn eben möglich, am Telefon zu unterstützen. Insgeheim denken sie, ‚der kommt sowieso nicht so weit, da sind die Fragen, die wir am Telefon gestellt bekommen, sicher leicht zu beantworten‘.

Der Tag der Aufzeichnung der Show naht. Seltsamerweise ist Herr Doof jetzt gar nicht mehr so aufgeregt, er hat sich seines Erachtens gut vorbereitet. Was soll ihm viel passieren? Er weiß, dass die Leute, die ihn kennen, ihm nicht so viel zutrauen.

Er erwischt einen guten Start; er hat am schnellsten die Auswahlfrage richtig beantwortet und landet auf dem Stuhl gegenüber dem Moderator. Der spricht ihn zuallererst auf seinen Namen an: „Herr Doof, das ist ja nun wirklich kein schöner Name. Fühlt man sich da nicht ein bisschen komisch?“ Herr Doof hat schon fast mit solch einer Frage gerechnet und antwortet sehr ehrlich: „Wissen Sie, Herr Zauch, es hat schon Nachteile mit diesem Namen, und viele Menschen schauen mich mitleidig an, wenn sie meinen Namen hören; das stimmt mich oft traurig. Aber ich kann nichts daran machen, eine Namensänderung hat man abgelehnt.“

Der Moderator wirkt nachdenklich und beruhigt Herrn Doof: „Schauen Sie, Sie haben die Auswahlfrage sehr schnell richtig beantwortet; das spricht deutlich dagegen, dass Sie ungebildet sind. Wollen wir anfangen?“

Ruckzuck sind die ersten Fragen bewältigt und selbst bis zu einer fünfstelligen Gewinnsumme hat Herr Doof noch keinen Joker in Anspruch nehmen müssen. Bei der ersten Frage im fünfstelligen Gewinnbereich aber zögert er. Obwohl er den Atlas studiert hat,  ist ihm die Lage und Länge der Flüsse in Südamerika nicht geläufig. Er bittet das Publikum um Hilfe und fügt, wie so viele Kandidaten es tun, hinzu, es solle doch wirklich nur derjenige eine Antwort geben, der sich seiner Sache sicher ist. Das Ergebnis ist nicht ganz eindeutig, denn zwei Antworten werden vom Publikum favorisiert, aber Herr Doof, in seiner eigenen Vermutung bestärkt, entscheidet sich zu einer Antwort … und liegt richtig.

Eine nette Summe ist ihm garantiert. Der Moderator fragt wie gewohnt bei dieser Gewinnstufe nach den Wünschen des Kandidaten. Herr Doof ist im Grunde seines Herzens mit seinem Leben zufrieden, nur einen Wunsch hat er und den äußert er: „Ich würde gerne einen anderen Namen haben.“ Woraufhin der Moderator fragt: „Ist das denn so schwierig? Und ist das denn kostspielig?“ Da erzählt Herr Doof die Geschichte aus dem Einwohnermeldeamt, die du schon aus der gestrigen Geschichte kennst. Herr Zauch ist beeindruckt und kann den Ärger und die Enttäuschung des Kandidaten verstehen. Nach weiteren Wünschen gefragt, gibt Herr Doof an, dass er gerne eine Weltreise unternehmen würde; aber dazu bräuchte er wohl noch ein bisschen mehr Geld. 

Also geht es weiter … und unter Verlust eines zweiten Jokers ist Herr Doof im sechsstelligen Gewinnbereich angekommen. Der Moderator betont zum wiederholten Male, dass der Name wirklich nichts mit der Intelligenz seines Kandidaten zu tun habe, da kommt die erste Frage mit der sechsstelligen Gewinnsumme. ‚Welche Bürger in deutschen Großstädten mit über 500.000 Einwohnern bilden die bevölkerungsreichste Gruppe‘? A: Mitbürger mit einem ausländischen Pass B: Beamte C: Rentner D: Schulkinder.

Eine schwere Frage, der Gewinnstufe angemessen. Herr Doof ist ratlos; seine drei Telefonjoker? Die wissen das nie und nimmer. Was tun? Den Joker verschenken? Das macht man nicht. Aber es gibt ja die Möglichkeit, per Zufallsgenerator eine beliebige Person in einer Stadt anzurufen. Herr Doof wählt seine Heimatstadt und bittet den Moderator, dort jemanden anzurufen.

Gesagt, getan. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Frauenstimme: „Schnabeltasse“. „Hier Günther Zauch. Frau Schnabeltasse, Sie sind per Zufallsgenerator als Telefonkandidatin in unserer Ratesendung ausgewählt, unserem Kandidaten bei seiner 125.000 Euro-Frage zu helfen. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?“ 

„Ich arbeite auf dem Einwohnermeldeamt“, kommt die Antwort. 

Der Moderator ist bass erstaunt: „Das trifft sich gut. Das könnte unserem Kandidaten helfen. Was bearbeiten Sie in ihrem Amt?“ 

 „Ich betreue die Buchstaben A – F im Bürgerbereich“. 

Das Staunen wird immer größer. 

„Kennen Sie etwa Herrn Doof?“, fragt der Moderator. 

Frau Schnabeltasse zögert. Natürlich erinnert sie sich an den Auftritt, als Herr Doof seinen Namen geändert haben wollte, und wie sie dieses Ansinnen abgelehnt hat. Sie fragt vorsichtig: „Sitzt der Herr bei Ihnen?“

Herr Doof hat das Gespräch verfolgt und, nicht auf den Mund gefallen, will etwas sagen, wird aber sofort von Herrn Zauch unterbrochen, der feststellt: „Jetzt klären wir das zuerst einmal mit unserer Kandidatenfrage. Sind Sie bereit?“ 

Herr Doof stellt die Frage, Frau Schnabeltasse überlegt kurz, dann tippt sie auf eine der vier Antworten und fügt hinzu, sie sei sich zu 90% sicher.

Herr Doof bedankt sich, die Antwort wird eingeloggt … und Herr Doof ist, wenn er kein Risiko mehr eingeht, um 125.000 Euro reicher. Herr Zauch lässt Frau Schnabeltasse nicht so leicht in der Telefonleitung verschwinden. 

Er sagt: „Liebe Frau Schnabeltasse, Sie hören ja, Herr Doof hat mit Bravour die sechsstellige Gewinnsumme erreicht und er ist noch nicht am Ende. Er ist folglich alles andere als doof. Was können wir denn da alles im Einwohnermeldeamt machen?“ 

Frau Schnabeltasse stottert, verweist auf ihren Vorgesetzten, sie habe keine Befugnisse bei Namensänderungen. Da schaltet sich Herr Doof ein und stellt sachlich fest, dass sie sehr wohl damals alleine, ohne nachzufragen, entschieden hätte, dass eine Namensänderung nicht möglich wäre. Frau Schnabeltasse ist ganz kleinlaut, aber der Moderator will sie nicht beleidigen oder gar fertig machen und lenkt freundlich ein: „Wissen Sie, Frau Schnabeltasse, nächste Woche kommt der schlaue Herr Doof mal bei Ihnen im Amt vorbei, nicht, dass er Sie mit 125.000 Euro bestechen wollte, nur mit der kleinen Frage nach einer Namensänderung … und, im Durchschnitt schauen fünf Millionen Menschen unsere Sendung, und da bin ich mir sicher, dass die alle es ganz toll fänden, wenn Herr Doof ab nächster Woche Herr Schlau hieße.“


11. Mai 2020: Gabriele Herlitz, "Unheimlich Schön"

30. März 2020

unheimlich schön

 

der Himmel spannt sich weit, klar und blau

von Horizont zu Horizont

 

gestochen scharf die Konturen der Orte, Häuser:

Wege in der Landschaft.

 

Der Frühling schimmert in den Bäumen.

 

Es ist kein Mensch zu sehen, mein Hund bleibt nah bei mir; jagt nicht über die Felder wie sonst.

 

Der Rotor des Hubschraubers zerhackt die Stille.

 

Dann kein anderes Motorengeräusch, keine Flugzeuge, nicht einmal das ferne Brummen der Autobahnen.

 

Plötzlich die Lerche –

ihr Zwitschern bricht je ab

 

unheimlich schön


11 . Mai 2020: Dieter Weiß, "Manufaktur"

Meine kleine Manufaktur

Es war eine schlechte Zeit. Und wenn man später in guten Zeiten immer wieder von der „schlechten Zeit“ sprach, dann waren genau jene Jahre gemeint.

Jetzt ist auch eine schlechte Zeit, eine sehr schlechte sogar. Noch kann niemand sagen, wann und wie sie enden wird. Es ist unsere Gegenwart. Wenn ich also von der schlechten Zeit spreche, meine ich jene und nicht die Gegenwart, die ich trotz ihrer Schlechtigkeit einfach Gegenwart nenne. 

In der schlechten Zeit hatte ich eine kleine Manufaktur. In der Gegenwart habe ich keine Manufaktur mehr. Ich hatte auch in all den Jahren zwischen der schlechten Zeit und der Gegenwart keine. Das habe ich aber nie als Mangel empfunden. 

Wenn ich von Manufaktur spreche, dann meine ich das im ganz ursprünglichen Sinn (manus – die Hand, facere – machen). Das Produkt, das ich herstellte, wurde von allen Mitgliedern der Hausgemeinschaft bzw. Familie (Oma, Opa, Mutter, Vater, Tante, Onkel und auch dem Manufaktor selbst) regelmäßig benötigt und verwendet, und ich konnte die Produktion immer gut an die aktuelle Nachfrage anpassen. 

Ohne dass ich das Wort damals kannte, kann ich rückblickend sagen, dass sich meine Manufaktur – in bescheidenem Maße – mit Origami befasste. Das Grundmaterial für die Produkte meiner Manufaktur wurde täglich durch Boten geliefert. Es musste aber vor der Weiterverarbeitung etwa eine Woche gelagert werden. 

Der erste Origami-Schritt war schon fabrikmäßig ausgeführt worden, so dass ich gleich dem zweiten Schritt beginnen konnte. 

Und hier sollte ein echter Origami-Künstler nicht weiterlesen.

Jetzt kommt nämlich eines meiner Werkzeuge ins Spiel. Dessen Bezeichnung war für mich anfangs sehr befremdlich, dachte ich doch bei dem Ausdruck zunächst an die Verkleinerungsform des umgangssprachlichen Ausdrucks für eine Gastwirtschaft. Damit wird also das Zwischenprodukt an der Faltkante separiert, was, wie angedeutet, einem echten Origami-Künstler in der Seele wehtun muss.

Die weitere Verarbeitung besteht nun in der Wiederholung der Schritte eins und zwei bis das Zwischenprodukt eine „handliche Größe“ erreicht hat. 

Danach kommt das zweite und letzte Werkzeug zum Zug, das mir meine Oma aus ihrem uralten Nähkasten zur Verfügung stellte. Damit werden alle Teile in 1 cm Abstand von einer der vier Ecken perforiert und im selben Arbeitsgang auf einen starken Faden gezogen. 

Damit war das Endprodukt fertig und musste nur noch an den eigentlichen Verwendungsort, etwa 20 m vom Wohnhaus entfernt, verbracht werden. 

Es war, wie anfangs gesagt, wirklich eine schlechte Zeit, aber eine Klopapierhamsterkaufhysterie war damals jenseits aller Vorstellungkraft.


4. Mai 2020: Günter Wirtz, "Im Edekamarkt"

Bei uns im Dorf, nein, bei diesem Wort würden die hier Geborenen heftig protestieren, also bei uns im größten Ortsteil der Gemeinde Wetterstein ist mitten im Ort, an der Hauptstraße, neben der Poststelle, die nur ein kleiner Teil des Kiosks ist, neben der Apotheke und gegenüber der Volksbank, ein Edekageschäft. So wie das Dorf kein Dorf ist, ist dies kein Dorfladen, sondern der Edeka. 

Als sich die Edekazentrale jüngst Gedanken über eine Verlagerung des Geschäfts an den Ortsrand machte, stand die Bevölkerung Kopf. Was denn all die älteren Herrschaften ohne fahrbaren Untersatz in dem Falle machen sollten! Für die mit fahrbarem Untersatz gibt es insofern Probleme, als der Parkplatz des Marktes gerade einmal Stellplätze für acht Autos bereithält. Und wenn mit dem riesigen Edekatruck Waren angeliefert werden, ist Schluss mit lustig in der Ortsmitte. Rasch müssen Einkaufswagen, Reklameschilder und diverse Müllbehälter zur Seite geräumt werden, damit der Lastwagen millimetergenau rückwärts hinter das Gebäude rangiert werden kann. Die Hauptstraße ist eine knappe Viertelstunde blockiert, eine Vollsperrung, die jedoch nicht im Verkehrsfunk auftaucht.

Der Laden hat nicht die Größe eines Supermarktes, aber man erhält dort, es ist kaum zu glauben, nicht nur alle Dinge des täglichen Bedarfs, es gibt eine Asiaecke, eine ganze Wand mit Alkoholika, Schreibwaren und selbst elektrische Kleingeräte. Manchmal denke ich, dass es ein Glück ist, dass diese Geräte kein Verfallsdatum aufweisen, denn die Verpackungen der Brotbackautomaten, elektrischen Lockenwickler und Eierkocher machen einen recht vergilbten Eindruck. Unsere Nachbarin, die auf Grund ihrer fortgeschrittenen Parkinsonerkrankung auf einen Rollator angewiesen ist, meidet diesen Laden. Ihre Polin fährt sie in den Supermarkt in der Stadt. Warum? Ganz einfach. Die Gänge in unserem Markt sind zu schmal. Wenn man so viele Waren anbietet, der Raum jedoch begrenzt ist, muss zwangsläufig an der Breite der Gänge gespart werden. Ein Rollator passt da nicht durch.

Dienstagsvormittags ist das besonders spannend. In jedem Gang stehen mindestens zwei, meist drei Angestellte, oft auf einem umgedrehten Bierkasten, und füllen die Regale auf. Die Ware, die neu einsortiert wird, liegt in einem Einkaufswagen direkt neben dem Befüller. Eilig haben darf man es auf keinen Fall; einen eigenen Einkaufswagen sollte man ebenfalls tunlichst vermeiden. So sieht man Hausfrauen mit überquellenden Einkaufskörben sich durch die Gänge drängen; jeder kennt jeden, gegrüßt wird freundlich; schwierig wird es, wenn hinter dem Befüller auf der Bierkiste, hinter dem Wagen, in dem die Waren liegen, die bald im Regal aufgereiht werden sollen, hinter dem Einkaufswagen des älteren Herrn, hinter den drei mit überquellenden Einkaufskörben stehenden Hausfrauen die ältere Dame ihren Einkaufswagen parkt, um ihre Lesebrille aus dem Etui, aus dem Seitenfach ihrer Handtasche nestelt, um nachzuprüfen, welcher Suppeneintopf, und davon gibt es eine ganze Menge, für das heutige Mittagsmahl der richtige ist.

Ich gehe gerne in den Edekamarkt. Jetzt bin ich seit drei Jahren im Ruhestand; meine Frau arbeitet noch, da ist das Einkaufen meine Angelegenheit. Auf dem Weg zum Markt überhole ich ältere Damen und Herren mit leeren Einkaufstaschen; ältere Damen und Herren mit vollen Einkaufstaschen kommen mir entgegen. Es gibt auch ältere Damen und Herren, die mit dem Fahrrad zum Laden fahren. Wenn sie mir entgegenkommen, bin ich besonders vorsichtig und drücke mich an den Hauswänden entlang, weil die Last auf dem Gepäckträger das Gefährt manches Mal zum Schwanken bringt.

Irgendwann habe ich die Uhrzeit zwischen 9.00 und 11.00 gemieden. Das ist die Zeit der älteren Damen und Herren in dem Geschäft. Ab 11.30 Uhr wird es schlagartig leer dort; aber nicht nur die Kunden bleiben aus, die ganzen Heerscharen von helfenden Angestellten, zwei bei Obst und Gemüse, eine, nur eine, beim Kühlregal, eine beim Bäckerstand, eine an der Käse-, drei an der Metzgertheke, ein kräftiger junger Mann bei den Getränken, der Marktleiter und die übrigen sind ebenfalls, wie die Kunden, wie vom Erdboden verschluckt. Natürlich ist dann auch nur eine Kasse besetzt.

Nach längerem Warten habe ich schließlich doch den Käse ausgewählt, er ist geschnitten, verpackt und mit dem Bon versehen, leider hat die Fleischfachverkäuferin in Ermangelung der Käsefachverkäuferin aus fünf Scheiben Käse in Unkenntnis der Schnittstärke ein dreiviertel Pfund gemacht und das Stück Pecorino ist auch durch das leicht schräg angesetzte Messer zu einem 620-Gramm-Stück geworden. Quark und was sonst fehlt ist alles im Einkaufskorb, auf zur Kasse; nur drei Kunden vor mir; für diese Uhrzeit eine Menge, aber als Ruheständler habe ich es nicht eilig; ein Vorurteil, wer meint, Rentner hätten nie Zeit. 

Das Gespräch zwischen der Kassiererin und der älteren Dame zieht sich in die Länge; der zu zahlende Betrag ist genannt, das Portemonnaie schlummert jedoch noch in den Tiefen der Handtasche. Niemand murrt. Haben sie einmal die Kassiererin in einem Discounter bei der Arbeit beobachtet? In einer Sekunde zieht sie drei Teile über den Scanner, sie hat das Wechselgeld schon in der Hand, bevor du überhaupt die Summe verinnerlicht hast. Aber ich bin im Edekamarkt bei uns im Ort. Hinter mir stehen mittlerweile zwei weitere Kunden. Einer von ihnen, ein Handwerker mit einem Fleischkäsebrötchen und einer Cola, scharrt doch wahrhaftig mit den Füßen! Das hat unsere Kassiererin bemerkt. Mit lauter Stimme ruft sie nach Martina, die doch bitte die zweite Kasse besetzen soll. Erleichterung hinter mir. Ich bin wieder der letzte Kunde an meiner Kasse. Unterdessen hat die ältere Dame ihre Geldbörse hervorgeholt, nestelt mit steifen Fingern im Kleingeldfach und findet nicht die gewünschten Münzen. Die Kassiererin bietet ihre Hilfe an; die Kundin reicht ihr bereitwillig das   Portemonnaie; endlich geschafft. Die Waren der nächsten Kundin werden über den Scanner gezogen; auch sie ist mit der Kassiererin bekannt; wie ich unschwer mitbekomme, sind sie beide im örtlichen Karnevalsverein aktiv, sehr aktiv. Da muss rasch noch die nächste Sitzung vorbereitet und detailliert besprochen werden; und ich hatte gedacht, das wäre Männersache; aber zur Weiberfastnacht haben die nichts zu melden. Glücklicherweise hat die Dame nur wenige Dinge eingekauft und ist endlich auch abkassiert. Die Kassiererin an der zweiten Kasse ist schon wieder im hinteren Teil des Marktes verschwunden, so dass sich hinter mir ein weiterer Handwerker mit einem kräftigen Mettbrötchen anstellt. Nur noch eine Kundin vor mir; ich kann sogar schon meine Waren auf das kurze Band legen. Diesmal scheinen sich Kundin und Kassiererin nicht zu kennen; die Kundin ist von kräftiger Statur; sie ist etwas umständlich; beim genauen Blick auf das kleine Display der Kasse fällt ihr ein Handschuh auf den Boden. Nun ist der Raum zwischen Kasse und den oben erwähnten Elektrogeräten, wo sich obendrein leere Kartons für die Kunden, die keine Einkaufstasche dabei haben, stapeln, sehr schmal. Vorne steht immer noch die Karnevalsaktivistin, die jetzt, nachdem sie ihre Waren in ihrem Korb verstaut hat, aufmerksam das vor der Kasse liegende Bonheft (Messersatz) studiert, der Mettbrothandwerker hat sich mir von hinten gefährlich genähert, beziehungsweise versuche ich ebenfalls, dem beißenden Zwiebelgeruch, gepaart mit den Ausdünstungen seiner verschwitzten Handwerkerjacke, auszuweichen, so dass für die Suche nach dem verlorenen Handschuh recht wenig Platz bleibt. Zum Glück nimmt die Kassiererin das nicht zum Anlass, sich ebenfalls auf die Suche zu machen, sondern sie bringt ruhig ihre Arbeit zu Ende. Alle Waren sind gescannt, 18,36 Euro; der Handschuh ist gesichtet, noch nicht gehoben, da klingelt ein Handy … vor mir. Die korpulente Dame wird hektisch; die Kassiererin äußert die Summe, der Handschuh ist noch nicht gehoben, und das Handy meldet sich. Letzteres scheint am Wichtigsten. Aufgeregtes Suchen in Jackentaschen, Handtasche, Einkaufskorb. Die Tasten sind winzig, nur ja die richtige Taste drücken, um das Gespräch in Empfang nehmen zu können. Ich möchte jetzt nicht das ausführliche Gespräch zwischen der Kundin vor mir an der Kasse des Edekamarktes mit einer allem Anschein nach guten Bekannten, die, so ist es den Worten der Dame zu entnehmen, sich nach ihrem momentanen Aufenthaltsort erkundigt, selbst mitteilt, dass sie nebenan vor der Postfiliale steht, ohne Schirm, obwohl es angefangen hat zu nieseln und deshalb die frisch ondulierte Frisur erheblichen Schaden nehmen könnte, da ja heute Morgen bei ihrem Weggang von Zuhause nicht ein Wölkchen am Himmel zu sehen gewesen wäre. Woher ich das so genau weiß? Ja, weil bei jeder Wiederholung dieser betrüblichen Angelegenheit die Dame vor mir ihr größtes Bedauern zum Ausdruck bringt. Aber, wie gesagt, ich will mich hier nicht weiter mit der detaillierten Wiedergabe des Gesprächs aufhalten. 

Mit der freien Hand, übrigens, versucht die Dame die ganze Zeit, ihr Portemonnaie zu finden; die linke Hand ist die freie Hand; mit dieser in die rechte Jackentasche zu greifen, ist schwierig, damit in dem Einkaufskorb zu wühlen, der mittlerweile schon auf der Warenablage hinter der Kasse angelangt ist, ist schwierig. Da hat die Kassiererin ein Einsehen mit mir. Sie unterbricht den Zahlvorgang, greift meine Waren, scannt sie, ich habe den Gesamtpreis schon ausgerechnet und das passende Geld in Händen und verschwinde, nicht ohne freundlich in den Laden gegrüßt zu haben, aus dem Geschäft.

Was soll’s. Ich habe Zeit; das Einkaufen bei uns im Edekamarkt macht mir Spaß; heute muss ich nur noch das so eben Erlebte niederschreiben, ich bin ja Ruheständler.

Auf dem Rückweg vom Markt habe ich in der Linken die gut gefüllte Einkaufstasche. Ich wundere mich, dass die junge Frau, die mir auf dem Fußgängerweg entgegenkommt, freundlich lächelnd, in eine Hofeinfahrt ausweicht, um mich ungehindert vorbeizulassen.